In Verblüffung sagte der alte Herr: »So fromm?«

»Auch das nicht. Ich studiere diese deutsche Grammatik, um mein

Kutscherdeutsch nach Möglichkeit zu verbessern.«

Der Hiesel, weil die Herren französisch redeten, brannte wütend seine

Pfeife an und blies Wolken vor sich hin, daß er völlig eingewickelt

wurde von diesem grauen Vorhang. Ein paarmal fuchtelte der junge Oberst

mit der Hand den beizenden Knasterqualm vor seiner Nase weg. Halb in

Zorn und halb erheitert rief er zu Danckelmann hinüber: »Der fehlt

noch in der Tabagie. Er würde zu hohen Ehren kommen.« Leupolt, als

sein mahnendes Augenblinzeln beim Hiesel kein Verständnis fand, sprang

von der Pfanne weg, zog dem Schneck die Pfeife aus den Zähnen und

öffnete die Hüttentür. Jetzt kapierte der Hiesel Schneck und brummelte

gallig: »Ah, freilich, die Preißen! Die rauchen bloß Muskatblütln und

Pomeranzen! Was?« Erschrocken sah Leupolt zu den Herren hinüber. Die

schienen von der Weisheit des Hiesel Schneck keinen Laut vernommen zu

haben. Danckelmann hatte sich auf die Heutruhe gesetzt und schien ein

Nickerchen zu machen. Der andere war in das Buch versunken, war seltsam

erregt, wie befallen von einem wühlenden Seelensturm. Im Rauschen der

Herdflamme eine lautwerdende, von innerem Aufruhr bebende Stimme. Den

Rücken gebeugt, das Gesicht fast niedergetaucht auf das kleine Buch,

las der junge Oberst: »Absalom sprach zu Joab: Warum bin ich von Gessur

kommen? Es wäre mir besser, daß ich noch da wäre. So laß mich nun das

Angesicht des Königs sehen! Ist aber eine Missetat an mir, so töte

mich!«

Leupolt, der die Stelle aus dem zweiten Buche Samuelis erkannte,

lauschte mit glänzenden Augen. Nun sah er betroffen auf das schreckhaft

verwandelte Gesicht des jungen Soldaten. Der las zwischen knirschenden

Zähnen, die verzerrten Wangen von Tränen überglitzert, fast in der Art

eines Menschen, der an der hinfallenden Krankheit leidet und einen Stoß

seines Übels zu empfinden scheint: »Und Joab ging hinein zum Könige

und sagte es ihm an. Und er rief dem Absalom, daß er hinein zum Könige

kam, und er fiel nieder vor dem Könige, auf sein Antlitz zur Erde.

Und der König küßte Absalom.« Verstummend preßte er das Gesicht auf

die Blätter. War das ein Schluchzen? Oder war es ein Lachen? Nun ein

jähes Aufzucken des vom Haar umwirrten Gesichtes. Und ein kreischender

Laut, zu Danckelmann hinüber, in französischer Sprache: »Absalom starb

an der Eiche. Wo sterbe ich?« Ein jähes Erlöschen alles seelischen

Aufruhrs, ein ruhiges Lächeln, ein heiterer Klang in der melodischen

Stimme: »Wenn's auf dem Boden eines deutschen Sieges wäre, sollt' es

mir recht sein in jeder Stunde.«

Danckelmann, der aus seinem Müdigkeitsdusel noch nicht völlig ermuntert

war, sah ratlos drein. Und Leupolt fragte in Sorge: »Ist dem jungen

Herrn übel?«

»_Mais non!_« Der Oberst lachte. »Mich is wohler denn je. Det war nur

Rebelljon der Jedärme. Mir hungert.«

Kopfschüttelnd verließ der Hiesel Schneck die Hütte, stolperte in die

Nacht hinaus und klagte: »So was! Und söllene Leut möchten die deutsche

Welt verbessern und den alten Herrgott umnageln. Ich versteh's nit!

Kreuzhimmelhöllementshundsviecherei!« Zur Beruhigung seiner verärgerten

Seele hatte er die Pfeife mit heraus genommen. Er schlug Feuer, daß die

Funken stoben, wühlte den stinkenden Schwamm unter die Tabaksasche, und

als die Pfeife festen Zug hatte, blies er einen dicken Rauchfaden durch

ein Astloch der Hüttentür. »So, schmeck's, du Preiß, du abzirkelter!«

Er fühlte sein Gemüt erleichtert, trat auf einen Felsschnacken

hinaus und spähte in die schwarze, von schönen Sternen überfunkelte

Neumondnacht. Zu den strahlenden Lichtern der Ewigkeit zog es den Blick

des Hiesel nicht empor. Immer guckte er hinunter auf das dustere Loch

einer kleinen Talmulde und mummelte melancholisch: »Ob wohl jetzt das

liebe alte Radl ohne Wagen rekatholisch träumt oder evangelikanisch?«

In der Hütte klapperten die irdenen Teller. Flinkes Französisch.

Immer wieder das heitere Lachen des Soldätleins. Dann ein lebhafter

Wortwechsel, der von energischem Deutsch unterbrochen wurde: »Denk

er an seine fumfzich Jahre, Danckelmann! Leg er sich hin uffs Heu!

_Sans façon!_ Ick will 's.« Merkwürdig, dachte der Hiesel Schneck,

wie im Preußischen ein Knechtl reden darf mit seinem Herrn! Dann

guckte er wieder in die Tiefe. Da draußen, gegen Bischofswiesen zu,

gaukelte was durch den schwarzen Wald gegen den Gratsattel hinter dem

Toten Mann hinauf wie ein winziges Sternchen. »Was ist denn da los?«

So viel wußte der Hiesel schon: daß von den Evangelischen keiner

mit einer Latern zur heimlichen Fürsagung wandert. Die machen sich

seit dem Versöhnungsschießen unsichtbarer als je. Was war da los?

Um an eine Gefahr für die Brüder in Christ zu denken, dazu war die

Bekennerseele des Hiesel noch nicht evangelisch genug. Er fand für das

gaukelnde Laternenrätsel nur die Lösung: daß da einer von der Jägerei

zu Berg stiege, um für den Fürsten oder für die -- »Sagen wir halt:

Allergnädigste!« -- einen Auerhahn zu verlusen. Diese Vorstellung,

statt sein Jägerherz zu erfreuen, machte den Hiesel so traurig, daß er

sich auf den Schnee hinsetzen und das Gesicht in die Fäuste drücken

mußte. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. »Komm, Schneck, und

schlaf ein Stündl! Wir müssen uns heut noch plagen in der Nacht.«

In der Hütte kein Feuer mehr. Doch zwischen der Asche lag noch eine

große Kohlenglut und strahlte ihren roten Schimmer in den stillen

Raum. Der Geheimrat, mit seinem Mantelkragen zugedeckt, lag im Heu

und schnarchte ein bißchen. Auf dem Sitzmäuerchen, gegen die Balken

gelehnt, schlief der junge Oberst, das Gesicht vom Haar überhangen,

klein zusammengehuschelt in dem dunklen Militärmantel. »Was einer

ist als Mensch, das sieht man allweil am besten im Schlaf!« so

philosophierte der Hiesel Schneck. »Dahocken tut das Preißerl wie ein

Häufl Elend.« Freilich, eine Minute später hockte dieser lange Weise

nicht viel anders in seinem Winkel. Der Schlaf ist einer von den

Gleichmachern des Lebens. Tod, Notdurft und Wollust heißen die anderen.

Leupolt hatte sich lautlos zum Sitzmäuerchen hingeschlichen. Seine

Augen blieben offen. Manchmal schob er sacht einen Holzstorren unter

die Kohlen, damit die Glut nicht völlig ohne Nahrung bliebe und die

schlafenden Herren nicht frieren müßten. Fing das Holz unter den

Kohlen zu glosten an, so pufften fahle Rauchfäden aus der Asche

heraus, und kleine bläuliche Flammen tanzten über der Glut, wie

Frühlingsschmetterlinge um eine rote Blume gaukeln. Sinnend blickte

Leupolt in das Spiel der kleinen Feuerseelen, sah zwei heiße, von

Tränen umflossene, in Scham und Sehnsucht bekennende Mädchenaugen und

hörte eine leise, von Erregung fiebernde Stimme flüstern: »Du bist mir

so lieb geworden, ich kann's nit sagen.« Da weckte ihn ein stöhnender

Laut aus seinem gläubigen Sinnen. Der junge Soldat schien böse Träume

zu haben; sein gebeugter Jünglingskörper zuckte unter den Falten des

Militärmantels. Halblaute Worte, deutsch und französisch, wirrten sich

durcheinander. Die Hände begannen zu stoßen, als möchten sie sich einer

Fessel entwinden, und plötzlich streckten sie sich mit gespreizten

Fingern, wie zur Abwehr eines grauenvollen Bildes. Die Augen des

Träumers waren starr geöffnet, hatten den Blick eines verzweifelten

Menschen, und eine von Zorn und Angst durchrüttelte Knabenstimme

bettelte: »Nich schlagen, Vater! Alles, was du willst! Nur nich

schlagen!«

»Junger Herr!« Leupolt faßte den Mantel des Traumverstörten und zupfte.

»Ihr träumet ungut. Da muß man Euch wecken.«

Ein stumm gleitender Blick des Erwachens, ein staunendes Beschauen

des von Rotglut durchschimmerten Raumes. Fester gegen die Balkenmauer

rückend, hüllte sich der junge Oberst wieder in seinen Mantel, schloß

die Augen und sagte mißmutig: »Weck er mich, wenn es Zeit is. Nich

früher.«

Wieder die rotflimmernde Stille, das schwere Atemziehen des Geheimrates

und das Duselgebrumm des Hiesel Schneck. Leupolt saß unbeweglich,

beugte nur manchmal den Kopf, um durch das kleine Fenster nach dem

Stand der Sterne zu schauen. Als es auf Mitternacht zuging, legte

er Kienspäne über die Glut, gab ein paar kleine Scheite in die sich

ermunternde Flamme, goß die Geißmilch in die Kupferpfanne und stellte

sie über den Feuerbock. Nun weckte er den jungen Schläfer am Herd.

»Herr! Zeit ist's!« Der Oberst fuhr in die Höhe, straffte sich nach

militärischer Art und sprach ins Leere: »_Me voilà! Je ne dors plus!_

Befehlen Sie, Vater! Ick will gehorchen.« Da hörte er das freundliche

Herdgeprassel, schien völlig zu erwachen, streifte mit einem prüfenden

Blick den Jäger und sagte ruhig: »An jedem Morgen soll man sich

erinnern, daß man Gottes is. Sprech' er ein Gebet!«

Leupolt kniete auf das Herdmäuerchen hin, verschlang die Hände vor der

Brust und betete: »Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach

Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst

mein Heil und meines Herzens Trost.« Gleich bei den ersten Worten des

Gebetes hatte der junge Oberst blitzschnell das Gesicht gegen den

Jäger gedreht. In seinen Augen war eine Verblüffung, die sich in Zorn

zu verwandeln drohte. Leupolts Anblick schien den Erregten wieder zu

beruhigen. Mehr neugierig als unmutig fragte er: »Wie kommt er zu

diesem Gebet?«

»So hat uns auf dem Toten Mann ein Salzburger fürgebetet, der uns

Botschaft gebracht hat aus dem Preußischen. Er hat erzählt: so hätt

er den preußischen Königsprinzen beten hören, der den Exulanten

beigesprungen ist mit hilfreicher Güt. Jetzt bet ich allweil so. Die

schönen, gottsfreudigen Wörtlen haben mich hinübergehoben über viel

Hartes.«

Der junge Oberst legte die Hand auf Leupolts Arm. »Det Gebet for

sich alleene macht es nich. Gott is am willigsten, den Starken zu

sekourieren, der sich _spontanément_ zu helfen weiß.« Lächelnd ging er

zur Heutruhe, weckte den Geheimrat, indem er ihn mit einem Halm an der

Nase kitzelte, brach über Danckelmanns Ermunterungsseufzer in Lachen

aus und begann mit ihm in französischer Sprache ein hurtiges Geplauder.

Dabei rasselte sich auch der Hiesel Schneck aus seinem letzten

Schnarcher heraus, schien nicht zu wissen, wessen Gottes er war, und

begrüßte die Mitternachtsstunde mit einem gegen die Haare gebürsteten

Himmelhund.

Nach der Geißmilchsuppe brachte die Schuhprobe ein paar muntere

Minuten. Dem Geheimrat saßen die neuen Schuhe des Leupolt wie

angemessen. Die Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls mußten, um für

das schlanke >Weiberleutsfüßl< des Soldätleins zu passen, zwischen

Leder und Söckeln noch ein bißchen mit Heu gepolstert werden. Die

Schneegamaschen, die darüberkamen, hielten alles verläßlich zusammen.

Und nun hinaus in die kühle, schwarze, von großen, strahlenschießenden

Sternen durchfunkelte Neumondfrühe. Ein schönes Rauschen ging über

die finsteren Wipfel hin. Alle paar Schritte stehen bleibend, spähte

der junge Oberst unersättlich in diesen wundersamen Nachtzauber. Mit

enthusiastischen Worten stammelte er sein Entzücken vor sich hin und

sagte französisch zu Danckelmann: »So groß und weit und herrlich

sind die Nächte in der Tiefe nicht. Auf der Höhe zu wandeln, hat

seine kostbaren Reize.« Er tappte bis an die Hüften in ein Schneeloch

hinunter, zog sich lachend heraus und scherzte: »_Tiens, voilà mon

sort_, auf herrlicher Höhe gibt es auch Löcher, um sich die Knochen

zu brechen -- eine Erfahrung, die mir nicht neu ist, obwohl ich zum

erstenmal im Leben einen rechtschaffenen Berg besteige.« Hiesel, der

sich über das viele Französisch ärgerte, knurrte spöttisch: »Gelt ja,

sterngucken und bergkraxeln passen nit gut zu einander! Verstehst?

Mit'm Nasenspitzl in der Höh geht's allweil abwärts, nie nit aufwärts.«

Kopfschüttelnd tappte er davon. »Und söllene Kniespatzen möchten die

christliche Welt umschustern.« Der junge Oberst, der den Sinn dieser

Worte nur halb, aber zureichend die Grobheit ihres Tones verstanden

hatte, rief erheitert zu Danckelmann zurück: »'n agreabler deutscher

Bruder!«

Da mahnte Leupolt, der den Geheimrat am Henkel hatte: »Schneck! Mach

langsame und feste Tapper, daß der Herr hinter dir in gute Stapfen

kommt.« Nun wanderten sie schweigend hintereinander. Manchmal trug die

gefrorene Schneedecke, dann kamen wieder mürbe Stellen, an denen man

hinunterbrach bis übers Knie. Schon nach einer Viertelstunde fragte

Danckelmann in Erschöpfung: »Haben wir noch weit?«

»Nit, Herr! Ein paar hundert Vaterunser. Sonst ist die Fürsagung

allweil ganz da draußen gewesen auf dem Toten Mann. Heut ist sie ein

Stündl herwärts. Daß die Herren nit gar so weit steigen müssen, bloß

ein Katzensprüngl.« Seufzend machte der Geheimrat die Bemerkung:

»Die Katzen von Berchtesgaden, nach ihren Sprüngen zu schließen,

scheinen Tiger zu sein.« Aus dem geschlossenen Walde ging es hinaus

auf eine freie, steile Schneelehne, an die hundert Schritte breit.

Schneck und der junge Oberst hatten den weißen Steilhang schon zur

Hälfte überquert, als ihn Leupolt mit dem Geheimrat erreichte. »Jetzt

ein bißl Fürsicht, Herr! Der Schnee könnt rutschen.« Leupolt hatte

kaum gesprochen, als sich über die Lehne her ein leiser, lachender

Schrei vernehmen ließ. Mit dem jungen Oberst war eine stubengroße

Schneescholle ins Gleiten geraten. Und je mehr der Lachende sich

plagte, um aus der rutschenden Masse herauszukommen, desto tiefer

sank er in den gleitenden Teig. »Jesus!« brüllte der Hiesel Schneck.

Er dachte an die Wände, die da drunten waren, und machte Sprünge wie

ein irrsinniger Wolf. Und von der anderen Seite der Lehne kam Leupolt

schief heruntergesaust und überholte die rutschende Scholle. Zwischen

zwei Felszacken eingestemmt, warf er seine Brust dem gleitenden Schnee

entgegen. Er wurde weiß überschüttet. Die fahrende Masse stockte einen

Augenblick, und da sprang der Hiesel über die Wulsten her, riß das

halb versunkene Soldätl, das noch immer lachte, aus dem Schnee heraus,

umklammerte den schlanken Körper unter den Armen und steuerte mit

wilden Sprüngen, die der andere gelehrig mitmachte, gegen den festen

Waldgrund hinüber. »Hiesel?« schrie Leupolt aus der Nacht heraus. »Hast

du ihn?«

»Wohl!«

Von droben klang die aufgeregte Stimme des Geheimrates: »Ist etwas

geschehen?«

»Nit sorgen, Herr!« antwortete Leupolt. »Ist alles gut! Ich komm schon.«

Drüben am Waldsaum, neben einer Fichte, die von den Frühlingslawinen

schiefgebogen war, schüttelte der junge Offizier die Schneebrocken von

seiner Uniform, während der Hiesel Schneck mit Lachen sagte: »Gott

sei Lob und Dank!« Man vernahm aus der Tiefe herauf einen schweren,

krachenden Plumps. Wieder lachte der Hiesel. »Hörst es, Preißerl!«

»Wat war 'n det?«

»Der Schnee. Verstehst? Wär der Leupi nit gewesen, so täten wir jetzt

da drunt liegen! Kreuzsausen und Himmelhund! Und 's Schneckenweibl

könnt ihre Sonntagstäpperlen suchen, sie weiß nit, wo!«

Da legte der junge Oberst dem Hiesel Schneck die Hand auf den Arm.

»Ick hab ihn for 'nen Rüpel jehalten und merke, daß er 'n janz famoser

Patron is.« Ein feines, herzliches Auflachen. »Die Haut scheint bei

uns deutschen Brüdern nich det Wesentliche zu sein. Man muß hinter

's Leder kieken. Geb er mich seine Hand!« Der Hiesel rührte seine

Tatze nicht, weil er lauschend den weißen Schädel strecken mußte. »Du,

da!« sagte er scheu und leise. »Lus!« Er deutete gegen die Höhe, über

der die großen Sterne des Berghimmels funkelten. Hatte das summende

Rauschen des Waldes einen geheimnisvollen Mitsänger gefunden? Wie

das Klingen einer fernen und sanften Glocke war es, war wie das

rhythmische Murmeln eines ruhig fließenden Baches, hatte dennoch einen

leidenschaftlichen, von Leid und banger Sehnsucht durchzitterten

Unterton, verstärkte sich und sank, wurde vernehmlicher und schmolz

aufs neue zusammen mit dem Rauschen der Bäume, daß es nimmer von ihm zu

scheiden war.

»Wat is 'n det?«

»Ich hab als Evangelikaner noch ein bißl junge Ohrwascheln. Aber

täusch ich mich nit, so singen da droben hinter dem Bergsattel die

Unsichtbaren.« Ein lauer, föhniger Windhauch, der dem Morgen voranging,

wehte über den Hang herunter, und der Liedklang vieler menschlicher

Stimmen wurde deutlich. Der junge Offizier erkannte das Lutherlied. In

einer Erregung, die ihn schüttelte wie einen Fieberkranken, riß er den

Dreispitz herunter, preßte ihn mit den Fäusten gegen die Brust, sah

unbeweglich zu den strahlenden Sternen hinauf und sprach die Worte der

letzten Liedstrophe, die da droben gesungen wurde, mit lauter Stimme in

die Nacht:

»Nehmen sie den Leib,

Gut, Ehr, Kind und Weib,

Laß fahren hin,

Sie haben's kein Gewinn,

Das Reich muß uns doch bleiben.«

Nur noch das Rauschen im Wald und der schweigende Sternglanz, von

dessen Widerschein die Schneekrystalle an den Felszacken feine,

farbige Lichterchen bekamen. Der junge Oberst drückte den Dreispitz

über den Scheitel und begann mit ungeduldiger Hast das steile Gehäng

hinaufzuklettern. »Komm er!« Bei einer Wende des Waldsaumes trafen

die zwei mit den beiden anderen zusammen, und atemlos begann der

Geheimrat ein französisches Gewirbel seiner Sorge herauszustammeln.

Der junge Oberst machte eine unmutige Handbewegung und sagte deutsch,

mit einer soldatisch harten Stimme: »Laß er, Danckelmann! Wir haben

kostbare Minuten verläppert. Dort oben seind unsere neuen Kinder.

Eenen, der leidet, darf man nich warten lassen. Hinauf!« Er kletterte,

als hätte dieses Wort ihm Kräfte gegeben, die alles Zarte seines

Körpers verwandelten zu stählernem Willen. Leupolt Raurisser, von

einer schweren Erschütterung befallen, tastete nach der Schulter

des Grenzjägers. »Hies!« Die Stimme wollte leise sein und war doch

ein glückheißes Jauchzen. »Ich bin ein Blinder gewesen.« Seine Hand

deutete hinter dem Steigenden her, den die Dunkelheit zu umschleiern

begann. »*Der* ist der Helfer!« Ein frohes Aufatmen. Dann ein heiteres

Flüstern: »Komm! Der braucht uns nit. Wir müssen das alte Knechtl

hinter ihm herlupfen.« Jetzt ging es flink nach aufwärts, ohne daß der

Geheimrat sich plagen mußte. Ein Eichhörnchen schnalzte. Ein zweites.

Leupolt gab Antwort mit dem gleichen Laut. Und Danckelmann fragte: »Was

ist das?«

»Es sind die Wächter.« Wie graue Steinblöcke, in den Kitteln der

Unsichtbaren, standen die Wächter im Schnee, der eine am Waldsaum, der

andere draußen auf dem freien Hang. Als die Aufwärtssteigenden schon

verschwunden waren, klang auf dem Schneefeld eine leise Knabenstimme:

»Vater? Meinst du, er ist dabeigewesen?« Aus der Finsternis des Waldes

antwortete die Stimme eines alten Mannes, so voll Inbrunst wie die

Stimme eines Betenden in tiefstem Leide: »Gott soll's geben, Bübl, daß

der Helfer kommen ist. Oder es müßt die deutsche Welt verzweifeln.«

Nach stummer Weile ein flehender Laut: »Mir banget, Vater! Darf ich

hinüber zu dir?«

»Jetzt nit. Dort ist dein Plätzl. Da hat man dich hingestellt. Da mußt

du bleiben, bis der Morgen kommt. Ein Hoffender muß verlässig sein.«

Nur noch das Rauschen der schwarzen Wipfel. Und manchmal sprang eine

kleine Schneescholle lautlos über den weißen Hang in die schwarze Tiefe

hinunter.

Das große Jagen · 第 79 / 98 题