Vor dem Leuthaus zu Berchtesgaden war eine Ehrenwache aufgezogen. Die
drei Gesandtenzimmer waren in Bereitschaft gesetzt, im Salon war zum
Imbiß gedeckt, die Betten hatte man mit Pariser Essenzen parfümiert,
und ein Lakai vom persönlichen Dienst Seiner Liebden überwachte alle
Vorbereitungen. Weil es trotz der heftig duftenden Blumenwässer in den
lange nicht mehr benützten Zimmern noch immer sehr merklich muffelte,
hatte man zur Lüftung alle Fenster aufgerissen. Freundlich schimmerte
die Frühlingssonne des milden Nachmittages auf den Gesimsen, und
durch die offenen Fenster quoll ein gedämpftes Stimmengesumm. Der
ganze Hof des Leuthauses -- ausgenommen eine von den Polizeisoldaten
freigehaltene Gasse -- war angefüllt mit einer gestauten Menschenmenge.
Immer hörte man die kanzleideutschen Befehle Muckenfüßls, der überaus
aufgeregt war und ungeachtet des ihm innewohnenden Begriffsvermögens in
eine Eigenschaft des Hiesel Schneck verfiel: er verstand etwas nicht.
Seit Wochen war es zu Berchtesgaden eine Rarität gewesen, wenn man ein
Mannsbild auf der Gasse sah. Nun plötzlich wimmelte es von Männern und
Burschen. Muckenfüßl erkannte die meisten von ihnen als Inskribierte.
»Die Sach ist perplexierend!« sagte er zum Kommandanten der Ehrenwache.
»Wir von der Polizei, wir haben doch _in loco hujus_ nit ausgeratscht,
wer da von Reichenhall her adveniert? Und doch muß jeder evangelische
Floh schon einen Schmeck davon haben! Dem landsverrätrischen Gesindel
sticht die Freud wie Schneckenhörndln _per oculos_ heraus!« Diese
Muckenfüßl'sche Beobachtung war kein Irrtum. Den paarhundert Männern
und Burschen, die sich außerhalb des Polizeispaliers mit entblößten
Köpfen Schulter an Schulter drängten, glänzte in den abgezehrten
Gesichtern der Hoffnungstrost, den sie in der Morgendämmerung
heimgetragen hatten vom Toten Mann.
Als die Herren geritten kamen, ließ sich kein Zuruf und kein Gruß
vernehmen; außer dem Pferdegetrappel und dem Gewehrklappern der
salutierenden Musketiere kaum ein Laut. Jene, die nur aus Neugier
zusammengelaufen waren, guckten stumm, und die anderen, die das
Erlösungsfeuer der Neumondnacht gesehen hatten, grüßten nur mit einem
Augenleuchten, mit einem lächelnden Aufatmen. In der Stille, die den
Empfang der fremden Herren umringte, gab es an der Ecke des Leuthauses
plötzlich ein Gedräng. Ein aufgeregtes Mädel wollte sich aus dem Gewühl
heranarbeiten und bettelte immer: »Lasset mich doch hinaus, ich muß
zum Meister heim!« Es war die Sus. Sie kämpfte mit Ellenbogen und
Fäusten. Als sie sich endlich freien Weg erstritten hatte, rannte sie,
daß ihr Rock wie eine Fahne flatterte. Vor der Haustür preßte sie die
Fäuste auf die Brust, als möchte sie gewaltsam still machen, was in ihr
hämmerte. Aus der Werkstatt klangen gleichmäßige Meißelschläge, und im
Gesicht der Sus verriet sich eine grübelnde Gedankenarbeit. Wie sollte
sie das machen: daß der Meister nicht herausgerissen würde aus seiner
schönen Arbeit, und daß Luisa doch erfuhr, welchen hutlosen Reiter die
Sus auf einem Dragonergaul hatte sitzen sehen? Ruhig trat sie in die
Werkstatt des Meisters. Er hämmerte mit festen Streichen vor dem roten
Wachsmodell an der lebensgroßen Holzstatue der >heiligen Menschheit<.
Neben dem Ofen saß Luisa hinter dem Spinnrad, mit gesenkten Augen.
Der Meister, ohne die Arbeit zu unterbrechen, fragte: »Was ist los im
Markt?«
»Zwei Fremde sind eingeritten, ein fürnehmes Mannsbild und ein junger
Soldat. Die Stiftsherren haben die Gäst zum Leuthaus komplimentiert.«
Der Meister hämmerte weiter. Es war ihm nicht aufgefallen, daß die
Stimme der Sus anders klang wie sonst. Aber Luisa, unter raschem
Handgriff nach dem Rädl, hob das Gesicht und sah die Augen der Magd in
stummer Sprache auf sich gerichtet. Dann wandte sich die Sus und ging.
Die Wangen überhaucht von einer fieberhaften Röte, erhob sich Luisa.
»Kind?« fragte Niklaus unter den hallenden Hammerschlägen. »Wohin?«
»Ich muß die Sus was fragen.«
Seit Wochen war es der Meister so gewöhnt, daß Luisa immer bei ihm
blieb, wenn er arbeitete. Es fehlte ihm was, sobald er das Spinnrad
nicht schnurren hörte. »Kommst du wieder?«
»Gleich, Vater!« Draußen im Flur fand Luisa die Magd, die schon
wartete. »Sus?« Das war keine Stimme, nur ein Hauch. »Was Ungutes?«
Sus faßte die Haustochter bei der Hand, zog sie in die Küche, schlang
den Arm um ihre Schultern und flüsterte: »Mit den Herren ist der
Leupolt eingeritten.«