»_Mais voilà_ --« der junge Oberst zog in heiterer Laune den
Soldatenrock auseinander, »ick habe bereits ein Himmat.«
Leupolt blieb ernst. »Durch den Schnee hinauf wird's schwitzen heißen.
Und droben geht ein schneidiger Luft. Da müssen die Herrn in trückene
Wäsch kommen.«
»Danckelmann, det is 'n fürsorglicher Mensch.« Der junge Oberst rief
dem Soldaten zu: »Flink, Hänne, raus mit 'n Himmat!« Und wieder zu
Danckelmann, französisch: »Ich beginne Deutsch zu lernen.«
Als Leupolt das zusammengewickelte Päckl mit den zwei Hemden erhielt,
fragte er: »Und die Bergschuh?«
Der Geheimrat wurde ungeduldig. »Er sieht doch, daß wir tüchtig
gestiefelt sind.«
»Ja, Herr, das sind grad die richtigen Rutschkarren. Die bleiben Euch
stecken im Schnee, wie das Mäusl in einem Mehlsack.«
»Wat anderes als meine königlich preußischen Kommißkanonen hab ick
nich!« lachte der Oberst. »Die muß ick ooch heil wieder heimbringen.
Sonst kreiden se mich beim Regiment den außerdienstlichen Schaden an.«
Auch Danckelmann wurde heiter. »Soll ich vielleicht die Lackschuhe
meiner Gesandtengala auspacken?«
Leupolt verstand, daß da nichts zu wollen war, und sagte zu der Tochter
der Hasenknopfin: »Weißt, fremde Leut, die sich bei uns nit auskennen!
Sind die Rößlen versorgt, so spring zum Hiesel Schneck. Er soll meine
neuen Schuh zum Holzerhüttl hinaufbringen. Die passen dem gnädigen
Herrn. Und für das Soldätl, das Füßlen hat wie ein Weiberleut, muß
die Schneckin ihre Sonntagstäpperlen hergeben. Und feste Söckeln. Und
Schneegamaschen. Wenn der Schneck sich tummelt, kann er droben sein im
Hüttl, bis wir kommen. Unser Umweg um die Grenz ist weit. Und im Hüttl
soll der Schneck gut feuern. Daß die Herren nit frieren müssen. Gelt?«
Das Mädel sprang den Gäulen voraus. Leupolt gab das Hemdenpäckl mit dem
Kragen des Geheimrats in seinen Rucksack und schob den Militärmantel
des Obersten hinter die Tragriemen. »So, Ihr Herren! Los!« Bei der
ersten Haselnußstaude zog er das Messer.
»Wat macht er da?«
»Für die Herren schneid ich einen guten Stecken.«
»Ick will keenen Stock!« sagte das junge Soldätl mit seltsamer
Heftigkeit.
»Muß ich den Stecken halt tragen derweil, bis der Herr ihn nimmt.«
Leupolt reichte dem Geheimrat den eigenen Bergstock. »Der ist minder
schwer, weil er dürr ist.« Im Weiterschreiten säuberte er die zwei
geschnittenen Stöcke von den Zweigen.
Durch das von Stauden eingedeckte Tälchen lief ein Fußpfad hinauf, der
unter dem Widerschein des leuchtenden Himmels wie Messing glänzte.
Der junge Oberst war immer voraus. Er schien die Wanderung in der
Abendkühle und in der reinen Höhenluft wie eine sein ganzes Wesen
belebende Erfrischung zu genießen. Einmal blieb er stehen, breitete die
Arme, als möchte er alle Schönheit des Abends in seine Seele reißen,
und deklamierte französische Verse mit dem Pathos eines verzückten
Schauspielers. Häufig glitt er aus, kam aber nie zu Fall, rettete sich
jedesmal mit einem kecken Sprung auf sicheren Boden und lachte.
Danckelmann begann mit dem Jäger zu reden, fragte nach den
Berchtesgadnischen Bekennern, nach ihrer Not, nach ihren Plänen.
Leupolt, während er antwortete, hob immer lauschend den Kopf. Endlich
merkte er, daß dieses leise Klirren, das ihn an Grenzmusketiere denken
ließ, von den Sporen der Herren kam. »Die müssen weg. Da könnt's im
Holz einen Purzelbaum geben.« Erst schnallte er dem Geheimrat die
Riemen von den Füßen, dann holte er mit flinken Sprüngen den anderen
ein, kniete vor ihm nieder, löste seine Sporen und band im kreuzweis
eine feste Schnur um jede Stiefelsohle. »Da rutschet Ihr minder.«
»Sieh mal,« lachte das Soldätl, »sonne Strippe, richtig appliziert,
kann zu allerlei nützlichen Dingen servieren. Zum Hängen und zum fest
uff die Beene stellen.«
»So, Herr!« Leupolt erhob sich. »Und nit so hitzig beim Steigen. Da
verliert man fürzeitig den Schnaufer. Bei uns, wo steiler Bergweg ist,
da grüßt man allweil: Zeit lassen.«
»'n gutes Wort!« Die blitzenden Stahlaugen träumten ins Weite. »Zeit
lassen?« Freundlich legte der junge Oberst dem Jäger die Hand auf
die Schulter. »Also, her mit 'n Stock! _En avant_, voran! Von 'nem
Verständjen läßt man sich jerne dirigieren.«
Sie stiegen der von schwarzen Wäldern umflossenen, von tausend
Schneeflecken durchwürfelten Höhe zu. Das Rauschen der Wildwässer hing
wie das Lied eines Unsichtbaren in der schimmernden Abendluft.