Die Stände des Großen Jagens waren so weit voneinander entfernt,
daß kein Schütze seinen Nachbar gewahren oder durch unvorsichtige
Schießerei gefährden konnte. Man schien einsam für sich im Walde
zu sitzen. Dem jungen Oberst, als er mit dem Hiesel Schneck seinen
grünumflochtenen Stand erklettert hatte, schien das zu gefallen. Es
war ihm anzumerken an der Art, wie er, behaglich aufatmend, sich auf
die Bank niederließ, die Arme kreuzte, die schlanke Nase vorschob
und mit den flinken Blitzaugen fröhlich herumguckte in dem von
der Morgensonne durchwobenen Bergwald. Inzwischen lud der Hiesel
gewissenhaft die beiden Feuersteinflinten, schüttete Feinkraut ins
Pfänndl, legte die Waffen schußfertig über die Auflagstangen und
huschelte sich hinter seinen Jagdherrn. »So, jetzt bin ich neugierig,
was wir ausrichten miteinander.« Dem jungen Offizier, dem das Bild
des stillen Waldes genügte, schien jede Neugier auf den Verlauf des
Großen Jagens zu mangeln. Das war wieder gut für den Hiesel Schneck.
So lang er nicht gefragt wurde, konnte er schweigen wie der Tod. Nur
über die Lage der Stände durfte er Auskunft geben. Rechts, gegen die
Berghöhe, lagen die Stände des Herrn von Grusdorf, des Grafen Saur, des
preußischen Gesandten und zu oberst der Doppelstand des Herrn Anton
Cajetan und der Allergnädigsten; zur Linken, gegen den See hinunter,
die Stände der Stiftsherren und Domizellaren, der salzburgischen
Offiziere und der Stiftsbeamten, in strenger Rangabstufung. Über alle
übrigen Geheimnisse des Großen Jagens mußte Hiesel unverbrüchliches
Stillschweigen bewahren; es konnte für einen Gast den Reiz des Jagens
nicht erhöhen, wenn er im voraus wußte, was da kommen würde, und daß
je drei Füchse für den Fürsten, die Allergnädigste und den preußischen
Gesandten, je zwei Füchse für den Grafen Saur und den Kanzler, je ein
Fuchs für den Oberst von Berg und jeden Kapitelherrn, drei Füchse
für vier Domizellaren und je zwei Füchse für fünf salzburgische
Offiziere und für sieben Stiftsbeamte in den mehr oder minder
wahrscheinlichen Tod springen mußten. Nach ähnlicher Abstufung waren
auch die Wildschweine, das Kahlwild, die Gemsen und »Prunkhirsche« für
den Aussprung nach den verschiedenen Ständen eingekammert. Alles war
gerichtet aufs Schnürchen. Hätte die gleiche ordnungsgemäße Vorsehung,
wie die Fürsten sie bei ihren französisch frisierten Hofjagden zu
erzielen wußten, auch im heiligen Römischen Reiche geherrscht, welch
ein Segen wäre das für das deutsche Volk gewesen.
Ganz konnte Hiesel Schneck nicht schweigen. Er deutete mit dem Finger
und tuschelte: »Da droben, da kommt bald was! Verstehst? Da droben, wo
der weiße Steinbrocken liegt.« Das hätte der junge Oberst auch ohne
den barmherzigen Fingerwink des Hiesel erraten können. Von dem weißen
Steinbrocken zog sich eine Bodenmulde gegen den Stand herunter, auf
beiden Seiten abgesperrt durch dichtstehende Fichtenbäumchen. Kam
da droben ein Wild, so hatte es einen Auslauf von 200 Schritten bis
zum Stand, mußte auf 30 Schritt am Schützen vorbei und konnte, wenn
sein Leben bis dahin erhalten blieb, in einem grünen Heckentrichter
verschwinden, um der »Seekammer« und einem unanzweifelbaren Schicksal
entgegenzuspringen. Vorerst war lautlose Stille im schönen,
frühlingsduftenden Bergwald, der wohlig unter dem Glanz der Sonne
träumte und keine Ahnung davon hatte, wie übel er mißbraucht wurde.
Darüber schien sich auch der junge Oberst keine Gedanken zu machen. Die
träumende Waldstille gefiel ihm, und seine Augen glänzten.
Hoch droben wurde mit hallendem Hörnerklang das Jagen angeblasen, und
es dauerte nicht lang, so krachten bei der Fürstenkanzel zahlreiche,
flink aufeinanderfolgende Schüsse, man hörte das jauchzende
Piepsstimmchen der Allergnädigsten und dann die melancholische
Fuchstodweise des Hornquartetts. Bumm, bumm, bummbum, knatterte es
unter herrlichem Echo von den Ständen des Geheimrats, des Grafen Saur
und des Kanzlers herunter, und geheimnisvoll zischelte der Hiesel
Schneck: »Hö! Obacht! Es kommt was.«
Lachend drehte der junge Oberst das Gesicht. »_Mon cher monsieur
Cheneque!_ Ick habe selber Oogen.«
»*Was* hast?« fragte Hiesel verdutzt. Sein Jagdherr deutete mit beiden
Zeigefingern auf seine fröhlich glänzenden Augen. Jetzt verstand der
Hiesel. »Ah so!« Und des weiteren hielt er wütend das Maul, obwohl
der verhöllte Preiß, weil er keinen Griff nach der Flinte machte,
den heranschnürenden Fuchs nicht zu sehen schien. Der rote Bruder
Reineke erledigte seine Promenade in den voraussichtlichen Tod mit
ruhiger Gemütlichkeit, spähte und lauschte nach allen Seiten, ließ
die gestreckte Rute zittern, kam bis auf 40 Schritte heran, setzte
sich erstaunt auf die Hinterbacken und betrachtete den jungen
Oberst äußerst aufmerksam. Dieses persönliche Interesse schien ein
gegenseitiges zu sein und währte so lang, daß Hiesel Schneck in
Besorgnis durch die Zähne knirschte: »Himmelherrgottblutsakerment, so
schieß doch einmal!«
»Neeee!« klang die melodische Frohstimme des jungen Nichtschützen.
»Det brave Fückschen soll Mäuse fangen, die dem Bauer am Hafer
knabbern.« So freundlich diese Stimme sich anhörte, so mißtrauisch
machte sie den Fuchs. Er sauste unter dem Geböller, das auf den
tieferen Nachbarständen losging, wie der Blitz davon und verschwand
in dem grünen Heckentrichter, der ihn einem minder barmherzigen
Vorgang entgegenlenkte. Hiesel Schneck schlug fassungslos die braunen
Tatzen über dem Haardach zusammen, vergaß seines evangelikanischen
Herrgotts und ließ aus empörter Jägerseele den gutkatholischen Seufzer
herausfahren: »O du Mar' und Josef und alle vierzehn Helfer in der
christlichen Not!« Bedrückt von einem sorgenvollen Zukunftsgedanken,
guckte er in das grüne Loch, in dem der Fuchs verschwunden war. Da kam
-- eines jagdbaren Keilers hatte man den maskierten Schwegelpfeifer
nicht gewürdigt -- unter Horngeschmetter, hurtigem Flintenknall und
rollendem Echo eine schwere Bache mit zwei kleinen Überläufern durch
die Mulde heruntergesurrt, vernehmlich grunzend in ihrer ahnungsvollen
Angst um die beiden Borstenkinder. Der Hiesel Schneck, weil er mit
Recht vermutete, daß sich das gewitzte Wildschwein nicht neugierig vor
einen Preißen hinsetzen würde, konnte seinen Jägerseelensturm nicht
länger im Zaum halten. »Hö! Du! Verstehst? Dö Sau frißt keine Mäuslen
nit! Da wirst dich ein bißl tummeln müssen!« Er packte eine der beiden
Flinten, um sie seinem Jagdherrn hinzubieten. Der schob sie mit der
Hand zurück: »Uff so 'n jutes Muttchen losknallen? Neeee!« Wortlos
schüttelte Hiesel Schneck den Schädel mit dem zitternden Schnauzer,
schien sich in bedenklicher Nähe eines Gehirnschlages zu befinden und
klagte: »Da fehlt's weit!«
Neues Horngeschmetter, eine gesteigerte Knallerei auf allen Ständen,
und durch die Mulde trollten in zerzaustem Winterkleid zwei junge
Hirsche herab, die ihre Geweihe schon abgeworfen hatten. Auch sie
passierten unbeschossen den Stand des jungen Offiziers. Das begriff
der Hiesel, und seine grimmige Laune schien sich zu bessern. Aber
gleich darauf ereignete sich etwas Schauderhaftes, etwas für den
Hiesel völlig Unfaßbares. Unter einem Fortissimo der Hörner, die
eine Steigerung aller Reize des Großen Jagens zu verkünden schienen,
sausten mit wundervollen Fluchten zwei Gemsböcke durch die Mulde
herunter, mit schön gebogenen Krucken über den weißgelben Backen,
noch im schwarzen, wenig geschädigten Winterkleid, bei ihrem dichten
Pelzwerke kugelrund erscheinend, die wachelnde Bartsäge über den Rücken
hin. Vom aufwärtsziehenden Sonnenwinde gewarnt, wollten sie seitwärts
aus der Mulde fahren, prallten gegen die elastische Fichtenhecke,
wurden zurückgeschleudert und überschlugen sich, rafften sich wieder
auf und hetzten nun mit schnellenden Weitsprüngen gerades Weges gegen
den Stand herunter. »Aber jetzt,« lachte der Hiesel Schneck, »gelt
ja, jetzt rührt sich der Preiß ein bißl!« Das stimmte. Der junge
Oberst war aufgesprungen, konnte sich an dem prachtvollen, ihn heiß
erregenden Bilde nicht sattschauen, wirbelte sein fast kindhaftes
Entzücken mit einem französischen Wortgeprassel aus sich heraus, und
als die beiden Gemsböcke drei Schritte vor ihm mit hohen Fluchten
über die grünverkleidete Kanzeltreppe setzten, applaudierte er so
leidenschaftlich, wie er's noch niemals in einer französischen Komödie
getan hatte, schlug den sprachlosen Hiesel Schneck begeistert auf die
Schulter und lachte: »Menschenskind! Det war jeradezu himmlisch!«
»Da legst dich nieder!« murrte der Hiesel trostlos und wälzte in
verstörter Seele den Gedanken umher: wie das mit ihm werden würde,
wenn *alle* Preißen so schauderhafte Jäger sind? Da lief er, wenn
er exulierte, einem Leben entgegen, bei dem er sich Tag für Tag so
namenlos ärgern mußte, daß ihm schließlich vor Gift und Zorn die
weidmännische Galle verläßlich platzen würde. Etwas Verzweiflungsvolles
redete aus seinen Wasseraugen, als er zögernd fragte: »Herr? Sind im
luthrischen Sand da drunt die Jäger *alle* so wie Ös?«
»Wie wer?«
Im Hiesel begann es zu kochen. »Kreuzikruzi --« Der Himmelhund, der nur
ein bißchen aus dem Schneck herausgeblinzelt hatte, blieb ungeboren.
»Verstehst denn nit? Der Ös bist du! Und wissen muß ich, ob im
Preißischen *alle* Jäger so sind wie du?«
Der junge Oberst lachte erheitert. »Neee! Da bin ick der Eenzichste. De
anderen seind alle die gleichen Schlächter un Pulverschweine als hier
zuland.«
»So so? Jetzt weiß ich, wie ich dran bin.« Hiesel Schneck tat einen
Atemzug der Erleichterung; also gab's im Preißischen auch gute und
richtige Jäger; da brauchte sich der Hiesel doch nicht gerade mit *dem*
da einzulassen, der einer war, daß Gott erbarm'! Bei dieser schlauen
Rechnung erschien dem halbgesottenen Evangelikaner das Exulieren minder
schauderhaft als vor einer Minute. Und hurtig rührte sich wieder der
gewissenhafte Jäger in ihm. »Psssst! Obacht!« Der Klang der Hörner in
der Höhe wurde feierlich. Und droben bei dem weißen Stein erschien mit
ruhigem Schritt ein guter Kronenhirsch, fein abgezeichnet vom grünen
Hintergrund, mit vorgebuchteter Kehlzotte, über dem straff erhobenen
Haupt das prächtig verästelte Zwölfergeweih. Leis kicherte Hiesel:
»Gelt, Preißerl, da schaust!« Verwundert sah der junge Offizier den
langsam niedersteigenden Hirsch und wieder den Jäger an: »Werfen denn
hier de ollen Hirsche det Jeweih nich ab im Frühling?«
»Jöises!« klagte der Hiesel. »Jetzt weiß der so was nit! Wann's halt
ein Gschnittener ist! Verstehst?«
»Wat?«
»Kreuzsakra! Den hat halt der Wildschneider im Herbst kastriert. Da
wirft einer 's Geweih nimmer ab. Söllene sind an die Dreißig im Jagen.«
»Ach, det arme Luder!« Mit einer harten Furche zwischen den Brauen
griff der junge Oberst rasch nach der Flinte. Ein Ruck an die Wange.
Im Feuer überschlug sich der Hirsch, lag verendet zwischen den
Steinblöcken, und der Schütze, unmutig das Gewehr fortstellend, sagte
mit leiser Stimme: »_Délivré des bienfaits de la providence humaine!_«
Jetzt applaudierte der Hiesel Schneck, ohne zu verstehen, daß dieser
barmherzige Erlösungsschuß für seinen Jagdherrn alles andere, nur
keine weidmännische Freude war. Was der Hiesel in seiner vergnügten
Anerkennung noch schwatzen wollte, ging unter in einem Heidenlärm,
der plötzlich den Wald zu erfüllen begann. Unter dem Geschmetter der
Hörner, die »Schluß des Jagens« bliesen, klangen die jauchzenden
Stimmen der Jäger und vieler zur Jagdfron befohlener Musketiere und
Dragoner durch den Wald herunter, näher und näher. Bei den Ständen
hallten die aufgeregten Hussarufe und Halalischreie, mit denen man
dem wundgeschossenen Wild den Fangstoß versetzte, überall scholl der
Hetz- oder Standlaut der Schweißhunde und Saupacker, manchmal auch das
Aufheulen eines Hundes, dem ein weidkranker Gemsbock das nadelscharfe
Krickel durch die Gedärme gerissen hatte; bald in der Höhe, bald
in der Tiefe sang ein Jagdhorn den »Sautod«, den »Hirschtod«, den
»Gemstod«, den »Fuchstod«; und dieser ganze, noch immer wachsende
Heidenspektakel wälzte sich von den Ständen gegen den See hinunter, um
sich völlig auszutoben in der höfischen, treu nach französischem Muster
zugeschnittenen Apotheose des Großen Jagens.
Als der junge Oberst, schon angewidert von den roten Bildern, die
er gesehen hatte, mit dem aufgeregten Hiesel Schnack hinunterkam
ans Wasser, war das herrliche _spectaculum_ Dianä bereits in Gang.
Schützen, Jäger, Musketiere und Hundejungen mit den in den Halszwingen
heulenden Bracken standen rings um das Ufer her. Das schöne Spiegelbild
der Wasserfläche war zerwirbelt von rinnenden Wellenkreisen. Jubelnde
Hornfanfaren, hallendes Echo an den Felswänden. Und vom Südufer des
Sees, wo hinter einer dunklen Wipfelsäge das sonnglänzende Dach der
fürstpröpstlichen Försterei emporspitzte, glitt das mit falschen
Blumen, Bändergirlanden, Fähnlein und Wimpelchen grellfarbig
aufgeputzte Schiff der gesegneten Göttin rauschend gegen die Seemitte.
Auf einem geschnitzten Hirsch, der mit vergoldetem Riesengeweih als
Galion sich herausstreckte über den Schiffsschnabel, ritt -- nicht Herr
Anton Cajetan -- nur der fürstliche Wildmeister _à la place du maître
adoré_. Hinter ihm, in einer vergoldeten Muschel, stand die heftig
atmende, ein bißchen blaß gewordene Diana mit hellenischer Lanze und
einem funkelnden Halbmöndchen über dem gepuderten Lockenbau. Auf der
anschließenden, grüngeländerten Plattform hatten sich rings um den
Allergnädigsten Herrn die bevorzugten Jagdgäste höchster Rangordnung
und die hilfsbereiten Domizellaren versammelt, alle mit langen
Jagdspeeren bewaffnet. Und hinter der Plattform rauschte das Wasser
weiß um die zwanzig Ruderschaufeln, die von maskierten Schiffern,
von haarigen Faungestalten regiert wurden. Eine neue Fanfare, ein
Hussajubel und Brackengeläute rings um den schimmerigen See, ein
dröhnender Böllerschuß mit endlos rollendem Echo, und aus einer grünen
Triumphpforte -- wie ein schlammiger Wasserschwall sich im Bogen
hervorstürzt aus einer jäh geöffneten Schleuse -- schnellte sich eine
braune, schwarze, rötliche Zappelmasse vom Ufer in das aufspritzende
Wasser: das in der »Seekammer« angesammelte Wildgewühl, hinter dem die
Hetzhunde her waren. Von beiden Ufern klatschten die gelösten Bracken
heulend in die Wellen hinein, trieben den schwimmenden Wildknäuel gegen
den flitterfarbig heranrauschenden Dianentempel, und da stießen und
stachen vom goldenen Sitz der Göttin und von beiden Seiten der grünen
Plattform das hellenische Länzlein und die langen Speere auf und
nieder, daß es immer blitzte von den zuckenden Klingen. Das erstochene
Wild drehte die Bäuche nach oben, wobei das schöne blaugrüne Wasser
sich mit schmutzigem Rot zu färben begann. Und Jubelgeschrei und
Hörnerschall ohne Ende. Das gefiel nicht allen, die es sahen. Pfarrer
Ludwig, der in seinem verblichenen Jagdfrack an eine grün umwickelte
Hopfenstange erinnern konnte, war gar nicht zum Ufer gekommen. Und der
junge Oberst knirschte in Zorn und Ekel vor sich hin: »Fui Deibel!« Den
Hiesel Schneck seinen langgeschwänzten Himmelhunden überlassend, wandte
er sich vom Ufer ab und schritt immer tiefer in den Wald hinein.
Eine Stunde später, als schon der Streckenruf, der Fürstengruß und die
Dianenweise geblasen waren, mußten viele Jäger durch den Wald springen
und den Namen des Obersten von Berg zwischen die Bäume schreien. Er
ließ sich von Leupolt finden, dessen Stimme er erkannte, deutete mit
der Gerte, die er im Wald gebrochen hatte, über das Ramsauer Tal und
gegen den Toten Mann hinauf, lächelte schmal und sagte: »Det war
schöner!« Die Freude über dieses Wort schoß dem Leupolt Raurisser
mit heißer Blutwelle in das ernste Gesicht, das zu mannhaft war, um
den Gram der vergangenen Tage merken zu lassen. Dann rief er, zum
Zeichen für die suchenden Jäger, ein klingendes Hojoh in den Wald.
Sie kamen gesprungen, mit ihnen auch der schauderhaft abgehetzte
Hiesel Schneck. Die Freude lachte ihm aus den Augen, als er seinen
Jagdherrn wieder hatte, der freilich ein Preiß war -- aber was für
ein Schütz! »Kreuzikruziundsikerafaxhöllementshündl, hat *der* dem
Hirsch dös preißische Kügerl auffizirkelt aufs richtige Fleckl!
Verstehst?« Das wurde -- wie für den verewigten Christl Haynacher
das Wunder der Armeseelenkammer -- für das Kindergehirn des Hiesel
Schneck eine ruhelos schnurrende, unsterbliche Geschichte. Während
ihr schweigsamer Held zwischen den heiterschwatzenden Grünröcken
der Försterei am See entgegenwanderte, klang das beginnende
Tafelkonzert der fürstpröpstlichen Hofkapelle durch den Wald wie
sommerliches Grillengezirp. Auch die Mittagsschwüle des heißgewordenen
Frühlingstages hatte was Sommerliches. Wechselnde Windzüge zerrten
die Wipfel hin und her, und kleine, kugelige Weißwolken schwammen in
auseinanderstrebenden Reihen über die wildzerrissenen Schneegrate der
Mühlsturzhörner empor.
Daß die Sonne sich ein bißchen verschleierte, das war ein Glück für
die Strecke, die auf einer Wiese der Försterei in langen Linien
ausgerichtet lag, bewacht von den schweißleckenden Bracken. Den
reichsten Weidmannssegen schien die huldreiche Göttin dieses Tages
sich selbst beschert zu haben; fast ein Viertel des erlegten Wildes
war gekennzeichnet durch die kirschroten Seidenmaschen der heute
noch allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Und gerade um diese
rotgezierten, wie mit Mohnsträußen geschmückten Wildstücke sumste
die größte Fliegenmenge. Die kleinen zarten Dianenhände hatten, bis
die Lanze ins Leben ging, sehr häufig zustechen müssen. Diese vielen
allergnädigsten Wunden besaßen für das Fliegengesums einen anziehenden
Reiz. Schweißgeruch und säuerliche Düfte umwitterten das Leichenfeld
französischer Jagdfreude und wehten bei jedem Umschlag des Windes
hinüber bis zur offnen Mahlstätte, von der die Tafelmusik und der
fröhliche Becherlärm der grünen Herren hinausklang in die Waldstille.
An die Försterei war ein großer Holzsöller angebaut, ganz eingewickelt
in Fichtengrün, die Zwischenräume der das Dach tragenden Balken
durchschlungen von Girlanden aus den ersten Blumen des Frühlings. Durch
die Lücken leuchtete das Farbengepräng der Mahlgesellschaft heraus,
und überall sah man weiße Köche, gelbe Schüsselträger, blaue Läufer
und weinrotfarbene Küfer springen. Unter dem bewimpelten Torbogen,
zu dem vier breite Stufen hinaufstiegen, erschien der Geheimrat in
sorgenvoller Erregung, sah den winkenden Hiesel Schneck und rief mit
dem Lachen eines Erlösten: »Endlich? Kommt er?« Ungeduldig schritt
er dem Erwarteten entgegen und überbrachte ihm die Kunde eines
diplomatischen Sieges. Man hatte den Oberst von Berg ganz unten an
der Tafel bei dem alten Pfarrer und den jungen Domizellaren placiert.
Danckelmann hatte sich ins Mittel gelegt, und nun erwartete den
Verspäteten der Platz an der Herzseite der Allergnädigsten.
»Meinen schuldigen Dank, lieber Geheimrat, aber ich setze mich zum
Pfarrer. Der hat mehr Charme in seinen haarigen Warzen, als das Mensch
an allen rosigen Nuditäten. Die Sorte hab ich satt.« Danckelmann
war ratlos. Eine Änderung erschien ihm völlig unmöglich. »Alles ist
möglich. Man muß nur wollen!« Und der junge Oberst, höflich nach allen
Seiten komplimentierend, ging in der Mahlhalle gerades Weges zum
unteren Ende der Tafel und auf den Pfarrer zu, legte dem Grafen Tige
die Hand auf die Schulter und sagte liebenswürdig: »Verzeihen Sie,
Graf! Jedem das Seine. Ihr Platz, vermute ich, ist dort oben.« Der
Domizellar erhob sich verdutzt, errötete mit zartem Farbenspiel und
hatte noch keine Antwort gefunden, als der junge Oberst schon behaglich
auf dem eroberten Sessel saß. Nach dem leeren Platz an der Herzseite
der Allergnädigsten schien Graf Tige keine Sehnsucht zu empfinden, war
wütend und ließ für sich, um in Gefechtsnähe zu bleiben, dem jungen
Oberst gegenüber einen Sessel zwischen die Barone von Stutzing und
Kulmer schieben. Dabei hörte man von der allergnädigsten _tête_ der
Tafel ein so auffällig Dianenlachen, daß die Annahme, der Geheimrat
hätte eine witzige Ausrede gefunden, nicht unberechtigt war.
»Hochwürden!« sagte der junge Oberst unter dem Gezirp der Tafelmusik
zum Pfarrer. »Im Walde hab ich nachgedacht über alles, was wir sprachen
auf dem Wege durch die Ramsau. Sie haben recht mit Ihrer Forderung nach
verständnisvoller Freundlichkeit. Aber Schuld ist auf beiden Seiten.
Mir ist da -- Dichter sind immer Propheten und Erzieher -- eine alte
deutsche Fabel eingefallen. Die muß ich Ihnen erzählen. Vielleicht auf
dem Heimweg.«
Pfarrer Ludwig kam zu keiner Antwort, weil Graf Tige in gereizter
Fehdelust über den Tisch herüber fragte: »Verzeihen Sie meine Neugier,
Herr Oberst! Ihr Name, von Berg? Das ist wohl preußischer Beamtenadel?«
»Jawohl, lieber Graf!« Ein graziöses Kompliment begleitete diese Worte.
»Die Männer meines Hauses haben von jeher ihren Stolz dareingesetzt,
die treuesten Diener des Staates zu sein.«
»Gedenken auch Sie diesen Stolz in sich zu erziehen?«
Mit einem fast komisch wirkenden Ernst antwortete der junge Offizier:
»Seit einiger Zeit beginne ich das zu lernen.«
»Bei Ihrer Jugend kann diese Übung noch nicht lange gedauert haben.«
Graf Tige lachte. »In Preußen scheint Mangel an gereiften Männern zu
herrschen, weil man die Zwanzigjährigen zu Obristen macht. In welcher
Bataille haben Sie sich diesen Lohn erworben?«
Ein hartes Lächeln, hinter dem es kaum merklich wetterleuchtete. »In
einem Kampf, bei dem es um Kopf und Kragen ging.«
Graf Tige guckte mit verwunderten Augen. »War denn Preußen zu Ihren
Lebzeiten in einen Krieg verwickelt? Allerdings, die preußische
Sandbüchse liegt so entfernt von uns, daß man es nicht immer gewahren
kann, wenn sich der Sand da unten ein bißchen bewegt.«
Pfarrer Ludwig bekam einen roten Kopf. »Denken Sie nicht übel von uns,
Herr Oberst! Auch hierzulande gibt es wohlerzogene Leute.«
Das schien der junge Offizier nicht zu hören. Sein Gesicht war bleich.
Nur auf den Backenknochen, die man plötzlich schärfer sah als zuvor,
glühten zwei kleine rote Flecken. Seine Augen, die unbeweglich auf den
Grafen gerichtet waren, hatten etwas Verschleiertes. Nun verschwand die
Blässe, das Blut stieg ihm ins Gesicht, schwellte die Schläfenadern,
und unter der schönen Stirne brannte der Feuerblick einer stolzen und
furchtlosen Seele. So nickte er dem Pfarrer lächelnd zu und sprach
dann mit heiterklingender Stimme über den Tisch hinüber: »Der Sand
da unten gedenkt noch Wellen zu schlagen, die man spüren wird in der
ganzen Welt. Ich glaube, der König dieser kleinen Sandbüchse wird unter
den Großen der Erde noch eine stattliche Figur abgeben. Möglich, daß
ich das nicht erlebe. Ich habe nicht den Wunsch, sehr alt zu werden.
Aber manchmal wünsche ich, in hundert oder zweihundert Jahren wieder
für einen Tag auf die Welt zu kommen, nur um zu sehen, was aus Preußen
geworden ist. Ich hoffe: viel!« Nun fand er ein Lächeln, auch für den
Grafen Tige. »Setzen Sie gütigst diesen Glauben auf Rechnung meiner
verzeihlichen Liebe zu dem Lande, das mich gebar. Im übrigen weiß ich
sehr wohl, daß ich mich als Gast an dieser Tafel jeder bescheidenen
Höflichkeit gegen den liebenswürdigsten meiner Wirte zu befleißigen
habe.«
Das Gespräch wurde durch eine lärmvolle Sensation unterbrochen. Sie
war verursacht durch eine zwiefache Neuigkeit der Speisenordnung: auf
großen, braunglänzenden Prunkschüsseln aus sächsischem Porzellan wurden
nach Krapfenart gebackene Kartoffeln aufgetragen, zwei Dinge, die man
zu Berchtesgaden bislange noch nie gesehen hatte. Das gab Veranlassung,
daß viele Becher sich erhoben, um Seiner Liebden für diese Überraschung
die verdiente Reverenz zu erweisen. Trunk und Zutrunk über die Tafel
hin und her. Man lupfte die Kannen, wie die Bürstenbinder schlucken,
und völlerte, wie es Mode und Gewohnheit war. Dazu, immer lärmvoller,
das französische Lautgewirbel, gut und schlecht, manchmal durchwürfelt
mit einigen deutschen Worten, die sich ausnahmen wie feste Steine in
glitzerndem Wassergeriesel. Bei diesem Spektakel fanden der junge
Oberst und Pfarrer Ludwig sich im Gespräch zusammen. Nach ihren Augen
und Gesichtern zu schließen, redeten sie von ernsten Dingen. Immer
lauschte Graf Tige hinüber, in der Erwartung, die erlittene Abfuhr
wettzumachen und ein Häkchen zu finden, an das eine Bosheit anzuspießen
war. Als er das Wort Exulanten hörte, fragte er lachend: »Werden denn
auch die Dritthalbtausend, um die Sie uns erleichtern, Platz finden in
dem kleinen Berlin?«
»Nicht gut. Aber man wird brüderlich zusammenrücken.« Der junge Oberst
wandte sich wieder an den Pfarrer: »Ich bin Ihrer Meinung, liebste
Hochwürden! Ein Volk, das fähig ist eines starken und tiefen Glaubens,
ist immer ein Volk, das aufwärts steigt. Brave Kerle, die aus ehrlichem
Herzen glauben, sind die Streiter, mit denen man siegt. Solche Leute
haben wir in Deutschland. Auf Ihrer und auf unserer Seite. Das ist eine
Verheißung. Drum ist es Fürstentorheit, an den Religionen wie an einem
kranken Gaul herumkurieren zu wollen. Man darf ihnen die Gesundung
nicht erschweren, die sie suchen aus Natur und eigenem Antrieb. Dann
gibt sich alles von selbst. Daß die Hölle mit ihren gewichtlosen
Flammen im Inneren der Erde steckt? Das wird man nicht mehr glauben
können, wenn gelehrte Männer wie Newton beweisen lernten, daß die Erde
in ihrem Inneren schwerer an Gewicht ist, als an der Oberfläche. Alle
Jerichotrompeten überleben sich.«
Graf Tige schmunzelte. »Sie? Als bibelfester Protestant? Sie
bezweifeln, daß die Sonne von Jericho stillgestanden? Ich glaube das.«
Ruhig, doch mit leisem Spottzucken, antwortete der junge Oberst. »Da
glauben Sie etwas Unbestreitbares, lieber Graf! Kopernikus und Keppler
haben doch bewiesen, daß die Sonne *immer* stillsteht. Da dürfte sie
vor Jericho kaum eine Ausnahme gemacht haben.«
Heiteres Gelächter erhob sich rings um die beiden. Und Graf Tige
unternahm geärgert einen neuen Ausfall. »Das Gewicht des Erdkernes
wäre noch immer kein Beweis gegen die Hölle. Verfluchte, mit Sünden
belastete Seelen müssen doch schwerer sein, als die verklärten Geister
in der Höhe. Oder schätzen Sie das Gewicht einer verdammten Seele
leichter ein?«
»Es gibt solche, die im Tausend noch keinen Gänsekiel aufwiegen.«
»Oh? Was für Seelen können Sie meinen?«
»Die Seelen aller verdammten Fürsten, die auf Erden miserabel regierten
und ihre Völker ins Unglück brachten. Gewissenlose Herrscher sind von
allen pflichtwidrigen Menschen die verfluchenswertesten. Sie haben
nur die eine Entschuldigung, daß sie ihren Beruf nicht von anderen
lernen konnten, wie ein Schusterjunge von seinem Meister, sondern ihn
erziehen mußten in sich selbst. Der Fürstenpädagog _à la mode_, dieser
Macchiavel, dieser dümmste und schädlichste von allen Schulbonzen der
Erde, erzieht den Herrscher, der seines Volkes erster und treuster
Diener sein soll, nur zum Hauptschwein seiner eichelfressenden Herde.
Auch das Salböl macht die Könige nicht. Sie machen sich selbst zu
Fürsten oder bleiben Schelme, bleiben die übelsten Ursächer des
Aufruhrs. Tiefer, als alle anderen Fürsten der Welt, müssen das die
deutschen Fürsten sich ins Gewissen schreiben. Bei anderen Völkern
führt aller Aufruhr, den fürstliche Mißwirtschaft erzeugte, über die
Verelendung der Nation wieder zurück zum Despotismus. Bei den Deutschen
wäre Aufruhr der Weg zu ewigem Untergang. Ich kann mir jedes romanische
Volk als Oligarchie oder Republik denken. Nicht das deutsche. Für
uns Deutsche ist echte Monarchie und gewissenhaftes Königtum so
unentbehrlich, wie der Atem für die menschliche Lunge. Wehe jedem
deutschen Fürsten und Bürger, der diese Wahrheit nicht voll erkennt und
nur der geringsten seiner Pflichten sich entschlägt.«
Inmitten des heiteren Tafeltrubels blieb nach diesen Worten um den
jungen Oberst her ein schweigsames Inselchen. Ein salzburgischer
Hauptmann flüsterte seinem Nachbar zu: »Dieser junge Mensch ist vorlaut
und unerquicklich, aber -- er fesselt mich wider Willen.« Und der
andere sagte: »Ein wunderlicher Patron! Der Kleinste an der Tafel, nur
ein Suppenlöffel voll Mannsbild. Aber seine Augen funkeln, als möchte
er einem Riesen die Nase aus dem Gesicht reißen.«
Bevor Graf Tige sich von seiner Verblüffung erholen und einen neuen
Lanzenstoß seines Geistes versuchen konnte, umklammerte Pfarrer Ludwig
die Hand des jungen Offiziers: »Herr Oberst, ich möchte wünschen, Sie
wären ein deutscher Fürstensohn.« Dieses Wort verwandelte sich für den
Grafen Tige zu einem Futterkörnchen seines Witzes: »Äußere Anflüge sind
vorhanden! Oder sollten Sie nicht wissen, Herr Oberst, daß Sie einige
Ähnlichkeit mit den Bildern besitzen, die von Ihrem berühmt gewordenen
Kronprinzen Friedrich in Umlauf sind?«
»Wahrhaftig?« In dem strengen, von versunkenen Schmerzen erzählenden
Jünglingsgesicht erschien ein seltsames Lächeln. »Sie sind der erste,
der mir eine so überraschende Mitteilung macht.«
Dieser unerschütterlichen Ruhe gegenüber wurde Graf Tige ungezogen in
Blick und Ton. »Der einzige sind Sie wohl nicht, der in Preußen unter
Mißachtung des königlichen Soldatenzopfes diese freigeistige Haarmasche
nach hohem Muster trägt. Wenn Fürsten oder Fürstensöhne um guter oder
übler Eigenschaften willen berühmt oder berüchtigt werden, findet sich
mancher, der sich frisiert nach ihrer Silhouette.«
Pfarrer Ludwig erschrak, doch der junge Offizier behielt das
unveränderliche Lächeln und sagte mit dem gewinnendsten Klang seiner
Stimme: »Da haben Sie eine überaus treffende Bemerkung gemacht, mein
lieber Graf! Nachahmung ist die billigste und erbärmlichste Kunst
aller Menschen. Wenn sie ihre Blähungen blasen hören, glauben sie den
Donner zu kopieren und wähnen Jupiter zu sein. In solchen Künsten
sündigen gerade wir Deutschen am verwerflichsten. Wollen wir nicht
völlig zu Affen werden, so muß ein Erlöser kommen, der uns wieder zu
selbstbewußten Menschen macht. Verzeihen Sie also bei der Allgemeinheit
dieses deutschen Lasters auch mir eine kleine Sünde der Eitelkeit!
Man ist leider, wie man ist. Gott scheint kein Töpfer zu sein. Eines
ehrlichen Töpfers Bestreben ist es, nur runde und gute Töpfe zu drehen.
Gott dreht nicht nur so vortreffliche Menschen, wie Sie einer sind,
mein liebster Graf! Er dreht auch Menschen von so verzweifelt buckliger
Art, wie ich einer bin. Aber ich will nicht unverbesserlich sein und
verspreche Ihnen, meine Frisur so entschieden zu ändern, daß fernerhin
an mir keine Spur von Perückenähnlichkeit mit einem Menschen zu finden
sein wird, den ich um seiner üblen Vergangenheit willen heute noch
häßlicher sehe, als ihn der eigene Vater sehen mußte.«
Während Pfarrer Ludwig sich schweigend auf dem Sessel zurückbeugte und
den jungen Oberst mit großen, forschenden Augen betrachtete, warf der
salzburgische Hauptmann mißbilligend ein: »So sollte ein Offizier nicht
sprechen von seinem zukünftigen König. Der Gott aller soldatischen
Religion heißt Loyalität und muß nach obenhin so blind sein, wie die
Justitia.«
»Verzeihen Sie, Herr Kamerad, die Religion des preußischen Offiziers
muß eine andere sein. Sie muß hellsehende Augen haben nach oben und
nach unten. Ihr einziges Dogma muß lauten: die Arbeit zu tun, die von
einem klugen Führer befohlen ist, seine Pflicht höher einzuschätzen,
als sein Glück, sich selbst zu verleugnen und sein ganzes Leben den
Zukunftszwecken des Staates, dem Wohl seines Volkes zu unterwerfen und
nur den einzigen Ehrgeiz zu besitzen, ein guter Preuße zu sein und ein
deutsches Herz zu haben.«
Der salzburgische Hauptmann schüttelte den Kopf und lachte: »Herr
Oberst, Sie predigen die soldatische Sklaverei.«
»Im Gegenteil, Herr Kamerad! Der freieste Mensch ist nicht jener, der
immer tun kann, was ihm persönlich zusagt. Der ist der freieste, der
die notwendigen Gesetze am redlichsten achtet, seiner vaterländischen
Pflicht am willigsten genügt und kein Stäubchen von Vorwurf oder Reue
auf seiner Seele fühlt. Und das freieste von allen Völkern ist jenes,
das die meisten Soldaten solcher Art besitzt. Da sollen die Feinde
kommen. Man haut sie auf die Köpfe.«
»Oh, wie gewalttätig!« warf der sanftblickende Domizellar von Stutzing
ein. »Sie scheinen gering von dem zu denken, was man hier auf Erden
als Frieden bezeichnet?«
»Nein! Friede ist das schönste von den Dingen der Welt. Nur nicht
möglich unter allen Umständen. Die Friedfertigen um jeden Preis
zerstören wohl keine fremden Häuser, aber sie bauen auch das eigene
nicht auf.« In der Erregung, mit der der junge Oberst sprach, wurden
seine Gesichtsmuskeln von nervösen Reizungen befallen, die aussahen wie
Grimassen. »Es gibt gewiß viel bessere Dinge auf der Welt, als Soldat
sein müssen. Aber so lange die Menschen bleiben, wie sie sind -- und
sie werden *immer* so bleiben -- so lange ist jenes Volk auf Erden am
sichersten, das die schlagfertigste und gewissenhafteste Armee erzieht.
Eine solche Armee ist nicht nur höchste Geborgenheit des Staates, nicht
nur eine militärische, auch eine moralische Macht, eine Schule der
Selbsterziehung des Volkes.«
»Und Sie meinen,« spottete Graf Tige, »eine Armee von solch fabulöser
Beschaffenheit wäre die preußische?«
»Ja.«
»Was hat sie denn schon geleistet? Für uns in der Ferne erscheint sie
nur als ein Gamaschenklotz ohne Zweck.«
»Dieser Klotz wird sich bewegen.«
»Wann?«
»Sobald das Wort gesprochen wird, das ihn belebt. Sie, lieber Graf,
als angehender Priester der katholischen Kirche werden vermutlich ohne
Kinder bleiben.« Die brennende Verlegenheitsröte übersehend, die dem
Neuensteinischen Verkündigungsengel in die Wangen fuhr, sprach der
junge Oberst mit jagenden Worten weiter: »Aber Brüder oder Schwestern
haben Sie wohl? Deren Kinder und Kindeskinder werden mitzehren an
den deutschen Früchten jenes beweglich gewordenen Gamaschenklotzes.
Deutscher Boden droht die Schüssel für alle fressenden Hunde der
Nachbarschaft zu werden. Die vergönnen uns die eigene Mahlzeit nur,
wenn wir die Faust haben, den nach unseren Knochen Lüsternen die
Zähne einzuschlagen. Sieger wird keiner, der nicht alles gibt, was in
ihm ist. Diese Opferfreudigkeit wollen wir in unseren Offizieren und
Soldaten, in unserem ganzen Volk erziehen. Dann wird dafür gesorgt
sein, daß uns die Welt nicht unterkriegt. Das gelänge ihr nur, wenn
man ihresgleichen wäre. Wir haben die Pflicht und Absicht, uns
wesentlich zu unterscheiden von ihr. Dann wird die Zeit kommen, in der
das kleine Preußen zu wachsen gedenkt. Und was ein Segen für Preußen
ist, wird zum Heil werden für alle Deutschen. Der Aufstieg und die
politische Neugeburt des deutschen Volkes wird uns nicht durch den
strohdreschenden Reichstag und nicht durch die schimmelig und hohl
gewordene römische Kaiserpuppe beschert werden, sondern durch das
junge, erstarkende Preußen der Zukunft.«
Diesen Worten folgte an der Tafel ein etwas unfrohes, fast höhnisches
Gelächter. Nur Pfarrer Ludwig blieb ernst und grollte in Zorn: »Wie
kann man da lachen? Wenn jeder Deutsche so denken würde, müßte man
nicht in Durst, in Zweifel und Sehnsucht auf den Augenblick harren,
der den Kaiser im Untersberg von seiner finsteren Schlafsucht kurieren
wird.«
Graf Tige sagte mit spottender Heiterkeit: »Wie reizend, Hochwürden!
Ihre siebzig Jahre befinden sich in kindlicher Märchenlaune!«
Da beugte sich der junge Oberst, die zitternden Hände um den
Champagnerbecher geklammert, über die Tafel hinüber. In dem
vorgestreckten Spitzgesichte flammten die Augen, während er mit
leiser und dennoch scharfklingender Stimme sprach: »Die Kindermärchen
der Völker sind ihre schönsten und tiefsten Sehnsuchtsschreie.
Solche Sehnsucht braucht nur beharrlich zu sein, um die Erfüllung zu
erzwingen.«
»Herr Oberst!« Die Stimme des hübschen Domizellaren erinnerte ein
bißchen an das parisische Gezwitscher der Allergnädigsten. »Das stimmt
nicht für Märchen. Die erfüllen sich nie. Noch weniger stimmt es für
politische Phantastereien. Ihr heimatliche Selbstbewußtsein in allen
Ehren! Ich mache Ihnen hierüber sogar mein Kompliment. Es frägt sich
nur, ob das deutsche Volk und die deutschen Fürsten auch gewillt wären,
sich von Preußen an den Roßschwanz nehmen zu lassen?«
Das Gesicht des jungen Offiziers, in dem alle Erregung plötzlich
erloschen schien, war verwandelt zu ruhigem Lächeln. So wandte er sich
dem Pfarrer zu und sagte: »Man muß die Deutschen selig machen *gegen*
ihren Willen. Oder sie werden es nicht.«