Kapitel XXV

Um die Dächer von Berchtesgaden blaute die Morgenfrühe, die nach der

Neumondnacht zu leuchten begann. Die höchsten, noch weißen Bergzinnen

waren schon rosig angestrahlt, die Täler noch umsponnen von grauem

Frühschatten. Auf drei Türmen läuteten die Glocken. Frauen und Mädchen

wanderten schweigsam zur Messe. Sie trugen das Gebetbuch und den

Rosenkranz zwischen vorgestreckten Händen. Neben den vielen Musketieren

waren nur wenige Mannsleute und Burschen zu sehen, selten einer mit

frohen Augen.

Nicht nur die müden Menschengesichter, auch die Häuser und ihre Mauern

erzählten von den erbitterten Glaubenskämpfen der vergangenen Wochen.

Viele Kaufgewölbe waren geschlossen. Zwischen Häusern mit grünen

Fensterläden und Flurpfosten stand immer wieder eines, dessen Türen

und Kreuzstöcke mit Mohnfarbe angestrichen waren. Dadurch hatte die

Marktgasse unleugbar an malerischem Reiz gewonnen. Das prächtige,

reichlich verschwendete Rot und das saftige Frühlingsgrün stimmte gut

mit dem silbernen Weiß der Mauern zusammen, das freilich der früher

üblichen Reinheit ein bißchen entbehrte. Mit Kohle oder schwarzer

Wagenschmiere, sogar mit einer Farbe, die man sonst bei künstlerischer

Betätigung nicht zu verwenden pflegt, waren auf den weißen Mauern

phantasievolle Teufelsgestalten mit schweinsartig geringelten

Schwänzchen angemalt. Diese Zeugnisse einer naiven Volkskunst waren

textlich belebt durch Stoßseufzer der christlichen Nächstenliebe,

gegen die man den Vorwurf einer gewissen Eintönigkeit erheben mußte.

Auf jeder Mauer wiederholten sich die gleichen Geistesblitze:

»Luthrischer Siach!«, »Du Salzlecker!«, »Verhöllter Saukerl!«,

»Schwarzweißer Preiß!«, »Evangelischer Teufelsbraten!« Von dieser,

seit dem Versöhnungsschießen epidemisch gewordenen Volkskunst waren

auch die Mauern der Gutgläubigen nicht verschont geblieben. Es erwies

sich wieder einmal das Sprichwort: »Schrei hinein in den Wald und so

hallte heraus.« Man hatte die Wände der Treugebliebenen geziert durch

Mönchsköpfe mit Ablaßzetteln als ausgestreckte Zungen, durch Heilige

mit Geldsäcken unter den Armen, durch Kapuziner mit Säbel, Muskete

und Bratwurstkränzl. Diese Bilder waren aber nur noch fragmentarisch

vorhanden, weil man sie wieder heruntergekratzt hatte. Das war

polizeilich erlaubt: an ketzerischen Mauern war jedes Erlösungswerk

verboten; hier hieß es: »Volksstimme, Gottesstimme.«

Häufig waren Häuser zu sehen, deren Türen und Fensterstöcke nach

ausgiebiger Terpentintaufe nur noch einen blaßroten Schimmer

hatten. Man durfte da nicht immer auf eine reumütige Heimkehr zum

fürstpröpstlichen Glauben schließen. Gleich in den ersten Nächten

nach dem Versöhnungsschießen hatten »evangelikanische Inkulpatanten«,

wie Muckenfüßl rapportierte, zu heimtückischem Ausgleich auch die

Fensterstöcke und Haustüren gutgläubiger Nachbarn mit roter Farbe

bestrichen. Viel Terpentin war nötig. Die Preise der erlösenden

Flüssigkeit stiegen. Weil man schließlich -- helfe, was helfen kann

-- die fälschlich verketzerten Haustüren mit Kirschwasser, mit

Zwetschkengeist und doppelt gebranntem Enzian waschen mußte, ergab

es sich, daß alles, was unter die Bezeichnung Spiritus fiel, im Lande

Berchtesgaden eine schwer erschwingliche Sache wurde. Der Rausch

war ein seltenes Ding, man sah auch an Sonn- und Feiertagen keinen

Betrunkenen mehr, und Pfarrer Ludwig konnte heiter zu Lewitter sagen:

»Er hat doch recht, der Amsterdamer! Keine Sach des Lebens ist so

kotzmiserablig, daß sie nit irgendwie zur moralischen Besserung der

Menschheit dienen könnt.«

Wie fast alle Häuser der Marktgasse, so hatten auch die großen,

altersdunklen Torflügel des Stiftes ein neuzeitliches Aussehen.

An ihnen waren die vier großen, engbedruckten Papierbogen mit den

vielen Paragraphen des Exulationsediktes angeschlagen; der Mann

mit den entbehrlichen Schriftzeichen hatte hier die zwecklose

Buchstabenverschwendung zu einer Orgie ausgestaltet. Und wie ein

Herrscher sich umgeben sieht von seinen Generälen und Soldaten, so

war das große Papierquartett der Landsverweisung aller Evangelischen

im Ring umnagelt mit allen Polizeiverboten, die aus dem Schoß der

Bekehrungswochen herausgesprungen waren. An diesen weißen Zetteln

ging der stille Strom der Kirchgänger vorüber. Und ging vorüber an

einem wunderlich blickenden Menschen, der auf den Marmorstufen des

Marktbrunnens hockte, zwischen den Armen ein schlummerndes Bübchen,

auf dem Bauernhut drei von Sonne und Regen verblichene Trauerbänder.

Jedesmal, wenn zwischen den Weibsleuten ein Mannsbild an ihm

vorüberging, rief er mit erwürgter Stimme die gleichen Worte: »Höi!

Luset! Kauft nit einer meinen Hausrat, meine Küh und meine Geißen,

mein Feld und mein Futter? Ich geb's um den halben Preis. Bloß der

Gerstenacker muß mein bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll

man nit misten und mähen. Das ander alles kann einer haben um den

halben Preis.« Ein sonderbares Lächeln. »Jeder kann's kaufen. Alles ist

gutkatholische War.« Die Leute sahen den Christl Haynacher in Erbarmen

an oder schüttelten die Köpfe. Manche erkannten ihn nimmer. Er hatte

sich verändert. Sehr.

Nach der Woche ohne Mond und Sonne, die ihm das Versöhnungsschießen

eingetragen hatte, war Christl Haynacher ein geduldiger Mann geworden.

Er versorgte seine Kühe und Geißen, kochte für sein Bübl das Mus,

richtete unverdrossen auf dem Grabhügel seiner Martle ein neues Kreuz

wieder auf, wenn das andere verschwunden war, schreinerte schließlich

die nötigen Kreuze im Vorrat für eine ganze Woche, und verschwieg

gehorsam die polizeilich verbotene Geschichte vom gottseligen Absterben

seines Weibes. Nur von dem heiligen Mirakel erzählte er, das seine

zwei »Preußenkinderlen« aus der Armeseelenkammer in den Glanz des

Himmels hinaufgehoben hatte. So blieb er, bis der Kanzler von Grusdorf

aus Gründen der Staatsräson in der geduldigen Ergebung des Christl

Haynacher einen Wandel hervorrief. Unter Androhung vierzehntägiger

Haftstrafe verbot man dem Christl, etwas »Kreuzähnliches« auf das

Grab seiner Martle zu stecken, und zwei Dutzend Stockstreiche sollten

ihm gewährleistet sein, wenn er nur einem einzigen Menschen noch die

Himmelfahrtsgeschichte seines ungetauftgetauften Zwillingspärchens

vorschwindle. »So so?« sagte Christl, als ihm Muckenfüßl diese

Regierungsverlautbarung aus dem gefährlichen Notizbuch vorgelesen

hatte. Das Grab seines Weibes blieb ohne Kreuz, und um das Schweigen

leichter zu erlernen, vermied es Christl, mit Menschen beisammen zu

sein, wurde erschreckend mager und bekam die Augen eines wilden Tieres.

Vor zwei Tagen hatte man ihn zum Landgericht befohlen. Der Mutter

Jesunder war es aufgefallen, daß der Haynacher immer häufiger in der

Kirche fehlte. Nun sollte er die schwarze Seele weißwaschen. Während

seine verstörten Augen über den Tisch der Gerechtigkeit glitten,

sagte er ruhig: »Mein Bübl muß sein Mus haben. Eine Magd kann ich nit

bezahlen. Soll ich fleißig die Meß besuchen, so müssen mir die Herren

eine Kindsmagd stellen.« Trotz andauernden Kopfschüttelns wollte sich

aus dem justiziarischen Sauermilchgehirn keine verwertbare Butter

absondern. Bezahlte man dem Haynacher eine Magd, so mußte doch wieder

das Mädel die Kirche versäumen. Das war also gehupft wie gesprungen.

Und dem Stifte kam es billiger zu stehen, wenn der Himmel nur um das

Kirchengebet des Christl Haynacher verkürzt wurde. Man mußte die Sache

auf sich beruhen lassen. Damit aber das Verhör nicht völlig ohne

Resultat bliebe, stellte der Landrichter _in miraculi sororum geminarum

causa_ an den Christl allerlei schwerbegreifliche Fragen. Der wortkarge

Haynacher, als er merkte, daß ihm das Reden nicht nur gestattet, sogar

befohlen war, wurde überaus gesprächig, bekam einen heilig entrückten

Blick und schilderte das gottschöne Wunder seiner Martle so genau,

als wäre er selbst dabei gewesen. »Und schauet, lieber Herr, da

ist's in der Finsternis allweil heller worden. Wie die Sonn an einem

Frühlingsmorgen, so ist der lichtscheinige Himmelsglanz hergefallen

über das gottsliebe Pärl. Zwei treue Mutterhändlen haben herausgelangt

aus der Höh --«

»Ssssssso?« Der Landrichter ließ den Puder seiner Wuckelperücke

nebeln. »Feldwebel! Schmeiß er das besoffene Schwein aus meiner

Kanzlei!« Das geschah. Und *wie* es geschah, in einem so gottsheiligen

Augenblick, das richtete im Verstand des Christl Haynacher eine so

verheerende Wirkung an, daß er wie ein Verrückter hinüberlief zur

Exulationskommission und sich einschrieb in die Liste der evangelischen

Emigranten, mit der ausdrücklichen Beifügung: »als gutkatholischer

Christ«. So ganz verstört war er, daß ihm bei der Eintragung sein

Bübchen nicht einfiel. Und nun bot er schon den zweiten Tag seine Habe

zum Verkauf: »Ich geb's um den halben Preis! Bloß der Gerstenacker

soll bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll man nit misten

und mähen.« Immer dünner wurde der Zug der Kirchgänger. Jetzt öffnete

sich die Tür eines nahen Hauses, und würdevoll erschienen die vier

entbehrlichen Federstriche, mit großer Aktenmappe, mit tadellos

überpudertem Gehirnpelz. Mißmutig musterten die kleinen Mausaugen

die frischgeweißte Hauswand. Sei es, daß man die tünchende Schicht

zu dünn genommen, sei es, daß die Feuchtigkeit der Morgenluft den

Kalk transparent machte, so oder so, das vierzeilige Lied, das ein

unerforschbarer Missetäter mit roter Farbe auf diese Mauer geschrieben

hatte, leuchtete deutlich durch:

»Du Christenschnufler, du Gottsentdecker,

Tust du als fleißiger Seelenschmecker

Dem Inkulpaten durch's Nasenloch gucken?

Oder mußt du dich tiefer bucken?«

In Anbetracht der Gedankenspiele, die das doppelhöckerige Justizgehirn

des Landrichters durchkribbeln mußten, konnte man, als sein Scharfblick

von der getünchten Mauer hinüberglitt zum Christl Haynacher, eine

Besserung seiner Laune kaum erhoffen. Dennoch kam sie. Mit einem fast

heiteren Lächeln blieb er vor dem Bauer stehen. »Nun? Er hat sich ja,

wie ich höre, inskribieren lassen als Exulant?«

»Wohl, Herr!« Langsam hob der Christl die tiefliegenden Augen. »Aber

nit als Evangelischer. Ich und mein Bübl, wir bleiben gutkatholische

Christen bis zur erlösenden Sterbstund.«

Das Lächeln des Landrichters wurde noch fröhlicher. »Ich observiere

mit Satisfaktion, daß er seinen Deszendenten ausdrücklich als

katholisch nominiert und will es _ad notam_ nehmen.« Dieses Deutsch

verstand der Christl nicht. Er guckte stumm. »Aber meint er nicht,

mein guter Haynacher, daß es, wenn, auch außerdienstlich, ein hoher

Gerichtsbeamter mit ihm spricht, generaliter empfehlenswürdig wäre,

sich vom Sitzfleisch zu erheben?«

»Das geht nit, Herr, mein Bübl schlaft. Es hat nit schlafen können die

ganze Nacht. Ein bißl Ruh, Herr, muß man einer Menschenseel vergönnen.«

»Ja. Gut! Bleib er also sitzen! Aber hat diese Schlafsucht seines

Kindes nicht eine andere Ursache? Man hat mir rapportiert, daß er viel

mit seinem Bübchen redet, auf eine sonderbare Weise.«

»So so?« Der Bauer legte den Hut mit den Trauerbändern auf die

Marmorstufe und strich sich mit der Hand übers Haar, das hinter dem

rechten Ohr einen weißlichen Fleck bekam, vom vielen Kratzen.

Im Blick des Landrichters glänzte die Freude eines inquisitorischen

Fundes. »Da erzählt er wohl jetzt seinem *Kinde*, was den Leuten zu

erzählen ihm verboten ist?«

»Gott bewahr!« Christls Augen funkelten wie Wolfslichter. »Ich tu

allweil gehorsamen, Herr!«

»Was schwatzt er dann immer mit seinem Kind?«

»Ich tu nit schwatzen, Herr! Ich tu dem Bübl, wenn es nit schlafen

kann, ein Liedl singen.«

»Man rapportiert mir aber, das wäre geredet, nicht gesungen.«

Ein hartes Lachen irrte um Christls aschgraue Lippen. »Jeder singt,

wie er's kann. Und wie man ihn laßt.« Der Haynacher erhob sich,

schmiegte das wachgewordene Bübl an seine Brust und sagte fromm:

»Gelobt sei Jesuchrist und die heilige Mutter Marie, drietausendmal

in Ewigkeit Amen!« Ehe die vier überflüssigen Buchstaben denkfähig

wurden, war der Haynacher schon davongegangen. Erst nach einer Weile

vermochte Doktor Halbundhalb die Wahrheit zu ergründen: es handle

sich da um einen schwachsinnigen Menschen, der, als Inskribierter,

nicht im klaren war über die politische Zuständigkeit seines

eingestandenermaßen katholischen Deszendenten. »Man kann das Kind einem

solchen Narren nicht länger überlassen. Das wäre unmenschlich.« In

diesem Gedankengange wurde der Landrichter durch einen jungen, schon

zu körperlicher Rundung neigenden Klosterbruder unterbrochen, der aus

dem Stiftshof herauskam und auf ihn zutrat. Obwohl er glatt rasiert

war, erinnerte er merklich an den Grenzmusketier mit dem zottigen

Faschingsbart. Das gedunsene Gesicht sah ein bißchen ermüdet aus, ein

bißchen abgehetzt. Die Hände in die Kuttenärmel geschoben, verneigte

er sich demütig und sprach ein paar leise Worte -- nicht: »Gelobt sei

Jesus Christus!« -- er sagte was anderes und flüsterte vom Leupolt

Raurisser. Doktor Willibald stutzte. Rasch verschwanden die beiden in

der Torhalle des Stiftes.

Eine Viertelstunde später trabten auf flinken Gäulen zwei Dragoner

und ein berittener fürstpröpstlicher Jäger gegen die zum Hallturm

führende Straße hinaus, vorüber am aufblühenden Freudengärtl der

allergnädigsten Aurore de Neuenstein, die eben aus ihrem Schlafzimmer

auf das zierlich verschnörkelte Altänchen heraustrat, um in der

milden Sonne des schönen Lenzmorgens ihre Schokolade einzunehmen.

Trotz der frühen Stunde trug das kindhafte Fräulein kein bequemes

_Deshabillé_, sondern war schon geschnürt, wenn auch nicht völlig

zur zarten Wespentaille wie sonst. Frisiert war sie noch nicht, aber

schon geschminkt und schönbepflastert. Sehr reichlich. Sonst hatte

sie nur immer zwei Schönheitspflästerchen neckisch verwendet. Jetzt

trug sie ein halbes Dutzend. Das hatte unliebsame Ursachen. Ihr holdes

Unschuldsgesichtchen war seit einiger Zeit ein bißchen verpustelt,

als wäre sie eine Liebhaberin heftig gewürzter Speisen geworden. Auch

schien sie von dem Familienübel derer von Grusdorf befallen zu sein:

von der Gicht. Täglich nahm sie ein gesalzenes Bad, so heiß, wie es

eine zarte Menschenhaut nur mit Aufwand größter Tapferkeit zu ertragen

vermag. Auch an seelischen Depressionen krankte sie und wurde häufig

von Weinkrämpfen befallen, wie ein den weißen Mäuschen zuneigender

Zechbruder sie im besoffenen Elend zu bekommen pflegt. Doch an jedem

Abend, wenn der Landesherr sich mit seiner Freundin _en titre_ zur

gemeinsamen Mahlzeit setzte, wurde Aurore de Neuenstein überraschend

liebenswürdig, sprühte von Heiterkeit und wußte ihren _maître adoré_ in

eine Stimmung zu versetzen, die ihn seiner vielen abtrünnigen Subjekte

völlig vergessen ließ. In solch einer gutgelaunten, für köstlichen

Nachtschlaf sorgenden Stunde äußerte er einmal die anerkennende

Meinung: einer reizvolleren Freundin könne sich auch der König von

Polen nicht erfreuen, dem doch bekanntlich die größte Auswahl zur

Verfügung stünde.

Dankbar für ein so ehrenvolles Kompliment, überbot sich Aurore de

Neuenstein in entzückenden Munterkeiten, die ihr um so leichter

gelangen, weil Graf Tige, an langwieriger Verkühlung leidend, sich

chronisch von der intimen Tafel der Allergnädigsten exkusieren ließ.

Das nannte Herr Anton Cajetan »so verwunderlich wie das unerforschbare

Rätsel der Armeseelenkammer«. Nicht ganz begreiflich war ihm auch der

Zustand andauernder Feindseligkeit, der zwischen seiner niedlichen

Freundin und ihrem morosen Onkel von Grusdorf zu bestehen schien. Bei

einer Diskussion dieses erstaunlichen Familienzwistes vergaß Aurore de

Neuenstein wieder einmal ihrer feinen Pariser Bildung und schwäbelte in

bebendem Zorn: »E rechts Kameel isch'r. Wo was schief geht im Ländle,

isch'r ratlos und weiß koi Mittel nit.« Sie selbst erschrak über diesen

heimatlichen Ausbruch ihrer dunkelsten Unruhe. Herr Anton Cajetan aber

hatte nur eine politische Wahrheit herausgehört, die ihn nachdenklich

klagen ließ: »Ein großer, in allen Relationen versierter Staatsmann

ist so selten, wie ein reiner Engel auf Erden.« Er küßte galant das

Händchen seiner verblüfften Freundin, die erleichtert aufatmete. Über

solch jähes Erschrecken, wie über das ruhelose Mißtrauen, von dem sie

stets erfüllt schien, konnte sie nie einen völlig hüllenden Schleier

ziehen. Wenn die harmloseste Sache geschah, wenn der Klopfer an ihrem

Gartentor gerührt wurde, wenn ein Lakai erschien, wurde sie immer

zuerst von einer heftigen Konfusion befallen, bevor sie ihre Kontenanz

und ihr unschuldsvolles Lächeln wieder fand. Und als sie auf ihrem

Altänchen das Hufgeklapper hörte und die beiden Dragoner in Begleitung

eines fürstpröpstlichen Jägers so hurtig traben sah, erschrak sie _à

tel point_, daß sie unter der rosigen Schminke erblaßte. Allerdings,

diesmal entbehrte ihr Schreck auch einer realen Beziehung nicht.

Vor einigen Tagen hatte sie, für alle unvorhergesehenen Fälle, ihre

kostbarsten Schmuckstücke, die Mehrzahl ihrer Pariser Toiletten,

ihre feinste brabantische Spitzenwäsche und zwei schwere Kassetten

mit klug ersparten Dukaten nach Reichenhall geschickt, über die

berchtesgadnische Grenze. Just *dieser* Grenze trabten die zwei

Dragoner und der fürstpröpstliche Jäger entgegen, mit einer Eile,

als hätten sie auf amtlichen Befehl was flüchtig Gewordenes wieder

einzufangen. In der ersten Bestürzung zeterte Aurore de Neuenstein:

»Soldate! Soldate! Was isch denn? Halt! Ihr saudumme Kerle, höret ihr

denn nit?«

Sie hörten nicht. Und die Allergnädigste verbrachte eine qualvolle

Stunde, bis ihre Zofe aus der Pflegerkanzlei die beruhigende Nachricht

brachte, daß die Drei nur davongeritten wären, um den Leupolt Raurisser

wegen Teilnahme an einer nächtlichen Fürsagung dem Aufenthalt ohne

Mond und Sonne entgegenzuführen. Zur Beruhigung des überstandenen

Nervensturmes nahm Aurore de Neuenstein ein dampfendes Salzbad,

ungefähr um die gleiche Stunde, in der die drei Berittenen die

Grenzwache beim Hallturm erreichten. Hier gab's einen Aufenthalt.

Vornehme Gäste wurden feierlich empfangen, der Gesandte des Königs

von Preußen mit seinem Geleitsoffizier, dem Obristen von Berg. Eine

Eilstafette mußte absausen, um dem fürstpröpstlichen Hof die Ankunft

des Gesandten zu melden. Erst, als die beiden Herren im Schritt

davonritten, hinter einer Ehreneskorte von sechs Dragonern, fanden die

Drei, die zum Hiesel Schneck wollten, einen Führer.

Das kleine Jägerhaus lag schweigsam, mit verschlossener Tür. Im

offenen Geißstall plätscherte was. Als die Soldaten durch den niederen

Einschlupf guckten, erschrak das Schneckenweibl fürchterlich. Die

Drei sprangen auf die Stubentür zu und fanden den Hiesel schnarchend

im Bett. »Kerl, was liegst du am lichten Tag in den Federn? Das ist

verdächtig.« Mit einer an ihm seltenen Beweglichkeit des Geistes

antwortete Schneck: »Heut in der Nacht bin ich beim Hahnverlusen

gewesen. Verstehst?« Der fürstpröpstliche Jäger bestätigte: »Allweil

schlaft man nach dem Hahnverlusen.« Er wandte sich an Hiesel:

»Deintwegen kommen wir nit. Wo ist der Raurisser?«

Schneck, dem das Blut in die Stirn fuhr, nahm seine Zuflucht zu einem

gesunden Himmelhund: »Kreuzteufel und Höllementsnoterei, was weiß denn

ich?« Damit der Schläfer auf dem Heuboden erwachen und durch eine

Dachluke entspringen möchte, schrie er aus Leibeskräften: »Ich bin doch

nit dem Leupi seine Kindsmagd! Wird halt draußen im Wald sein. Das

hat er nit schmecken können, der Leupi, daß die *Dragoner* kommen.«

Das Wort war wie ein Trompetenstoß. Droben über der Stubendecke ein

leichtes Gepolter. »Gott sei Dank,« dachte Hiesel, »jetzt fahrt er

davon!« Dabei tat er, um jedes Geräusch da droben zu übertönen, einen

brüllenden Fluch um den andern und strampelte mit den Beinen gegen

die Bettlade. Er war ein prächtiges Mannsbild, der Schneck, nur kein

Menschenkenner. An der Decke wurde die Stiegenklappe gehoben, und

man hörte eine ruhige Stimme sagen: »Ich bin daheim. Und komm schon.

Gleich.« Die Schneckin heulte in ihre Schürze, und Hiesel knirschte

wütend gegen die Wand: »So ein Rindviech, so ein ehrenhafts!«

Leupolt kam über die Stiege herunter, in dem verwitterten

Bergjägerkleid, das er in der Nacht getragen hatte. »Was soll's, ihr

Leut?«

»Du mußt mit uns. Befehl der Stiftskanzlei.«

»Gut!« Seine Augen glänzten. Als ihn die Dragoner packten, ihm die

Hände hinter den Rücken zogen und den Strick um die Gelenke schnürten,

sagte er lächelnd: »Das wär nit nötig. Ich geh gutwillig. Jetzt ist

kein Weg nimmer, der nit der Erlösung zulauft.« Er drehte das Gesicht.

»Vergeltsgott, Mutter Schneckin! Für alles. Und Vergeltsgott, Hies! Dir

bleib ich gut.« Er trat hinaus in die Sonne, die drei anderen hinter

ihm. Mit einem fürchterlich gestichelten Himmelsköter sprang Hiesel

Schneck aus dem Bett heraus, im Hemd. Das war seit vierzig Jahren,

trotz seltener Wäsche, ein bißchen eingegangen und kurz geworden.

Man sah, was man nicht sehen wollte. Der Hiesel hatte magergeselchte

Beine, fast so haarig wie Ziegenläufe. Gar nicht appetitlich sah er

aus. Dennoch war etwas Schönes an ihm, als er die schüttelnden Arme

hob und hinaufklagte zur schwarzen Stubendecke: »Herrgott, Herrgott,

was für eine Welt ist das, verstehst! Wo der Redlichste nimmer sicher

ist seiner Haut und Seel!« Eine knirschende Wut befiel ihn. »Her da,

Schneckin! Her zu mir!« Er machte mit dem Zeigefinger eine Bewegung,

wie schlechte Hundepädagogen sie zu machen pflegen, wenn sie einen

widerspenstigen Teckel heranbefehlen. Als er das schluchzende Weibl

umklammert hielt, brüllte er in seinem ehrlichen Menschenzorn: »Jetzt,

Schneckin, verstehst, jetzt hat der christliche Hafen bei mir ein Loch.

Heut in der Nacht, verstehst, da bin ich noch allweil kein richtiger

Evangelikaner gewesen. Jetzt bin ich einer. Gottsherrgottsakerment, ich

exulier, ich exulier und ich exulier, jetzt grad mit Fleiß! Verstehst,

Alte?«

»Wohl, Schneck, versteh schon!« weinte sie. »Aber ehnder du exulieren

kannst, mußt du allweil ins Hösl schlupfen! Verstehst?« Der Hiesel

verstand nicht. Er sprang unter einem Himmelhund, der so lang wurde

wie eine Wagendeichsel, zum kleinen Fenster hin und legte sich, um

hinauszugucken, mit beiden Armen in die Nische. Dadurch wurde das

kurze Hemd noch kürzer. Auch die Stimme des Schneck erinnerte an

ein klagendes Kind: »Herr Jesus, Jesus, Schneckin, jetzt binden die

Saubrüder, die gottverfluchten, den Buben an die Rösser an!« So

schrecklich, wie es für den Hiesel aussah, war es in Wirklichkeit

nicht. Als die zwei Dragoner aufgestiegen waren, knüpfte jeder ein Ende

des Strickes, mit dem sie Leupolt gefesselt hatten, an den Sattelknauf.

Und fort. Der Jäger zwischen den beiden Gäulen. Die hatten keinen

allzulangen Schritt. Da war schon mitzukommen. Aber sobald die Reiter

auf der breiten Straße waren, fingen sie zu traben an, weniger aus

Diensteifer als aus Neugier; sie wollten den Einzug des preußischen

Gesandten zu Berchtesgaden nicht versäumen. Leupolt mußte springen,

verlor den Hut und sagte: »Leut! Mein Hütl! Haltet ein bißl!«

Ein Dragoner lachte: »Wo du hinkommst, brauchst du kein Hütl nimmer.

Sei froh, wenn du den Kopf behaltst.« Und weil er sah, wie flink der

Leupolt Raurisser zu springen verstand, begann er den Gaul zu spornen,

als wäre er neugierig, welcher von beiden der bessere Springer wäre,

der Jäger oder das Roß. Die gefesselten Hände hinter dem Rücken, den

Kopf in den Nacken zurückgelegt, das Gesicht umweht von den feuchten

Strähnen des Blondhaars, die Brust nach vorne geschoben, mit ruhig

pumpenden Atemzügen, so sprang der Jäger und war nicht langsamer als

die Gäule. In seinen Augen schwamm ein heißer und froher Glanz, in

seiner Seele der Gedanke: »Dort, wo ich hinspring, ist der Helfer

und mein Glück.« Die Dragoner, die für ihre Gäule ehrgeizig wurden,

begannen zu galoppieren. Leupolt sprang, ein Lächeln um den halb

offenen, durstig atmenden Mund. Der junge schlanke, stahlsehnige Jäger,

der das Beste seiner Kraft herausholte aus den beschwingten Gliedern,

bot einen Anblick, daß der Herrgott, hätte er auf ihn heruntergeschaut,

in Stolz und Freude hätte sagen müssen: »Wie schön und kraftvoll ist

der Mensch, den ich erschuf!«

Schon tauchten die Dächer und der Kirchturm von Bischofswiesen über

die Hügel. Auf der harten Kalksteinstraße war der hämmernde Hufschlag

weit zu hören. Nahe den ersten Häusern ritten im Schritt die sechs

Dragoner, die man dem preußischen Gesandten als Ehreneskorte gegeben

hatte. Der junge Oberst, mitten im französischen Geplauder, drehte

das Gesicht nach Art eines wachsamen Soldaten, sah den springenden

Menschen zwischen den beiden hetzenden Gäulen, erkannte den Jäger,

riß unter einem kurzen Laut das Pferd herum und jagte den Dragonern

entgegen. Ein Dutzend Schritte vor ihnen verhielt er den Fuchs und

streckte die Reitpeitsche seitwärts, als wär's eine Schranke, über die

es kein Hinüber gab. »_Ne bougez pas! Gredins!_« Seine Augen blitzten.

In der Gewohnheit der Sprache, die ihm geläufiger war als die Sprache

der Heimat, quirlten die jähzornigen Worte aus ihm heraus: »_Hé! Vous!

Êtes-vous des soldats allemands ou des bourreaux? Rendez la liberté à

cet homme!_ Wollt ihr? _Hein?_ Gebt den Mann da frei!« Danckelmann, mit

Sorge in den Augen, kam herangetrabt und wisperte französische Worte.

»Ach wat!« Ein unwilliges Kopfschütteln. »Det duld ick nich. Sei es uff

preußischem Sand oder fremdem Boden.« Der junge Oberst gab dem Fuchs

einen Sporendruck und trieb ihn gegen die beiden Dragoner hin. »Wat

hat der Mann da verbrochen?« Die Dragoner, ohne zu antworten, machten

verdutzte Köpfe, und Leupolt, zwischen den schnaufenden Gäulen, stand

aufrecht, mit glanzvollen Augen, so kraftvoll atmend, daß ihm die

Schultern und der Brustkorb auf und nieder gingen. »Habt ihr Wolle in

den Ohren? Ick frage, wat der da verbrochen hat.«

Verdrossen murrte einer von den Dragonern: »So ein luthrischer Siach

ist er.«

»Wat?« Eine rasche Wendung gegen den Geheimrat: »_Est-ce que vous avez

compris? Moi pas._«

Danckelmann verdolmetschte: »_Il prétend que le chasseur est un de ces

infâmes luthériens._«

»Oh?« Der junge Oberst lächelte. »Sonst hat er nischt verschuldet?«

»Nit um ein Härlhaar!« sagte der Fürstpröpstliche. »Ist allweil der

Beste von unserer Jägerei gewesen.«

Gegen den linken Dragoner hinreitend, befahl der junge Oberst: »Er! Vom

Gaul herunter!« Weil der Dragoner zögerte, wurde die Stimme schärfer.

»Kennt er keenen Offizier nich? Runter vom Gaul! Den Mann da vom

Strick!« Jetzt stieg der Dragoner aus dem Sattel; während er den Strick

vom Gaul und von Leupolts Händen nestelte, brummte er immer vor sich

hin, nicht freundlich. Der junge Oberst lachte. »Na, Kerl, er kann sich

seinem Herrgott rekompensieren, daß er keen Preuße nich is. Sonst säß

er morgen im verdienten Loch.«

Als Leupolt frei war, hob er die leuchtenden Augen. »Vergeltsgott,

Herr! Man spürt, daß der Helfer kommen ist.«

»Zeig er mich seine Hände!« Sich niederbeugend, betrachtete der Oberst

neugierig die weißen Narbenbänder, die sich um Leupolts Handgelenke

zogen. Man sah nur die eingewürgten Striemen, kein Blut. Wieder ein

heiteres Lachen: »Det luthrische Leder is dauerhaft. Kann er reiten? So

steig er uff den leeren Gaul! Und komm er an meine Seite.« Der junge

Offizier in der Mitte, Danckelmann zur Rechten, der hutlose Leupolt

Raurisser zur Linken, so ritten die Drei davon. Immer schwatzte der

Oberst mit dem Geheimrat. Plötzlich wandte er das fröhliche Gesicht dem

Jäger zu: »Wie lange hat er so springen jemußt?«

»Vom Hallturm bis zu Euch, Herr!«

»_Parbleu!_« Ein drolliges Staunen war in den großen Stahlaugen. »Mir

jeht die Puste aus, wenn ick hundert Sprünge mache. Wat muß er Luft in

die Lungen haben und Schmalz in die Beene.« Französisch zu Danckelmann:

»Das wird ein Preuße, um den der Ritt sich gelohnt hat.« Der Lachende

verstummte, seine Augen glitten staunend ins Weite. Hinter dem

Untersberg und seinen vorgelagerten Waldnasen hatte der hohe Göhl sich

hervorgeschoben, die ganze herrliche Silberkette bis zum Steinernen

Meer. Und ihr zu Füßen der keimende Frühling. »Wie schön ist das!« In

enthusiastischem Entzücken, mit einem Wirbelsturm von Worten, schüttete

der Begeisterte alle Freude einer andächtigen Knabenseele aus sich

heraus. Und griff hinüber zum Arm des Jägers, mit einem Ton, der etwas

Beleidigendes hatte: »Kerl, sonne Heimat verläßt er?«

Leupolts Stirne wurde heiß. Dann tat er einen tiefen Atemzug und sagte

ruhig: »Man tut's nur um Gottes wegen.«

Der junge Oberst blieb stumm, war nachdenklich, saß gebeugt im Sattel

und blickte immer vor sich hin. Jetzt ein Aufzucken, ein ernster Blick

auf den Geheimrat. »Danckelmann!« Nach diesem deutschen Namen die

französischen Worte: »Nun beginne ich die Menschen erst zu begreifen,

die wir gesehen haben in dieser Nacht. Welch ein gottverlorener Esel

muß ein Fürst sein, der solche Untertanen über die Grenze jagt.

Von diesen Christen soll Preußen noch Gewinn haben. Und ich will

sorgen dafür, daß sie Gewinn haben von Preußen.« Sie hatten die

ersten Häuser von Bischofswiesen erreicht. Es kamen die Brandstätten,

die geplünderten Ställe. Der schweigsam gewordene Offizier, mit

vorgeschobenem Gesicht, ließ immer die Augen gleiten. Er schien nur

das Bild der Verwüstung zu sehen, nicht die Musketiere, die neben der

Straße salutierten, nicht die Männer und Burschen, die zu den Zäunen

gesprungen kamen, ein hoffendes Erkennen im Blick. Mit einem Laut

des Ekels wandte er sich von einer Wiese ab, die überstreut war mit

zertrümmertem Hausgerät, und sagte französisch zu Danckelmann: »Trab!

Dieser Lieblichkeit muß man entrinnen. Wir Deutsche mögen viel Gutes

haben. Witz und Geist besitzen die Franzosen. Nur *ihre* Sprache konnte

das aktuelle Wortspiel ersinnen: _chrétien, crétinisme_.« Er ritt, mit

gebeugtem Kopf, ritt immer schneller, hielt die Augen halb geschlossen

und hatte was Greisenhaftes in dem jungen Gesicht. Schon lange war

das verwüstete Dorf hinter grünenden Hügeln verschwunden, als Leupolt

sagte: »Da kommen die berchtesgadnischen Herren.«

Der Oberst straffte ruckartig den Körper, ließ den Geheimrat

vorausreiten, war verwandelt in einen anderen Menschen, war jung,

war liebenswürdig, aufmerksam auf jedes Wort, und machte, während

Danckelmann den Obristen von Berg als seinen Begleitoffizier den

zwei Kapitelherren vorstellte, so graziöse Komplimente, als hätte

die erfahrenste Dame der großen Welt sie ihm einstudiert. Graf Tige

begann über dieses zierliche Wesen zu schmunzeln und flüsterte dem

Domizellaren von Stutzing in die Perücke: »Der? Ein Soldat? Ach nein!

Das ist ein markierter Tanzmeister.« Besser schien der junge preußische

Offizier dem Grafen Saur zu gefallen. Der Kapitular fand während des

Weiterrittes Vergnügen an dem eleganten Französisch, das gespickt

war mit prickelnden Wortspielen, mit enthusiastischen Hymnen auf die

Schönheit des berchtesgadnischen Landes. Mitten im heitersten Geplauder

wurde der junge Oberst ernst: »_Cher comte!_ Eine Angelegenheit, die

mir dringlich erscheint! Ein Mann wurde entgegen den Reichsgesetzen in

brutaler Weise wie ein Verbrecher mißhandelt, nur weil er Protestant

ist. Ich habe den Schuldlosen unter meinen Schutz genommen und stelle

die Bitte, daß mir dieser Landkundige für die Dauer meines Aufenthaltes

zugeteilt werde zu meinem persönlichen Dienst.«

»Ich glaube das zusagen zu können, auch ohne Rücksprache mit meinem

Allergnädigsten. Wer ist der Mann?«

»Der da hinten auf dem Dragonergaul, der junge Mensch ohne Hut.«

Graf Saur wandte die Augen und schien sehr unliebsam berührt zu sein;

doch höflich sagte er: »Ihr Wunsch, Herr Oberst, ist bewilligt. Seine

Liebden der Fürstpropst werden meiner Ansicht beistimmen.«

Das Wohlgefallen, das Graf Saur an dem preußischen Offizier gefunden

hatte, schien erloschen zu sein; er wandte sich im Gespräch fast nur an

Danckelmann.

Lächelnd und schweigsam, mit ruhelos gleitenden Augen, ritt der junge

Oberst neben den beiden her.

Das große Jagen · 第 81 / 98 题