Um die Dächer von Berchtesgaden blaute die Morgenfrühe, die nach der
Neumondnacht zu leuchten begann. Die höchsten, noch weißen Bergzinnen
waren schon rosig angestrahlt, die Täler noch umsponnen von grauem
Frühschatten. Auf drei Türmen läuteten die Glocken. Frauen und Mädchen
wanderten schweigsam zur Messe. Sie trugen das Gebetbuch und den
Rosenkranz zwischen vorgestreckten Händen. Neben den vielen Musketieren
waren nur wenige Mannsleute und Burschen zu sehen, selten einer mit
frohen Augen.
Nicht nur die müden Menschengesichter, auch die Häuser und ihre Mauern
erzählten von den erbitterten Glaubenskämpfen der vergangenen Wochen.
Viele Kaufgewölbe waren geschlossen. Zwischen Häusern mit grünen
Fensterläden und Flurpfosten stand immer wieder eines, dessen Türen
und Kreuzstöcke mit Mohnfarbe angestrichen waren. Dadurch hatte die
Marktgasse unleugbar an malerischem Reiz gewonnen. Das prächtige,
reichlich verschwendete Rot und das saftige Frühlingsgrün stimmte gut
mit dem silbernen Weiß der Mauern zusammen, das freilich der früher
üblichen Reinheit ein bißchen entbehrte. Mit Kohle oder schwarzer
Wagenschmiere, sogar mit einer Farbe, die man sonst bei künstlerischer
Betätigung nicht zu verwenden pflegt, waren auf den weißen Mauern
phantasievolle Teufelsgestalten mit schweinsartig geringelten
Schwänzchen angemalt. Diese Zeugnisse einer naiven Volkskunst waren
textlich belebt durch Stoßseufzer der christlichen Nächstenliebe,
gegen die man den Vorwurf einer gewissen Eintönigkeit erheben mußte.
Auf jeder Mauer wiederholten sich die gleichen Geistesblitze:
»Luthrischer Siach!«, »Du Salzlecker!«, »Verhöllter Saukerl!«,
»Schwarzweißer Preiß!«, »Evangelischer Teufelsbraten!« Von dieser,
seit dem Versöhnungsschießen epidemisch gewordenen Volkskunst waren
auch die Mauern der Gutgläubigen nicht verschont geblieben. Es erwies
sich wieder einmal das Sprichwort: »Schrei hinein in den Wald und so
hallte heraus.« Man hatte die Wände der Treugebliebenen geziert durch
Mönchsköpfe mit Ablaßzetteln als ausgestreckte Zungen, durch Heilige
mit Geldsäcken unter den Armen, durch Kapuziner mit Säbel, Muskete
und Bratwurstkränzl. Diese Bilder waren aber nur noch fragmentarisch
vorhanden, weil man sie wieder heruntergekratzt hatte. Das war
polizeilich erlaubt: an ketzerischen Mauern war jedes Erlösungswerk
verboten; hier hieß es: »Volksstimme, Gottesstimme.«
Häufig waren Häuser zu sehen, deren Türen und Fensterstöcke nach
ausgiebiger Terpentintaufe nur noch einen blaßroten Schimmer
hatten. Man durfte da nicht immer auf eine reumütige Heimkehr zum
fürstpröpstlichen Glauben schließen. Gleich in den ersten Nächten
nach dem Versöhnungsschießen hatten »evangelikanische Inkulpatanten«,
wie Muckenfüßl rapportierte, zu heimtückischem Ausgleich auch die
Fensterstöcke und Haustüren gutgläubiger Nachbarn mit roter Farbe
bestrichen. Viel Terpentin war nötig. Die Preise der erlösenden
Flüssigkeit stiegen. Weil man schließlich -- helfe, was helfen kann
-- die fälschlich verketzerten Haustüren mit Kirschwasser, mit
Zwetschkengeist und doppelt gebranntem Enzian waschen mußte, ergab
es sich, daß alles, was unter die Bezeichnung Spiritus fiel, im Lande
Berchtesgaden eine schwer erschwingliche Sache wurde. Der Rausch
war ein seltenes Ding, man sah auch an Sonn- und Feiertagen keinen
Betrunkenen mehr, und Pfarrer Ludwig konnte heiter zu Lewitter sagen:
»Er hat doch recht, der Amsterdamer! Keine Sach des Lebens ist so
kotzmiserablig, daß sie nit irgendwie zur moralischen Besserung der
Menschheit dienen könnt.«
Wie fast alle Häuser der Marktgasse, so hatten auch die großen,
altersdunklen Torflügel des Stiftes ein neuzeitliches Aussehen.
An ihnen waren die vier großen, engbedruckten Papierbogen mit den
vielen Paragraphen des Exulationsediktes angeschlagen; der Mann
mit den entbehrlichen Schriftzeichen hatte hier die zwecklose
Buchstabenverschwendung zu einer Orgie ausgestaltet. Und wie ein
Herrscher sich umgeben sieht von seinen Generälen und Soldaten, so
war das große Papierquartett der Landsverweisung aller Evangelischen
im Ring umnagelt mit allen Polizeiverboten, die aus dem Schoß der
Bekehrungswochen herausgesprungen waren. An diesen weißen Zetteln
ging der stille Strom der Kirchgänger vorüber. Und ging vorüber an
einem wunderlich blickenden Menschen, der auf den Marmorstufen des
Marktbrunnens hockte, zwischen den Armen ein schlummerndes Bübchen,
auf dem Bauernhut drei von Sonne und Regen verblichene Trauerbänder.
Jedesmal, wenn zwischen den Weibsleuten ein Mannsbild an ihm
vorüberging, rief er mit erwürgter Stimme die gleichen Worte: »Höi!
Luset! Kauft nit einer meinen Hausrat, meine Küh und meine Geißen,
mein Feld und mein Futter? Ich geb's um den halben Preis. Bloß der
Gerstenacker muß mein bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll
man nit misten und mähen. Das ander alles kann einer haben um den
halben Preis.« Ein sonderbares Lächeln. »Jeder kann's kaufen. Alles ist
gutkatholische War.« Die Leute sahen den Christl Haynacher in Erbarmen
an oder schüttelten die Köpfe. Manche erkannten ihn nimmer. Er hatte
sich verändert. Sehr.
Nach der Woche ohne Mond und Sonne, die ihm das Versöhnungsschießen
eingetragen hatte, war Christl Haynacher ein geduldiger Mann geworden.
Er versorgte seine Kühe und Geißen, kochte für sein Bübl das Mus,
richtete unverdrossen auf dem Grabhügel seiner Martle ein neues Kreuz
wieder auf, wenn das andere verschwunden war, schreinerte schließlich
die nötigen Kreuze im Vorrat für eine ganze Woche, und verschwieg
gehorsam die polizeilich verbotene Geschichte vom gottseligen Absterben
seines Weibes. Nur von dem heiligen Mirakel erzählte er, das seine
zwei »Preußenkinderlen« aus der Armeseelenkammer in den Glanz des
Himmels hinaufgehoben hatte. So blieb er, bis der Kanzler von Grusdorf
aus Gründen der Staatsräson in der geduldigen Ergebung des Christl
Haynacher einen Wandel hervorrief. Unter Androhung vierzehntägiger
Haftstrafe verbot man dem Christl, etwas »Kreuzähnliches« auf das
Grab seiner Martle zu stecken, und zwei Dutzend Stockstreiche sollten
ihm gewährleistet sein, wenn er nur einem einzigen Menschen noch die
Himmelfahrtsgeschichte seines ungetauftgetauften Zwillingspärchens
vorschwindle. »So so?« sagte Christl, als ihm Muckenfüßl diese
Regierungsverlautbarung aus dem gefährlichen Notizbuch vorgelesen
hatte. Das Grab seines Weibes blieb ohne Kreuz, und um das Schweigen
leichter zu erlernen, vermied es Christl, mit Menschen beisammen zu
sein, wurde erschreckend mager und bekam die Augen eines wilden Tieres.
Vor zwei Tagen hatte man ihn zum Landgericht befohlen. Der Mutter
Jesunder war es aufgefallen, daß der Haynacher immer häufiger in der
Kirche fehlte. Nun sollte er die schwarze Seele weißwaschen. Während
seine verstörten Augen über den Tisch der Gerechtigkeit glitten,
sagte er ruhig: »Mein Bübl muß sein Mus haben. Eine Magd kann ich nit
bezahlen. Soll ich fleißig die Meß besuchen, so müssen mir die Herren
eine Kindsmagd stellen.« Trotz andauernden Kopfschüttelns wollte sich
aus dem justiziarischen Sauermilchgehirn keine verwertbare Butter
absondern. Bezahlte man dem Haynacher eine Magd, so mußte doch wieder
das Mädel die Kirche versäumen. Das war also gehupft wie gesprungen.
Und dem Stifte kam es billiger zu stehen, wenn der Himmel nur um das
Kirchengebet des Christl Haynacher verkürzt wurde. Man mußte die Sache
auf sich beruhen lassen. Damit aber das Verhör nicht völlig ohne
Resultat bliebe, stellte der Landrichter _in miraculi sororum geminarum
causa_ an den Christl allerlei schwerbegreifliche Fragen. Der wortkarge
Haynacher, als er merkte, daß ihm das Reden nicht nur gestattet, sogar
befohlen war, wurde überaus gesprächig, bekam einen heilig entrückten
Blick und schilderte das gottschöne Wunder seiner Martle so genau,
als wäre er selbst dabei gewesen. »Und schauet, lieber Herr, da
ist's in der Finsternis allweil heller worden. Wie die Sonn an einem
Frühlingsmorgen, so ist der lichtscheinige Himmelsglanz hergefallen
über das gottsliebe Pärl. Zwei treue Mutterhändlen haben herausgelangt
aus der Höh --«
»Ssssssso?« Der Landrichter ließ den Puder seiner Wuckelperücke
nebeln. »Feldwebel! Schmeiß er das besoffene Schwein aus meiner
Kanzlei!« Das geschah. Und *wie* es geschah, in einem so gottsheiligen
Augenblick, das richtete im Verstand des Christl Haynacher eine so
verheerende Wirkung an, daß er wie ein Verrückter hinüberlief zur
Exulationskommission und sich einschrieb in die Liste der evangelischen
Emigranten, mit der ausdrücklichen Beifügung: »als gutkatholischer
Christ«. So ganz verstört war er, daß ihm bei der Eintragung sein
Bübchen nicht einfiel. Und nun bot er schon den zweiten Tag seine Habe
zum Verkauf: »Ich geb's um den halben Preis! Bloß der Gerstenacker
soll bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll man nit misten
und mähen.« Immer dünner wurde der Zug der Kirchgänger. Jetzt öffnete
sich die Tür eines nahen Hauses, und würdevoll erschienen die vier
entbehrlichen Federstriche, mit großer Aktenmappe, mit tadellos
überpudertem Gehirnpelz. Mißmutig musterten die kleinen Mausaugen
die frischgeweißte Hauswand. Sei es, daß man die tünchende Schicht
zu dünn genommen, sei es, daß die Feuchtigkeit der Morgenluft den
Kalk transparent machte, so oder so, das vierzeilige Lied, das ein
unerforschbarer Missetäter mit roter Farbe auf diese Mauer geschrieben
hatte, leuchtete deutlich durch:
»Du Christenschnufler, du Gottsentdecker,
Tust du als fleißiger Seelenschmecker
Dem Inkulpaten durch's Nasenloch gucken?
Oder mußt du dich tiefer bucken?«
In Anbetracht der Gedankenspiele, die das doppelhöckerige Justizgehirn
des Landrichters durchkribbeln mußten, konnte man, als sein Scharfblick
von der getünchten Mauer hinüberglitt zum Christl Haynacher, eine
Besserung seiner Laune kaum erhoffen. Dennoch kam sie. Mit einem fast
heiteren Lächeln blieb er vor dem Bauer stehen. »Nun? Er hat sich ja,
wie ich höre, inskribieren lassen als Exulant?«
»Wohl, Herr!« Langsam hob der Christl die tiefliegenden Augen. »Aber
nit als Evangelischer. Ich und mein Bübl, wir bleiben gutkatholische
Christen bis zur erlösenden Sterbstund.«
Das Lächeln des Landrichters wurde noch fröhlicher. »Ich observiere
mit Satisfaktion, daß er seinen Deszendenten ausdrücklich als
katholisch nominiert und will es _ad notam_ nehmen.« Dieses Deutsch
verstand der Christl nicht. Er guckte stumm. »Aber meint er nicht,
mein guter Haynacher, daß es, wenn, auch außerdienstlich, ein hoher
Gerichtsbeamter mit ihm spricht, generaliter empfehlenswürdig wäre,
sich vom Sitzfleisch zu erheben?«
»Das geht nit, Herr, mein Bübl schlaft. Es hat nit schlafen können die
ganze Nacht. Ein bißl Ruh, Herr, muß man einer Menschenseel vergönnen.«
»Ja. Gut! Bleib er also sitzen! Aber hat diese Schlafsucht seines
Kindes nicht eine andere Ursache? Man hat mir rapportiert, daß er viel
mit seinem Bübchen redet, auf eine sonderbare Weise.«
»So so?« Der Bauer legte den Hut mit den Trauerbändern auf die
Marmorstufe und strich sich mit der Hand übers Haar, das hinter dem
rechten Ohr einen weißlichen Fleck bekam, vom vielen Kratzen.
Im Blick des Landrichters glänzte die Freude eines inquisitorischen
Fundes. »Da erzählt er wohl jetzt seinem *Kinde*, was den Leuten zu
erzählen ihm verboten ist?«
»Gott bewahr!« Christls Augen funkelten wie Wolfslichter. »Ich tu
allweil gehorsamen, Herr!«
»Was schwatzt er dann immer mit seinem Kind?«
»Ich tu nit schwatzen, Herr! Ich tu dem Bübl, wenn es nit schlafen
kann, ein Liedl singen.«
»Man rapportiert mir aber, das wäre geredet, nicht gesungen.«
Ein hartes Lachen irrte um Christls aschgraue Lippen. »Jeder singt,
wie er's kann. Und wie man ihn laßt.« Der Haynacher erhob sich,
schmiegte das wachgewordene Bübl an seine Brust und sagte fromm:
»Gelobt sei Jesuchrist und die heilige Mutter Marie, drietausendmal
in Ewigkeit Amen!« Ehe die vier überflüssigen Buchstaben denkfähig
wurden, war der Haynacher schon davongegangen. Erst nach einer Weile
vermochte Doktor Halbundhalb die Wahrheit zu ergründen: es handle
sich da um einen schwachsinnigen Menschen, der, als Inskribierter,
nicht im klaren war über die politische Zuständigkeit seines
eingestandenermaßen katholischen Deszendenten. »Man kann das Kind einem
solchen Narren nicht länger überlassen. Das wäre unmenschlich.« In
diesem Gedankengange wurde der Landrichter durch einen jungen, schon
zu körperlicher Rundung neigenden Klosterbruder unterbrochen, der aus
dem Stiftshof herauskam und auf ihn zutrat. Obwohl er glatt rasiert
war, erinnerte er merklich an den Grenzmusketier mit dem zottigen
Faschingsbart. Das gedunsene Gesicht sah ein bißchen ermüdet aus, ein
bißchen abgehetzt. Die Hände in die Kuttenärmel geschoben, verneigte
er sich demütig und sprach ein paar leise Worte -- nicht: »Gelobt sei
Jesus Christus!« -- er sagte was anderes und flüsterte vom Leupolt
Raurisser. Doktor Willibald stutzte. Rasch verschwanden die beiden in
der Torhalle des Stiftes.
Eine Viertelstunde später trabten auf flinken Gäulen zwei Dragoner
und ein berittener fürstpröpstlicher Jäger gegen die zum Hallturm
führende Straße hinaus, vorüber am aufblühenden Freudengärtl der
allergnädigsten Aurore de Neuenstein, die eben aus ihrem Schlafzimmer
auf das zierlich verschnörkelte Altänchen heraustrat, um in der
milden Sonne des schönen Lenzmorgens ihre Schokolade einzunehmen.
Trotz der frühen Stunde trug das kindhafte Fräulein kein bequemes
_Deshabillé_, sondern war schon geschnürt, wenn auch nicht völlig
zur zarten Wespentaille wie sonst. Frisiert war sie noch nicht, aber
schon geschminkt und schönbepflastert. Sehr reichlich. Sonst hatte
sie nur immer zwei Schönheitspflästerchen neckisch verwendet. Jetzt
trug sie ein halbes Dutzend. Das hatte unliebsame Ursachen. Ihr holdes
Unschuldsgesichtchen war seit einiger Zeit ein bißchen verpustelt,
als wäre sie eine Liebhaberin heftig gewürzter Speisen geworden. Auch
schien sie von dem Familienübel derer von Grusdorf befallen zu sein:
von der Gicht. Täglich nahm sie ein gesalzenes Bad, so heiß, wie es
eine zarte Menschenhaut nur mit Aufwand größter Tapferkeit zu ertragen
vermag. Auch an seelischen Depressionen krankte sie und wurde häufig
von Weinkrämpfen befallen, wie ein den weißen Mäuschen zuneigender
Zechbruder sie im besoffenen Elend zu bekommen pflegt. Doch an jedem
Abend, wenn der Landesherr sich mit seiner Freundin _en titre_ zur
gemeinsamen Mahlzeit setzte, wurde Aurore de Neuenstein überraschend
liebenswürdig, sprühte von Heiterkeit und wußte ihren _maître adoré_ in
eine Stimmung zu versetzen, die ihn seiner vielen abtrünnigen Subjekte
völlig vergessen ließ. In solch einer gutgelaunten, für köstlichen
Nachtschlaf sorgenden Stunde äußerte er einmal die anerkennende
Meinung: einer reizvolleren Freundin könne sich auch der König von
Polen nicht erfreuen, dem doch bekanntlich die größte Auswahl zur
Verfügung stünde.
Dankbar für ein so ehrenvolles Kompliment, überbot sich Aurore de
Neuenstein in entzückenden Munterkeiten, die ihr um so leichter
gelangen, weil Graf Tige, an langwieriger Verkühlung leidend, sich
chronisch von der intimen Tafel der Allergnädigsten exkusieren ließ.
Das nannte Herr Anton Cajetan »so verwunderlich wie das unerforschbare
Rätsel der Armeseelenkammer«. Nicht ganz begreiflich war ihm auch der
Zustand andauernder Feindseligkeit, der zwischen seiner niedlichen
Freundin und ihrem morosen Onkel von Grusdorf zu bestehen schien. Bei
einer Diskussion dieses erstaunlichen Familienzwistes vergaß Aurore de
Neuenstein wieder einmal ihrer feinen Pariser Bildung und schwäbelte in
bebendem Zorn: »E rechts Kameel isch'r. Wo was schief geht im Ländle,
isch'r ratlos und weiß koi Mittel nit.« Sie selbst erschrak über diesen
heimatlichen Ausbruch ihrer dunkelsten Unruhe. Herr Anton Cajetan aber
hatte nur eine politische Wahrheit herausgehört, die ihn nachdenklich
klagen ließ: »Ein großer, in allen Relationen versierter Staatsmann
ist so selten, wie ein reiner Engel auf Erden.« Er küßte galant das
Händchen seiner verblüfften Freundin, die erleichtert aufatmete. Über
solch jähes Erschrecken, wie über das ruhelose Mißtrauen, von dem sie
stets erfüllt schien, konnte sie nie einen völlig hüllenden Schleier
ziehen. Wenn die harmloseste Sache geschah, wenn der Klopfer an ihrem
Gartentor gerührt wurde, wenn ein Lakai erschien, wurde sie immer
zuerst von einer heftigen Konfusion befallen, bevor sie ihre Kontenanz
und ihr unschuldsvolles Lächeln wieder fand. Und als sie auf ihrem
Altänchen das Hufgeklapper hörte und die beiden Dragoner in Begleitung
eines fürstpröpstlichen Jägers so hurtig traben sah, erschrak sie _à
tel point_, daß sie unter der rosigen Schminke erblaßte. Allerdings,
diesmal entbehrte ihr Schreck auch einer realen Beziehung nicht.
Vor einigen Tagen hatte sie, für alle unvorhergesehenen Fälle, ihre
kostbarsten Schmuckstücke, die Mehrzahl ihrer Pariser Toiletten,
ihre feinste brabantische Spitzenwäsche und zwei schwere Kassetten
mit klug ersparten Dukaten nach Reichenhall geschickt, über die
berchtesgadnische Grenze. Just *dieser* Grenze trabten die zwei
Dragoner und der fürstpröpstliche Jäger entgegen, mit einer Eile,
als hätten sie auf amtlichen Befehl was flüchtig Gewordenes wieder
einzufangen. In der ersten Bestürzung zeterte Aurore de Neuenstein:
»Soldate! Soldate! Was isch denn? Halt! Ihr saudumme Kerle, höret ihr
denn nit?«
Sie hörten nicht. Und die Allergnädigste verbrachte eine qualvolle
Stunde, bis ihre Zofe aus der Pflegerkanzlei die beruhigende Nachricht
brachte, daß die Drei nur davongeritten wären, um den Leupolt Raurisser
wegen Teilnahme an einer nächtlichen Fürsagung dem Aufenthalt ohne
Mond und Sonne entgegenzuführen. Zur Beruhigung des überstandenen
Nervensturmes nahm Aurore de Neuenstein ein dampfendes Salzbad,
ungefähr um die gleiche Stunde, in der die drei Berittenen die
Grenzwache beim Hallturm erreichten. Hier gab's einen Aufenthalt.
Vornehme Gäste wurden feierlich empfangen, der Gesandte des Königs
von Preußen mit seinem Geleitsoffizier, dem Obristen von Berg. Eine
Eilstafette mußte absausen, um dem fürstpröpstlichen Hof die Ankunft
des Gesandten zu melden. Erst, als die beiden Herren im Schritt
davonritten, hinter einer Ehreneskorte von sechs Dragonern, fanden die
Drei, die zum Hiesel Schneck wollten, einen Führer.
Das kleine Jägerhaus lag schweigsam, mit verschlossener Tür. Im
offenen Geißstall plätscherte was. Als die Soldaten durch den niederen
Einschlupf guckten, erschrak das Schneckenweibl fürchterlich. Die
Drei sprangen auf die Stubentür zu und fanden den Hiesel schnarchend
im Bett. »Kerl, was liegst du am lichten Tag in den Federn? Das ist
verdächtig.« Mit einer an ihm seltenen Beweglichkeit des Geistes
antwortete Schneck: »Heut in der Nacht bin ich beim Hahnverlusen
gewesen. Verstehst?« Der fürstpröpstliche Jäger bestätigte: »Allweil
schlaft man nach dem Hahnverlusen.« Er wandte sich an Hiesel:
»Deintwegen kommen wir nit. Wo ist der Raurisser?«
Schneck, dem das Blut in die Stirn fuhr, nahm seine Zuflucht zu einem
gesunden Himmelhund: »Kreuzteufel und Höllementsnoterei, was weiß denn
ich?« Damit der Schläfer auf dem Heuboden erwachen und durch eine
Dachluke entspringen möchte, schrie er aus Leibeskräften: »Ich bin doch
nit dem Leupi seine Kindsmagd! Wird halt draußen im Wald sein. Das
hat er nit schmecken können, der Leupi, daß die *Dragoner* kommen.«
Das Wort war wie ein Trompetenstoß. Droben über der Stubendecke ein
leichtes Gepolter. »Gott sei Dank,« dachte Hiesel, »jetzt fahrt er
davon!« Dabei tat er, um jedes Geräusch da droben zu übertönen, einen
brüllenden Fluch um den andern und strampelte mit den Beinen gegen
die Bettlade. Er war ein prächtiges Mannsbild, der Schneck, nur kein
Menschenkenner. An der Decke wurde die Stiegenklappe gehoben, und
man hörte eine ruhige Stimme sagen: »Ich bin daheim. Und komm schon.
Gleich.« Die Schneckin heulte in ihre Schürze, und Hiesel knirschte
wütend gegen die Wand: »So ein Rindviech, so ein ehrenhafts!«
Leupolt kam über die Stiege herunter, in dem verwitterten
Bergjägerkleid, das er in der Nacht getragen hatte. »Was soll's, ihr
Leut?«
»Du mußt mit uns. Befehl der Stiftskanzlei.«
»Gut!« Seine Augen glänzten. Als ihn die Dragoner packten, ihm die
Hände hinter den Rücken zogen und den Strick um die Gelenke schnürten,
sagte er lächelnd: »Das wär nit nötig. Ich geh gutwillig. Jetzt ist
kein Weg nimmer, der nit der Erlösung zulauft.« Er drehte das Gesicht.
»Vergeltsgott, Mutter Schneckin! Für alles. Und Vergeltsgott, Hies! Dir
bleib ich gut.« Er trat hinaus in die Sonne, die drei anderen hinter
ihm. Mit einem fürchterlich gestichelten Himmelsköter sprang Hiesel
Schneck aus dem Bett heraus, im Hemd. Das war seit vierzig Jahren,
trotz seltener Wäsche, ein bißchen eingegangen und kurz geworden.
Man sah, was man nicht sehen wollte. Der Hiesel hatte magergeselchte
Beine, fast so haarig wie Ziegenläufe. Gar nicht appetitlich sah er
aus. Dennoch war etwas Schönes an ihm, als er die schüttelnden Arme
hob und hinaufklagte zur schwarzen Stubendecke: »Herrgott, Herrgott,
was für eine Welt ist das, verstehst! Wo der Redlichste nimmer sicher
ist seiner Haut und Seel!« Eine knirschende Wut befiel ihn. »Her da,
Schneckin! Her zu mir!« Er machte mit dem Zeigefinger eine Bewegung,
wie schlechte Hundepädagogen sie zu machen pflegen, wenn sie einen
widerspenstigen Teckel heranbefehlen. Als er das schluchzende Weibl
umklammert hielt, brüllte er in seinem ehrlichen Menschenzorn: »Jetzt,
Schneckin, verstehst, jetzt hat der christliche Hafen bei mir ein Loch.
Heut in der Nacht, verstehst, da bin ich noch allweil kein richtiger
Evangelikaner gewesen. Jetzt bin ich einer. Gottsherrgottsakerment, ich
exulier, ich exulier und ich exulier, jetzt grad mit Fleiß! Verstehst,
Alte?«
»Wohl, Schneck, versteh schon!« weinte sie. »Aber ehnder du exulieren
kannst, mußt du allweil ins Hösl schlupfen! Verstehst?« Der Hiesel
verstand nicht. Er sprang unter einem Himmelhund, der so lang wurde
wie eine Wagendeichsel, zum kleinen Fenster hin und legte sich, um
hinauszugucken, mit beiden Armen in die Nische. Dadurch wurde das
kurze Hemd noch kürzer. Auch die Stimme des Schneck erinnerte an
ein klagendes Kind: »Herr Jesus, Jesus, Schneckin, jetzt binden die
Saubrüder, die gottverfluchten, den Buben an die Rösser an!« So
schrecklich, wie es für den Hiesel aussah, war es in Wirklichkeit
nicht. Als die zwei Dragoner aufgestiegen waren, knüpfte jeder ein Ende
des Strickes, mit dem sie Leupolt gefesselt hatten, an den Sattelknauf.
Und fort. Der Jäger zwischen den beiden Gäulen. Die hatten keinen
allzulangen Schritt. Da war schon mitzukommen. Aber sobald die Reiter
auf der breiten Straße waren, fingen sie zu traben an, weniger aus
Diensteifer als aus Neugier; sie wollten den Einzug des preußischen
Gesandten zu Berchtesgaden nicht versäumen. Leupolt mußte springen,
verlor den Hut und sagte: »Leut! Mein Hütl! Haltet ein bißl!«
Ein Dragoner lachte: »Wo du hinkommst, brauchst du kein Hütl nimmer.
Sei froh, wenn du den Kopf behaltst.« Und weil er sah, wie flink der
Leupolt Raurisser zu springen verstand, begann er den Gaul zu spornen,
als wäre er neugierig, welcher von beiden der bessere Springer wäre,
der Jäger oder das Roß. Die gefesselten Hände hinter dem Rücken, den
Kopf in den Nacken zurückgelegt, das Gesicht umweht von den feuchten
Strähnen des Blondhaars, die Brust nach vorne geschoben, mit ruhig
pumpenden Atemzügen, so sprang der Jäger und war nicht langsamer als
die Gäule. In seinen Augen schwamm ein heißer und froher Glanz, in
seiner Seele der Gedanke: »Dort, wo ich hinspring, ist der Helfer
und mein Glück.« Die Dragoner, die für ihre Gäule ehrgeizig wurden,
begannen zu galoppieren. Leupolt sprang, ein Lächeln um den halb
offenen, durstig atmenden Mund. Der junge schlanke, stahlsehnige Jäger,
der das Beste seiner Kraft herausholte aus den beschwingten Gliedern,
bot einen Anblick, daß der Herrgott, hätte er auf ihn heruntergeschaut,
in Stolz und Freude hätte sagen müssen: »Wie schön und kraftvoll ist
der Mensch, den ich erschuf!«
Schon tauchten die Dächer und der Kirchturm von Bischofswiesen über
die Hügel. Auf der harten Kalksteinstraße war der hämmernde Hufschlag
weit zu hören. Nahe den ersten Häusern ritten im Schritt die sechs
Dragoner, die man dem preußischen Gesandten als Ehreneskorte gegeben
hatte. Der junge Oberst, mitten im französischen Geplauder, drehte
das Gesicht nach Art eines wachsamen Soldaten, sah den springenden
Menschen zwischen den beiden hetzenden Gäulen, erkannte den Jäger,
riß unter einem kurzen Laut das Pferd herum und jagte den Dragonern
entgegen. Ein Dutzend Schritte vor ihnen verhielt er den Fuchs und
streckte die Reitpeitsche seitwärts, als wär's eine Schranke, über die
es kein Hinüber gab. »_Ne bougez pas! Gredins!_« Seine Augen blitzten.
In der Gewohnheit der Sprache, die ihm geläufiger war als die Sprache
der Heimat, quirlten die jähzornigen Worte aus ihm heraus: »_Hé! Vous!
Êtes-vous des soldats allemands ou des bourreaux? Rendez la liberté à
cet homme!_ Wollt ihr? _Hein?_ Gebt den Mann da frei!« Danckelmann, mit
Sorge in den Augen, kam herangetrabt und wisperte französische Worte.
»Ach wat!« Ein unwilliges Kopfschütteln. »Det duld ick nich. Sei es uff
preußischem Sand oder fremdem Boden.« Der junge Oberst gab dem Fuchs
einen Sporendruck und trieb ihn gegen die beiden Dragoner hin. »Wat
hat der Mann da verbrochen?« Die Dragoner, ohne zu antworten, machten
verdutzte Köpfe, und Leupolt, zwischen den schnaufenden Gäulen, stand
aufrecht, mit glanzvollen Augen, so kraftvoll atmend, daß ihm die
Schultern und der Brustkorb auf und nieder gingen. »Habt ihr Wolle in
den Ohren? Ick frage, wat der da verbrochen hat.«
Verdrossen murrte einer von den Dragonern: »So ein luthrischer Siach
ist er.«
»Wat?« Eine rasche Wendung gegen den Geheimrat: »_Est-ce que vous avez
compris? Moi pas._«
Danckelmann verdolmetschte: »_Il prétend que le chasseur est un de ces
infâmes luthériens._«
»Oh?« Der junge Oberst lächelte. »Sonst hat er nischt verschuldet?«
»Nit um ein Härlhaar!« sagte der Fürstpröpstliche. »Ist allweil der
Beste von unserer Jägerei gewesen.«
Gegen den linken Dragoner hinreitend, befahl der junge Oberst: »Er! Vom
Gaul herunter!« Weil der Dragoner zögerte, wurde die Stimme schärfer.
»Kennt er keenen Offizier nich? Runter vom Gaul! Den Mann da vom
Strick!« Jetzt stieg der Dragoner aus dem Sattel; während er den Strick
vom Gaul und von Leupolts Händen nestelte, brummte er immer vor sich
hin, nicht freundlich. Der junge Oberst lachte. »Na, Kerl, er kann sich
seinem Herrgott rekompensieren, daß er keen Preuße nich is. Sonst säß
er morgen im verdienten Loch.«
Als Leupolt frei war, hob er die leuchtenden Augen. »Vergeltsgott,
Herr! Man spürt, daß der Helfer kommen ist.«
»Zeig er mich seine Hände!« Sich niederbeugend, betrachtete der Oberst
neugierig die weißen Narbenbänder, die sich um Leupolts Handgelenke
zogen. Man sah nur die eingewürgten Striemen, kein Blut. Wieder ein
heiteres Lachen: »Det luthrische Leder is dauerhaft. Kann er reiten? So
steig er uff den leeren Gaul! Und komm er an meine Seite.« Der junge
Offizier in der Mitte, Danckelmann zur Rechten, der hutlose Leupolt
Raurisser zur Linken, so ritten die Drei davon. Immer schwatzte der
Oberst mit dem Geheimrat. Plötzlich wandte er das fröhliche Gesicht dem
Jäger zu: »Wie lange hat er so springen jemußt?«
»Vom Hallturm bis zu Euch, Herr!«
»_Parbleu!_« Ein drolliges Staunen war in den großen Stahlaugen. »Mir
jeht die Puste aus, wenn ick hundert Sprünge mache. Wat muß er Luft in
die Lungen haben und Schmalz in die Beene.« Französisch zu Danckelmann:
»Das wird ein Preuße, um den der Ritt sich gelohnt hat.« Der Lachende
verstummte, seine Augen glitten staunend ins Weite. Hinter dem
Untersberg und seinen vorgelagerten Waldnasen hatte der hohe Göhl sich
hervorgeschoben, die ganze herrliche Silberkette bis zum Steinernen
Meer. Und ihr zu Füßen der keimende Frühling. »Wie schön ist das!« In
enthusiastischem Entzücken, mit einem Wirbelsturm von Worten, schüttete
der Begeisterte alle Freude einer andächtigen Knabenseele aus sich
heraus. Und griff hinüber zum Arm des Jägers, mit einem Ton, der etwas
Beleidigendes hatte: »Kerl, sonne Heimat verläßt er?«
Leupolts Stirne wurde heiß. Dann tat er einen tiefen Atemzug und sagte
ruhig: »Man tut's nur um Gottes wegen.«
Der junge Oberst blieb stumm, war nachdenklich, saß gebeugt im Sattel
und blickte immer vor sich hin. Jetzt ein Aufzucken, ein ernster Blick
auf den Geheimrat. »Danckelmann!« Nach diesem deutschen Namen die
französischen Worte: »Nun beginne ich die Menschen erst zu begreifen,
die wir gesehen haben in dieser Nacht. Welch ein gottverlorener Esel
muß ein Fürst sein, der solche Untertanen über die Grenze jagt.
Von diesen Christen soll Preußen noch Gewinn haben. Und ich will
sorgen dafür, daß sie Gewinn haben von Preußen.« Sie hatten die
ersten Häuser von Bischofswiesen erreicht. Es kamen die Brandstätten,
die geplünderten Ställe. Der schweigsam gewordene Offizier, mit
vorgeschobenem Gesicht, ließ immer die Augen gleiten. Er schien nur
das Bild der Verwüstung zu sehen, nicht die Musketiere, die neben der
Straße salutierten, nicht die Männer und Burschen, die zu den Zäunen
gesprungen kamen, ein hoffendes Erkennen im Blick. Mit einem Laut
des Ekels wandte er sich von einer Wiese ab, die überstreut war mit
zertrümmertem Hausgerät, und sagte französisch zu Danckelmann: »Trab!
Dieser Lieblichkeit muß man entrinnen. Wir Deutsche mögen viel Gutes
haben. Witz und Geist besitzen die Franzosen. Nur *ihre* Sprache konnte
das aktuelle Wortspiel ersinnen: _chrétien, crétinisme_.« Er ritt, mit
gebeugtem Kopf, ritt immer schneller, hielt die Augen halb geschlossen
und hatte was Greisenhaftes in dem jungen Gesicht. Schon lange war
das verwüstete Dorf hinter grünenden Hügeln verschwunden, als Leupolt
sagte: »Da kommen die berchtesgadnischen Herren.«
Der Oberst straffte ruckartig den Körper, ließ den Geheimrat
vorausreiten, war verwandelt in einen anderen Menschen, war jung,
war liebenswürdig, aufmerksam auf jedes Wort, und machte, während
Danckelmann den Obristen von Berg als seinen Begleitoffizier den
zwei Kapitelherren vorstellte, so graziöse Komplimente, als hätte
die erfahrenste Dame der großen Welt sie ihm einstudiert. Graf Tige
begann über dieses zierliche Wesen zu schmunzeln und flüsterte dem
Domizellaren von Stutzing in die Perücke: »Der? Ein Soldat? Ach nein!
Das ist ein markierter Tanzmeister.« Besser schien der junge preußische
Offizier dem Grafen Saur zu gefallen. Der Kapitular fand während des
Weiterrittes Vergnügen an dem eleganten Französisch, das gespickt
war mit prickelnden Wortspielen, mit enthusiastischen Hymnen auf die
Schönheit des berchtesgadnischen Landes. Mitten im heitersten Geplauder
wurde der junge Oberst ernst: »_Cher comte!_ Eine Angelegenheit, die
mir dringlich erscheint! Ein Mann wurde entgegen den Reichsgesetzen in
brutaler Weise wie ein Verbrecher mißhandelt, nur weil er Protestant
ist. Ich habe den Schuldlosen unter meinen Schutz genommen und stelle
die Bitte, daß mir dieser Landkundige für die Dauer meines Aufenthaltes
zugeteilt werde zu meinem persönlichen Dienst.«
»Ich glaube das zusagen zu können, auch ohne Rücksprache mit meinem
Allergnädigsten. Wer ist der Mann?«
»Der da hinten auf dem Dragonergaul, der junge Mensch ohne Hut.«
Graf Saur wandte die Augen und schien sehr unliebsam berührt zu sein;
doch höflich sagte er: »Ihr Wunsch, Herr Oberst, ist bewilligt. Seine
Liebden der Fürstpropst werden meiner Ansicht beistimmen.«
Das Wohlgefallen, das Graf Saur an dem preußischen Offizier gefunden
hatte, schien erloschen zu sein; er wandte sich im Gespräch fast nur an
Danckelmann.
Lächelnd und schweigsam, mit ruhelos gleitenden Augen, ritt der junge
Oberst neben den beiden her.