Kapitel XXIII

Vor der letzten Dämmerung raffelte Hiesel Schneck durch den Bergwald

hinauf, begleitet von einem Ringelspiel seiner wütenden Himmelhunde.

Zeitlebens war ihm vieltausendmal die Galle übergelaufen. Aber bei so

schlechtem Humor wie seit Ostern war er noch selten gewesen. Seine

verzweifelte Schneckin mußte unablässig heulen. Freilich, wie hätte

ein >Neuevangelikaner<, gleich dem Hiesel Schneck, sich friedsam

vertragen können mit so einem >rekatholizierten Weiberleut<! Und noch

viel rasender machte ihn dieses andere: daß man in der Wildmeisterei

sein mutiges Bekennertum so wenig ernst nahm! Ganz fürchterlich hatten

sie über ihn gelacht, als er am Osterdienstag in der Jagdkanzlei

erschienen war. Der Wildmeister hatte ihn angeböllert: »Mach, daß du

heimkommst, du Kalbskopf, du überzwercher! Und eh du den evangelischen

Rausch nit verschlafen hast, kommst du mir nimmer zum Rapport!« Diese

Unterschätzung seiner heiligsten Gefühle hatte dem Hiesel Schneck den

evangelischen Eigensinn wie mit großen glühenden Nägeln hineingehämmert

in das kleine Kindergehirn. »Jetzt grad mit Fleiß! Kreuzteufelsausen

und Höllementsnot in der Sauwelt übereinand!« Er guckte zum Himmel

hinauf, nicht um den Wohnort seines neuen Gottes zu suchen, sondern

weil er den knurrenden Falzlaut einer streichenden Schnepfe vernommen

hatte. Wie ein graues Pudelköpfl mit langen Wackelohren kam sie in der

Dämmerung über die Birkenwipfel hergeschwommen. »Wart, du!« Hiesel riß

die Feuersteinflinte vom Buckel und pulverte. Die Schnepfe fiel nicht.

Sie ließ nur etwas fallen. Die Wut über diesen Hohn erzeugte im Hiesel

Schneck den langschwänzigsten aller Himmelhunde, die seinem Gemüt noch

jemals entronnen waren. »Mir vergunnt halt mein luthrischer Herrgott

kein Faserl nimmer, seit ihm die Schneckin wieder kündigt hat.«

Den Kopf in die Dämmerung bohrend, fluchte er sich über den

steilen Hang hinauf. Was Graues klunkerte ihm auf dem Rücken: die

zwei Paar Schneegamaschen. Und was Schwarzes klingelte vor seinem

betrübten Herzen: die neuen Bergschuhe des Leupolt und die netten

Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls. Das Raurisserische Schuhwerk

und die Gamaschen waren für den Hiesel eine erklärliche Sache. Wozu

man aber beim evangelischen Weltumsturz die Feiertagshäferln seiner

Schneckin benötigte? Das verstand er nicht. Trotz allem Nachdenken kam

er nicht drauf. Er hatte die Botschaft der Hasenknopfischen Tochter nur

ausgeführt, weil er dunkel hoffte, daß es irgend eine Feindseligkeit

gegen den wildmeisterischen Glauben wäre.

Bei Anbruch der Finsternis erreichte er die Holzerhütte. Tisch, Bänkl

oder Sessel gab's da nicht. Nur eine große Stangentruhe mit Heu zur

Liegerstatt, ein bißchen Geschirr und im schwarzberußten Balkenwinkel

ein niederes Sitzmäuerchen um die Aschengrube. Hiesel schürte im

Herdloch ein Feuer an, daß es waberte, und machte verdutzte Augen,

als er das Wandkästl mit allerlei schmackhaften Dingen angeräumt

fand. Da waren Speckwürste und ein Krug mit Milch, Weißbrot und

geselchtes Wildpret, ein paar Dutzend Eier und frische Butter. Die

Schneckische Seelenverzweiflung begann sich zu mildern. Gleich fing

er zu knuspern an und hätte alles, was man für Seine Exzellenz den

Gesandten des Königs von Preußen eingewirtschaftet hatte, ratzenkahl

aufgefressen, wenn nicht Leupolt auf der Hüttenschwelle erschienen

wäre: »Barmherziger Herrgott, Hiesel, das ist doch die Zehrung für

meine Herrenleut!« Der Evangelikaner riß das Butterbrot, das er

zwischen den Zähnen hatte, erschrocken aus dem Rachen und warf es ins

Feuer. »Nit schlecht!« Hinter diesen zwei dunkelsinnigen Worten ließ er

ein Himmelhündchen einherschwänzeln.

Auf dem letzten Hang vor der Hütte, als man den wegweisenden

Feuerschein sehen konnte, war Leupolt den Herren vorausgesprungen, um

ein Wort mit dem Hiesel zu reden. Er nahm den Schneck nicht gerne mit

hinauf zur heiligen Fürsagung in der Neumondnacht. Aber es mußte sein.

Ohne Hilfe hätte Leupolt den Geheimrat nimmer über den schweren Schnee

der Höhe gebracht. »Kaum, daß ich ihn herlupfen hab können bis zum

Hüttl. Drunten hab ich gemeint, es fallt mir zuerst das klebere Soldätl

um. Aber wie mühsamer der Weg, um so lebfrischer ist das Männdl worden.

Alles freut ihn, jeden Vortl hat er flink heraus. Sein Herr, der Alte,

ist ein fürnehmes Mannsbild. Aber das feine Soldätl -- es muß schon

wahr sein, daß die niederen Leut oft die besseren sind als wie die

Gottsöbersten. Jetzt gib mir die Hand her, Schneck! Tu mir versprechen,

daß du den Schnabel halten willst über die heutige Nacht. Es geht um

unser Not und Erlösung, Mensch! Gelt, du machst mir nit Schand und

Unehr?«

Hiesel streckte die braune Tatze und brummte: »Ich bin doch ein

Evangelischer.«

»Ja, Schneck, aber was für einer!« sagte Leupolt bekümmert. Weil er

Stimmen hörte, zerrte er den Bergsack herunter, packte die zwei Hemden

aus, riß ein brennendes Scheit aus dem Feuer und sprang in die Nacht:

»Höi huuup!« Als er die Herren in die Herdhelle der Hüttentür brachte,

ging von den erhitzten Bergsteigern in der Nachtkühle der Dampf auf,

wie von Pferden bei einer Schlittenfahrt. »Nur gleich herein ins Hüttl!

Mein Kamerad, der Schneck, hat warm gemacht.«

»_Ah, je comprends_,« lachte der junge Oberst, nahm den Dreispitz ab

und schüttelte den Schweiß von der Stirne, »_c'est le Cheneque de la

Chenequine_!« Er spähte vergnügt in die vom Feuerschein durchzüngelte

Hütte.

»Ist sein Kamerad ein vertrauenswürdiger Mann?« fragte der Geheimrat

halblaut, zwischen hurtigem Atempumpen. »Ein Protestant?«

»Verträulich ist er, der Schneck, ah ja! Kann auch sein, er wird noch

richtig ein Evangelischer. Glauben tu ich es nit.«

Von dieser leisen Zwiesprach hatte der Hiesel keinen Laut vernommen.

Nur die französischen Worte hatte er gehört, dabei sehr deutlich

die Worte Schneck und Schneckin. Daraus zog er den Schluß, daß das

feinbeinlete Soldätl das Französische nicht gut verstand; wenn die

Kapitelherren auf der Jagd parisisch redeten, hieß Schneck immer

»Tätewoh«. Ein bißchen wunderte sich der Hiesel darüber, daß man auch

drunten im lutherischen Sand von ihm und seiner Schneckin was wußte.

Aber die Sache machte ihn auch mißtrauisch. Was konnte man in einer

Sprache, die ihm fremd war, nicht alles über ihn reden! Er begann

den heiteren Soldaten sehr unfreundlich zu betrachten. Der war doch

auch in jener Gegend daheim, aus der das luthrische Elend gekommen

war, das seit dem Versöhnungsschießen dem Hiesel Schneck das Köpfl

so schauderhaft zerwirbelte. Bocksteif, ohne zu grüßen, stand er mit

seinem rotangestrahlten Schädel neben dem wabernden Feuer, bis ihn

Leupolt mit dem Eimer zum Brunnen um Waschwasser schickte. Kaum war

er draußen in der Nacht, da himmelhündelte er so wütend in den Ganter

hinein, daß das Blech davon einen summenden Widerhall bekam. Noch ein

zweitesmal mußte er um Wasser laufen und schimpfte: »Sauberkeit laß

ich mir gefallen! Aber *so* waschen! So was Weiberleutigs paßt doch

nit für ein Mannsbild. Freilich, ausschauen tut er eh, wie die magere

Schwester vom Lazarus!« Und als nun der Hiesel gar zum drittenmal mit

dem Eimer springen mußte, gewann er über das kühlungsbedürftige Soldätl

die Meinung: »Das ist kein Mensch nit! Wie er pritschelt und fludert im

Wasser! Mit seine mageren Flügerln! Da laß ich mich köpfen: das muß ein

verwunschener Eisvogel sein!« Endlich gab es für den Hiesel Raum und

Rast in der Hütte. Leupolt scheuerte die Pfanne und klapperte die Eier

hinein. Die zerfließende Butter begann angenehm zu duften.

Der hohen, vom nassen Schnee durchweichten Reitstiefel ledig, staken

die Füße der Herren in den hölzernen Hüttenpantoffeln der beiden Jäger.

Der blaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen, der schokoladfarbene

Reitfrack des Geheimrates und die zwei dampfenden Hemden hingen auf

den Herdstangen. Danckelmann, mit etwas konfus gewordener Perücke,

drehte sich vor dem Feuer hin und her. Der junge Oberst, hemdärmelig

in seinen Militärmantel gewickelt, hatte sich auf das Herdmäuerchen

niedergelassen. Erfrischt, das Antlitz brennend, saß er gegen die

Balkenwand gelehnt und blickte mit vorgeschobener Nase in den

Funkenflug, der viele glitzerige Sternchen hinwehte an die berußte

Sparrendecke. Plötzlich, wie ein Erwachender, schien er etwas zu

suchen, fand das kleine Buch, rückte näher ans Feuer und fing zu lesen

an, alles um sich her vergessend. Danckelmann schien das nicht gerne zu

sehen. Unter einem Seufzer fragte er: »Schon wieder Voltaire?«

»Nein!« Der junge Oberst hob dem Geheimrat das kleine Buch vor die

Nase. Es war eine Taschenausgabe der Luther'schen Bibel.

Das große Jagen · 第 78 / 98 题