Zur Linken der vierfach entbehrlichen Gerechtigkeit wandelte der
Feldwebel Muckenfüßl mit dem Krückstock der polizeilichen Gewalt.
Hinter den beiden marschierten vier Soldaten Gottes mit aufgepflanzten
Bajonetten. Dieses Doppelkleeblatt der Weltbeglückung verfügte sich ins
Tal der Ache und zum Lehen des Christl Haynacher.
In dem sonst so stillen Gehöfte war es lebhaft. Vieh wurde
davongetrieben; bei den Hecken fing man die gackernden Hennen; Heu
und Stroh wurde auf einen Leiterwagen geladen, und ein paar lustig
schwatzende Burschen schleppten allerlei Hausgerät aus dem Flur
und stellten es in die Sonne. Nachbarsleute standen bei der Hecke;
sie schwatzten leis miteinander oder guckten zum Haus hinüber, wo
der Christl Haynacher auf der Türbank saß, das schlafende Bübl mit
leisen Bewegungen auf seinem Schoße wiegend. Sein verzerrtes Gesicht
war aschenfarbig, und die tief eingesunkenen Augen brannten aus
bläulichen Ringen heraus. Dennoch bot er den Anblick eines ruhigen
Menschen und lächelte immer ins Leere, als wären die Dinge, die um
ihn her geschahen, für sein Herz und Hirn eine ferne Sache. Manchmal
machte er mit der Hand einen raschen Griff nach seiner Hüfte, um
zu fühlen, ob die Geldkatze noch da wäre, die er nach der Übergabe
umgeschnallt hatte. Einer von den Nachbarn ging auf den Christl zu
und sagte: »Mensch! Warum tust denn du exulieren? Du bist doch ein
Gutkatholischer!«
»Wohl! Und *was* für ein guter!« nickte der Haynacher und schaukelte
sein Bübchen. »Aber exulieren tu ich.«
»Du Narr! Warum denn?«
Das lächelnde Gesicht des Christl wurde wie eine starre Maske. »Warum?«
Er hob die funkelnden Tieraugen. »Schnaufen muß ich wieder können.
Luft muß ich haben. Ein Kreuz muß ich aufstecken, ich weiß nit wo. Und
erzählen muß ich dürfen, wie gottselig meine Martle gestorben ist.« Ein
heiseres Aufkichern. »Mein Vieh und mein Zuig ist alles verkitscht.
Morgen, eh die Sonn kommt, bin ich schon über der Grenz. Gott soll euch
gutbleiben, ihr Nachbarsleut! Mich sehet ihr nimmer.« Da rief bei der
Hecke drüben eine schrille Weiberstimme, wie warnend: »Christl! Die
Soldaten Gottes kommen.«
»So so?« sagte Christl. Was gingen ihn die Soldaten Gottes an? »Die
kommen, ich weiß nit zu wem. Bloß nit zu mir. Bei mir ist alles
protokollarisch. Mein Kopfgeld hab ich schon gestern gezahlt. Zwanzig
Gulden, Nachbar!« Er lachte wieder. »Weil ich ein Gutkatholischer bin.
Als Luthrischer hätt ich's billiger haben können um fufzehn Gulden. Ja,
Nachbar, der richtige Glauben ist einen Batzen wert. Da zahlt einer
gern. Gelt, ja?«
Der Nachbar schüttelte den Kopf, ohne zu antworten, guckte scheu zur
Straße hinüber und ging auf die Hecke zu. Er hatte ein gutes Gewissen,
seine Haustür und seine Kreuzstöcke waren nicht rot angestrichen,
aber wenn die Soldaten Gottes kommen, ist's immer besser, man ist
weit davon. Auch die Leute, die nach protokollarischem Recht das
Haynacherlehen ausräumten, stellten ihre muntere Arbeit ein und
drückten sich hinter die Scheune. Würdevoll, die Amtsmiene mit einiger
Heiterkeit aufgeschmälzt, betrat der Landrichter unter Muckenfüßls
kanzleideutschem Geleit den stillgewordenen Hofraum des Haynacherlehens
und gab den vier Gottessoldaten einen Wink, sich vorerst in Reserve
zu halten. Schweigend schritten die beiden der Haustür zu. Weil sie
die Sonne über dem Nacken hatten, krochen ihre verkürzten Schatten wie
kleine schwarze Teufelchen vor ihnen her.
»Grüß Gott, ihr Herren!« sagte Christl ruhig, nur ein bißchen
verwundert. »Aufstehen kann ich nit. Mein Bübl schlaft.«
»So wird er es wecken müssen. Um Abschied von ihm zu nehmen.« Die
vier Entbehrlichkeiten hatten das reinste Deutsch gesprochen.
Dennoch verstand der Christl nicht. Doktor Halbundhalb mußte sich
entschließen, etwas deutlicher zu werden: die Regierung hätte nichts
dagegen einzuwenden, daß der Haynacher das Land verlasse; einen
unverbesserlichen Narren gewaltsam festzuhalten, läge nicht im
Interesse der Obrigkeit; keinesfalls aber dürfe sie damit einverstanden
sein, daß ihr ein zweifellos katholischer Deszendent entzogen würde,
der sich zu einem verwendbaren Subjekte anzuwachsen verspräche.
Weil Christl noch immer so wunderlich dreinguckte, fiel Muckenfüßl
erläuternd ein: »Kapierst du denn nit, du _Rhinoceratissimus_? Du
selber därfst marschieren, wie's dir quodlibetiert. Dein Kindl bleibt
_in loco hujus_.«
Trotz des gehäuften Lateins begann im Haynacher das Verständnis zu
erwachen. Sein Gesicht entfärbte sich, seine Augen wuchsen, und fester
schlossen sich seine Arme um das schlummernde Bübl.
»Man hat für sein Kind eine freundliche Unterkunft eruiert und wird es
christlich erziehen,« sagte der Landrichter mit beruhigender Milde,
»wobei natürlich dem Kindsvater die Pflegekosten zufallen, die er für
zehn Jahre zu deponieren hat, mit 26 Gulden _pro anno_.«
»Herr?« Das war kein verständlicher Laut, war wie ein gurgelndes
Husten. Der Christl tat ein paar schwere Atemzüge, wurde wieder ruhig,
schüttelte den Kopf und konnte lächeln. »Guter Herr, da müßt Ihr Euch
verschaut haben in der Hausnummer. Ich bin kein Evangelischer nit, dem
man sein katholisches Kind wegnehmen därf. Ich bin noch allweil --« Er
verstummte, weil er im Gesicht des Feldwebels etwas gesehen hatte, was
ihm kalt in die Adern fiel. Langsam erhob er sich, preßte das Kind an
seinen Hals, wich ein paar Schritte zurück und ließ die Augen irren wie
ein gefangenes Tier, das nach einem Ausweg späht.
Aus reicher Erfahrung verstand sich Muckenfüßl auf das leiseste
Anzeichen von Renitenz; er hatte gegen die Musketiere mit zwei Fingern
eine Gabel und dann einen bogenförmigen Wink gemacht. Solang diese
Ordre nicht ausgeführt war, erschien ihm Milde empfehlenswerter als
polizeiliche Strenge. Mit biersanfter Herzlichkeit sagte er zum
Haynacher: »Jetzt tu nit obstinat sein, du verdrehter Subjektivus!
Und mach keine Spurifaxen nit, wo's die Obrigkeit _in loco hujus_
deinem Kindl aus christlicher Pietätigkeit so gütig vermeint.« Der
Landrichter, als wäre seine amtliche Mitwirkung bei diesem gutgläubigen
Vorgang beendet, trat gegen die Hecke hin und betrachtete aufmerksam
das ungeackerte Gerstenfeld, auf dem die Frühlingsblumen zu blühen
begannen, obwohl da keine Menschenhand gesät hatte. Und Muckenfüßl
hängte den Krückstock der Polizeigewalt an seine Säbelkuppel, trat
mit ermunterndem Lachen auf den Christl Haynacher zu, streckte
die gespreizten Finger wie eine freundliche Kindsmagd und sagte
wohlwollend: »Schau, Christl, sei ein bißl intelligentisch. Tu
gehorsamen und gib halt in Gottesnamen das Würml her!«
Der Haynacher sah aus, als möchte er in seinem ratlosen Gram einen
Kniefall machen und um Gnade betteln; aber sein Körper streckte sich
hart; dabei klang seine Stimme wie das Klagen eines gequälten Kindes:
»Jesus, Jesus, nit um Leben und Sterben, mein Bübl laß ich nit aus.«
»Was einer nit gibt, das muß man nehmen.« Wieder, und diesmal mit
obrigkeitlichem Unterton, fügte der Feldwebel bei: »In Gottesnamen!«
Der irrende Blick des Bauern sah vom Straßenzaun zwei Musketiere
herankommen. Nun hörte er die klirrenden Sprünge der beiden
anderen, die ums Haus herumgelaufen waren und hinter der Mauerkante
hervortauchten. Ein Ausweg war da nimmer. Im Gesicht des Christl
Haynacher, dem die Verzweiflung das Gehirn zerwirrte, vollzog sich eine
grauenvolle Veränderung. Unter heiserem Auflachen riß er das große
Bauernmesser von seiner Hüfte und grub es mit raschem Stoß in das Herz
seines schlummernden Kindes. Das Bübchen zuckte nur ein bißchen, wie
Kinder im Traum zusammenfahren, und ließ das Köpfl auf der Schulter
des Vaters liegen, als schliefe es friedlich noch immer weiter. Das
Gesicht des Christl war so weiß wie die Mauer seines verlorenen
Hauses. Die rechte Hand war rot geworden. Er streckte sie hinauf gegen
die Sonne und schrie: »Meines Kindes Blut soll kommen über alle, die
uns Menschen plagen im Namen Gottes!« Mit Sprüngen, wie ein von Hunden
gehetztes Wild sie macht, unter rasselnden Atemzügen, rannte er gegen
die Hecke hin, warf sich durch die Stauden und gewann den Gerstenacker,
während hinter ihm das Geschrei der Obrigkeit, der Musketiere und der
erschrockenen Nachbarsleute zeterte.
Hinfallend auf die beiden Knie, ließ der Haynacher das entseelte
Bübchen von seiner Schulter gleiten und stieß das blutige Messer, das
zwischen Griff und Klinge eine stählerne Querspange hatte, in den
grünwerdenden Grabhügel der Martle. »So, Weibl!« keuchte er. »Jetzt
hast du dein Kreuz!« Ein grelles Lachen zerriß ihm die Stimme. »Ist
kein heiliges nit, aber eins, das die Herren nimmer verbieten können.«
Er zuckte vom Boden auf. Mit dem Ausdruck eines entrückten Bekenners
hob er die roten Hände und schrie zum Himmel: »Sie hat's verdient! Von
allen Christenseelen die frömmste! Und ist gestorben, so schön, wie
seit dem heiligen Peter und Paul kein römischer Bischof nimmer sterben
hat können auf seinem vergoldeten Sessel!« Nach diesem Schrei überkam
ihn eine steinerne Ruhe. Das verzerrte Gesicht drehend, gewahrte
er bei der grün überhauchten Hecke die obere Hälfte des schwarzen
Landrichters mit dem kalkweißen Gesicht und der schneeblanken Perücke.
Er sah nicht den Feldwebel, der mit geschwungenem Säbel halblateinisch
kommandierte, sah nicht die Musketiere, die sich durch die Hecke
warfen, sah nicht die schreienden Leute. Nur den Doktor Willibald
Hringghh. Mit zuckenden Händen griff er in die Luft. »Wie, du! Komm
her! Oder traust du dich nit?« Ein wildes, jedem menschlichen Klang
entrücktes Lachen, gleich dem Gebrüll eines gepeinigten Tieres. »Schau
her, du! Meine Händ sind leer. Ich hab kein Messer nimmer. Und mag nit
greifen nach einem Prügel. So viel wie ein räudiger Hund verdienst du
nit.« Mit greifenden Fäusten stürzte er auf die erschrocken wackelnde
Perücke zu. »Für einen, wie du, da reichen zehn römischkatholische
Finger aus!« Dem Christl Haynacher fiel der Kopf vornüber, und seine
Fäuste sanken. Zwei obrigkeitstreue Bajonette waren ihm in die Brust
gefahren. Übersprudelt vom roten Brunnen seines Lebens, fiel er auf den
Gerstenacker hin und lag wie ein Entseelter in den jungen Blumen. Nun
bewegten stoßende Atemzüge seine Brust. Er tat die Augen auf, die er
schon geschlossen hatte, hob sich mit stemmenden Armen vom Boden und
sprach in Verzückung: »Es ist ein Gott, und ich glaub. Ihr Sünder, euer
Irrtum ist des Erbarmens wert. Mehr sag ich nimmer.« Lächelnd fiel er
zurück, und das Leben entrann ihm.
Drüben bei der Hecke des Nachbarlehens fingen die Leute wie verrückt
zu schreien an. Die Musketiere standen mit verdutzten Gesichtern,
als begriffen sie nicht recht, was da im Handumdrehen geschehen war,
und Muckenfüßl fühlte eine Anwandlung von Übligkeit, weil er Blut in
solcher Menge nicht sehen konnte. Nur Doktor Willibald Hringghh, obwohl
seine Nase so weiß wie seine Perücke war, erkämpfte bis zu amtlich
notwendigem Grade seine Fassung, lüftete das Barettchen und sagte
kurzatmig: »Hier hat Gott gewaltet und seine ewige Gerechtigkeit.« Mit
kummervoller Einsicht fügte er bei: »Zu spät erkenne ich die Wahrheit,
daß dieser unglückselige Mensch kein Schwachkopf, sondern ein geborener
Verbrecher war.« Getreu seinen Pflichten, erledigte er die peinlich
genaue Inaugenscheinnahme des Tatortes, begab sich in das leergewordene
Haus, ließ Tisch und Stühle in die ausgeräumte Stube zurücktragen und
verfaßte unter häufigem Kopfschütteln ein ausführliches Protokoll. In
seinem Amtseifer überhörte er den wachsenden Lärm, der vom Gerstenacker
des Christl Haynacher herüberscholl.
Als der Landrichter bei rotwerdender Sonne das abgestorbene Haus
verließ, befiel ihn vor dem Anblick des lärmenden Gewühls von zwei,
drei hundert Menschen ein sichtliches Unbehagen. Er fühlte sich
zwischen dem Muckenfüßlschen Polizeisäbel und den gottsmilitärischen
Bajonetten nicht mehr sicher und schlug ein überhastetes Tempo an.
Dadurch gestaltete er die Situation noch unerquicklicher. Eine
schreiende, schmähende, von Zorn durchfieberte Leutmenge rannte hinter
ihm her und begann mit Steinen zu werfen. Es wäre zu bösen Dingen
gekommen, wenn nicht eine unerwartete Wendung das Trauerspiel dieser
Stunde halb und halb in das Gegenteil verkehrt hätte. Ein großer
Rattenpinscher, der, gereizt durch die Blutwitterung, schon immer
aufgeregt gebelfert hatte und nun den springenden Landrichter erspähte,
mißverstand die Sachlage, verwechselte die Gerechtigkeit mit dem
Verbrechertum, schoß wie ein Pfeil hinter dem Fliehenden her, erwischte
ihn und riß ihm nicht nur einen langen Flügel aus dem richterlichen
Talar, auch noch ein mageres Stück Fleisch aus einer Körpergegend, die
sogar ein Liebling der Justitia beim Sitzen nicht zu entbehren vermag.
Aller Zorn der aufgeregten Menschen schlug in befreiendes Hohngelächter
um, als sie den siegreichen Rattler das schwarze, ein bißchen
rotgetüpfelte Fähnlein der Gerechtigkeit so stolz in der stichelhärigen
Schnauze umhertragen sahen. Und während Muckenfüßl und die Musketiere
rasch den klagenden Herrn davonführten, der eine purpurne Träufelspur
seines amtlichen Waltens hinter sich zurückließ, rief ein junger
Mensch, den die Amnestie aller Evangelischen erst am Morgen aus dem
Aufenthalt ohne Mond und Sonne erlöst hatte: »Gucket, Leut! Jetzt hat
er einen von seinen vier überflüssigen Buchstaben eingebüßt! Gott
soll's geben zum Wohl der Menschen, daß man ihm die drei anderen auch
noch ausknuspert. Kann er die Gerechtigkeit nimmer im Sitzfleck haben,
so könnt man hoffen, daß sie ihm hinaufsteigt ins Gehirn.«
Bevor die Sonne noch über den Toten Mann hinuntertauchte, kamen
viele Musketiere und Dragoner zum Gerstenacker des Christl Haynacher
marschiert, um die in staatsgefährlichem Grad gestörte Bürgerruhe
wieder herzustellen. Als man die beiden kaltgewordenen Menschenkinder,
Vater und Bübl, zur Armeseelenkammer brachte, war die Geldkatze des
Christl spurlos verschwunden. Nach Anbruch der Dunkelheit wurden die
zwei Entseelten, die als gutgetaufte Christen ein unverlierbares
Anrecht auf heiligen Boden hatten, ohne Aufsehen im Friedhof bestattet.
Und der von seinem bedrohlichen Wahn geheilte Jesunder benützte
diese Gelegenheit, um unauffällig den durch ein schwarzes Heidenkind
entweihten Gottesacker neu zu konsekrieren. Er vollzog die heilige
Handlung so nachdrücklich, daß er mit einiger Berechtigung hoffen
durfte: die Weihe würde sogar bis zur Außenseite der Friedhofsmauer
penetrieren.
Solang die Polizeistunde noch nicht geschlagen hatte, ging es auf dem
Brunnenplatz und in der Marktgasse sehr unruhig zu -- am unruhigsten im
Hof des Leuthauses. Da standen ein paar hundert Menschen beisammen. Die
hätten gerne noch erfahren, was die zwei preußischen Herren mit ihrem
Nachtbesuch beim Kanzler von Grusdorf zur Beruhigung der evangelischen
Mütter und Väter auszurichten vermochten. Die Polizeistunde schlug,
ohne daß die Harrenden eine Nachricht hörten; sie mußten heim in ihre
Stuben, mußten sich im Bangen um ihre Kinder noch gedulden durch eine
lange Sorgennacht.
Früh am Morgen rasselte die Polizeitrommel. Der Feldwebel Muckenfüßl
begleitete sie nicht. An seiner Stelle mußte ein anderes Polizeiorgan
der lauschenden Population verkünden: daß, zum ersten, die exulierenden
Väter und Mütter das unbedrängte Verfügungsrecht über Verbleib oder
Mitreise ihrer Kinder hätten. Und zum anderen: daß der allergnädigste
Fürst den traurigen Vorfall im Haynacherlehen aus gerechter Empfindung
beklage und die beiden Beamten, denen eine folgenschwere Unüberlegtheit
vorzuwerfen sei, ihres Amtes enthoben hätte.
Es war eine aufgeregte Nachtstunde gewesen, in der sich Herr Anton
Cajetan diesen Entschluß von der fürstlichen Seele gerungen hatte.
Den Feldwebel Muckenfüßl fallen zu lassen, war ihm nicht allzu schwer
geworden; nach unten hin verdünnen sich die Regierungsverpflichtungen.
Doch gerne hätte er den armen Willibald gehalten; aus Dankbarkeit
für mancherlei sekrete Dienstleistungen. Man beriet alle rettenden
Möglichkeiten und fand keinen Ausweg. Willibald mußte hinuntertauchen
in das Nichts, weniger aus Ursache der »folgenschweren Unüberlegtheit«,
als weil er durch den Verlust eines notwendigen Buchstäbchens dem Fluch
einer Lächerlichkeit überliefert war, die ihm jedes weitere Wirken als
getreues Justizkamel entschieden verweigerte. Dem Stiftsherrn, der
dem Beklagenswerten diese Botschaft mit dem Pflaster eines gnädigen
Ruhegehaltes überbrachte, konnte der leidende Mann nicht in die Augen
schauen, weil er zu besserer Bequemlichkeit des nähenden Stiftsphysikus
auf der sehenden Seite liegen mußte.
Zum kummervollen Nikodemus Muckenfüßl hatte man keinen Stiftsherrn
geschickt, nur einen fürstpröpstlichen Lakai. Der entthronte Feldwebel,
obwohl er auf ein durststillendes Versorgungspöstchen im Stiftskeller
hoffen durfte, gab durch längere Zeit keine Perle seines Sprachschatzes
von sich. »So, du Rindviech,« sagte seine tapfere, unverdrossene Frau
zu ihm, »jetzt red lateinisch!«
Im Verlaufe dieses Tages konnte Pfarrer Ludwig von seinem Fenster aus
eine Wahrnehmung machen, die ihn wieder an den Amsterdamer Singvogel
und an die These denken ließ: daß alles Geschehen unter der Sonne, so
hart und übel es auch wäre, sich doch immer wieder verwandle zu einer
aufwärts führenden Staffel des Lebens, zu einer Glückshilfe für die
Menschen. Der Tod des Christl Haynacher war ein Werk der Erlösung für
hundert bedrückte Herzen geworden. Viele Frauen, evangelische Mütter,
die in Sorge gewesen waren um den Besitz ihrer Kinder, wanderten zum
Friedhof und legten Sträuße und kleine Kränze von Frühlingsblumen auf
das frische Grab. Der alte Mesner konnte sich nicht erinnern, daß seit
Menschengedenken ein Friedhofshügel so reichen Schmuck empfangen hätte,
als die Ruhestätte des Christl. Wie sehr man diesen Blutzeugen der
Vaterliebe in Ehren hielt, das erwies sich auch an einem Vorfall, der
sich auf des Haynachers Gerstenacker ereignete. Hier gedachte gleich am
Morgen nach Christls Tod der kleine magere Bauer mit den schlauen Augen
eine nutzbringende Tätigkeit zu entwickeln. Er wollte das brachliegende
Feld mit dem Spaten umgraben -- das wäre nicht >geackert< -- und
wollte schaffweis die Jauche ausgießen -- das wäre nicht >gemistet<
in protokollarischem Sinne. Dieser klugen Auslegung dessen, was
schwarz auf weiß geschrieben stand, schlossen sich die Nachbarn des
Haynacherlehens nicht an. Sie verprügelten neben dem Grab der Martle
den wifen Protokollisten so fürchterlich, daß er das Misten und Ackern
sogar auf den eigenen Feldern für längere Zeit versäumte.
Außer dem sühnenden Schwertstreich, der auf die Amtsperücken des
Landrichters und des Polizeifeldwebels niedergefahren war, tat
die Regierung auch sonst noch unter den vier preußischen Augen
ihr Möglichstes, um die Stimmung der Population nach Kräften zu
besänftigen. Alle Polizeiverbote, die einen Hauch des Muckenfüßlschen
Geistes atmeten, wurden vom Stiftstor entfernt, so daß sich die vier
Bogen des Exulationsediktes aller würdigen Sozietät entblößt sahen.
Wie den Kanzler von Grusdorf bisher das Verbieten ermüdet hatte, so
fatiguierte ihn jetzt das Erlauben.
Aus Rücksicht auf die gereizte Stimmung der Subjekte wurden auch alle
Vorbereitungen für das Große Jagen mit Ausschluß der Öffentlichkeit
betrieben. Die zahlreichen Fahrzeuge mit den Stellnetzen und hohen
Tüchern, die Menagerievehikel mit den Hirschkäfigen, Sauzwingern
und Fuchskästen, die Küchenwagen und Proviantkarren, alles wurde
zu nachtschlafender Zeit in Bewegung gesetzt, um der kritischen
Neugier des Volkes entrückt zu bleiben. Im alten Tiergarten des
Wimbachtales arbeiteten unter Leitung des Wildmeisters und der Jägerei
zweihundert Musketiere und Dragoner drei Tage und drei Nächte lang,
um die eingegatterten Wildbestände in die Käfigfallen zu treiben,
sie nach dem Hintersee zu verbringen, an dessen Ufern das große
Prunkjagen stattfinden sollte, und sie dort nach dem höfischen Rang
der Schützen in die Kammern der zu den Ständen führenden Ausläufe zu
verteilen. Was da jagdlich mit vielen Kunstkniffen inszeniert wurde
-- in einer Jahreszeit, in der die Hirsche keine Geweihe trugen und
jede Kreatur des Waldes und der Berge die Spuren der winterlichen
Entbehrung zeigte -- war >edles Weidwerk< im gleichen Sinne, in dem der
gestutzte Hofgarten als fürstlicher Park und der verflossene Doktor
Halbundhalb als himmlischer Sendbote der ewigen Gerechtigkeit gelten
konnte. Wie unter dem Strom der Pariser Moschusdüfte viel Gesundes
auf deutschem Boden permutiert war zu üblem Geruch, so war auch der
höfische Jagdbetrieb verwandelt zu einer französischen Fratze dessen,
was man seit Jahrhunderten als deutsches Weidwerk verstand. Und im
Stifte hatten sie ihren Ehrgeiz dareingesetzt, dem Gesandten des
Königs von Preußen weidlich zu imponieren und ihm den gutkatholischen
Wildsegen ausgiebig unter die evangelische Nase zu reiben. Zahlreiche
Einladungen waren ergangen. Weil nach altem Brauch an einem Großen
Jagen, das man auch als Kapiteljagd bezeichnete, alle Stiftsherren
teilzunehmen pflegten, konnte man auch den Stiftspfarrer Ludwig um die
ihm gebührende Invitation nicht verkürzen. Er nahm sie an, weil sie
ihm ein Wiedersehen mit dem jungen Offizier in Aussicht stellte, der
sich ihm mit heiteren Worten in das alte deutsche Herz hineingeplaudert
hatte. »Jetzt schau nur,« sagte der Pfarrer zu seiner Schwester, »daß
du noch ein Fläschl Terpentin erwischen kannst, um aus meinem grünen
Jagdfrack die verjährten Weintrenzer herauszuputzen!«
Am Vorabend des Großen Jagens konnte der Wildmeister seinem
allergnädigsten Fürsten melden, daß für das weidmännische _spectaculum_
alles in bester Bereitschaft wäre, und daß auch der Himmel einen
selten schönen Frühlingsmorgen verspräche. Auf die vierte Frühstunde
war das _Rendezvous_ in den Stiftshöfen angesagt. Schon um Mitternacht
begannen die Pfannenfeuer aufzulodern und überglänzten die Stiftsmauern
mit grellem Zitterschein. Um zwei Uhr rückte alles aus, was zur
fürstpröpstlichen Jägerei gehörte. Punkt halb vier erschien Graf
Saur, der als Oberstjägermeister fungierte. Dann trafen von zwei
zu zwei Minuten, je nach ihrem höfischen Rang, die Jagdgäste ein,
zuerst die Stiftsbeamten, drauf die Offiziere der salzburgischen
Soldateska, nach ihnen die Domizellaren, von denen die Barone Stutzing
und Kulmer zur Einholung der Allergnädigsten ausgeschickt wurden,
dann die Kapitularen und der Kanzler von Grusdorf. Alle Herren zu
Pferde. Es war ein Gewieher, ein Rosseschnauben und Hufgeträppel,
daß die Stiftsmauern davon widerhallten. Fünf Minuten vor vier
erschienen die zwei preußischen Herren mit den beiden Jägern, die
man ihnen attachiert hatte -- Geheimrat von Danckelmann mit dem
Leupolt Raurisser, Oberst von Berg mit dem Hiesel Schneck, der seinem
Jagdherrn aus diplomatischer Courtoisie und mit einigem Schmunzeln als
»Auchevangelischer« bezeichnet wurde. Zwei Minuten vor vier intonierten
die Hörner den Dianengruß. Aurore de Neuenstein, in einem grünen, durch
goldene Nesteln schürzbaren Reitkleide mit flimmernden Stickereien,
kam auf einem zierlichen Pferdchen allerniedlichst in Begleitung ihrer
beiden Kavaliere angaloppiert. Die Dianenweise schwenkte hinüber
in den schmetternden Herrengruß, und aus dem Stiftsportal, dessen
Flügel sich wie durch Zauber öffneten, trat, von Windlichtträgern und
Läufern flankiert, der Landesfürst hervor, in grüner, goldstrotzender
Prunkjagdgala. Er küßte das Händchen seiner hübschen, etwas reichlich
schönbepflasterten Freundin, begrüßte liebenswürdig den Gesandten,
merklich gedämpfter den jungen Oberst, stieg zu Pferd und gab das
Zeichen zum Ausritt. Die Hörner bliesen den »Aufbruch zur Jagd«. Hinter
den hopsenden Läufern und zwischen den gaukelnden Wachsfackeln setzte
sich die lange Kavalkade in klappernde Bewegung. Als man außerhalb der
letzten Häuser auf der Ramsauer Straße war, wurden die Wachsfackeln
ausgelöscht, um den romantischen Reiz des Rittes zu erhöhen und in den
vollen Genuß des strahlenden Sternzaubers zu gelangen.
Der junge Oberst, der, solange die Fackeln noch gebrannt hatten, mit
beißendem Spott diesen »kleinhöfischen Seifenblasenschwindel« so
unbarmherzig persiflierte, daß Danckelmann in verlegene Unruh geriet,
wurde plötzlich ein stumm Entzückter, als die Lichter erloschen und
diese von den Geheimnissen der Ewigkeit durchblitzte Nacht ihn umgab.
Der reine Himmel wie ein stahlblauer Schild, gegen Osten hin schon
milchig aufgehellt. Die Berge in das tiefe Blau und in die falbe
Helle schwarz hineingezeichnet, mit weißen Schneemützen in der Höhe.
Stern an Stern in zitterndem Gefunkel. Die Milchstraße wie ein mit
Goldsand überstreutes Band. Gleich einem ewigen Feuerzeichen stand
das Sternbild des Orion über dem Toten Mann, und wie eine große
Fackel, strahlenschießend, brannte in einer Bergscharte des hohen
Göhl die Venus. Neben der Straße brauste die weißquirlende Ramsauer
Ache so laut, daß alles Hufgetäppel unhörbar wurde. Wie eine herrlich
summende Glockenstimme schwamm das ruhelose Wasserrauschen durch die
sternfunkelnde Schönheit der erlöschenden Nacht.
»Danckelmann!« Es klang wie die Stimme eines Fiebernden. »Das ist
eine von den Wunderstunden, die mich Heiden zum Christen machen. Man
fühlt den Atem Gottes, fühlt die Größe seines Werkes, fühlt seinen
ewigen Willen zum Schönen.« In dieses enthusiastische Seelenjauchzen
zwitscherte ein heiteres Auflachen der Allergnädigsten hinein. Der
Oberst, vom Französischen ins Deutsche fallend, stieß mit galligem
Ärger vor sich hin: »Na ja, un denn freecht man sich, wer ihm det
Schöne mit so 'nem Geschmeiß bedreckte.«
Dieses Gespräch wurde durch ein Wort des Fürsten unterbrochen, der
den Geheimrat an seine Seite rief. Nun ritten die Drei hinter den
hopsenden Läufern an der Spitze des Zuges, zur Rechten Herr Anton
Cajetan, zur Linken der Gesandte, in der Mitte das ruhelos piepsende
Evasvögelchen. Die Laune der Allergnädigsten _en titre_ hatte bei
aller Munterkeit etwas Gereiztes und erinnerte an den Geschmack
einer versalzenen Suppe, den ein geschickter Koch durch exotische
Gewürze prickelnd zu meliorieren verstand. Der hüllende Nachtschleier
verleitete sie zu gewagten _jeux de mots_, die sie bei hellerem Lichte
auch in galantester Stunde vermieden hätte, und manchmal, wenn sie so
pfefferig aufkicherte, wandte sie flink das Gesicht nach der Richtung
hin, aus der das Wortgewirbel des Grafen Tige, ihres verschnupften
Verkündigungsengels, zu vernehmen war.
Der junge Oberst, immer emporspähend zu dem grauwerdenden Gezack der
Berge, ritt einsam vor den beiden Jägern her, die auf dem Rücken die
vier aus den fürstpröpstlichen Waffenschränken für die preußischen
Herren ausgesuchten Jagdflinten trugen. Leupolt, wie verwachsen mit dem
Sattel, sah immer auf die Ohren seines Pferdes. Hiesel Schneck, der
unruhig hin und her wetzte, schob immer wieder den Zeigefinger zwischen
die Lippen, um ihn zu netzen und den Zug des Windes prüfen zu können.
»Heut bleibt 's Wetter nit sauber. Kreuzteufel und Hundsnoterei! Der
Wind fackelt umeinander, als tät er noch allweil nit wissen, ob er
evangelikanisch oder gutkatholisch ist. Verstehst? Kunnt sein, wir
kriegen heut ein Donnerwetter. Und was für eins!«
»Sonn ist allweil!« sagte Leupolt leise.
Während Hiesel grübelte, um den Sinn dieser drei Worte herauszukitzeln,
die wunderlich geklungen hatten, lenkte der einsame Reiter vor ihm sein
Pferd aus der Reihe. Gleich fragte der Hiesel dienstwillig: »Herr? Was
ist denn?« Er bekam keine Antwort. Der junge Oberst ließ den Kanzler
und die Kapitularen an sich vorüberreiten, lenkte sein Pferd neben den
steifbeinigen Hoppelgaul des Pfarrers hin und sprach den langen Reiter
französisch an: »Hochwürden? Wollen Sie für mich in dieser Nacht den
Dolmetsch Ihrer schönen Heimat machen?«
»Gern, Herr Oberst!« Der Pfarrer lachte. »Ich besorge nur, daß mein
wackliges Französisch Ihre verwöhnten Ohren mißhandelt.«
»Für die mangelhafte Form wird mich der Inhalt entschädigen. Den finde
ich bei Ihnen. Und Ihr Französisch, liebe Hochwürden, ist immer noch
besser, als mein erbärmliches Deutsch.«
Sie ritten Seite an Seite, wurden beim Geplauder warm, heiter, fast
kameradschaftlich, und mit wachsendem Vergnügen beantwortete Pfarrer
Ludwig die vielen neugierigen Fragen des jungen Offiziers. Bei Anbruch
des grauen Morgens erreichte der Jagdzug die ersten Häuser der Ramsau,
und der Oberst verstummte. Er hatte die getröstete Trauer und die
neuerweckte Hoffnung, die unter diesen niederen Dächern wohnte,
vor zwei Tagen in der Sonne gesehen, und die Erinnerung machte ihn
nachdenklich. Plötzlich fragte er: »Was meinen Sie, Hochwürden, wie
werden die Exulanten sich auf dem neuen Boden eingewöhnen -- da
drunten?«
»Schwer. Aber nur um der dickeren Luft willen und aus Sehnsucht nach
dem Bild der Berge. Alles andere, die neue Art der Arbeit, Knappheit
des Lebens, Umgang mit neuen Menschen, neue Pflicht und neuer Weg, das
alles wird ihnen leicht werden. Es ist ein fügsamer und verläßlicher
Menschenschlag. Und die Zweitausend, die wandern müssen --« die
Stimme des Pfarrers wurde leis, »das sind von den Unseren nicht die
Schlechtesten.«
Ein rasches, zustimmendes Nicken. »Raten Sie mir, Hochwürden! Jeden
Ratschlag will ich mit eisernem Griffel in mein Gedächtnis graben. Wie
muß man sie nehmen? Wie muß man sie behandeln?«
»Das ist mit einem einzigen Wort zu sagen: freundlich. Dann hat man
sie. Bei ihrem gesunden Seelenmagen vertragen sie alles. Immer sind sie
ohne Neid, auch gegenüber dem Besserwissen. Nur muß der Klügere ihnen
das vormachen, daß er, was er besser wissen will, auch besser *kann*.
Lacht einer über sie, weil er vermutet, daß sie die Dümmeren wären --
oder hält sie einer für minderwertig, nur weil sie anders sind, der hat
sie verloren. Für immer.«
Dem jungen Offizier fuhr es heiß in das aufmerksame Gesicht. »Waren Sie
viel auf Reisen, da drunten?« Er deutete mit flinker Handbewegung gegen
Norden.
»Ich? Nein.« Der Pfarrer lächelte. »Regensburg war der Nordpol meines
Lebens. Über die Donau bin ich nie hinausgekommen.«
»Was veranlaßte Sie, mir zu sagen, was Sie eben sagten?«
Pfarrer Ludwig sah dem Oberst in die von der Nacht umschleierten Augen.
»Das war die Klage vieler Salzburger, die lieber wieder heimkehrten in
die Knechtschaft ihrer Seelen.«
Sinnend schwieg der junge Oberst, mit einer Furche zwischen den Brauen.
Dann sprach er rasch und erregt ein Wort, dessen Zusammenhang mit dem
Gespräch der Pfarrer nicht ganz zu begreifen schien: »Ein Glück, daß es
in jedem verschweinten Jahrhundert doch überall und immer noch Menschen
gibt, die rein, verständig und redlich sind.« Wieder das nachdenkliche
Schweigen. Dann unter heiterem Lächeln das italienische Sprichwort:
»_Chi ha tempo, ha vita._«
Das Latein des Pfarrers reichte aus, um das zu verstehen: wer lernt mit
der Zeit, wird leben.
Da legte sich die schmale Hand des anderen auf das im Steigbügel weit
ausgebuckelte Knie des langen Pfarrers. »Sagen Sie mir alles, liebe
Hochwürden, was Ihre Sorge um die Exulierenden zu sagen für notwendig
hält.« Und während der Pfarrer sprach, mit aller Herzlichkeit seines
Glaubens an den Wert der Menschen, die seiner Heimat genommen wurden,
lauschte der junge Oberst so aufmerksam, daß er keinen Blick mehr
auf die wechselnden Bilder der Landschaft warf, das Tagwerden und
den ersten Glanz der Sonne nicht bemerkte, den klingenden Morgengruß
der Hörner nicht vernahm und kein Auge hatte für den aufleuchtenden
Farbenprunk des Jagdzuges. Erst als die Kavalkade auf einer kleinen
Rodung am Seeufer ins Stocken kam, blickte er auf wie ein Erwachender.
In der Windstille zwischen den dunklen Waldmauern kräuselte nicht die
leiseste Welle den Spiegel des blaugrünen Wassers. Der See als See war
kaum zu erkennen; man sah nur, daß die Schilfbeete nach aufwärts und
nach abwärts grünten; daß die Fichtenmauer mit zierlichen Wipfeln zur
Höhe strebte und gleichgültig, nur etwas blässer, in die Tiefe wuchs;
daß die von der Sonne rosig angeglühten Felsriesen mit den gleißenden
Schneefeldern hoch hinaufkletterten ins Blau und ebenso tief
hinuntersanken ins Bodenlose; und daß ein leuchtender Himmel da droben
war, ein leuchtender Himmel da drunten. Vor diesem zaubervollen Bilde
verjüngte und erhellte sich das ernste Gesicht des fremden Offiziers.
Mit einem fast mädchenhaften Lächeln sagte er vor sich hin: »Wie schön!«
Stimmengewirbel, heiteres Lachen und ein flinkes _déjeuner à
cheval_. Weißgekleidete Köche und rotweinfarben kostümierte Küfer
mit Hirschlederschürzen sprangen im Heidekraut umher und hoben die
kunstvoll aus Holz geschnitzten Platten und die silbernen Becher zu
den Herren hinauf. Unter hilfreicher Mitwirkung der Natur hatte die
ganze Aufmachung des festlich prunkenden Bildes etwas Pompöses, etwas
wahrhaft Fürstliches. Der junge Oberst sah mit sonderbaren Augen den
Pfarrer Ludwig an: »Ist das Kloster zu Berchtesgaden so reich?«
»Gewesen einmal! Was man heute verschluckt und verpulvert, wird man in
fünfzig oder sechzig Jahren bezahlen mit bayerischer Münze.« Das war
vom Pfarrer sehr ernst gesagt, fast traurig; dennoch lachte der junge
Oberst heiter und spöttisch auf: »_Tout le monde à la façon du roi de
Pologne, sauf le grand économe de Berlin!_« Das helle Knabenlachen
klang hinüber zu der Stelle, wo Aurore de Neuenstein neben dem
frühstückenden Fürsten huldreichen Cercle hielt; Herr von Grusdorf
drehte das morose Gesicht über die Schulter, und Danckelmann geriet
in Verlegenheit. Schon mehrmals hatte der Geheimrat zarte Versuche
gemacht, den jungen Oberst ins Gespräch mit dem allergnädigsten Paar
_en titre_ zu ziehen; aber so höflich Herr Anton Cajetan sich gegen
Danckelmann gab, so schwerhörig war er für diese diplomatischen
Vermittlungsversuche; und als der Geheimrat seine Bemühung erneuerte,
fand er Widerstand auf der anderen Seite -- der junge Oberst machte
eine nur Danckelmann verständliche Handbewegung und wandte sich
wieder seinem Gespräch mit dem Pfarrer zu. Die Fabel vom verkleideten
Schwegelpfeifer schien zu wirksamer Publizität gediehen zu sein. Es
begann auffällig zu werden, wie der Begleitoffizier des preußischen
Gesandten von allen Kapitularen geschnitten wurde. So auffällig war
es, daß es sogar für den Hiesel Schneck nicht unbemerkbar blieb. »Du!«
sagte er zu Leupolt Raurisser, der mit ihm zwischen den Gäulen am
Ufer stand. »Dein preißischer Helfer? Verstehst? Der muß nit gar viel
Reputation haben.«
»So? Meinst du?« Leupolt fand an diesem Morgen das erste Lächeln.
»Wohl! Um den kümmert sich keine Katz nit.«
Leupolt hob von der Erde einen kleinen Kalksteinsplitter auf, hielt ihn
auf der Hand dem Schneck vor die verdrießliche Nase und fragte: »Was
ist das?«
»So ein Steinl halt, so ein dreckets, wie's hunderttausend gibt.«
Ein Kopfschütteln. »Das ist nichts anderes, Hiesel, als wie der große
Eisberg da droben, von dem's bloß einen einzigen gibt.« Leupolt ließ
von der ausgestreckten Hand den Kiesel in den See fallen. Gaukelnd
sank die flache Steinscheibe in die blaugrüne Himmelstiefe, schien
immer größer zu werden und war umspielt von regenbogenfarbenen
Ringen. Der Hiesel guckte mit runden Augen, verstand wieder etwas
nicht und brummelte nach einem vorsichtigen Höllementsköter: »Auf'm
Stand droben wird's aufkommen, was er für einer ist. Grad neugierig
bin ich auf die preißische Pulverei.« Mißtrauisch guckte er zu dem
kleinen mageren Soldätl hinüber, das lebhaft mit dem Pfarrer sprach
und eben in hurtigem Französisch sagte: »Auf irgend eine Weise muß es
doch kommen einmal. Der Hader um Gott und Kirchenmauer kann doch auf
deutschem Boden nicht ewig währen, kann doch alles Zusammengehörige
nicht immer von neuem entzweireißen! Sie, Hochwürden, als menschlich
fühlender Priester? Halten Sie denn das für völlig ausgeschlossen, daß
sich zwischen Katholizismus und Lutheranertum in absehbarer Zeit eine
friedliche Einigung in allen Glaubensdingen ergibt?«
»Das kann und wird nicht kommen, Herr Oberst! Aber man darf als
Deutscher etwas anderes erhoffen: daß man in einer kommenden Stunde
der Not sich brüderlich Schulter an Schulter preßt. Und daß der
drohende Untergang uns allen, ob römisch oder evangelisch, das deutsche
Lebensgesetz hineinschreit in die Herzen: Liebe deinen Gott, achte den
Glauben des anderen und bleibe dir bewußt bei jedem Zornschrei und bei
jedem Lachen, daß du ein Deutscher bist. Kommt es so, dann ist alles
gut. Und *das* kann ich glauben.«
In dem strengen Gesicht des jungen Offiziers, um dessen schmalen und
dennoch edel gezeichneten Mund ein leises Lächeln dämmerte, blitzten
die stahlblanken, herrlichen Augen. »Da müßte man die Stunde segnen,
die uns Deutschen von aller Not die schwerste über die bockbeinigen
Köpfe hagelt.«
Ein klingender Hornruf. An den Waldmauern ein mehrfaches Echo. Geklirr
und Bewegung. Heiter, nur mit etwas geschraubten Tönen zwitschernd,
trabte die Allergnädigste zwischen Herrn Anton Cajetan und dem
Geheimrat auf einen weißbesandeten Waldweg zu. Ihr schwarzgetüpfeltes
Unschuldsgesicht war vom genossenen Wein und von der Anstrengung des
Rittes gerötet. Manchmal reckte sie sich ärgerlich im Sattel und atmete
dazu in einer Art, als wäre der Wunsch in ihr, etwas minder geschnürt
zu sein. Hinter den Dreien hielten sich dienstbereit die Domizellaren
von Stutzing und Kulmer, die zu weidmännischer Nachhilfe für Aurore de
Neuenstein und ihre zierliche Feuerbüchse auf den Fürstenstand befohlen
waren. Unter einem köstlichen Spiel von Lichtern und Schatten ging's
eine Viertelstunde empor durch den von grauen und weißen Felsklötzen
durchwürfelten Frühlingswald. Danckelmann fand gerechten Anlaß, das
jagdliche Arrangement mit Begeisterung zu loben. Von Stellnetzen
und hohen Tüchern war nichts zu sehen. Die Kammern und Ausläufe des
massenhaft zusammengefangenen und eingepferchten Wildes blieben
unsichtbar. Alles Künstliche war durch Tausende von eingepflöckten
Fichtenbäumchen und durch Moosballen so dick maskiert, daß man sich
immer in Gottes freier Natur zu befinden glaubte. Nur selten hörte
man irgendwo eine Jägerstimme, und manchmal klangen Pflockschläge
vom Hintersee herauf, wo jetzt, nach Abzug der Herrschaften vom
Frühstückplatz, die letzten Vorbereitungen für die weidmännische
Apotheose des Großen Jagens getroffen wurden: für den Seebogen und die
Wasserjagd.
In der Nähe des Fürstenstandes, neben dem ein Hornquartett den
Herrengruß ins Grüne schmetterte und hinüberschmolz in die zärtliche
Dianenweise, stieg man aus dem Sattel. Aurore de Neuenstein brauchte,
um niederzukommen, vier galante Domizellarenhände. Dragoner, die
schon gewartet hatten, führten die Pferde davon. Vier Büchsenspanner
geleiteten Herrn Anton Cajetan zum Fürstenstand, der aussah wie
eine mit grünem Sammet tapezierte Kanzel. Als der Fürstpropst dem
Geheimrat schon »Weidmannsheil!« gewünscht hatte, zwitscherte Aurore
de Neuenstein französisch über die Schulter: »Meine beste, liebste
Exzellenz! Nicht wahr, Sie sagen gelegentlich Ihrem kleinen Pfeifer,
daß er ein großer Flegel ist. Adieu!«
Bis zur Fürstenkanzel waren es in sanfter Steigung kaum hundert
Schritte; sie schienen der Allergnädigsten _en titre_ wachsende
Atembeschwerden zu verursachen.