Kapitel XXX

An der fürstpröpstlichen Jagdtafel ereignete sich abermals eine

kulinarische Überraschung: man servierte neben dem Champagner zum

erstenmale heißen, schwarzen Kaffee, von dem die Sage verbreitet war,

daß er den Appetit zu reizen vermöchte, den Durst erneuere und gegen

den Katzenjammer ein vorbeugendes Remedium wäre. Auch noch aus einem

anderen Grunde war die dampfende Köstlichkeit, die überaus angenehm

duftete, an der Tafel willkommen. Wer nicht zureichende Weinhitze in

sich hatte und der natürlichen Blutwärme entbehrte, fröstelte schon

ein bißchen. Bei sinkendem Nachmittag verkühlten die Frühlingslüfte.

Das böse Wetter, das der windkundige Hiesel Schneck vorausgeahnt

hatte, begann sein Herannahen bemerkbar zu machen. Immer häufiger

erloschen die Sonnenlichter zwischen den von Windstößen geschaukelten

Girlandenbogen.

Graukühler Schatten überschleierte die farbenbunte Tafel, als Graf

Saur sich erhob, eine schmetternde Fanfare blasen ließ und die

witzigen Verse seines Dianentoastes zu sprechen begann. Eine galant

durchprickelte Stimmung herrschte an der lauschenden Tafel. Nur die

gefeierte Göttin selbst schien jedem munteren Lächeln entrückt zu sein

und sollte -- _entre la coupe et les lèvres_ -- den jauchzenden Zuruf

»_Vive la reine divine de la chasse!_« nicht mehr erwarten können.

Sei es, daß Aurore de Neuenstein sich durch die jähe Dämpfung der

Frühlingstemperatur in nachteiligem Grade angeschauert fühlte, oder

sei es, daß die Ermüdung nach dem emsigen Lanzenschwingen, der allzu

reichlich genossene Champagner oder andere Umstände mit im Spiele

waren -- sie wurde während des geistreichen Reimgeklingels plötzlich

zwischen den schwarzen Schönheitspflästerchen so blaß, daß ihr

schmales Unschuldsgesicht beinah einer preußischen Miniaturstandarte

zu vergleichen war. Gewaltsam die _contenance_ bewahrend, schloß sie

die Augen und überlegte flink alle hilfreichen Möglichkeiten einer

Ohnmacht. Es war für diesen klugen Gedanken bereits zu spät. Inmitten

einer Lachsalve, die ein entzückender Dianenscherz des Grafen Saur

entfesselte, mußte sie sich hastig erheben, um in fluchtartiger

Eile den Tisch und die Mahlhalle zu verlassen. Auch das gelang

nicht mehr. Weil die Natur schneller arbeitete als alle französisch

geschulte Geistesgegenwart, kam die unpaß gewordene Göttin nur bis zur

Söllerbrüstung und fand hier zwingende Veranlassung, sich rasch über

den grüngirlandierten Balkenbord hinauszubeugen. Ein solcher Vorgang

war bei zeitgenössischen Trinkgelagen keine ungewöhnliche Erscheinung.

Dennoch verlor Graf Saur den Faden seiner witzigen Reime, und eine

unbehagliche Verblüffung rieselte über die ganze Tafelrunde hin, von

Herrn Anton Cajetan bis hinunter zum Grafen Tige.

Kanzler von Grusdorf, der sich gleichfalls entfärbte, als wäre er

von der Indisposition seiner Nichte schon infiziert, versuchte der

Leidenden durch die naheliegende Vermutung zu Hilfe zu kommen: »Ach,

Barmherziger, augenscheinlich hat sie die heftig bewegte Schaukelfahrt

auf dem Dianenschiffe nicht gut vertragen!« Niemand lachte, alle

Herren schienen teilnahmsvoll und besorgt zu sein. Dennoch wuchs das

Bedrückende der Tafelstimmung. Und in der halben Stille, die für einen

Augenblick entstanden war, sagte der junge Oberst mit der Ruhe eines

großen Gelehrten, dem die Entdeckung einer unanzweifelbaren Wahrheit

gelang: »Das? Eine Artemis? Nein. Das ist eine Göttin der guten

Hoffnung.«

Dieser Moment bewies, wie wohlerzogen alle diese adligen Herren waren

und wie sehr sie sich nach reichlich verschlucktem Wein zu beherrschen

wußten. Keiner von ihnen wollte das klärende Wort des jungen Offiziers

verstanden haben, wie vernehmlich es auch gesprochen war. Immerhin

hatte die Macht der Wahrheit für einigen menschlichen Farbenwechsel

gesorgt, der sich konträr vollzog: Herr Anton Cajetan war bleich

geworden, Graf Tige dagegen dunkelrot. Es hätte, dank aller höfischen

Galanterie, die Situation vielleicht noch gerettet werden können, wenn

nicht Aurore de Neuenstein selbst, unterstützt durch das Bewußtsein

einer leidlich gesicherten Zukunft, sie verloren gegeben hätte. Im

Zustande merklicher Erholung betätigte sie mit flinker Grazie ihr

Brabanter Spitzentüchelchen, trat tapfer auf die Tafel zu, griff

nach dem Champagnerbecher ihres sprachlosen, in einen Kreidestein

verwandelten Onkels, leerte den Kelch bis auf den letzten Tropfen,

stellte den Becher mit hörbarem Klaps wieder hin und zwitscherte in

ihrem zierlichen Französisch: »Weshalb so erstaunt, meine Herren?

So etwas Ähnliches hat sich seit Mutter Evas Zeiten schon mehrmals

ereignet. Ich bin nicht die erste.«

Da war es mit aller hoheitsvollen Selbstbeherrschung des Herrn Anton

Cajetan, der sich fern jeder Schuld zu fühlen vermochte, jäh und

gründlich vorbei. Sich erhebend, sagte er kalt, doch immer noch mit

Würde: »Madame! Um die Grenzen unseres Landes zu verlassen, sind Ihnen

vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben.«

Während Herr von Grusdorf eine Knickbewegung tiefster Erschütterung

machte, wurde Aurore de Neuenstein überaus heiter. »Vierundzwanzig

Stunden? Ach, wie gnädig!« Das waren die letzten französischen

Laute, die man am fürstpröpstlichen Hofe von ihr vernahm. Trotz

aller Peinlichkeit des Augenblickes erwachte in Aurore de Neuenstein

der schwäbische Mutterwitz. Mit den Fingerspitzen das geschürzte

Reitkleid auseinanderspreitend, machte sie vor Herrn Anton Cajetan

einen tadellosen Hofknicks und sagte lustig in ihrem niedlichen

Dillinger Idiom: »So groß, wie Dei' Ländl isch, bring i dees Hüpfle

über de Grenzbaum fertig in em halbe Stündle.« Lustig lachend,

sichtlich erfreut über den sieghaften Abgang, den sie gefunden,

schwebte die vermenschlichte Göttin des Großen Jagens der bewimpelten

Söllerpforte entgegen. Huldreich winkte sie mit dem hübschen Händchen

nach allen Richtungen der Tafelrunde, ohne den sorgenvollen Grafen

Tige einer besonderen _célébration des adieux_ zu würdigen, und

nickte noch freundlich und versöhnt dem jungen Oberst zu, der nun

sichtliches Wohlgefallen an ihr zu finden begann und fast so begeistert

applaudierte, wie er's beim Anblick der beiden fliehenden Gemsböcke

getan hatte.

Das drohende Unwetter begünstigte Aurorens Abschied. Alle Pferde der

Jagdgesellschaft waren schon bereit zum Heimritt. Munter schwatzend

ließ die Neuenstein sich in den Sattel heben und galoppierte mit ihrem

Kammerlakai und Büchsenspanner davon, um in Reichenhall so ziemlich

alles wiederzufinden, was sie zu Berchtesgaden unter beträchtlichem

_accroissement_ der Stiftsschulden klug zurückgelegt hatte.

Dem vorsichtigen Wildmeister, der für die prompte Bereitschaft der

Pferde gesorgt hatte, war auch ein willkommenes Erlösungswerk an der

schwülgewordenen Stimmung in der Söllerhalle zu verdanken. Er brachte

Seiner Liebden die Meldung des bedenklichen Wetterumschlages. »Wollen

die gnädigsten Herren nit naß werden bis aufs Häutl, so wird's wohl

nötig sein, daß man reitet auf der Stell.«

Einem turbulenten Aufbruch von der Tafel folgte ein beschleunigtes

Abschiednehmen unter fröhlichem Horngeschmetter. Herr Anton Cajetan,

der nicht gerne naß wurde, zog es vor, sich einen einsamstillen, aber

trockenen Schmollwinkel in der Försterei bereiten zu lassen, auch auf

die Gefahr einer schlaflosen Nacht, die umwittert zu werden drohte von

den üblen Verwesungsdüften der riesigen Wildstrecke. Beim Abschied

zeigte er eine bewundernswerte Haltung und war in so guter Laune, wie

man nach kleinen, harmlos verlaufenen Scherzen zu sein pflegt. Den

unerquicklichen Schwegelpfeifer und begnadigten Militärverbrecher in

diplomatisch zulässigem Ausmaß ignorierend, bedachten Seine Liebden

den Geheimrat von Danckelmann mit erlesenen Liebenswürdigkeiten und

entbanden ihn gnädigst von allen ceremoniellen Abschiedspflichten. Bei

der Rückkehr nach Berchtesgaden würde Seine Exzellenz das fürstliche

Rekreditiv im Leuthaus vorfinden. Herr Anton Cajetan unterließ es,

beizufügen, daß dieses historische Dokument als letzte Amtstätigkeit

des weiland Kanzlers von Grusdorf zu erachten sei.

Vermochte der bedrohte Staatsmann unter der Stirne seines Herrn zu

lesen? Mit bleichen Lippen stammelte der entlastete Elefant Aurorens:

»Euer Liebden! Ich bin trostlos --«

Eisig unterbrach ihn der Fürst: »Da suche er seinen Trost, wo er ihn

zu finden hofft.« Das war klar gesprochen. Dennoch erwachte in der

Schlotterkreide des Herrn von Grusdorf nur zögernd die Erkenntnis,

daß er in diesem Augenblick ein bedauernswerter Schicksalsgenosse des

Doktor Willibald Hringghh und des Polizeifeldwebels Muckenfüßl geworden

war.

Der schöne Schmetterklang des Fürstengrußes, an den sich keine

Dianenweise mehr anzärtelte, geleitete Herrn Anton Cajetan unter

bleigrauem Himmel zur Försterei, und als er in der niederen Tür

verschwunden war, löste sich bei dämmerndem Abend aller Pomp des Großen

Jagens auf in ein Wettrennen vieler Gäule, deren Reiter die schützenden

Dächer von Berchtesgaden noch vor dem drohenden Platzregen zu erreichen

hofften.

Weit hinter der jagenden Klapperkavalkade der Stiftsherren und

Domizellaren blieben fünf Reiter zurück, weil der junge Oberst den

Pfarrer Ludwig, der sich an den Sattellappen die Waden aufgewetzt hatte

und nur mit bescheidener Geschwindigkeit noch vorwärts kam, nicht

der Einsamkeit überlassen wollte. Bei Ausbruch des Regens erreichten

die Fünf, zwischen Ramsau und Berchtesgaden, in der Schmiede von

Ilsank einen schützenden Unterstand. Die große Werkstätte gab Raum

für die Reiter und Pferde. In der Esse, deren Kohlen noch glühten,

schürte Leupolt ein Feuer an. Und während draußen in der sinkenden

Nacht der wilde Frühlingsregen der Berge trommelte und in der großen

Schmiedhöhle das Feuergeflacker alle rußigen Dinge vergoldete, ließ

sich Pfarrer Ludwig vom alten Hufschneider, der ein geschickter

Viehdoktor war, die aufgescheuerten Waden mit Hirschtalg salben und

mollig mit Leinwand überbinden. Danckelmann hatte sich gegen den Ambos

gelehnt, der junge Oberst saß auf einem umgestürzten Schubkarren,

das rechte Bein übers linke Knie gelegt, die Hände um den braunen

Reitstiefel geschlungen. Immer schwatzten und lachten die Drei.

Der wunderliche Reiz dieser Stunde im Flackerglanz, das mystische

Wechselbild zwischen Glut und Schwärze, die Nachwirkung der feurigen

Klosterweine und des Champagners, das Erinnern an alle schönen Natur-

und Waldbilder des Tages, an die qualmenden, ekelhaften Blutströme

des Großen Jagens, an den zum Spott herausfordernden, lächerlichen

Abklatsch des französischen Hofschwindels und an die Komödie der

gesegneten, so munter zum Orkus entschwundenen Göttin Diana -- das

alles wirbelte im Gespräche der Drei mit Ernst und Laune, mit Zorn

und Hohn, mit Witz und sprühendem Übermut durcheinander und gab

ihnen eine Stunde, an der sie Freude hatten. Sie lachten bei diesem

Schwatzen so oft und so fröhlich, daß Hiesel Schneck, der immer

mitlachen mußte, ohne zu wissen warum, ein bißchen wütend wurde und

nach einem mäßig geschwänzten Himmelhündchen zum schweigsamen Leupolt

Raurisser sagte: »Was die für kreuzlustige Sachen reden müssen! Und

unsereiner versteht's halt nit! Aufpassen tu ich wie der Haftelmacher.

Und versteh's halt nit! Kreuzhimmel und Höllementsnot, hol' doch der

Teufel die ganze Französianerei! Wann einer, der schießen kann wie das

preißische Soldätl, wann so einer ebbes sagt? Und zittert und fiebert

und augenblitzt! Da muß er doch reden, als wie er schießt! Und so was

möcht halt unsereiner verstehn! Verstehst?«

Raurisser schien nicht zu hören. Neben dem Essenfeuer an der schwarzen

Mauer lehnend, alles Harten und Schönen des eigenen Lebens vergessend,

in der Faust die zusammengebundenen Zügel der drei Herrengäule, sah

Leupolt unbeweglich zu dem jungen Oberst hinüber, lauschte mit großen

glänzenden Augen, lauschte mit einem gläubigen Lächeln seiner Freude

auf jeden Laut dieser melodischen, wundersam bezwingenden Stimme,

verstand so wenig wie der Hiesel Schneck und verstand doch mehr, viel

mehr, als der Hiesel verstanden hätte, wenn er der beste Franzose

gewesen wäre.

Jetzt sprach der junge Offizier allein. Die zwei Herren, mit

vorgebeugten Gesichtern, hörten gefesselt zu, lachten immer wieder

erheitert auf, vergaßen des Lachens und wurden ernst. In dem

Bild, das der leidenschaftlich Sprechende bot, war der gleiche,

schwerbegreifliche Gegensatz wie in seinem ganzen Wesen. Grell

angestrahlt von der Feuerhelle, in dem schmucklosen, fast ärmlichen

Soldatenkleid mit den Funkelknöpfen, auf dem gestürzten, radlosen

Karren sitzend, neben den stampfenden, schnaubenden, durch das

Essenfeuer beunruhigten Gäulen und neben der Finsternis da draußen, in

der das Getrommel des schweren Regens war, das falbe, dem Flammenschein

von Brandstätten gleichende Aufleuchten der umnebelten Blitze, das

Donnerrollen des Frühlingsgewitters, bald wie knatternde Gewehrsalven,

bald wie dröhnende Kanonenschläge -- sah er aus wie ein junger

Heerführer, der in einer Feldnacht zwischen Kampf und Kampf vor einem

lodernden Wachtfeuer ruht, sich müde fühlt und doch von lebensprühender

Erregung durchfiebert ist, alle wühlende Sorge in sich mit Heiterkeit

zu umschleiern vermag, so zu den Seinen redet, ruhig und gläubig in

die dunkle Ferne späht und mit der deutenden, blitzschnell zuckenden

Hand Befehl um Befehl erteilt. Doch sein Gesicht war alles andere, nur

nicht soldatisch. Das spitzvorgeschobene, heißwangige Antlitz mit dem

lächelnden Spöttermund und den strahlenden Feueraugen war das Gesicht

eines geistvollen, vom Funken der Stunde erfaßten Poeten, der sich

immer wandelte, Ernst und Witz durcheinander schüttelte, mit sich und

den anderen zu spielen schien, bald sprach wie ein kluger Greis und

bald wie ein träumender Knabe, allen Esprit der französischen Sprache

erschöpfte und mit diesem fremdländischen Wortgefunkel ein altes,

sinnvolles Märchen der Deutschen erzählte: die Fabel von dem weisen und

liebenswürdigen Jüngling, der sich alle Menschen der Welt zu Freunden

machte.

Dieser Jüngling war so kraftvoll und klug, daß sein Verstand gegen

jede Gefahr und Not einen siegreichen Gedanken fand. Und war so schön

und gütig, daß sein warmer Blick und sein herzliches Lächeln jeden

Neider und Gegner verwandelte in einen Freund. Alle Seelen flogen

ihm zu, alle Wege der Welt erschlossen sich ihm. Die einen sagten:

»Sein Verstand erzwingt es.« Die anderen: »Nein, sein gewinnendes

Herz!« Das sagten die Leute so oft, bis Herz und Hirn im Körper des

Jünglings von Eifersucht befallen wurden. In einer Gewitternacht, als

der Jüngling schlummerte, fingen Herz und Hirn in ihm wie erbitterte

Widersacher zu hadern an und vergaßen, daß sie brüderliche Teile des

gleichen Körpers waren. »Du da droben unter der Stirne,« sagte das

gekränkte Herz, »sei nicht so stolz! Die sieghafte Kraft unseres Herrn

entspringt nicht deinen erfindungsreichen, doch kalten Ratschlägen.

Nur mir allein verdankt er seine Erfolge, dem fröhlichen Blut, mit dem

ich ihn erfülle, dem gewinnenden Glanz, den ich entzünde in seinem

Blick!« Höhnisch lachte das beleidigte Gehirn: »Du aufgedunsener

Fleischklumpen! Bist du vom Größenwahn befallen? Wenn er mich nicht

hätte, wäre unser Herr ein stumpfsinniges Tier. Nur die Funken meines

Geistes erwecken in ihm das Göttliche und machen ihn zum Sieger in

aller Gefahr.« Zornig antwortete das Herz: »Du lügst! Alle Freunde

unseres Herrn verärgerst du durch dein spottendes Besserwissen.

Immer hab ich zu tun, um durch freundliche Güte wieder zu mildern,

was du versalzen hast.« Und das Gehirn erwiderte: »Du schwächlicher

Versöhnungslappen! Jeden kühnen Gedanken, den ich erwecke in unserem

Herrn, verwässerst du durch säuselndes Wohlwollen, durch nachgiebige

Biederkeit!« Mit Tränen antwortete das geschmähte Herz: »Das hab ich

satt! Ich lasse mich nicht länger unterschätzen. Gott befohlen!«

Lachend sagte das triumphierende Hirn: »Vergnügte Reise! Jetzt will ich

beweisen, was ich vermag, auf mich allein gestellt.«

Das Herz entsprang den Rippen des Schlafenden und glich einem roten

Frosch, der schwerfällig hinhüpfte durch den Staub der Straße. Das

Gehirn entschlüpfte der Stirn und war wie eine weißgraue Tarantel, die

sich mit vielen Gedankenbeinen hastig bewegte. So zogen die beiden

in die Welt, jedes für sich allein. Eines frühen Morgens kehrten

sie zurück, und jedes weinte vor Freude beim Anblick des anderen.

Klagend erzählte das aus vielen Wunden blutende Herz: »Ach, wie

erbärmlich ist es mir ergangen! Überall nannten sie mich die hüpfende

Qualle. Jeden liebevollen Schrei meiner Güte haben sie gedeutet

als ein Zeichen meiner Schwäche, haben mich verlacht, verhöhnt und

mit den Füßen beiseite gestoßen! Hilf mir, du kluges Gehirn, sonst

muß ich verbluten!« Und das vor Schmerzen zuckende Hirn erzählte:

»Ach, wie niederträchtig sind der Unverstand und die Bosheit der

Erde mit mir umgesprungen! Überall nannten sie mich den giftigen,

stechenden Skorpion. Jeden Funken meines Geistes verleumdeten sie als

weltbedrohendes Feuer. Kaum entrann ich ihren Lügen und Drachenzähnen.

Hilf mir, du gutes Herz, ich bin müde zum sterben!«

Da suchten die beiden eine reine Quelle, um zu baden. Als sie versöhnt

dem Haus ihres Herrn entgegenwanderten, vernahmen sie die Klagen

und das Hohngelächter vieler Menschen. Die hatten den schlafenden

Jüngling für tot gehalten und wollten ihn begraben. Jene, denen er

Gutes getan, betrauerten seinen Tod. Doch jene, die er kraftvoll

überwunden, beschimpften seine Leiche und verteilten unter sich die

funkelnden Waffen seiner Siege. Schon wollten sie den stählernen Sarg

für ewig über seinem wehrlosen Körper schließen. Da schlüpfte ihm das

geläuterte Herz unter die Rippen, das reingewordene Gehirn unter die

Stirne. Und das Herz begann zu hämmern, wie das Gehirn es ihm gebot,

und das Hirn, vom pochenden Herzen befeuert, begann seine leuchtenden

Funken zu sprühen. Die strahlenden Augen des Jünglings öffneten sich,

mit frohem Lächeln erhob er sich, und gedoppelte Kraft erfüllte seine

Glieder. Jubelnd umringten ihn seine Getreuen, erschrocken beugten

sich seine Feinde, und von Stund an war der Jüngling schöner und

gütiger, war kühner und klüger, als er je gewesen. Und weil er um der

Ewigkeit seiner Kräfte willen nicht untergehen kann, so lange die Welt

besteht, drum wird die Wahrheit seiner Geschichte nicht enden mit den

Märchenworten: Starb er nicht lange schon, so lebt er noch heute.

Der junge Oberst, der seine Fabel mit spottender Grazie begonnen hatte,

war ernst geworden. Als er verstummte, blieb sein Mund eine schmale

Linie, und seine großen Augen blickten in die Essenglut, als wäre sie

das redende Geheimnis kommender Dinge. Wie ein Erwachender sah er auf,

weil er die Stimme des Pfarrers hörte. Der war auf ihn zugetreten.

»Herr Oberst, ich danke Ihnen.« Er streckte dem jungen Offizier die

Hand hin, die dieser lächelnd ergriff. »Ich bin ein alter Mann. Aber

so lang ich noch atme, soll mir diese Fabel ein Lehrbuch des deutschen

Lebens bleiben.« Tief atmend nickte der Pfarrer. »Fabel? Die Todesnot

der schlafenden Deutschen wird sie zur Wahrheit machen. Freilich gehört

auch der helfende Mann dazu.«

Da sagte Leupolt Raurisser neben der glühenden Esse: »Ihr Herren!

Das Sturmwetter hat aufgehört. Die Nacht wird schön.« Er führte die

drei Herrengäule durch das Tor der Schmiede auf die finstere Straße

hinaus. Mit dem klirrenden Hufschlag mischte sich hinter ihm ein

fröhliches, fast übermütiges Knabenlachen. Es galt dem Aussehen des

Pfarrers. In dem verwachsenen Jagdrock und mit den klumpig von weißer

Leinwand umwickelten Waden sah er so komisch aus, daß er selber nicht

ernst bleiben konnte. Und als man heimritt durch die vom Bachrauschen

erfüllte Finsternis, leuchteten die beiden milchigen Wickelklötze wie

führende Laternen.

Gegen Westen, wo der Himmel klar geworden, schimmerten schon die

Sterne. Über Berchtesgaden und den Zinnen des Untersberges hing noch

eine schwarze Wolke, in der es manchmal aufdämmerte wie fernes Leuchten.

Aus dem Tal der Ache ritten die Herren gegen die Höhe des Marktes

hinauf. Und Leupolt Raurisser stammelte erschrocken: »Da droben! Was

ist denn das? Allmächtiger, das ist Feuerschein! Das Stift und der

ganze Markt muß brennen.« Die fünf Gäule jagten. Als erster gewann der

junge Oberst die Kante des Hügels und stand mit seinem Pferde schwarz

eingezeichnet in diesen seltsam glimmenden Schein, der nicht von den

Dächern der Stiftsgebäude und des Marktes ausging. Es war ein großes,

von allen Steinspitzen, Felskanten und Baumwipfeln ausströmendes

Elmsfeuer, gleich einem gebänderten Nordlicht um die breite Zinne

des Untersberges herumgewunden, mit zarten Purpurstrahlen, die sanft

hinaufzüngelten gegen die glimmenden Säume der schwarzen Wolken. Das

war anzusehen, als trüge der Untersberg eine geisterhafte Riesenkrone,

die, kaum daß sie zu schimmern begonnen hatte, schon wieder zu

versinken begann im schwarzen Dunkel. Während die Herren in Erregung

debattierten, lallte der abergläubische Hiesel Schneck: »Herr Jesus!

Leupi! Was kann denn das sein?« Ein froher Atemzug. Und eine Stimme wie

der Klang eines Betenden: »Der Kaiser im Untersberg hat eine freudige

Seel. Die leuchtet so.«

Für den ganzen Rest des Heimrittes beherrschte die wundersame

Lichterscheinung das Gespräch der Herren und überschimmerte auch wie

Weihe den Abschied, den sie vor dem Leuthaus voneinander nahmen. Der

grüblerische Ernst des jungen Obristen schlug erst wieder um in seine

knabenhafte Heiterkeit, als er auf seinem Bette saß und sich die

Stiefel herunterziehen ließ, während ihm Danckelmann das Rekreditiv

Seiner Liebden vorlas:

»Durchlauchtigster König! Eure Königliche Majestät, besonders gnädiger

Herr! -- Was Ew. Königliche Majestät zu Faveur Unserer in dero

Königlich- und Chur-Fürstlichen Lande auf Veranlassung einer Religions-

und Gewissens-Freyheit emigrirenden Unterthanen vorschrifftlich an

Uns gelangen lassen, hat der anhero geschickte Geheime Hof-Rath von

Danckelmann behöriger Orten geziemend überreichet, und gleich wie

Wir sowohl in Regard Ew. Königlichen Majestät höchst-venerierenden

Vorschreibens, als auch derer selbst redenden Völker-Rechts-, auch

Civil-Gesätzen gemäß denen Emigranten das Ihrige angedeyen zu lassen,

Unserer desfalls eigen aufgestellten Comission die angemessenen

Befehle ertheilet, sofort dieses Geschäfft durch die sorgfältige

Negotia gedachten abgeordneten Geheimen Hof-Raths nunmehro zu seiner

vollkommenen, Zweiffels ohne vergnügten Endschafft gediehen, mithin

demselben seiner dabey bezeigten Conduite halben ein anständiges

Zeugnis zu ertheilen Anlaß nehmen, und Uns der Hoffnung erleuchten,

Ew. Majestät möge in Höchstdero so wohlexerzierter wie forchtbarer

Armee noch viele dermaßen hartnäckig und viktorios battaillirende

Offiziers als Höchstdero juchendligen und musikalischen Obrigsten

von Berg possediren, allso zweiffeln auch nicht, es werden Ew.

Königliche Majestät diese _ultra viniculum instrumenti pacis_ demselben

begünstigte Zubilligung so ansehen, wie Wir ambirt haben, das

Königliche hohe Vor-Wort mit ersinnlichster Hochachtung erfüllen zu

mögen, und damit verbleiben

Von Gottes Gnaden des Heiligen Römischen Reichs Fürst, Probst und Herr

zu Berchtesgaden

Ew. Königlichen Majestät

allzeit Dienst-geflißnister

Cajetan Antoni.«

Die beiden Hände auf die Schenkel klatschend, platzte der junge Oberst

los: »I Jott, wat for 'ne Gedärmverwicklung.« Er wurde ernst. »Wüßt

man nich, daß es deutsch is, man möcht es nich glooben.« Dem Geheimrat

zunickend, streifte er die Reithose von den mageren Beinen und

huschelte sich unter das ungetüme Federbett. Nach Gewohnheit brachte

der Soldat das Lederetui mit der Elfenbeinflöte zum Nachtgebet. »Nee,

Hänne, laß man heute! Wir wollen musikalisch nich weiter in schlechte

Reputation jeraten. Um Viere weckste! Ick reite vor Tag.« Er drehte

sich lachend gegen die Wand. Nach Art eines memorierenden Schülers, dem

ein Stück Weisheit nicht hinein will in den Schädel, wiederholte er mit

halblauter Stimme mehrmals die schöne Wortbildung: »Dienstgeflißnister,

dienstgeflißnister, dienstgeflißnister --« Ein munteres Aufkichern. »Na

also! Et jeht _en avant_ mit's Deutsche.«

Das große Jagen · 第 91 / 98 题