Vor der letzten Dämmerung raffelte Hiesel Schneck durch den Bergwald
hinauf, begleitet von einem Ringelspiel seiner wütenden Himmelhunde.
Zeitlebens war ihm vieltausendmal die Galle übergelaufen. Aber bei so
schlechtem Humor wie seit Ostern war er noch selten gewesen. Seine
verzweifelte Schneckin mußte unablässig heulen. Freilich, wie hätte
ein >Neuevangelikaner<, gleich dem Hiesel Schneck, sich friedsam
vertragen können mit so einem >rekatholizierten Weiberleut<! Und noch
viel rasender machte ihn dieses andere: daß man in der Wildmeisterei
sein mutiges Bekennertum so wenig ernst nahm! Ganz fürchterlich hatten
sie über ihn gelacht, als er am Osterdienstag in der Jagdkanzlei
erschienen war. Der Wildmeister hatte ihn angeböllert: »Mach, daß du
heimkommst, du Kalbskopf, du überzwercher! Und eh du den evangelischen
Rausch nit verschlafen hast, kommst du mir nimmer zum Rapport!« Diese
Unterschätzung seiner heiligsten Gefühle hatte dem Hiesel Schneck den
evangelischen Eigensinn wie mit großen glühenden Nägeln hineingehämmert
in das kleine Kindergehirn. »Jetzt grad mit Fleiß! Kreuzteufelsausen
und Höllementsnot in der Sauwelt übereinand!« Er guckte zum Himmel
hinauf, nicht um den Wohnort seines neuen Gottes zu suchen, sondern
weil er den knurrenden Falzlaut einer streichenden Schnepfe vernommen
hatte. Wie ein graues Pudelköpfl mit langen Wackelohren kam sie in der
Dämmerung über die Birkenwipfel hergeschwommen. »Wart, du!« Hiesel riß
die Feuersteinflinte vom Buckel und pulverte. Die Schnepfe fiel nicht.
Sie ließ nur etwas fallen. Die Wut über diesen Hohn erzeugte im Hiesel
Schneck den langschwänzigsten aller Himmelhunde, die seinem Gemüt noch
jemals entronnen waren. »Mir vergunnt halt mein luthrischer Herrgott
kein Faserl nimmer, seit ihm die Schneckin wieder kündigt hat.«
Den Kopf in die Dämmerung bohrend, fluchte er sich über den
steilen Hang hinauf. Was Graues klunkerte ihm auf dem Rücken: die
zwei Paar Schneegamaschen. Und was Schwarzes klingelte vor seinem
betrübten Herzen: die neuen Bergschuhe des Leupolt und die netten
Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls. Das Raurisserische Schuhwerk
und die Gamaschen waren für den Hiesel eine erklärliche Sache. Wozu
man aber beim evangelischen Weltumsturz die Feiertagshäferln seiner
Schneckin benötigte? Das verstand er nicht. Trotz allem Nachdenken kam
er nicht drauf. Er hatte die Botschaft der Hasenknopfischen Tochter nur
ausgeführt, weil er dunkel hoffte, daß es irgend eine Feindseligkeit
gegen den wildmeisterischen Glauben wäre.
Bei Anbruch der Finsternis erreichte er die Holzerhütte. Tisch, Bänkl
oder Sessel gab's da nicht. Nur eine große Stangentruhe mit Heu zur
Liegerstatt, ein bißchen Geschirr und im schwarzberußten Balkenwinkel
ein niederes Sitzmäuerchen um die Aschengrube. Hiesel schürte im
Herdloch ein Feuer an, daß es waberte, und machte verdutzte Augen,
als er das Wandkästl mit allerlei schmackhaften Dingen angeräumt
fand. Da waren Speckwürste und ein Krug mit Milch, Weißbrot und
geselchtes Wildpret, ein paar Dutzend Eier und frische Butter. Die
Schneckische Seelenverzweiflung begann sich zu mildern. Gleich fing
er zu knuspern an und hätte alles, was man für Seine Exzellenz den
Gesandten des Königs von Preußen eingewirtschaftet hatte, ratzenkahl
aufgefressen, wenn nicht Leupolt auf der Hüttenschwelle erschienen
wäre: »Barmherziger Herrgott, Hiesel, das ist doch die Zehrung für
meine Herrenleut!« Der Evangelikaner riß das Butterbrot, das er
zwischen den Zähnen hatte, erschrocken aus dem Rachen und warf es ins
Feuer. »Nit schlecht!« Hinter diesen zwei dunkelsinnigen Worten ließ er
ein Himmelhündchen einherschwänzeln.
Auf dem letzten Hang vor der Hütte, als man den wegweisenden
Feuerschein sehen konnte, war Leupolt den Herren vorausgesprungen, um
ein Wort mit dem Hiesel zu reden. Er nahm den Schneck nicht gerne mit
hinauf zur heiligen Fürsagung in der Neumondnacht. Aber es mußte sein.
Ohne Hilfe hätte Leupolt den Geheimrat nimmer über den schweren Schnee
der Höhe gebracht. »Kaum, daß ich ihn herlupfen hab können bis zum
Hüttl. Drunten hab ich gemeint, es fallt mir zuerst das klebere Soldätl
um. Aber wie mühsamer der Weg, um so lebfrischer ist das Männdl worden.
Alles freut ihn, jeden Vortl hat er flink heraus. Sein Herr, der Alte,
ist ein fürnehmes Mannsbild. Aber das feine Soldätl -- es muß schon
wahr sein, daß die niederen Leut oft die besseren sind als wie die
Gottsöbersten. Jetzt gib mir die Hand her, Schneck! Tu mir versprechen,
daß du den Schnabel halten willst über die heutige Nacht. Es geht um
unser Not und Erlösung, Mensch! Gelt, du machst mir nit Schand und
Unehr?«
Hiesel streckte die braune Tatze und brummte: »Ich bin doch ein
Evangelischer.«
»Ja, Schneck, aber was für einer!« sagte Leupolt bekümmert. Weil er
Stimmen hörte, zerrte er den Bergsack herunter, packte die zwei Hemden
aus, riß ein brennendes Scheit aus dem Feuer und sprang in die Nacht:
»Höi huuup!« Als er die Herren in die Herdhelle der Hüttentür brachte,
ging von den erhitzten Bergsteigern in der Nachtkühle der Dampf auf,
wie von Pferden bei einer Schlittenfahrt. »Nur gleich herein ins Hüttl!
Mein Kamerad, der Schneck, hat warm gemacht.«
»_Ah, je comprends_,« lachte der junge Oberst, nahm den Dreispitz ab
und schüttelte den Schweiß von der Stirne, »_c'est le Cheneque de la
Chenequine_!« Er spähte vergnügt in die vom Feuerschein durchzüngelte
Hütte.
»Ist sein Kamerad ein vertrauenswürdiger Mann?« fragte der Geheimrat
halblaut, zwischen hurtigem Atempumpen. »Ein Protestant?«
»Verträulich ist er, der Schneck, ah ja! Kann auch sein, er wird noch
richtig ein Evangelischer. Glauben tu ich es nit.«
Von dieser leisen Zwiesprach hatte der Hiesel keinen Laut vernommen.
Nur die französischen Worte hatte er gehört, dabei sehr deutlich
die Worte Schneck und Schneckin. Daraus zog er den Schluß, daß das
feinbeinlete Soldätl das Französische nicht gut verstand; wenn die
Kapitelherren auf der Jagd parisisch redeten, hieß Schneck immer
»Tätewoh«. Ein bißchen wunderte sich der Hiesel darüber, daß man auch
drunten im lutherischen Sand von ihm und seiner Schneckin was wußte.
Aber die Sache machte ihn auch mißtrauisch. Was konnte man in einer
Sprache, die ihm fremd war, nicht alles über ihn reden! Er begann
den heiteren Soldaten sehr unfreundlich zu betrachten. Der war doch
auch in jener Gegend daheim, aus der das luthrische Elend gekommen
war, das seit dem Versöhnungsschießen dem Hiesel Schneck das Köpfl
so schauderhaft zerwirbelte. Bocksteif, ohne zu grüßen, stand er mit
seinem rotangestrahlten Schädel neben dem wabernden Feuer, bis ihn
Leupolt mit dem Eimer zum Brunnen um Waschwasser schickte. Kaum war
er draußen in der Nacht, da himmelhündelte er so wütend in den Ganter
hinein, daß das Blech davon einen summenden Widerhall bekam. Noch ein
zweitesmal mußte er um Wasser laufen und schimpfte: »Sauberkeit laß
ich mir gefallen! Aber *so* waschen! So was Weiberleutigs paßt doch
nit für ein Mannsbild. Freilich, ausschauen tut er eh, wie die magere
Schwester vom Lazarus!« Und als nun der Hiesel gar zum drittenmal mit
dem Eimer springen mußte, gewann er über das kühlungsbedürftige Soldätl
die Meinung: »Das ist kein Mensch nit! Wie er pritschelt und fludert im
Wasser! Mit seine mageren Flügerln! Da laß ich mich köpfen: das muß ein
verwunschener Eisvogel sein!« Endlich gab es für den Hiesel Raum und
Rast in der Hütte. Leupolt scheuerte die Pfanne und klapperte die Eier
hinein. Die zerfließende Butter begann angenehm zu duften.
Der hohen, vom nassen Schnee durchweichten Reitstiefel ledig, staken
die Füße der Herren in den hölzernen Hüttenpantoffeln der beiden Jäger.
Der blaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen, der schokoladfarbene
Reitfrack des Geheimrates und die zwei dampfenden Hemden hingen auf
den Herdstangen. Danckelmann, mit etwas konfus gewordener Perücke,
drehte sich vor dem Feuer hin und her. Der junge Oberst, hemdärmelig
in seinen Militärmantel gewickelt, hatte sich auf das Herdmäuerchen
niedergelassen. Erfrischt, das Antlitz brennend, saß er gegen die
Balkenwand gelehnt und blickte mit vorgeschobener Nase in den
Funkenflug, der viele glitzerige Sternchen hinwehte an die berußte
Sparrendecke. Plötzlich, wie ein Erwachender, schien er etwas zu
suchen, fand das kleine Buch, rückte näher ans Feuer und fing zu lesen
an, alles um sich her vergessend. Danckelmann schien das nicht gerne zu
sehen. Unter einem Seufzer fragte er: »Schon wieder Voltaire?«
»Nein!« Der junge Oberst hob dem Geheimrat das kleine Buch vor die
Nase. Es war eine Taschenausgabe der Luther'schen Bibel.