Über dem tiefen Reichenhaller Talbecken glänzte der milde Nachmittag.
Alle Wiesen grün, mit den blassen Kelchen der Herbstzeitlosen, mit
Himmelsschlüsseln, Margariten und Steinnelken. In der Talsohle sproßten
bereits die Hecken, und der Fichtenwald war schneefrei bis hinauf zur
halben Höhe. Alle Bergspitzen stachen weiß wie funkelnde Silberstufen
in das Blau des Himmels. Taubenschwärme und Viehherden waren auf den
Feldern, und viele Drosseln huschten bei der Käferjagd an den Hecken
hin.
Über die harte Straße, die von Reichenhall emporführte zu den Ruinen
der Plaienburg und gegen den Hallturm, klapperten die Hufe von sechs
Pferden. Voran ein Reitknecht in bürgerlicher Reisetracht und ein
hochgestiefelter, steifzopfiger Soldat. Jeder führte am Zügel ein mit
Mantelsäcken und Ledertaschen beladenes Packpferd. Dann kamen zwei
Reiter, die sich in französischer Sprache unterhielten. Zur Linken
ritt ein bejahrter Herr in vornehmer Reisekleidung aus braunem Tuch,
mit offenem Mantelkragen. Aus der weißen Perücke sah ein freundliches
Gesicht heraus. Das war der preußische Geheimrat von Danckelmann, der
Präsident des zu Regensburg amtierenden _Corpus evangelicorum_, dem
die Wahrung der durch den Westfälischen Frieden gewährleisteten Rechte
der Protestanten im deutschen Süden übertragen war. Während des großen
Jagens, das die Scharen der Salzburger in die Fremde trieb, hatte
Danckelmann viele Tausendzüge der Exulanten ins Brandenburgische und
nach dem schwachbevölkerten Ostpreußen geleitet. Jetzt ritt er zu Herrn
Anton Cajetan, als Gesandter des Königs von Preußen, dessen Hilfe die
Berchtesgadnischen Bekenner in ihrer Verzweiflung angerufen hatten. Der
mit der Bärentatze geschriebene Auftrag des Königs an Danckelmann hatte
gelautet: »Betrachte dir die Petenten genau. Ist es zweifelhaftes Volk,
so laß die Hände davon. Faulpelze, Gotteskomödianten und Mauldrescher
können wir auf unserem mageren Boden nich gebrauchen, haben schon genug
davon, so des Wegräumens bedarf. Seind es tüchtige Leute, insonderheit
Protestanten bis auf die Knochen, so nimm ihrer, so viele du erwischen
kannst. Aller Beistand soll ihnen bewilliget sein. Bei gutem
Menschenkauf muß der Sparmeister ein Verschwender werden. Oder er wäre
als Fürst ein gottverlorener Esel. Wär auch kein Preuße nich. Preußen
muß sich helfen, wie es kann. Mach er seine Sache gut!«
Am Abend vor Danckelmanns Abreise von Regensburg hatte sich
unangemeldet ein Begleiter bei ihm eingestellt, der auf abgehetztem
Pferde über Ansbach gekommen war. In der Art, wie der Geheimrat mit
diesem jungen Reisekameraden sprach, den er zur Rechten reiten ließ,
war bei aller Höflichkeit eine stete Fürsorge, bald für den jungen
Reiter selbst, bald für seinen glanzhaarigen Fuchs, der mit der
schlanken, zart erscheinenden Hand, von der er gelenkt wurde, nicht
einverstanden schien und schäumend an der Stange kaute.
Im Gespräch der beiden war keine Rede vom Zweck ihrer Reise. In hurtig
gleitendem Französisch, das der Jüngere besser beherrschte als der
Geheimrat, sprachen sie von der Herrlichkeit der Natur, von der
zaubervollen Keuschheit der Frühlingslandschaft und von der Schönheit
der Berge, deren Anblick den staunenden Jüngling heiß erregte.
Immer sprach er. Sprach mit einer klangvollen, ungemein melodischen
Stimme. Warf er manchmal zwischen das Französische einen kurzen
deutschen Satz hinein, so war das ein sonderbares, unbehilfliches
Gemisch aus Fremdwörtern, altmodischer Beamtensprache, pommerischem
Platt und Berliner Vulgärdialekt. Und hurtig kehrte er wieder zum
Französischen zurück, in dem er mit Geist und Klarheit auszusprechen
vermochte, was Glut in ihm war. Für sein leidenschaftliches Entzücken
fand er Worte, wie ein von Schönheit berauschter Poet sie findet in
schwärmender Ekstase. Plötzlich ein kühles Ernstwerden des altklugen
Knabengesichtes. »Danckelmann! Sehen Sie doch! Diese schwarze,
fruchtbare Erde! Das ist ein Boden, auf dem nur gesunde, feste Kerle
wachsen können. Wär' es anders, so wär's eine Pflichtwidrigkeit der
Natur, eine Gewissenlosigkeit Gottes. Aber Gott muß doch höchste
Verantwortung sein, Natur ist ewiggewordene Pflicht.« Da machte,
an steil abfallender Wegstelle, das Pferd des jungen Reiters einen
scheuenden Seitensprung. Erschrocken suchte der Geheimrat den Zügel
des steigenden Gaules zu haschen. Das war überflüssig. Das Pferd hatte
sich schon beruhigt und gehorchte. Der schlanke Reiter streifte seinen
Begleiter mit einem halb mißmutigen, halb ironischen Blick. »Ich kann
reiten, lieber Danckelmann! Auch wenn es manchmal so aussieht, als
hätt' ich es nicht gelernt.«
Der alte Herr schien seinen Schreck noch nicht überwunden zu haben und
glich einem sorgenvollen Pädagogen, der sich verantwortlich fühlt für
einen zu unberechenbaren Streichen geneigten Schützling. Und dieser
Schützling, ein Einundzwanzigjähriger von feiner Zierlichkeit, war
Soldat und trug die Offiziersuniform eines preußischen Regiments, mit
dem Rangzeichen des Obristen. In seiner Erscheinung war etwas seltsam
Gegensätzliches. Körperliche Schwäche schien vereinigt zu sein mit
innerlicher Kraft. Er hatte als Soldat eine schlechte Haltung. Dennoch
konnte man sich keine Tracht denken, die besser für ihn gepaßt hätte
als dieser dunkelblaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen. Der saß
nicht sonderlich straff und militärisch an der zarten Jünglingsgestalt,
die manchmal so gebeugt und haltlos erschien, als möchte die gelbe
Hose mit dem ganzen zierlichen Figürchen schlapp hineinsinken in die
braunen Reitstiefel. Doch wenn ein neuer Ausblick zwischen den Kulissen
der Landschaft den jungen Reiter entzückte, straffte das Feuer seines
Innern auch den versunkenen Körper. Dann schien er ein anderer zu
werden. Seine Bewegungen waren flink und zugleich bedachtsam; es war in
ihnen eine Mischung von feurigem Vorwärtstrieb und einer zähen Kunst
des Sichruhigverhaltens, eine Mischung aus Seele und Willen, aus der
Kraft eines ehrgeizigen Jünglings und der Ruhe eines klugen Greises.
Er trug nicht den soldatischen Zopf. Hinter dem betreßten Dreispitz war
das braune Haar von einer schwarzen Bandmasche locker zusammengefaßt.
Zwischen gelösten Haarwischen, mit denen der milde Bergwind spielte,
schob sich hager ein ovales Gesicht hervor, nicht schön, doch scharf
und edel geschnitten, Stirn und Nasenrücken eine gerade Linie, bei der
man zugleich an einen Widderkopf und an griechischen Profilschnitt
denken mußte -- ein Gesicht, das einer sanften Mutter gleichen wollte
und ähnlicher einem strengen Vater war. Wie große strahlenflinke Sterne
glänzten aus diesem Gesichte zwei feuchte, enthusiastische Augen
heraus, in der Gier des unermüdlichen Spähens ein bißchen vorgequollen
-- Augen, die etwas seelisch Verzücktes hatten und etwas von der
Trauer eines gequälten Tieres. Es war Leidenschaft und dennoch Stille
in diesem ruhelos gleitenden Blick, ein Gemenge aus Spottlust und
jugendlichem Frohsinn, aus allem Zartgefühl und allen tiefgründigen
Wildheiten einer rätselvollen Menschenseele. Abstoßend und anziehend
war dieser Blick, mißtrauisch und gläubig, befremdend und erstaunlich,
überredend und bezwingend. Und diese Augen waren jetzt durchleuchtet,
dieses Gesicht durchglüht von der Freude an allem Frühlingsreiz der
aufblühenden Bergnatur. Bei unersättlichem Schauen verhielt der junge
Oberst plötzlich mit einem kaum sichtbaren Zügelruck das Pferd,
daß es unbeweglich stand. In den Bügeln sich hebend, reckte er den
schmächtigen Körper, tat einen wohligen Atemzug und sagte in der Art
eines Berauschten: »Danckelmann! In dieser Stunde ist ein Gefühl in
mir, das mich nicht mehr verlassen wird bis zu meiner Todesstunde.«
Wie erlöst von seiner Sorge fragte der Geheimrat: »Das Gefühl der
erneuten Freude am Leben?«
»Nein. Das Gefühl der Freiheit. Nie in meinem Leben genoß ich eine
freie Stunde. Jetzt trinke ich Freiheit. Sie ist das Beste im
Menschen.« Ein heiteres Auflachen. Und jäh ein Umschlag ins Müde und
Gallige. »Gute Dinge verlangen ihren Preis. Ich habe die Freiheit
dieser Tage teuer bezahlt.« Er gab dem Pferd, das nach einer grünen
Staude haschte, einen unwilligen Sporendruck, und weil es den saftigen
Zweig nicht lassen wollte, schlug er ihm jähzornig die Reitpeitsche
zwischen die Ohren. Mit jagenden Sprüngen nahm der erschrockene Gaul
die steile Weghöhe; droben, wo die Straße sich wieder abwärts senkte,
durfte das Pferd in ruhigen Schritt fallen. Als Danckelmann mit
bekümmertem Antlitz nachgeträppelt kam, fragte der junge Oberst auf
sonderbare Art über die Schulter: »Ganz offen, unter uns, was redet man
über meine Braut?«
Nach kurzem Schweigen der Verlegenheit sagte der Geheimrat: »Man
erzählt, sie wäre eine überaus gottesfürchtige Dame.«
Der junge Oberst schien erheitert zu sein. »Da hat man unter ihren
unerquicklichen Eigenschaften die übelste herausgefischt.« Ein
Lippenzucken, fast hochmütig und verächtlich. »Welch ein geistiges
Armutszeugnis ist die Gottesfurcht! Gott ist groß und gerecht. Größe
ist nie ohne Güte. Und was Gerechtigkeit ist, das brauchen nur die
Schelme zu fürchten. Gott lieben und ihm vertrauen, jeder nach seiner
Art, das ist besser, als Gott fürchten.« Gebeugt im Sattel, die großen
runden Augen ins Leere gerichtet, sagte er langsam: »Wenn einer, wie
ich, in bösen Nächten eine herzzerdrückende Angst vor dem Ewigen
fühlt, so hat das seine Ursachen. Solch ein verzweifelt sündenloses
Frauenzimmer hat keinen Anlaß, vor dem Himmel zu zittern.« Ein wehes
Lächeln, das sich zum Spott erheben wollte und Trauer blieb. »Nun
ist's entschieden. Wie das Mensch ist, das man wählte für mich, so muß
ich es lieben. Ich will's erzwingen. Noch ist sie mir widerlich. Ihr
verschlucktes Kichern ist etwas Entsetzliches. Ich liebe das Lachen und
die Heiterkeit. Nur müssen sie aus Herz und Gehirn kommen, nicht aus
den Gedärmen. Unter allen, die in Wahl kamen, hat man die ledernste für
mich ausgesucht. Und das mein Freudenbissen für ein ganzes Leben!«
Tiefe Schwermut umschleierte alles Schöne in seinen Augen. Was der
Geheimrat mit vorsichtiger Mahnung zu ihm redete, schien er nicht zu
hören. Plötzlich, wie ein Erwachender, streckte er sich, weil er den
flötenden Schlag einer Ringdrossel vernommen hatte. Mit stillen Augen
sah er umher, war ruhig und sagte ernst: »Es ist wohl so, weil es so
sein muß. Damit ich lerne, unter dem meschanten Gesindel für mich
allein zu bleiben. Würde der Olympier eine Olympierin finden, das gäbe
Söhne, die diese miserable Welt übern Haufen schmeißen, um aus den
Scherben eine neue zu machen, die besser ist.« Über dieses Wort befiel
ihn selbst ein Verwundern, das sich vor dem seltsamen Blick seines
Begleiters verwandelte in einen knabenhaften Schreck. Sein verjüngtes
Gesicht war glühend vor Scham, seine flüsternde Stimme hatte fast den
Klang einer ängstlichen Bitte: »Danckelmann! Sie werden vergessen,
was ich da sagte in meiner Torheit.« Nach einer Weile, die Zügel des
Gaules kräftiger fassend, sprach er hart vor sich hin: »Es ist meines
Vaters Wille. Da gibt es keine Antwort als Gehorsam. Ich darf und
will den Vater durch Stützigkeit nicht mehr irre machen, seit er mit
Überraschung zu der Ansicht kam, daß etwas in mir steckt. Es gab eine
rote Stunde, in der ich ihn für einen Tollhäusler hielt. Nun weiß ich,
daß sein Verstand um so tiefer ist, je langsamer er sich offenbart.
Ich muß mich strecken nach seiner Größe. Wenn später alles drunter und
drüber ginge, würde er im sicheren Steinsarg über mich lachen. Das wäre
noch übler, als sein grober Stock gewesen. Besser, ein um eigene Schuld
Geprügelter zu sein, als fühlen, daß man verachtet wird.«
Er deutete mit der Reitgerte nach den blühenden Erikastauden, die den
südwärts blickenden Straßenrain überwucherten. »Wie schön! Was Frühling
heißt, ist der einzige überzeugende Gottesbeweis.« Er lächelte. »Bei
uns daheim in der Haide sind sie noch schöner.« Das Pferd verhaltend,
sah er in die nördliche Ferne. »Heimat? Ich sehe Moor und Sand.
Sehe den Rauch der schmacklosen Abendsuppen von Zorndorf, sehe den
schlammigen Fluß, armselige Dörfer und schläfrige Menschen.« Ein
Aufzucken des schmächtigen Körpers. »Sie sollen erwachen.« Er trieb das
Pferd, hatte enggereihte Falten auf der jungen Stirn und lachte. Ein
Blick in das von einem weißen Bach durchsprudelte Waldtal, über dessen
Wipfel der Hügel mit den Ruinen der Plaienburg hervortauchte, entriß
ihm einen Ausruf des Entzückens. Alle Freude des Schauens sprudelte
jugendlich aus ihm heraus. Immer deutete seine Hand mit der Reitgerte.
Immer sprach er, immer fröhlicher und erregter, in enthusiastischen
Ausdrücken, in französischen Verzückungen, die sich anhörten wie Verse.
Plötzlich ein müder Blick auf den Begleiter. Dazu in deutscher Sprache
die halb verdrießliche, halb ironische Frage: »Wat, Geheimrat? Ick
quazle wohl wieder etwas kopiösemang?«
Danckelmann antwortete lächelnd: »Kein Wort, das ich nicht gerne gehört
hätte.«
Der junge Oberst, wieder französisch, sagte mit irrendem Blick: »Wenn
man seine Fehler nur einsieht. Da ist Hoffnung vorhanden, daß ich noch
der Einsilbigste aller Deutschen werde.« Verstummend trieb er das
Pferd. Die Straße führte auf ebener Strecke in einen hochstämmigen
Wald, der verwüstet war vom Bergwinter. Wirr hingen Hunderte von
Bäumen durcheinander, die unter dem Schneedruck niedergebrochen waren.
»Hier sieht es aus wie im verunheiligten Deutschen Reich.« Kühler
Abendschatten fiel über die beiden Reiter herab. Die Pferde trabten.
Danckelmann schaukelte sich gewandt im Sattel. Sein Begleiter bockelte
mit losen Ellenbogen, zeichnete schlaffen Körpers jede Unebenheit des
Bodens nach, schien das alles nicht zu fühlen und war in Gedanken
versunken. Da kam eine Lawinengasse, die der stürzende Schnee von der
Berghöhe hinuntergebrochen hatte bis in die Bachtiefe. Die Straße war
überworfen von einem breiten Buckel festgestampfter Schneemassen,
aus denen zersplitterte Äste und zerquetschte Wipfel hervorlugten.
Danckelmann hielt: »Wie bringen wir da die Pferde hinüber?«
Drüben stand der Soldat. Er hatte seine beiden Gäule dem Reitknecht des
Geheimrats übergeben und wollte über die Schneewulsten herüberklettern,
um das Pferd seines Vorgesetzten zu führen. Der rief ihm ärgerlich zu:
»Bleib, wo de bist!« Die Reitgerte zischte. Ein Dutzend wilder, hin und
her schwankender Sätze, und der glanzhaarige Fuchs mit seinem Reiter
war drüben. Der junge Oberst lachte. Die Sache schien ihm Spaß gemacht
zu haben. Nun sah er verwundert den Soldaten an. »Kerl? Wat machste da?
'n Cavalerist des Königs von Preußen jehört mit seinen Arsch in den
Sattel. Nich mit den Stiebeln in die Drecksuppe.« Erschrocken rannte
der Soldat in seinen plumpen Klapperschäften davon, daß der steife Zopf
hinter seinem Nacken pendelte. Erst jetzt erinnerte sich der Oberst
seines Begleiters. »Ach --« Er wandte das Pferd. Da fiel ihm ein Bild
von hinreißender Schönheit in die Augen. Zwischen den schwarzgrünen
Baumwänden der Lawinengasse sah man einen Ausschnitt des Reichenhaller
Tales. Die winzigen Dächer, die Herden auf der Weide, die Wiesen,
die Brachfelder und Hecken, die Bäche und Wäldchen, alles funkelte
vom Glanz der Abendsonne, nicht wie etwas Irdisches, sondern wie ein
märchenhaftes Spielzeug, in Schimmer herausgeschnitten aus blankem
Kupfer. Und hinter diesem frohen Geglitzer stand ernst und schön,
in tiefes Blau getaucht, die steile Schattenwand des Hohen Staufen.
Der Berg mit seiner weißen, von Glanz umzüngelten Höhe war anzusehen
wie ein Riesenfürst auf seinem Thron, wie ein kaiserlicher Greis im
wallenden Weißhaar, unbeweglich, mit schlummernden Augen, auf der
hohen, reinen Stirn die strahlenzuckende Krone.
»Danckelmann!« Das klang wie der atemlose Schrei eines von Freude
verwirrten Kindes. »Kommen Sie! Das müssen Sie sehen! Gibt es denn
solche Dinge auf der Welt? Geheimrat! So kommen Sie doch endlich! Das
Herrliche beginnt zu erlöschen.«
Eben kletterte Danckelmann mit seinem Falben vorsichtig über den
Lawinenschnee herunter. Was er noch zu sehen bekam, war verdämmernde
Schönheit.
Der junge Oberst saß unbeweglich im Sattel, das scharfgeschnittene
Gesicht zur Höhe gehoben. Als die letzte Strahlenflamme des weißen,
sich blau umschleiernden Berghauptes zu schwinden begann und nur noch
eine dünne Feuerlinie die steilen Schneegrate säumte, trank er einen
tiefen Atemzug in seine schmale Brust und sagte langsam: »Ich habe
gesehen, was noch keiner sah.«
Danckelmann, ein bißchen verstimmt, betrachtete ihn verwundert, eine
Frage nur in den Augen.
»Ich sah das Gewesene und sah das Kommende.« Ein Lächeln von heiliger
Innerlichkeit. Ruhig wandte er das Pferd und ritt in den stillen,
dunkelnden Wald hinein. Blitze flammten in seinen herrlichen,
stahlblauen, weitgeöffneten Augen. Jäh beugte er sich aus dem Sattel
und legte seine Hand auf den Arm des Begleiters. »Nein! Ich habe nicht
zu teuer bezahlt. Um einen Hauch Freiheit zu atmen, kann man kuschen
wie ein Hund. So stark ist keiner, daß ihn Gemeinheiten, die er
erleben muß, nicht schwach machen. Man muß hinunter, Danckelmann, tief
hinunter, um die Wege zur Höhe zu finden.« Er zog die bartlosen Lippen
von den Zähnen. »Im Mai oder Juni sperren sie mich in das Grillenhaus
einer fürchterlichen Ehe. Ich genieße die ersten und letzten Tage
meiner Freiheit. Was kommt, ist Pflicht. Sie wird hart sein.« Der Ernst
dieses Wortes schlug über in einen klagenden Laut. »Wer hilft mir?«
Dann sagte er deutsch: »Ick bin ein egariertes Schaf des Lebens, habe
keen Menschenskind, das mich zu wat nütze is, habe nur mir selbst,
den dubiosesten von allen Wegweisern.« Das Gesicht, das der Geheimrat
zu diesen Worten machte, schien dem jungen Oberst die verlorene
Heiterkeit zurückzugeben. Lustig tippte er mit der Reitgerte nach
seinem Begleiter, als möchte er vom Mantelkragen des würdigen Herrn
eine Fliege fortkitzeln, und fragte französisch: »Ist das nicht wie ein
spaßhaftes Wunder? Daß ich da so lakaienfern und unbeschnüffelt reite
wie in einem Märchenwald und noch immer auf meinen Schultern einen Kopf
habe.«
Erst erschrak der Geheimrat. Dann sagte er aufatmend: »Ein Glück, daß
man diesen jungen Kopf nicht abhauen ließ, wie es der Kaiser erwartete.«
Froher Spott umzuckte den feinen Mund des anderen. »Weil er's zu
erwarten schien, begann ich zu begreifen, wie steif ich diesen Kopf
aufsetzen muß.«
Eine Lichtwoge strömte in das Düster des Waldes herein. Die Straße
öffnete sich gegen einen Wiesenhang von smaragdenem Frühlingsgrün, noch
überhaucht von einem letzten Sonnenschimmer, der durch tiefgeschnittene
Bergschatten herfunkelte aus der westlichen Ferne. Der Reitknecht des
Geheimrats kam den Herren entgegen getrabt und meldete: »Der Jäger
ist da. Auch das Mädchen für die Weisung zur Herberg.« Die Reiter
lenkten von der Straße weg in ein Seitentälchen, das umhuschelt war von
knospenden Erlenstauden. Überall Finkenschlag, Meisengezwitscher und
immer aufs neue der melodische Lockruf einer Ringdrossel. Das Tälchen
schon tief umschattet, und über ihm das zitronenfarbene Leuchten
des reinen Abendhimmels. Bei den zwei Packpferden, die zu grasen
begannen, stand mit scheuem Blick die Tochter der Hasenknopfin; neben
ihr, aufrecht und äußerlich ruhig, der Jäger Leupolt Raurisser im
grauverwitterten Bergzeug, in der Hand den langen Griesstecken, hinter
dem Rücken den Waldsack. Auf seiner Stirne brannte noch die Nachglut
seiner Begegnung mit Luisa und der Mutter. Als er die zwei Herren
kommen sah, erwachte ein dürstendes Forschen in seinem Blick. Welcher
von den beiden war der Helfer für seiner Brüder verzweiflungsvolle
Seelennot? Welcher hatte die starke Hand des ersehnten Retters? Das
junge, windige Soldätl? Das schlapp herunterrutschte vom Gaul? Den Hut
ziehend, hoffenden Glanz in den Augen, trat Leupolt auf den Geheimrat
zu: »Gottslieben Gruß in meiner notvollen Heimat. Es ist ein heilig
Ding, ist Euers und meins. Ich bin geboten zu Eurem Dienst. Viel gute
Herzen harren auf Euch in Drangnus und Sorgen.«