Kapitel XXVI

Vor dem Leuthaus zu Berchtesgaden war eine Ehrenwache aufgezogen. Die

drei Gesandtenzimmer waren in Bereitschaft gesetzt, im Salon war zum

Imbiß gedeckt, die Betten hatte man mit Pariser Essenzen parfümiert,

und ein Lakai vom persönlichen Dienst Seiner Liebden überwachte alle

Vorbereitungen. Weil es trotz der heftig duftenden Blumenwässer in den

lange nicht mehr benützten Zimmern noch immer sehr merklich muffelte,

hatte man zur Lüftung alle Fenster aufgerissen. Freundlich schimmerte

die Frühlingssonne des milden Nachmittages auf den Gesimsen, und

durch die offenen Fenster quoll ein gedämpftes Stimmengesumm. Der

ganze Hof des Leuthauses -- ausgenommen eine von den Polizeisoldaten

freigehaltene Gasse -- war angefüllt mit einer gestauten Menschenmenge.

Immer hörte man die kanzleideutschen Befehle Muckenfüßls, der überaus

aufgeregt war und ungeachtet des ihm innewohnenden Begriffsvermögens in

eine Eigenschaft des Hiesel Schneck verfiel: er verstand etwas nicht.

Seit Wochen war es zu Berchtesgaden eine Rarität gewesen, wenn man ein

Mannsbild auf der Gasse sah. Nun plötzlich wimmelte es von Männern und

Burschen. Muckenfüßl erkannte die meisten von ihnen als Inskribierte.

»Die Sach ist perplexierend!« sagte er zum Kommandanten der Ehrenwache.

»Wir von der Polizei, wir haben doch _in loco hujus_ nit ausgeratscht,

wer da von Reichenhall her adveniert? Und doch muß jeder evangelische

Floh schon einen Schmeck davon haben! Dem landsverrätrischen Gesindel

sticht die Freud wie Schneckenhörndln _per oculos_ heraus!« Diese

Muckenfüßl'sche Beobachtung war kein Irrtum. Den paarhundert Männern

und Burschen, die sich außerhalb des Polizeispaliers mit entblößten

Köpfen Schulter an Schulter drängten, glänzte in den abgezehrten

Gesichtern der Hoffnungstrost, den sie in der Morgendämmerung

heimgetragen hatten vom Toten Mann.

Als die Herren geritten kamen, ließ sich kein Zuruf und kein Gruß

vernehmen; außer dem Pferdegetrappel und dem Gewehrklappern der

salutierenden Musketiere kaum ein Laut. Jene, die nur aus Neugier

zusammengelaufen waren, guckten stumm, und die anderen, die das

Erlösungsfeuer der Neumondnacht gesehen hatten, grüßten nur mit einem

Augenleuchten, mit einem lächelnden Aufatmen. In der Stille, die den

Empfang der fremden Herren umringte, gab es an der Ecke des Leuthauses

plötzlich ein Gedräng. Ein aufgeregtes Mädel wollte sich aus dem Gewühl

heranarbeiten und bettelte immer: »Lasset mich doch hinaus, ich muß

zum Meister heim!« Es war die Sus. Sie kämpfte mit Ellenbogen und

Fäusten. Als sie sich endlich freien Weg erstritten hatte, rannte sie,

daß ihr Rock wie eine Fahne flatterte. Vor der Haustür preßte sie die

Fäuste auf die Brust, als möchte sie gewaltsam still machen, was in ihr

hämmerte. Aus der Werkstatt klangen gleichmäßige Meißelschläge, und im

Gesicht der Sus verriet sich eine grübelnde Gedankenarbeit. Wie sollte

sie das machen: daß der Meister nicht herausgerissen würde aus seiner

schönen Arbeit, und daß Luisa doch erfuhr, welchen hutlosen Reiter die

Sus auf einem Dragonergaul hatte sitzen sehen? Ruhig trat sie in die

Werkstatt des Meisters. Er hämmerte mit festen Streichen vor dem roten

Wachsmodell an der lebensgroßen Holzstatue der >heiligen Menschheit<.

Neben dem Ofen saß Luisa hinter dem Spinnrad, mit gesenkten Augen.

Der Meister, ohne die Arbeit zu unterbrechen, fragte: »Was ist los im

Markt?«

»Zwei Fremde sind eingeritten, ein fürnehmes Mannsbild und ein junger

Soldat. Die Stiftsherren haben die Gäst zum Leuthaus komplimentiert.«

Der Meister hämmerte weiter. Es war ihm nicht aufgefallen, daß die

Stimme der Sus anders klang wie sonst. Aber Luisa, unter raschem

Handgriff nach dem Rädl, hob das Gesicht und sah die Augen der Magd in

stummer Sprache auf sich gerichtet. Dann wandte sich die Sus und ging.

Die Wangen überhaucht von einer fieberhaften Röte, erhob sich Luisa.

»Kind?« fragte Niklaus unter den hallenden Hammerschlägen. »Wohin?«

»Ich muß die Sus was fragen.«

Seit Wochen war es der Meister so gewöhnt, daß Luisa immer bei ihm

blieb, wenn er arbeitete. Es fehlte ihm was, sobald er das Spinnrad

nicht schnurren hörte. »Kommst du wieder?«

»Gleich, Vater!« Draußen im Flur fand Luisa die Magd, die schon

wartete. »Sus?« Das war keine Stimme, nur ein Hauch. »Was Ungutes?«

Sus faßte die Haustochter bei der Hand, zog sie in die Küche, schlang

den Arm um ihre Schultern und flüsterte: »Mit den Herren ist der

Leupolt eingeritten.«

Das große Jagen · 第 82 / 98 题