Kapitel XXII

Über dem tiefen Reichenhaller Talbecken glänzte der milde Nachmittag.

Alle Wiesen grün, mit den blassen Kelchen der Herbstzeitlosen, mit

Himmelsschlüsseln, Margariten und Steinnelken. In der Talsohle sproßten

bereits die Hecken, und der Fichtenwald war schneefrei bis hinauf zur

halben Höhe. Alle Bergspitzen stachen weiß wie funkelnde Silberstufen

in das Blau des Himmels. Taubenschwärme und Viehherden waren auf den

Feldern, und viele Drosseln huschten bei der Käferjagd an den Hecken

hin.

Über die harte Straße, die von Reichenhall emporführte zu den Ruinen

der Plaienburg und gegen den Hallturm, klapperten die Hufe von sechs

Pferden. Voran ein Reitknecht in bürgerlicher Reisetracht und ein

hochgestiefelter, steifzopfiger Soldat. Jeder führte am Zügel ein mit

Mantelsäcken und Ledertaschen beladenes Packpferd. Dann kamen zwei

Reiter, die sich in französischer Sprache unterhielten. Zur Linken

ritt ein bejahrter Herr in vornehmer Reisekleidung aus braunem Tuch,

mit offenem Mantelkragen. Aus der weißen Perücke sah ein freundliches

Gesicht heraus. Das war der preußische Geheimrat von Danckelmann, der

Präsident des zu Regensburg amtierenden _Corpus evangelicorum_, dem

die Wahrung der durch den Westfälischen Frieden gewährleisteten Rechte

der Protestanten im deutschen Süden übertragen war. Während des großen

Jagens, das die Scharen der Salzburger in die Fremde trieb, hatte

Danckelmann viele Tausendzüge der Exulanten ins Brandenburgische und

nach dem schwachbevölkerten Ostpreußen geleitet. Jetzt ritt er zu Herrn

Anton Cajetan, als Gesandter des Königs von Preußen, dessen Hilfe die

Berchtesgadnischen Bekenner in ihrer Verzweiflung angerufen hatten. Der

mit der Bärentatze geschriebene Auftrag des Königs an Danckelmann hatte

gelautet: »Betrachte dir die Petenten genau. Ist es zweifelhaftes Volk,

so laß die Hände davon. Faulpelze, Gotteskomödianten und Mauldrescher

können wir auf unserem mageren Boden nich gebrauchen, haben schon genug

davon, so des Wegräumens bedarf. Seind es tüchtige Leute, insonderheit

Protestanten bis auf die Knochen, so nimm ihrer, so viele du erwischen

kannst. Aller Beistand soll ihnen bewilliget sein. Bei gutem

Menschenkauf muß der Sparmeister ein Verschwender werden. Oder er wäre

als Fürst ein gottverlorener Esel. Wär auch kein Preuße nich. Preußen

muß sich helfen, wie es kann. Mach er seine Sache gut!«

Am Abend vor Danckelmanns Abreise von Regensburg hatte sich

unangemeldet ein Begleiter bei ihm eingestellt, der auf abgehetztem

Pferde über Ansbach gekommen war. In der Art, wie der Geheimrat mit

diesem jungen Reisekameraden sprach, den er zur Rechten reiten ließ,

war bei aller Höflichkeit eine stete Fürsorge, bald für den jungen

Reiter selbst, bald für seinen glanzhaarigen Fuchs, der mit der

schlanken, zart erscheinenden Hand, von der er gelenkt wurde, nicht

einverstanden schien und schäumend an der Stange kaute.

Im Gespräch der beiden war keine Rede vom Zweck ihrer Reise. In hurtig

gleitendem Französisch, das der Jüngere besser beherrschte als der

Geheimrat, sprachen sie von der Herrlichkeit der Natur, von der

zaubervollen Keuschheit der Frühlingslandschaft und von der Schönheit

der Berge, deren Anblick den staunenden Jüngling heiß erregte.

Immer sprach er. Sprach mit einer klangvollen, ungemein melodischen

Stimme. Warf er manchmal zwischen das Französische einen kurzen

deutschen Satz hinein, so war das ein sonderbares, unbehilfliches

Gemisch aus Fremdwörtern, altmodischer Beamtensprache, pommerischem

Platt und Berliner Vulgärdialekt. Und hurtig kehrte er wieder zum

Französischen zurück, in dem er mit Geist und Klarheit auszusprechen

vermochte, was Glut in ihm war. Für sein leidenschaftliches Entzücken

fand er Worte, wie ein von Schönheit berauschter Poet sie findet in

schwärmender Ekstase. Plötzlich ein kühles Ernstwerden des altklugen

Knabengesichtes. »Danckelmann! Sehen Sie doch! Diese schwarze,

fruchtbare Erde! Das ist ein Boden, auf dem nur gesunde, feste Kerle

wachsen können. Wär' es anders, so wär's eine Pflichtwidrigkeit der

Natur, eine Gewissenlosigkeit Gottes. Aber Gott muß doch höchste

Verantwortung sein, Natur ist ewiggewordene Pflicht.« Da machte,

an steil abfallender Wegstelle, das Pferd des jungen Reiters einen

scheuenden Seitensprung. Erschrocken suchte der Geheimrat den Zügel

des steigenden Gaules zu haschen. Das war überflüssig. Das Pferd hatte

sich schon beruhigt und gehorchte. Der schlanke Reiter streifte seinen

Begleiter mit einem halb mißmutigen, halb ironischen Blick. »Ich kann

reiten, lieber Danckelmann! Auch wenn es manchmal so aussieht, als

hätt' ich es nicht gelernt.«

Der alte Herr schien seinen Schreck noch nicht überwunden zu haben und

glich einem sorgenvollen Pädagogen, der sich verantwortlich fühlt für

einen zu unberechenbaren Streichen geneigten Schützling. Und dieser

Schützling, ein Einundzwanzigjähriger von feiner Zierlichkeit, war

Soldat und trug die Offiziersuniform eines preußischen Regiments, mit

dem Rangzeichen des Obristen. In seiner Erscheinung war etwas seltsam

Gegensätzliches. Körperliche Schwäche schien vereinigt zu sein mit

innerlicher Kraft. Er hatte als Soldat eine schlechte Haltung. Dennoch

konnte man sich keine Tracht denken, die besser für ihn gepaßt hätte

als dieser dunkelblaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen. Der saß

nicht sonderlich straff und militärisch an der zarten Jünglingsgestalt,

die manchmal so gebeugt und haltlos erschien, als möchte die gelbe

Hose mit dem ganzen zierlichen Figürchen schlapp hineinsinken in die

braunen Reitstiefel. Doch wenn ein neuer Ausblick zwischen den Kulissen

der Landschaft den jungen Reiter entzückte, straffte das Feuer seines

Innern auch den versunkenen Körper. Dann schien er ein anderer zu

werden. Seine Bewegungen waren flink und zugleich bedachtsam; es war in

ihnen eine Mischung von feurigem Vorwärtstrieb und einer zähen Kunst

des Sichruhigverhaltens, eine Mischung aus Seele und Willen, aus der

Kraft eines ehrgeizigen Jünglings und der Ruhe eines klugen Greises.

Er trug nicht den soldatischen Zopf. Hinter dem betreßten Dreispitz war

das braune Haar von einer schwarzen Bandmasche locker zusammengefaßt.

Zwischen gelösten Haarwischen, mit denen der milde Bergwind spielte,

schob sich hager ein ovales Gesicht hervor, nicht schön, doch scharf

und edel geschnitten, Stirn und Nasenrücken eine gerade Linie, bei der

man zugleich an einen Widderkopf und an griechischen Profilschnitt

denken mußte -- ein Gesicht, das einer sanften Mutter gleichen wollte

und ähnlicher einem strengen Vater war. Wie große strahlenflinke Sterne

glänzten aus diesem Gesichte zwei feuchte, enthusiastische Augen

heraus, in der Gier des unermüdlichen Spähens ein bißchen vorgequollen

-- Augen, die etwas seelisch Verzücktes hatten und etwas von der

Trauer eines gequälten Tieres. Es war Leidenschaft und dennoch Stille

in diesem ruhelos gleitenden Blick, ein Gemenge aus Spottlust und

jugendlichem Frohsinn, aus allem Zartgefühl und allen tiefgründigen

Wildheiten einer rätselvollen Menschenseele. Abstoßend und anziehend

war dieser Blick, mißtrauisch und gläubig, befremdend und erstaunlich,

überredend und bezwingend. Und diese Augen waren jetzt durchleuchtet,

dieses Gesicht durchglüht von der Freude an allem Frühlingsreiz der

aufblühenden Bergnatur. Bei unersättlichem Schauen verhielt der junge

Oberst plötzlich mit einem kaum sichtbaren Zügelruck das Pferd,

daß es unbeweglich stand. In den Bügeln sich hebend, reckte er den

schmächtigen Körper, tat einen wohligen Atemzug und sagte in der Art

eines Berauschten: »Danckelmann! In dieser Stunde ist ein Gefühl in

mir, das mich nicht mehr verlassen wird bis zu meiner Todesstunde.«

Wie erlöst von seiner Sorge fragte der Geheimrat: »Das Gefühl der

erneuten Freude am Leben?«

»Nein. Das Gefühl der Freiheit. Nie in meinem Leben genoß ich eine

freie Stunde. Jetzt trinke ich Freiheit. Sie ist das Beste im

Menschen.« Ein heiteres Auflachen. Und jäh ein Umschlag ins Müde und

Gallige. »Gute Dinge verlangen ihren Preis. Ich habe die Freiheit

dieser Tage teuer bezahlt.« Er gab dem Pferd, das nach einer grünen

Staude haschte, einen unwilligen Sporendruck, und weil es den saftigen

Zweig nicht lassen wollte, schlug er ihm jähzornig die Reitpeitsche

zwischen die Ohren. Mit jagenden Sprüngen nahm der erschrockene Gaul

die steile Weghöhe; droben, wo die Straße sich wieder abwärts senkte,

durfte das Pferd in ruhigen Schritt fallen. Als Danckelmann mit

bekümmertem Antlitz nachgeträppelt kam, fragte der junge Oberst auf

sonderbare Art über die Schulter: »Ganz offen, unter uns, was redet man

über meine Braut?«

Nach kurzem Schweigen der Verlegenheit sagte der Geheimrat: »Man

erzählt, sie wäre eine überaus gottesfürchtige Dame.«

Der junge Oberst schien erheitert zu sein. »Da hat man unter ihren

unerquicklichen Eigenschaften die übelste herausgefischt.« Ein

Lippenzucken, fast hochmütig und verächtlich. »Welch ein geistiges

Armutszeugnis ist die Gottesfurcht! Gott ist groß und gerecht. Größe

ist nie ohne Güte. Und was Gerechtigkeit ist, das brauchen nur die

Schelme zu fürchten. Gott lieben und ihm vertrauen, jeder nach seiner

Art, das ist besser, als Gott fürchten.« Gebeugt im Sattel, die großen

runden Augen ins Leere gerichtet, sagte er langsam: »Wenn einer, wie

ich, in bösen Nächten eine herzzerdrückende Angst vor dem Ewigen

fühlt, so hat das seine Ursachen. Solch ein verzweifelt sündenloses

Frauenzimmer hat keinen Anlaß, vor dem Himmel zu zittern.« Ein wehes

Lächeln, das sich zum Spott erheben wollte und Trauer blieb. »Nun

ist's entschieden. Wie das Mensch ist, das man wählte für mich, so muß

ich es lieben. Ich will's erzwingen. Noch ist sie mir widerlich. Ihr

verschlucktes Kichern ist etwas Entsetzliches. Ich liebe das Lachen und

die Heiterkeit. Nur müssen sie aus Herz und Gehirn kommen, nicht aus

den Gedärmen. Unter allen, die in Wahl kamen, hat man die ledernste für

mich ausgesucht. Und das mein Freudenbissen für ein ganzes Leben!«

Tiefe Schwermut umschleierte alles Schöne in seinen Augen. Was der

Geheimrat mit vorsichtiger Mahnung zu ihm redete, schien er nicht zu

hören. Plötzlich, wie ein Erwachender, streckte er sich, weil er den

flötenden Schlag einer Ringdrossel vernommen hatte. Mit stillen Augen

sah er umher, war ruhig und sagte ernst: »Es ist wohl so, weil es so

sein muß. Damit ich lerne, unter dem meschanten Gesindel für mich

allein zu bleiben. Würde der Olympier eine Olympierin finden, das gäbe

Söhne, die diese miserable Welt übern Haufen schmeißen, um aus den

Scherben eine neue zu machen, die besser ist.« Über dieses Wort befiel

ihn selbst ein Verwundern, das sich vor dem seltsamen Blick seines

Begleiters verwandelte in einen knabenhaften Schreck. Sein verjüngtes

Gesicht war glühend vor Scham, seine flüsternde Stimme hatte fast den

Klang einer ängstlichen Bitte: »Danckelmann! Sie werden vergessen,

was ich da sagte in meiner Torheit.« Nach einer Weile, die Zügel des

Gaules kräftiger fassend, sprach er hart vor sich hin: »Es ist meines

Vaters Wille. Da gibt es keine Antwort als Gehorsam. Ich darf und

will den Vater durch Stützigkeit nicht mehr irre machen, seit er mit

Überraschung zu der Ansicht kam, daß etwas in mir steckt. Es gab eine

rote Stunde, in der ich ihn für einen Tollhäusler hielt. Nun weiß ich,

daß sein Verstand um so tiefer ist, je langsamer er sich offenbart.

Ich muß mich strecken nach seiner Größe. Wenn später alles drunter und

drüber ginge, würde er im sicheren Steinsarg über mich lachen. Das wäre

noch übler, als sein grober Stock gewesen. Besser, ein um eigene Schuld

Geprügelter zu sein, als fühlen, daß man verachtet wird.«

Er deutete mit der Reitgerte nach den blühenden Erikastauden, die den

südwärts blickenden Straßenrain überwucherten. »Wie schön! Was Frühling

heißt, ist der einzige überzeugende Gottesbeweis.« Er lächelte. »Bei

uns daheim in der Haide sind sie noch schöner.« Das Pferd verhaltend,

sah er in die nördliche Ferne. »Heimat? Ich sehe Moor und Sand.

Sehe den Rauch der schmacklosen Abendsuppen von Zorndorf, sehe den

schlammigen Fluß, armselige Dörfer und schläfrige Menschen.« Ein

Aufzucken des schmächtigen Körpers. »Sie sollen erwachen.« Er trieb das

Pferd, hatte enggereihte Falten auf der jungen Stirn und lachte. Ein

Blick in das von einem weißen Bach durchsprudelte Waldtal, über dessen

Wipfel der Hügel mit den Ruinen der Plaienburg hervortauchte, entriß

ihm einen Ausruf des Entzückens. Alle Freude des Schauens sprudelte

jugendlich aus ihm heraus. Immer deutete seine Hand mit der Reitgerte.

Immer sprach er, immer fröhlicher und erregter, in enthusiastischen

Ausdrücken, in französischen Verzückungen, die sich anhörten wie Verse.

Plötzlich ein müder Blick auf den Begleiter. Dazu in deutscher Sprache

die halb verdrießliche, halb ironische Frage: »Wat, Geheimrat? Ick

quazle wohl wieder etwas kopiösemang?«

Danckelmann antwortete lächelnd: »Kein Wort, das ich nicht gerne gehört

hätte.«

Der junge Oberst, wieder französisch, sagte mit irrendem Blick: »Wenn

man seine Fehler nur einsieht. Da ist Hoffnung vorhanden, daß ich noch

der Einsilbigste aller Deutschen werde.« Verstummend trieb er das

Pferd. Die Straße führte auf ebener Strecke in einen hochstämmigen

Wald, der verwüstet war vom Bergwinter. Wirr hingen Hunderte von

Bäumen durcheinander, die unter dem Schneedruck niedergebrochen waren.

»Hier sieht es aus wie im verunheiligten Deutschen Reich.« Kühler

Abendschatten fiel über die beiden Reiter herab. Die Pferde trabten.

Danckelmann schaukelte sich gewandt im Sattel. Sein Begleiter bockelte

mit losen Ellenbogen, zeichnete schlaffen Körpers jede Unebenheit des

Bodens nach, schien das alles nicht zu fühlen und war in Gedanken

versunken. Da kam eine Lawinengasse, die der stürzende Schnee von der

Berghöhe hinuntergebrochen hatte bis in die Bachtiefe. Die Straße war

überworfen von einem breiten Buckel festgestampfter Schneemassen,

aus denen zersplitterte Äste und zerquetschte Wipfel hervorlugten.

Danckelmann hielt: »Wie bringen wir da die Pferde hinüber?«

Drüben stand der Soldat. Er hatte seine beiden Gäule dem Reitknecht des

Geheimrats übergeben und wollte über die Schneewulsten herüberklettern,

um das Pferd seines Vorgesetzten zu führen. Der rief ihm ärgerlich zu:

»Bleib, wo de bist!« Die Reitgerte zischte. Ein Dutzend wilder, hin und

her schwankender Sätze, und der glanzhaarige Fuchs mit seinem Reiter

war drüben. Der junge Oberst lachte. Die Sache schien ihm Spaß gemacht

zu haben. Nun sah er verwundert den Soldaten an. »Kerl? Wat machste da?

'n Cavalerist des Königs von Preußen jehört mit seinen Arsch in den

Sattel. Nich mit den Stiebeln in die Drecksuppe.« Erschrocken rannte

der Soldat in seinen plumpen Klapperschäften davon, daß der steife Zopf

hinter seinem Nacken pendelte. Erst jetzt erinnerte sich der Oberst

seines Begleiters. »Ach --« Er wandte das Pferd. Da fiel ihm ein Bild

von hinreißender Schönheit in die Augen. Zwischen den schwarzgrünen

Baumwänden der Lawinengasse sah man einen Ausschnitt des Reichenhaller

Tales. Die winzigen Dächer, die Herden auf der Weide, die Wiesen,

die Brachfelder und Hecken, die Bäche und Wäldchen, alles funkelte

vom Glanz der Abendsonne, nicht wie etwas Irdisches, sondern wie ein

märchenhaftes Spielzeug, in Schimmer herausgeschnitten aus blankem

Kupfer. Und hinter diesem frohen Geglitzer stand ernst und schön,

in tiefes Blau getaucht, die steile Schattenwand des Hohen Staufen.

Der Berg mit seiner weißen, von Glanz umzüngelten Höhe war anzusehen

wie ein Riesenfürst auf seinem Thron, wie ein kaiserlicher Greis im

wallenden Weißhaar, unbeweglich, mit schlummernden Augen, auf der

hohen, reinen Stirn die strahlenzuckende Krone.

»Danckelmann!« Das klang wie der atemlose Schrei eines von Freude

verwirrten Kindes. »Kommen Sie! Das müssen Sie sehen! Gibt es denn

solche Dinge auf der Welt? Geheimrat! So kommen Sie doch endlich! Das

Herrliche beginnt zu erlöschen.«

Eben kletterte Danckelmann mit seinem Falben vorsichtig über den

Lawinenschnee herunter. Was er noch zu sehen bekam, war verdämmernde

Schönheit.

Der junge Oberst saß unbeweglich im Sattel, das scharfgeschnittene

Gesicht zur Höhe gehoben. Als die letzte Strahlenflamme des weißen,

sich blau umschleiernden Berghauptes zu schwinden begann und nur noch

eine dünne Feuerlinie die steilen Schneegrate säumte, trank er einen

tiefen Atemzug in seine schmale Brust und sagte langsam: »Ich habe

gesehen, was noch keiner sah.«

Danckelmann, ein bißchen verstimmt, betrachtete ihn verwundert, eine

Frage nur in den Augen.

»Ich sah das Gewesene und sah das Kommende.« Ein Lächeln von heiliger

Innerlichkeit. Ruhig wandte er das Pferd und ritt in den stillen,

dunkelnden Wald hinein. Blitze flammten in seinen herrlichen,

stahlblauen, weitgeöffneten Augen. Jäh beugte er sich aus dem Sattel

und legte seine Hand auf den Arm des Begleiters. »Nein! Ich habe nicht

zu teuer bezahlt. Um einen Hauch Freiheit zu atmen, kann man kuschen

wie ein Hund. So stark ist keiner, daß ihn Gemeinheiten, die er

erleben muß, nicht schwach machen. Man muß hinunter, Danckelmann, tief

hinunter, um die Wege zur Höhe zu finden.« Er zog die bartlosen Lippen

von den Zähnen. »Im Mai oder Juni sperren sie mich in das Grillenhaus

einer fürchterlichen Ehe. Ich genieße die ersten und letzten Tage

meiner Freiheit. Was kommt, ist Pflicht. Sie wird hart sein.« Der Ernst

dieses Wortes schlug über in einen klagenden Laut. »Wer hilft mir?«

Dann sagte er deutsch: »Ick bin ein egariertes Schaf des Lebens, habe

keen Menschenskind, das mich zu wat nütze is, habe nur mir selbst,

den dubiosesten von allen Wegweisern.« Das Gesicht, das der Geheimrat

zu diesen Worten machte, schien dem jungen Oberst die verlorene

Heiterkeit zurückzugeben. Lustig tippte er mit der Reitgerte nach

seinem Begleiter, als möchte er vom Mantelkragen des würdigen Herrn

eine Fliege fortkitzeln, und fragte französisch: »Ist das nicht wie ein

spaßhaftes Wunder? Daß ich da so lakaienfern und unbeschnüffelt reite

wie in einem Märchenwald und noch immer auf meinen Schultern einen Kopf

habe.«

Erst erschrak der Geheimrat. Dann sagte er aufatmend: »Ein Glück, daß

man diesen jungen Kopf nicht abhauen ließ, wie es der Kaiser erwartete.«

Froher Spott umzuckte den feinen Mund des anderen. »Weil er's zu

erwarten schien, begann ich zu begreifen, wie steif ich diesen Kopf

aufsetzen muß.«

Eine Lichtwoge strömte in das Düster des Waldes herein. Die Straße

öffnete sich gegen einen Wiesenhang von smaragdenem Frühlingsgrün, noch

überhaucht von einem letzten Sonnenschimmer, der durch tiefgeschnittene

Bergschatten herfunkelte aus der westlichen Ferne. Der Reitknecht des

Geheimrats kam den Herren entgegen getrabt und meldete: »Der Jäger

ist da. Auch das Mädchen für die Weisung zur Herberg.« Die Reiter

lenkten von der Straße weg in ein Seitentälchen, das umhuschelt war von

knospenden Erlenstauden. Überall Finkenschlag, Meisengezwitscher und

immer aufs neue der melodische Lockruf einer Ringdrossel. Das Tälchen

schon tief umschattet, und über ihm das zitronenfarbene Leuchten

des reinen Abendhimmels. Bei den zwei Packpferden, die zu grasen

begannen, stand mit scheuem Blick die Tochter der Hasenknopfin; neben

ihr, aufrecht und äußerlich ruhig, der Jäger Leupolt Raurisser im

grauverwitterten Bergzeug, in der Hand den langen Griesstecken, hinter

dem Rücken den Waldsack. Auf seiner Stirne brannte noch die Nachglut

seiner Begegnung mit Luisa und der Mutter. Als er die zwei Herren

kommen sah, erwachte ein dürstendes Forschen in seinem Blick. Welcher

von den beiden war der Helfer für seiner Brüder verzweiflungsvolle

Seelennot? Welcher hatte die starke Hand des ersehnten Retters? Das

junge, windige Soldätl? Das schlapp herunterrutschte vom Gaul? Den Hut

ziehend, hoffenden Glanz in den Augen, trat Leupolt auf den Geheimrat

zu: »Gottslieben Gruß in meiner notvollen Heimat. Es ist ein heilig

Ding, ist Euers und meins. Ich bin geboten zu Eurem Dienst. Viel gute

Herzen harren auf Euch in Drangnus und Sorgen.«

Das große Jagen · 第 74 / 98 题