An der fürstpröpstlichen Jagdtafel ereignete sich abermals eine
kulinarische Überraschung: man servierte neben dem Champagner zum
erstenmale heißen, schwarzen Kaffee, von dem die Sage verbreitet war,
daß er den Appetit zu reizen vermöchte, den Durst erneuere und gegen
den Katzenjammer ein vorbeugendes Remedium wäre. Auch noch aus einem
anderen Grunde war die dampfende Köstlichkeit, die überaus angenehm
duftete, an der Tafel willkommen. Wer nicht zureichende Weinhitze in
sich hatte und der natürlichen Blutwärme entbehrte, fröstelte schon
ein bißchen. Bei sinkendem Nachmittag verkühlten die Frühlingslüfte.
Das böse Wetter, das der windkundige Hiesel Schneck vorausgeahnt
hatte, begann sein Herannahen bemerkbar zu machen. Immer häufiger
erloschen die Sonnenlichter zwischen den von Windstößen geschaukelten
Girlandenbogen.
Graukühler Schatten überschleierte die farbenbunte Tafel, als Graf
Saur sich erhob, eine schmetternde Fanfare blasen ließ und die
witzigen Verse seines Dianentoastes zu sprechen begann. Eine galant
durchprickelte Stimmung herrschte an der lauschenden Tafel. Nur die
gefeierte Göttin selbst schien jedem munteren Lächeln entrückt zu sein
und sollte -- _entre la coupe et les lèvres_ -- den jauchzenden Zuruf
»_Vive la reine divine de la chasse!_« nicht mehr erwarten können.
Sei es, daß Aurore de Neuenstein sich durch die jähe Dämpfung der
Frühlingstemperatur in nachteiligem Grade angeschauert fühlte, oder
sei es, daß die Ermüdung nach dem emsigen Lanzenschwingen, der allzu
reichlich genossene Champagner oder andere Umstände mit im Spiele
waren -- sie wurde während des geistreichen Reimgeklingels plötzlich
zwischen den schwarzen Schönheitspflästerchen so blaß, daß ihr
schmales Unschuldsgesicht beinah einer preußischen Miniaturstandarte
zu vergleichen war. Gewaltsam die _contenance_ bewahrend, schloß sie
die Augen und überlegte flink alle hilfreichen Möglichkeiten einer
Ohnmacht. Es war für diesen klugen Gedanken bereits zu spät. Inmitten
einer Lachsalve, die ein entzückender Dianenscherz des Grafen Saur
entfesselte, mußte sie sich hastig erheben, um in fluchtartiger
Eile den Tisch und die Mahlhalle zu verlassen. Auch das gelang
nicht mehr. Weil die Natur schneller arbeitete als alle französisch
geschulte Geistesgegenwart, kam die unpaß gewordene Göttin nur bis zur
Söllerbrüstung und fand hier zwingende Veranlassung, sich rasch über
den grüngirlandierten Balkenbord hinauszubeugen. Ein solcher Vorgang
war bei zeitgenössischen Trinkgelagen keine ungewöhnliche Erscheinung.
Dennoch verlor Graf Saur den Faden seiner witzigen Reime, und eine
unbehagliche Verblüffung rieselte über die ganze Tafelrunde hin, von
Herrn Anton Cajetan bis hinunter zum Grafen Tige.
Kanzler von Grusdorf, der sich gleichfalls entfärbte, als wäre er
von der Indisposition seiner Nichte schon infiziert, versuchte der
Leidenden durch die naheliegende Vermutung zu Hilfe zu kommen: »Ach,
Barmherziger, augenscheinlich hat sie die heftig bewegte Schaukelfahrt
auf dem Dianenschiffe nicht gut vertragen!« Niemand lachte, alle
Herren schienen teilnahmsvoll und besorgt zu sein. Dennoch wuchs das
Bedrückende der Tafelstimmung. Und in der halben Stille, die für einen
Augenblick entstanden war, sagte der junge Oberst mit der Ruhe eines
großen Gelehrten, dem die Entdeckung einer unanzweifelbaren Wahrheit
gelang: »Das? Eine Artemis? Nein. Das ist eine Göttin der guten
Hoffnung.«
Dieser Moment bewies, wie wohlerzogen alle diese adligen Herren waren
und wie sehr sie sich nach reichlich verschlucktem Wein zu beherrschen
wußten. Keiner von ihnen wollte das klärende Wort des jungen Offiziers
verstanden haben, wie vernehmlich es auch gesprochen war. Immerhin
hatte die Macht der Wahrheit für einigen menschlichen Farbenwechsel
gesorgt, der sich konträr vollzog: Herr Anton Cajetan war bleich
geworden, Graf Tige dagegen dunkelrot. Es hätte, dank aller höfischen
Galanterie, die Situation vielleicht noch gerettet werden können, wenn
nicht Aurore de Neuenstein selbst, unterstützt durch das Bewußtsein
einer leidlich gesicherten Zukunft, sie verloren gegeben hätte. Im
Zustande merklicher Erholung betätigte sie mit flinker Grazie ihr
Brabanter Spitzentüchelchen, trat tapfer auf die Tafel zu, griff
nach dem Champagnerbecher ihres sprachlosen, in einen Kreidestein
verwandelten Onkels, leerte den Kelch bis auf den letzten Tropfen,
stellte den Becher mit hörbarem Klaps wieder hin und zwitscherte in
ihrem zierlichen Französisch: »Weshalb so erstaunt, meine Herren?
So etwas Ähnliches hat sich seit Mutter Evas Zeiten schon mehrmals
ereignet. Ich bin nicht die erste.«
Da war es mit aller hoheitsvollen Selbstbeherrschung des Herrn Anton
Cajetan, der sich fern jeder Schuld zu fühlen vermochte, jäh und
gründlich vorbei. Sich erhebend, sagte er kalt, doch immer noch mit
Würde: »Madame! Um die Grenzen unseres Landes zu verlassen, sind Ihnen
vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben.«
Während Herr von Grusdorf eine Knickbewegung tiefster Erschütterung
machte, wurde Aurore de Neuenstein überaus heiter. »Vierundzwanzig
Stunden? Ach, wie gnädig!« Das waren die letzten französischen
Laute, die man am fürstpröpstlichen Hofe von ihr vernahm. Trotz
aller Peinlichkeit des Augenblickes erwachte in Aurore de Neuenstein
der schwäbische Mutterwitz. Mit den Fingerspitzen das geschürzte
Reitkleid auseinanderspreitend, machte sie vor Herrn Anton Cajetan
einen tadellosen Hofknicks und sagte lustig in ihrem niedlichen
Dillinger Idiom: »So groß, wie Dei' Ländl isch, bring i dees Hüpfle
über de Grenzbaum fertig in em halbe Stündle.« Lustig lachend,
sichtlich erfreut über den sieghaften Abgang, den sie gefunden,
schwebte die vermenschlichte Göttin des Großen Jagens der bewimpelten
Söllerpforte entgegen. Huldreich winkte sie mit dem hübschen Händchen
nach allen Richtungen der Tafelrunde, ohne den sorgenvollen Grafen
Tige einer besonderen _célébration des adieux_ zu würdigen, und
nickte noch freundlich und versöhnt dem jungen Oberst zu, der nun
sichtliches Wohlgefallen an ihr zu finden begann und fast so begeistert
applaudierte, wie er's beim Anblick der beiden fliehenden Gemsböcke
getan hatte.
Das drohende Unwetter begünstigte Aurorens Abschied. Alle Pferde der
Jagdgesellschaft waren schon bereit zum Heimritt. Munter schwatzend
ließ die Neuenstein sich in den Sattel heben und galoppierte mit ihrem
Kammerlakai und Büchsenspanner davon, um in Reichenhall so ziemlich
alles wiederzufinden, was sie zu Berchtesgaden unter beträchtlichem
_accroissement_ der Stiftsschulden klug zurückgelegt hatte.
Dem vorsichtigen Wildmeister, der für die prompte Bereitschaft der
Pferde gesorgt hatte, war auch ein willkommenes Erlösungswerk an der
schwülgewordenen Stimmung in der Söllerhalle zu verdanken. Er brachte
Seiner Liebden die Meldung des bedenklichen Wetterumschlages. »Wollen
die gnädigsten Herren nit naß werden bis aufs Häutl, so wird's wohl
nötig sein, daß man reitet auf der Stell.«
Einem turbulenten Aufbruch von der Tafel folgte ein beschleunigtes
Abschiednehmen unter fröhlichem Horngeschmetter. Herr Anton Cajetan,
der nicht gerne naß wurde, zog es vor, sich einen einsamstillen, aber
trockenen Schmollwinkel in der Försterei bereiten zu lassen, auch auf
die Gefahr einer schlaflosen Nacht, die umwittert zu werden drohte von
den üblen Verwesungsdüften der riesigen Wildstrecke. Beim Abschied
zeigte er eine bewundernswerte Haltung und war in so guter Laune, wie
man nach kleinen, harmlos verlaufenen Scherzen zu sein pflegt. Den
unerquicklichen Schwegelpfeifer und begnadigten Militärverbrecher in
diplomatisch zulässigem Ausmaß ignorierend, bedachten Seine Liebden
den Geheimrat von Danckelmann mit erlesenen Liebenswürdigkeiten und
entbanden ihn gnädigst von allen ceremoniellen Abschiedspflichten. Bei
der Rückkehr nach Berchtesgaden würde Seine Exzellenz das fürstliche
Rekreditiv im Leuthaus vorfinden. Herr Anton Cajetan unterließ es,
beizufügen, daß dieses historische Dokument als letzte Amtstätigkeit
des weiland Kanzlers von Grusdorf zu erachten sei.
Vermochte der bedrohte Staatsmann unter der Stirne seines Herrn zu
lesen? Mit bleichen Lippen stammelte der entlastete Elefant Aurorens:
»Euer Liebden! Ich bin trostlos --«
Eisig unterbrach ihn der Fürst: »Da suche er seinen Trost, wo er ihn
zu finden hofft.« Das war klar gesprochen. Dennoch erwachte in der
Schlotterkreide des Herrn von Grusdorf nur zögernd die Erkenntnis,
daß er in diesem Augenblick ein bedauernswerter Schicksalsgenosse des
Doktor Willibald Hringghh und des Polizeifeldwebels Muckenfüßl geworden
war.
Der schöne Schmetterklang des Fürstengrußes, an den sich keine
Dianenweise mehr anzärtelte, geleitete Herrn Anton Cajetan unter
bleigrauem Himmel zur Försterei, und als er in der niederen Tür
verschwunden war, löste sich bei dämmerndem Abend aller Pomp des Großen
Jagens auf in ein Wettrennen vieler Gäule, deren Reiter die schützenden
Dächer von Berchtesgaden noch vor dem drohenden Platzregen zu erreichen
hofften.
Weit hinter der jagenden Klapperkavalkade der Stiftsherren und
Domizellaren blieben fünf Reiter zurück, weil der junge Oberst den
Pfarrer Ludwig, der sich an den Sattellappen die Waden aufgewetzt hatte
und nur mit bescheidener Geschwindigkeit noch vorwärts kam, nicht
der Einsamkeit überlassen wollte. Bei Ausbruch des Regens erreichten
die Fünf, zwischen Ramsau und Berchtesgaden, in der Schmiede von
Ilsank einen schützenden Unterstand. Die große Werkstätte gab Raum
für die Reiter und Pferde. In der Esse, deren Kohlen noch glühten,
schürte Leupolt ein Feuer an. Und während draußen in der sinkenden
Nacht der wilde Frühlingsregen der Berge trommelte und in der großen
Schmiedhöhle das Feuergeflacker alle rußigen Dinge vergoldete, ließ
sich Pfarrer Ludwig vom alten Hufschneider, der ein geschickter
Viehdoktor war, die aufgescheuerten Waden mit Hirschtalg salben und
mollig mit Leinwand überbinden. Danckelmann hatte sich gegen den Ambos
gelehnt, der junge Oberst saß auf einem umgestürzten Schubkarren,
das rechte Bein übers linke Knie gelegt, die Hände um den braunen
Reitstiefel geschlungen. Immer schwatzten und lachten die Drei.
Der wunderliche Reiz dieser Stunde im Flackerglanz, das mystische
Wechselbild zwischen Glut und Schwärze, die Nachwirkung der feurigen
Klosterweine und des Champagners, das Erinnern an alle schönen Natur-
und Waldbilder des Tages, an die qualmenden, ekelhaften Blutströme
des Großen Jagens, an den zum Spott herausfordernden, lächerlichen
Abklatsch des französischen Hofschwindels und an die Komödie der
gesegneten, so munter zum Orkus entschwundenen Göttin Diana -- das
alles wirbelte im Gespräche der Drei mit Ernst und Laune, mit Zorn
und Hohn, mit Witz und sprühendem Übermut durcheinander und gab
ihnen eine Stunde, an der sie Freude hatten. Sie lachten bei diesem
Schwatzen so oft und so fröhlich, daß Hiesel Schneck, der immer
mitlachen mußte, ohne zu wissen warum, ein bißchen wütend wurde und
nach einem mäßig geschwänzten Himmelhündchen zum schweigsamen Leupolt
Raurisser sagte: »Was die für kreuzlustige Sachen reden müssen! Und
unsereiner versteht's halt nit! Aufpassen tu ich wie der Haftelmacher.
Und versteh's halt nit! Kreuzhimmel und Höllementsnot, hol' doch der
Teufel die ganze Französianerei! Wann einer, der schießen kann wie das
preißische Soldätl, wann so einer ebbes sagt? Und zittert und fiebert
und augenblitzt! Da muß er doch reden, als wie er schießt! Und so was
möcht halt unsereiner verstehn! Verstehst?«
Raurisser schien nicht zu hören. Neben dem Essenfeuer an der schwarzen
Mauer lehnend, alles Harten und Schönen des eigenen Lebens vergessend,
in der Faust die zusammengebundenen Zügel der drei Herrengäule, sah
Leupolt unbeweglich zu dem jungen Oberst hinüber, lauschte mit großen
glänzenden Augen, lauschte mit einem gläubigen Lächeln seiner Freude
auf jeden Laut dieser melodischen, wundersam bezwingenden Stimme,
verstand so wenig wie der Hiesel Schneck und verstand doch mehr, viel
mehr, als der Hiesel verstanden hätte, wenn er der beste Franzose
gewesen wäre.
Jetzt sprach der junge Offizier allein. Die zwei Herren, mit
vorgebeugten Gesichtern, hörten gefesselt zu, lachten immer wieder
erheitert auf, vergaßen des Lachens und wurden ernst. In dem
Bild, das der leidenschaftlich Sprechende bot, war der gleiche,
schwerbegreifliche Gegensatz wie in seinem ganzen Wesen. Grell
angestrahlt von der Feuerhelle, in dem schmucklosen, fast ärmlichen
Soldatenkleid mit den Funkelknöpfen, auf dem gestürzten, radlosen
Karren sitzend, neben den stampfenden, schnaubenden, durch das
Essenfeuer beunruhigten Gäulen und neben der Finsternis da draußen, in
der das Getrommel des schweren Regens war, das falbe, dem Flammenschein
von Brandstätten gleichende Aufleuchten der umnebelten Blitze, das
Donnerrollen des Frühlingsgewitters, bald wie knatternde Gewehrsalven,
bald wie dröhnende Kanonenschläge -- sah er aus wie ein junger
Heerführer, der in einer Feldnacht zwischen Kampf und Kampf vor einem
lodernden Wachtfeuer ruht, sich müde fühlt und doch von lebensprühender
Erregung durchfiebert ist, alle wühlende Sorge in sich mit Heiterkeit
zu umschleiern vermag, so zu den Seinen redet, ruhig und gläubig in
die dunkle Ferne späht und mit der deutenden, blitzschnell zuckenden
Hand Befehl um Befehl erteilt. Doch sein Gesicht war alles andere, nur
nicht soldatisch. Das spitzvorgeschobene, heißwangige Antlitz mit dem
lächelnden Spöttermund und den strahlenden Feueraugen war das Gesicht
eines geistvollen, vom Funken der Stunde erfaßten Poeten, der sich
immer wandelte, Ernst und Witz durcheinander schüttelte, mit sich und
den anderen zu spielen schien, bald sprach wie ein kluger Greis und
bald wie ein träumender Knabe, allen Esprit der französischen Sprache
erschöpfte und mit diesem fremdländischen Wortgefunkel ein altes,
sinnvolles Märchen der Deutschen erzählte: die Fabel von dem weisen und
liebenswürdigen Jüngling, der sich alle Menschen der Welt zu Freunden
machte.
Dieser Jüngling war so kraftvoll und klug, daß sein Verstand gegen
jede Gefahr und Not einen siegreichen Gedanken fand. Und war so schön
und gütig, daß sein warmer Blick und sein herzliches Lächeln jeden
Neider und Gegner verwandelte in einen Freund. Alle Seelen flogen
ihm zu, alle Wege der Welt erschlossen sich ihm. Die einen sagten:
»Sein Verstand erzwingt es.« Die anderen: »Nein, sein gewinnendes
Herz!« Das sagten die Leute so oft, bis Herz und Hirn im Körper des
Jünglings von Eifersucht befallen wurden. In einer Gewitternacht, als
der Jüngling schlummerte, fingen Herz und Hirn in ihm wie erbitterte
Widersacher zu hadern an und vergaßen, daß sie brüderliche Teile des
gleichen Körpers waren. »Du da droben unter der Stirne,« sagte das
gekränkte Herz, »sei nicht so stolz! Die sieghafte Kraft unseres Herrn
entspringt nicht deinen erfindungsreichen, doch kalten Ratschlägen.
Nur mir allein verdankt er seine Erfolge, dem fröhlichen Blut, mit dem
ich ihn erfülle, dem gewinnenden Glanz, den ich entzünde in seinem
Blick!« Höhnisch lachte das beleidigte Gehirn: »Du aufgedunsener
Fleischklumpen! Bist du vom Größenwahn befallen? Wenn er mich nicht
hätte, wäre unser Herr ein stumpfsinniges Tier. Nur die Funken meines
Geistes erwecken in ihm das Göttliche und machen ihn zum Sieger in
aller Gefahr.« Zornig antwortete das Herz: »Du lügst! Alle Freunde
unseres Herrn verärgerst du durch dein spottendes Besserwissen.
Immer hab ich zu tun, um durch freundliche Güte wieder zu mildern,
was du versalzen hast.« Und das Gehirn erwiderte: »Du schwächlicher
Versöhnungslappen! Jeden kühnen Gedanken, den ich erwecke in unserem
Herrn, verwässerst du durch säuselndes Wohlwollen, durch nachgiebige
Biederkeit!« Mit Tränen antwortete das geschmähte Herz: »Das hab ich
satt! Ich lasse mich nicht länger unterschätzen. Gott befohlen!«
Lachend sagte das triumphierende Hirn: »Vergnügte Reise! Jetzt will ich
beweisen, was ich vermag, auf mich allein gestellt.«
Das Herz entsprang den Rippen des Schlafenden und glich einem roten
Frosch, der schwerfällig hinhüpfte durch den Staub der Straße. Das
Gehirn entschlüpfte der Stirn und war wie eine weißgraue Tarantel, die
sich mit vielen Gedankenbeinen hastig bewegte. So zogen die beiden
in die Welt, jedes für sich allein. Eines frühen Morgens kehrten
sie zurück, und jedes weinte vor Freude beim Anblick des anderen.
Klagend erzählte das aus vielen Wunden blutende Herz: »Ach, wie
erbärmlich ist es mir ergangen! Überall nannten sie mich die hüpfende
Qualle. Jeden liebevollen Schrei meiner Güte haben sie gedeutet
als ein Zeichen meiner Schwäche, haben mich verlacht, verhöhnt und
mit den Füßen beiseite gestoßen! Hilf mir, du kluges Gehirn, sonst
muß ich verbluten!« Und das vor Schmerzen zuckende Hirn erzählte:
»Ach, wie niederträchtig sind der Unverstand und die Bosheit der
Erde mit mir umgesprungen! Überall nannten sie mich den giftigen,
stechenden Skorpion. Jeden Funken meines Geistes verleumdeten sie als
weltbedrohendes Feuer. Kaum entrann ich ihren Lügen und Drachenzähnen.
Hilf mir, du gutes Herz, ich bin müde zum sterben!«
Da suchten die beiden eine reine Quelle, um zu baden. Als sie versöhnt
dem Haus ihres Herrn entgegenwanderten, vernahmen sie die Klagen
und das Hohngelächter vieler Menschen. Die hatten den schlafenden
Jüngling für tot gehalten und wollten ihn begraben. Jene, denen er
Gutes getan, betrauerten seinen Tod. Doch jene, die er kraftvoll
überwunden, beschimpften seine Leiche und verteilten unter sich die
funkelnden Waffen seiner Siege. Schon wollten sie den stählernen Sarg
für ewig über seinem wehrlosen Körper schließen. Da schlüpfte ihm das
geläuterte Herz unter die Rippen, das reingewordene Gehirn unter die
Stirne. Und das Herz begann zu hämmern, wie das Gehirn es ihm gebot,
und das Hirn, vom pochenden Herzen befeuert, begann seine leuchtenden
Funken zu sprühen. Die strahlenden Augen des Jünglings öffneten sich,
mit frohem Lächeln erhob er sich, und gedoppelte Kraft erfüllte seine
Glieder. Jubelnd umringten ihn seine Getreuen, erschrocken beugten
sich seine Feinde, und von Stund an war der Jüngling schöner und
gütiger, war kühner und klüger, als er je gewesen. Und weil er um der
Ewigkeit seiner Kräfte willen nicht untergehen kann, so lange die Welt
besteht, drum wird die Wahrheit seiner Geschichte nicht enden mit den
Märchenworten: Starb er nicht lange schon, so lebt er noch heute.
Der junge Oberst, der seine Fabel mit spottender Grazie begonnen hatte,
war ernst geworden. Als er verstummte, blieb sein Mund eine schmale
Linie, und seine großen Augen blickten in die Essenglut, als wäre sie
das redende Geheimnis kommender Dinge. Wie ein Erwachender sah er auf,
weil er die Stimme des Pfarrers hörte. Der war auf ihn zugetreten.
»Herr Oberst, ich danke Ihnen.« Er streckte dem jungen Offizier die
Hand hin, die dieser lächelnd ergriff. »Ich bin ein alter Mann. Aber
so lang ich noch atme, soll mir diese Fabel ein Lehrbuch des deutschen
Lebens bleiben.« Tief atmend nickte der Pfarrer. »Fabel? Die Todesnot
der schlafenden Deutschen wird sie zur Wahrheit machen. Freilich gehört
auch der helfende Mann dazu.«
Da sagte Leupolt Raurisser neben der glühenden Esse: »Ihr Herren!
Das Sturmwetter hat aufgehört. Die Nacht wird schön.« Er führte die
drei Herrengäule durch das Tor der Schmiede auf die finstere Straße
hinaus. Mit dem klirrenden Hufschlag mischte sich hinter ihm ein
fröhliches, fast übermütiges Knabenlachen. Es galt dem Aussehen des
Pfarrers. In dem verwachsenen Jagdrock und mit den klumpig von weißer
Leinwand umwickelten Waden sah er so komisch aus, daß er selber nicht
ernst bleiben konnte. Und als man heimritt durch die vom Bachrauschen
erfüllte Finsternis, leuchteten die beiden milchigen Wickelklötze wie
führende Laternen.
Gegen Westen, wo der Himmel klar geworden, schimmerten schon die
Sterne. Über Berchtesgaden und den Zinnen des Untersberges hing noch
eine schwarze Wolke, in der es manchmal aufdämmerte wie fernes Leuchten.
Aus dem Tal der Ache ritten die Herren gegen die Höhe des Marktes
hinauf. Und Leupolt Raurisser stammelte erschrocken: »Da droben! Was
ist denn das? Allmächtiger, das ist Feuerschein! Das Stift und der
ganze Markt muß brennen.« Die fünf Gäule jagten. Als erster gewann der
junge Oberst die Kante des Hügels und stand mit seinem Pferde schwarz
eingezeichnet in diesen seltsam glimmenden Schein, der nicht von den
Dächern der Stiftsgebäude und des Marktes ausging. Es war ein großes,
von allen Steinspitzen, Felskanten und Baumwipfeln ausströmendes
Elmsfeuer, gleich einem gebänderten Nordlicht um die breite Zinne
des Untersberges herumgewunden, mit zarten Purpurstrahlen, die sanft
hinaufzüngelten gegen die glimmenden Säume der schwarzen Wolken. Das
war anzusehen, als trüge der Untersberg eine geisterhafte Riesenkrone,
die, kaum daß sie zu schimmern begonnen hatte, schon wieder zu
versinken begann im schwarzen Dunkel. Während die Herren in Erregung
debattierten, lallte der abergläubische Hiesel Schneck: »Herr Jesus!
Leupi! Was kann denn das sein?« Ein froher Atemzug. Und eine Stimme wie
der Klang eines Betenden: »Der Kaiser im Untersberg hat eine freudige
Seel. Die leuchtet so.«
Für den ganzen Rest des Heimrittes beherrschte die wundersame
Lichterscheinung das Gespräch der Herren und überschimmerte auch wie
Weihe den Abschied, den sie vor dem Leuthaus voneinander nahmen. Der
grüblerische Ernst des jungen Obristen schlug erst wieder um in seine
knabenhafte Heiterkeit, als er auf seinem Bette saß und sich die
Stiefel herunterziehen ließ, während ihm Danckelmann das Rekreditiv
Seiner Liebden vorlas:
»Durchlauchtigster König! Eure Königliche Majestät, besonders gnädiger
Herr! -- Was Ew. Königliche Majestät zu Faveur Unserer in dero
Königlich- und Chur-Fürstlichen Lande auf Veranlassung einer Religions-
und Gewissens-Freyheit emigrirenden Unterthanen vorschrifftlich an
Uns gelangen lassen, hat der anhero geschickte Geheime Hof-Rath von
Danckelmann behöriger Orten geziemend überreichet, und gleich wie
Wir sowohl in Regard Ew. Königlichen Majestät höchst-venerierenden
Vorschreibens, als auch derer selbst redenden Völker-Rechts-, auch
Civil-Gesätzen gemäß denen Emigranten das Ihrige angedeyen zu lassen,
Unserer desfalls eigen aufgestellten Comission die angemessenen
Befehle ertheilet, sofort dieses Geschäfft durch die sorgfältige
Negotia gedachten abgeordneten Geheimen Hof-Raths nunmehro zu seiner
vollkommenen, Zweiffels ohne vergnügten Endschafft gediehen, mithin
demselben seiner dabey bezeigten Conduite halben ein anständiges
Zeugnis zu ertheilen Anlaß nehmen, und Uns der Hoffnung erleuchten,
Ew. Majestät möge in Höchstdero so wohlexerzierter wie forchtbarer
Armee noch viele dermaßen hartnäckig und viktorios battaillirende
Offiziers als Höchstdero juchendligen und musikalischen Obrigsten
von Berg possediren, allso zweiffeln auch nicht, es werden Ew.
Königliche Majestät diese _ultra viniculum instrumenti pacis_ demselben
begünstigte Zubilligung so ansehen, wie Wir ambirt haben, das
Königliche hohe Vor-Wort mit ersinnlichster Hochachtung erfüllen zu
mögen, und damit verbleiben
Von Gottes Gnaden des Heiligen Römischen Reichs Fürst, Probst und Herr
zu Berchtesgaden
Ew. Königlichen Majestät
allzeit Dienst-geflißnister
Cajetan Antoni.«
Die beiden Hände auf die Schenkel klatschend, platzte der junge Oberst
los: »I Jott, wat for 'ne Gedärmverwicklung.« Er wurde ernst. »Wüßt
man nich, daß es deutsch is, man möcht es nich glooben.« Dem Geheimrat
zunickend, streifte er die Reithose von den mageren Beinen und
huschelte sich unter das ungetüme Federbett. Nach Gewohnheit brachte
der Soldat das Lederetui mit der Elfenbeinflöte zum Nachtgebet. »Nee,
Hänne, laß man heute! Wir wollen musikalisch nich weiter in schlechte
Reputation jeraten. Um Viere weckste! Ick reite vor Tag.« Er drehte
sich lachend gegen die Wand. Nach Art eines memorierenden Schülers, dem
ein Stück Weisheit nicht hinein will in den Schädel, wiederholte er mit
halblauter Stimme mehrmals die schöne Wortbildung: »Dienstgeflißnister,
dienstgeflißnister, dienstgeflißnister --« Ein munteres Aufkichern. »Na
also! Et jeht _en avant_ mit's Deutsche.«