»Seine Neugier wird sich gedulden können.« Eine entlassende
Handbewegung. Als die zwei Bauern mit schweren Schuhen davongepoltert
waren, schwang sich der muntere Liebling der Gerechtigkeit zu einem
philosophischen Erguß über die in Bauernköpfen generaliter grassierende
Verbohrtheit auf. Seine heitere Laune sollte sich noch weiterhin
erhöhen. Pfarrer Ludwig betrat schmunzelnd die Amtsstube. »Oh?
_Reverende?_ Was führt Euch zu mir?«
Das Schmunzeln des Pfarrers verstärkte sich. »Um ehrlich zu sein: ein
Werk der Barmherzigkeit. Oder, um gleich _in medias res_ zu hupfen: ich
will --« Nach einem Augenwink auf den Schreiber sprach er lateinisch
weiter: »Ich will meine schwerbedrückte Seele entlasten und ehrlich
zu Protokoll geben, daß ich es gewesen bin, der das Haynacher'sche
Zwillingspärl verschwinden ließ.«
Der Landrichter schickte hurtig den Schreiber aus der Stube und platzte
los. Was Lustigeres war ihm zeit seines Lebens noch nicht begegnet.
Zwischen Lachen und Lachen sagte er: »Unglaublich! Dieser Lewitter!
So viel Schlauheit hätt' ich ihm gar nicht zugetraut, obwohl man in
dieser Materie von einem Juden viel attendieren darf.« Es dauerte ein
Weilchen, bis er sich von seiner unjustiziarischen Fröhlichkeit so
weit erholt hatte, um die Gänsefeder in die Streusandbüchse tauchen
zu können. Die Feder schrieb nicht. »Seht doch,« sagte der muntere
Willibald, »wie klug meine Feder ist! Sie weigert sich, bei dieser
barmherzigen Torheit mitzuagieren.« Er griff nach einem anderen Kiel.
Diesmal fand er beim Eintauchen richtig das Tintenfaß. »Also?« Dabei
lachte er schon wieder. »Was soll ich protokollieren?«
»Daß ich aus Erbarmen mit dem unglücklichen Vater, aus Mitleid mit dem
armseligen Pärl, auch sonst aus Vernunfts- und Menschlichkeitsgründen
dem beklagenswerten Kapitelstreit ein notwendiges Ende bereitet
habe.« Pfarrer Ludwig war sehr ernst geworden. »Was ich bekenne, Euer
Gestreng, ist die reine Wahrheit. Mit einem Schlüssel, den ich aus der
Zeit meiner Amtstätigkeit noch besaß, hab ich in jener Kapitelnacht
die Armeseelenkammer aufgesperrt. Um mich unkenntlich zu machen, hab
ich einen gemäschelten Herrenmantel umgehangen, den ich mir vor Jahren
für ein höfisches Maskenfest hab schneidern lassen. So vermummelt
hab ich das arme Pärl im Friedhof zur ewigen Ruh bestattet. Mein
priesterliches Gewissen ist ohne Vorwurf. Lewitter hat uns das im
Kapitel doch auseinandergesetzt: mit der Verwebung der Muskeln, mit der
Diffusion des Blutes, _et cetera_. Da muß doch vom getauften Blut was
übergeflossen sein ins ungetaufte, also quasi eine Mittaufe des nur
leblos *scheinenden* Körperchens erfolgt sein. Nit?«
»Aaaaah! Glänzend debattiert!« staunte der hocherfreute Richter, der
nun auch den Grafen Tige, wenigstens inbetreff seiner nächtlichen
Friedhofstätigkeit gerechtfertigt sah. »Warum habt Ihr denn diese
hilfreiche Konklusion nicht im Kapitel vorgebracht?«
»Weil sie mir erst _post festum_ eingefallen ist. Daß ich also bis zu
gewissem Grad gegen kirchliche und weltliche Gesetze handelte, das weiß
ich. Und bekennen muß ich es, weil ich nicht will, daß ein halbwegs
Schuldloser leiden soll um meinetwillen.«
»Ssssso!« sagte der von fröhlichem Glück erstrahlende Landrichter nach
einer Weile, indem er unter das letzte Wort des Protokolls einen netten
Schnörkel machte. »Und wirklich, _Reverende_, dieses Bekenntnis wollt
Ihr unterschreiben?« Pfarrer Ludwig, ohne zu antworten, nahm die Feder
und kritzelte seinen Namen unter das Protokoll. Da bewegten sich die
vier überflüssigen Buchstaben. Mit einer Herzlichkeit, wie sie noch
kein anderes Menschenkind von ihm erfahren hatte, streckte Willibald
Hringghh dem Pfarrer die Hände hin und sagte voll Rührung: »Reicht mir
Eure hilfreiche Christenhand! Ich *muß* sie drücken. Es ist mir doch
bekannt, daß Jesunder stets Euer Gegner war. Um so ehrenwerter ist es
von Euch, daß Ihr einem so erbitterten Widersacher zu Hilfe kommt, der
nahe daran war, die übelsten Dinge über Euch heraufzubeschwören.«
»Herr Richter!« Pfarrer Ludwig blieb noch immer ernst. »Ich hab keinen
Schwindel gemacht, ich hab die Wahrheit gesagt.«
Ein fröhliches Lachen erschütterte das Sauermilchgehirn der
Gerechtigkeit. »Die *reinste* Wahrheit! Auch im Groben famos erfunden.
Aber permittiert mir, Euch aus dem reichen Tresor meiner richterlichen
Experienzen auf ein paar laienhafte Dissonanzen aufmerksam zu machen.
Da ist von einem Schlüssel die Rede. Wenn nun der Richter früge: >Wo
ist dieser Schlüssel?< Nein, Ihr sollt mir nicht antworten. Ich will
es Euch sagen.« Der vergnügte Willibald lächelte allwissend. »Nicht
wahr? Diesen Schlüssel habt Ihr in einen tiefen Brunnen geworfen?«
»Stimmt!«
»Und den gemäschelten Herrenmantel habt Ihr wohl verbrannt in Eurem
Stubenofen?«
»Stimmt!«
»Aber! _Reverende!_« Der Landrichter lachte, daß von den heftigen
Schüttelbewegungen die Roßhaarwuckeln seiner Perücke weißlich
zu qualmen begannen. »Euch, der die herrliche Sache mit der
diffundierenden Taufe zu finden wußte, sollte doch auch hier etwas
Witzigeres einfallen. Der tiefe Brunnen und das Ofenfeuer sind die
abgedroschensten Hilflosigkeiten vor dem Richtertische. Doch um Euch
einleuchtend zu demonstrieren, *wie* laienhaft in juridischem Sinn Eure
barmherzige _fabula_ ersonnen ist, will ich noch eine Frage stellen. In
welcher Nacht behauptet Ihr, das angebliche _crimen_ verübt zu haben?
Ihr wollt doch wohl nicht sagen: >In der ersten<? Nämlich in der Nacht,
in der es durch einen mir bekannten Täter wirklich geschah! Da ist doch
zu beweisen, daß Ihr im Kapitel wart. Nun also? Wann?«
»In der anderen Nacht.«
»Aber Hochwürden!« Die justiziarischen Mausaugen blitzten von
überlegenem Humor. »Da wart Ihr doch, wie ich mich selbst überzeugte,
ein schwerleidender Patient.«
»Ich hab die Krankheit simuliert, um das Kapitel schwänzen zu können.«
»Ausgezeichnet!« Hell auflachend klatschte Doktor Willibald die Hand
auf den geduldigen Tisch der Justitia. »Ich will Euch sogar gestehen,
daß eine ähnliche Konjektur auch mich zu befallen drohte, bevor sich
der Gegenbeweis ergab. Daß man vor dem Scharfblick eines Richters
mancherlei Krankheiten zu simulieren versucht, ist mir nicht neu.
Es gibt da Simulanten von erstaunlicher Fertigkeit. Aber --« Erst
mußte der Landrichter die Tränen fortwischen, die ihm der Witz des
Vorganges aus den Molchaugen beizte. »*So* geschickt hat noch niemals
einer von meinen Inkulpaten simuliert, daß ich von seiner fingierten
Krankheit infiziert wurde. Ihr seid der erste, der da reüssierte.
Eure _simulatio_ hat mir vierzehn Tage beschert, in denen meine Nase
permutiert war zu einer qualvollen Hölle. Nun? Was sagt Ihr jetzt?«
Der Pfarrer schwieg. Seine große Warze begann zu hüpfen, und dann
brach er in ein Gelächter aus, daß er mit beiden Händen die Mitte
seiner Länge umklammern mußte. Eine völlig gegensätzliche Wandlung
vollzog sich im Molkentopf des Hringghhischen Verstandes. Ernst
geworden, mit schöner Würde, erhob er sich vom Fundament der vier
überflüssigen Lettern. »Merkt Ihr jetzt, wie aussichtslos es ist, vor
einem erfahrenen Richter einen unrealen Bären produzieren zu wollen?
Aber gestattet nun, daß ich den armen Jesunder sofort von seinem Wahn
kuriere. Ich dank Euch, liebste Hochwürden! Ihr habt mir in mancher
Hinsicht eine große Gefälligkeit erwiesen. Grüßt mir auch den klugen,
vortrefflichen Lewitter!«
Als Pfarrer Ludwig hinaustrat in die Sonne, faltete er wie ein frommes
Kind die Hände und sprach ohne Worte zum blauen Himmel hinauf: »Du
lieber Herrgott! Gibt's denn irgendwo auf der Welt noch einen größeren
Schafskopf? Sag mir's! Dann reis' ich hin. So was Unwahrscheinliches
muß man mit Händen greifen, bevor man's glauben kann.« Lachend ging er
zu seinem Haus hinüber. Doch diese Heiterkeit war ohne Dauer. Seine
Augen wurden ernst, fast traurig. »Und so was richtet über Schicksal
und Ehr, über Leben und Tod der Menschen.«
Bevor noch eine Stunde verflossen war, trat Doktor Willibald Hringghh
mit dem Lächeln eines Siegers in die Stube des Pfarrers. »Gestreng?«
fragte Herr Ludwig. »Was noch?« Die Sauermilch der vier Überflüssigen
wurde geistreich. »Der gemäschelte Herrenmantel,« Willibald zog das
Protokoll aus dem Busen, »soll verdiente Gesellschaft erhalten.« Ging
auf den Ofen zu und schob das Dokument der Gerechtigkeit ins Feuerloch.
Der Pfarrer schüttelte den Kopf: »Das muß ich mißbilligen. Wenn
Jesunder das Prozeßverfahren gegen mich fordert?«
»Er wird es unterlassen.« Lächelnd streckte sich Doktor Halbundhalb zum
Ohr des langen Pfarrers hinauf. »Um eine gelinde, politisch notwendig
gewordene Verfehlung gegen meine Amtspflicht von mir abzulösen, hab
ich beim Chorkaplan *gebeichtet*. Es war die einzige Methode, die ihn
zwingen konnte, das Geheimnis zu bewahren.« Seiner siegreichen Klugheit
vollbewußt, sah der weise Richter dem Pfarrer in die Augen. »Als ich
mein Confiteor begann, war der arme Jesunder noch ein gequälter Narr,
bei der Absolution schon ein sanierter Mensch. Namentlich das Motiv der
diffundierenden Taufe hat ihn ungemein beruhigt. Und die Hilfe kam, als
die Not am höchsten war. Den Verstörten bedrückte bereits der Wahn, daß
er preußische Zwillinge gebären müßte. Eben, da ich kam, wollte er
seine verzweifelte Mutter zur Hebamme schicken.«
Pfarrer Ludwig, als er allein blieb, sprach mit einem kleinen Zusatz
die Worte des spinozistischen Briefes vor sich hin: »Alles Wissen und
Geschehen, auch alle Narretei und Dummheit muß dem Leben dienen, damit
der Mensch teilhaftig werde des ihm möglichen Glückes!« Dann fort,
zu seinem Freunde Simmi. Und von Lewitters Haus hinüber zum Meister
Niklaus. Er traf ihn mit Luisa und Sus bei der Mahlzeit, setzte sich
zu ihnen, schien besser gelaunt als je und erzählte die Geschichte
vom preußischen Kapitelsieg. »Die wissen, wie man's zu machen hat.
Einen feindseligen Hammel muß man aufs Maul schlagen. Kitzelt man ihm
freundlich die Ohren, so stoßt er.« Während der Pfarrer schwatzte,
huschten seine forschenden Augen immer wieder zu Luisa hinüber. Ihr
Gesicht war wie aus Alabaster geschnitten und erzählte stumm von einer
herzzerdrückenden Kummernacht. Nie hob sie den Blick, sprach keine
Silbe und atmete schwer. »Ja,« sagte der Pfarrer, »gestern im Kapitel
hab' ich lachen können. Dafür hab' ich kurz vorher einen netten Schreck
mit der guten Mälzmeisterin erlebt. Übrigens, Luisli, weißt du denn
schon, daß der Leupi wieder daheim ist?«
Luisa nickte stumm und beugte das Gesicht noch tiefer gegen den Tisch.
»Kind?« fragte der Meister halb erstaunt und halb erschrocken. »Und
da sagst du mir kein Wörtl davon? Ist was geschehen zwischen Euch?
Du bist seit gestern, daß ich dich schier nimmer kenn.« Sie wollte
sprechen und brachte keinen Laut aus der Kehle. Die Sus wurde rot
bis unter die Haarwurzeln, und Niklaus fragte nicht weiter, weil
ihm der Pfarrer unter der Tischplatte einen mahnenden Puff versetzte
und dazu verständlich mit den Augen zwinkerte: »Ja, Nick, da hab ich
wieder einmal sehen können, wieviel Wunderliches in Menschenköpfen
umeinanderhupft. Du weißt doch, was für ein gescheites, wahrhaft
frommes Weibl die Mälzmeisterin ist. Und gestern, ich sitz daheim,
und da surrt der Mutter Agnes ihr Mädel zu mir herein in die Stub,
heult wie unsinnig und bettelt, ich soll doch um Gotteswillen gleich
hinüberkommen, die Mutter Agnes hätt den Verstand verloren.«
Niklaus sah ratlos den lächelnden Pfarrer an, die Sus stammelte ein
>Jesus Maria!<, und Luisa hob das blasse Gesicht mit erweiterten Augen,
aus denen alle Qual einer verstörten Seele redete.
»Da kannst du dir denken, Nicki, wie ich gesprungen bin. Ich komm
hinüber, und da sitzt der prächtige Bub auf der Herrgottsbank, hat
ein Gesicht wie ein Gestorbener, und hält mit den Armen die Mutter
fest, als müßt er Sorg haben, daß sie was Unsinniges anstellen möcht.
>Was ist denn?< frag ich. Und da kriegt die Mälzmeisterin ein bißl
Luft, reißt sich von ihrem Buben los, springt zur Mauer hinüber -- und
du weißt doch, bei den Mälzmeisterischen hängt so eine hirnrissige,
lästerliche Gottsaugenuhr in der Stub. Und jetzt rat, was die Mutter
Agnes getan hat? Ausgesehen hat's freilich, als wär sie verrückt. Aber
flink bin ich draufgekommen, daß sie gescheiter ist als wir alle. Und
so springt das zornwütige Weibl auf die Mauer zu, packt die dumme Uhr,
reißt sie von der Wand herunter, trampelt mit den Schuhsohlen drauf
herum, wie man was Giftiges totmacht, und schreit dazu in Kummer und
Tränen: >Frömmigkeit, ja, Frömmigkeit! Rechte Frömmigkeit ist das
Schönste auf der Welt, aber kindischer Aberglauben ist allweil das
Schiechste vor Gottes Blick!< Ich sag dir, Nicki --« Pfarrer Ludwig
verstummte, sah über den Tisch hinüber und fragte verwundert: »Luisli?
Ist dir nit gut?«
Wankend, als wäre sie nah dem Erlöschen, hatte Luisa sich erhoben.
Der Meister erschrak, die Sus sprang auf. Und da taumelte Luisa schon
zur Tür hinaus, den einen Arm vor die Augen gepreßt, mit der anderen
Hand ins Leere tastend. Die Sus sprang ihr nach mit einem erstickten
Sorgenschrei. Den Meister, der das Gleiche tun wollte, faßte Pfarrer
Ludwig am Arm. »Bleib, Nicki! Die Sus macht das schon. Die weiß, wie
man vor einer füreiligen Dummheit den Schlüssel im Türschlößl umdreht.«
»Mensch!« zürnte der Meister. »Was treibst du denn da?«
»Was der Simmi treibt, wenn er für eine Krankheit das richtige Tränkl
mischt.« Lächelnd legte der Pfarrer den Arm um den Hals des Freundes.
»Sei nit neugierig! Das Kind muß in ihm selber das Rechte finden.«
»Pfarrer?« stammelte Niklaus.
»Verstehst du nit? Hast du im Leben noch nie erfahren, zu was die
hungrige Lieb einen treiben kann?«
Ohne zu antworten, grub Meister Niklaus seine Stirn in die Hände.
Der Pfarrer betrachtete ihn mit einem herzlichen Blick und verließ ohne
weiteres Wort die Stube.
Auf dem Heimwege begegnete er einem heftig monologisierenden
Menschenkind. In der milden Mittagssonne schusselte der weißschnauzige
Hiesel Schneck am Pfarrer vorüber und strebte durch die Stiftshöfe
gegen den Brunnenplatz. In seinem Gesicht war eine Mischung
gegensätzlicher Seelenstimmungen. Man konnte da ebensogut auf
fuchsteufelswilde Himmelhundslaune, wie auf freudenreiche Befriedigung
raten. Die letztere schien im Hiesel das Übergewicht zu gewinnen,
als er beim Marktbrunnen sein Schneckenweibl daherzappeln sah, so
festtäglich aufgeputzt wie ihr Schneck. Hätte jedes von den beiden noch
einen Rosmarinstrauß an der Brust gehabt, so hätte man sie für ein
goldenes Hochzeitspaar halten können. »So,« sagte die Schneckin, »jetzt
haben wir's!« Dabei war auch an ihr das gleiche, seltsame Durcheinander
von Kummer und Glück zu gewahren. Sie tat einen steinschweren Atemzug
und wiederholte lächelnd: »Jetzt haben wir's!«
»Und wie!« Der Hiesel legte den Arm um das alte Weibl und tuschelte
zärtlich, ohne den winzigsten Himmelsköter. »Jetzt ist alles wieder in
der schönsten Ordnung!«
Der Schneckin brannte ein mädchenhaftes Erglühen über das
Runzelgesicht. Verwundert guckte sie am Hiesel hinauf und flötete:
»Jesus, wer hat's dir denn schon wieder verraten?«
»Was?«
»Daß ich mich dir z'lieb wieder einschreiben hab lassen als
evangelikanische Exulantin.«
Der Hiesel Schneck, dem der himmelwärtsstrebende Schnauzer sonderbar
zu zittern anfing, hob zuerst sprachlos die geballten Fäuste gegen
das Frühlingsblau hinauf und verzog das schmerzhafte Maul bis zu den
Ohren. Dann fuhr ihm aus der verzweifelten Seele eine langschwänzige
Höllementskreatur heraus. Diesem Fluchgeprassel folgte die weinerliche
Klage: »Du Narrenkapp ohne Bändel! Du Feiertagsschmarren ohne Schmalz!
Du alte Fuierbüx ohne Zündloch! Hast du denn um Gottswillen nit ein
*bißl* Verstand unterm Kuferdeckel!« Weil die Schneckin bitterlich zu
heulen anfing, wurde der Hiesel etwas sanfter. »Weibl, so geht's nit!
So kommen wir zwei unser Lebtag nimmer auf gleich. Kreuzteufelundkruzi
--« Kummervoll erwischte er den Himmelhund, der aus ihm herausfahren
wollte, beim Schwanz und verschluckte ihn wieder. »Verstehst du denn
nit? So was von Füreiligkeit! Du bei die Evangelikanischen drent!
Und ich seit halber Zwölfe wieder der beste Katholik! Wir zwei, wir
bleiben doch allweil grabenweit auseinander, wenn sich nit eins mit der
Gottsfreudigkeit ein bißl zruckhalten kann. Verstehst?«
Die Schneckin hatte verstanden. Drum flossen ihre Tränen so reichlich,
daß dem Hiesel das Erbarmen in die wirblige Seele tröpfelte. »Geh,
deswegen mußt du nit so grausam röhren! Es gibt auf der Welt kein
Narrenstückl, das man nit wieder aufpolieren könnt.«
Mit nassen Augen guckte sie hinauf zu seinem zitternden Schnauzer.
»Meinst, ich soll mich gleich wieder ausstreichen lassen?«
»Ausstreichen? Was? Du Roß ohne Schweif! Da müßt sich der Kommissar
was Nobels denken von dir. Der tät doch sagen: du bist ja wie 's
Wetterweibl um Ostern, bald drin im Häusl, bald wieder draußen. Ah na!
So soll mir keiner nit reden von meiner Schneckin. Verstehst? Ich
bring die Sach schon wieder auf gleich. Der Hiesel kann's machen, wie
er mag. Da lachen die kommissarischen Schöpsnasen und sagen halt wieder
auf französisch: Tätewoh! Meintwegen! Ein Buckel, wie der Schneckische,
vertragt's.«
Den Hut lüftend, als wäre ihm schwül geworden unter dem struppigen
Haardach, surrte der Hiesel Schneck, eine Perlenkette neuartig
gelöckelter Himmelhunde drechselnd, hinüber zur Kommissariatskanzlei.
Die Schneckin konnte nur neun Vaterunser beten, da war der Hiesel schon
wieder da. »So, Weibl! Jetzt hat der Schmarren wieder sein Schmalz.
Jetzt soll's auf der Welt kein' bessern Evangelikaner nimmer geben, als
wie der Hiesel Schneck einer ist. Verstehst?« Trotz aller Ruhe, mit der
sich der Hiesel aufspielte, schien doch ein böses Gewissenswürmchen
an seiner Seele zu nagen. Jählings erblassend zog er sein Weibl mit
sich fort, so flink, daß die Schneckin das Aussehen einer schiefen
Zappelfigur bekam. Und das geschah aus keinem anderen Grunde, als
weil der Hiesel Schneck den heitergestimmten Landrichter in amtlicher
Begleitung aus dem schattigen Stiftstor heraustreten sah in die Sonne.