Sie zitterte. »Ach, Bub --«

»Ich will nit reden von der Wahrheit in mir, von Ehr und Treu. Keiner,

Mutter, ist um seiner selbst willen auf der Welt. Jeder ist um der

anderen wegen da. Und ein Wegweiser darf nit Brennholz werden. Ein

Sturm kann ihn werfen, und faul kann er werden im Balken. Da müßt ihn

aber erst das Alter dürr machen. Ich bin jung, mich wirft der Sturm

nit, und was Faulkrankes ist mir nit in der Seel. Die Brüder und

Schwestern, die in Not und Verzweiflung nach einem Helfer dürsten

--« Verstummend, von einem Schreck befallen, hob er das Gesicht gegen

die Sonne und stammelte: »Jesus! Mutter, du gute! Jetzt muß ich fort.

Ich muß!« Mit hetzenden Sprüngen jagte er über den Weg hinüber, riß

den Griesstecken aus der Erde, raffte das Hütl vom Boden auf, kam

zurückgesprungen und schlang den Arm um den Hals der Mutter. »Sag's dem

gnädigen Herrn! Ein anderes Wörtl hab ich nit. Daß ich dich sehen hab

dürfen, das soll dir unser Herrgott in Güt vergelten.«

Eine letzte Hoffnung in den Augen, flehte sie zu ihm hinauf: »Der

*unsere*?«

Um seinen Mund ging ein schmerzendes Lächeln. »Muß ich halt sagen: der

deine und der meinige. Tu mir den meinen nit schelten, und ich will

den deinigen in Ehren halten. Wir zwei, Mutter, haben uns noch allweil

verstanden. Täten es uns die anderen nachmachen, so wär der Weltboden

ein Frühlingsacker. Tu mir den Vater grüßen, gelt! Jetzt muß ich --«

Sie hielt seinen Arm umklammert, und ihre Stimme schrillte: »Luisli!

Luisli! Allgütiger, so hilf mir doch!«

Leupolt, sich verfärbend, stand einen Augenblick wie zu Stein

verwandelt. Das traf ihn, als wär's ein Balkenstoß gegen seine Kehle,

und wurde binnen drei Herzschlägen für ihn eine trinkende Freude, ein

Rausch seiner Liebe. Die sein Gedanke und seine Sehnsucht war bei Traum

und Wachen, die Seele seiner Seele, das Blut seines Blutes, der süßeste

Inhalt seines Lebens -- da stand sie vor ihm, hold und liebenswert,

eine zur Blume entbronnene Knospe, ein weibgewordenes Gebet, die Hände

nach ihm gestreckt, die nassen Augen glänzend und bekennend. Alle Welt

versank ihm, er sah die Mutter nimmer, sah nicht den Meister und den

Hochwürdigen, die inmitten des ergrünenden Tälchens standen. »Luisli!«

Ein Sprung, der wie ein Aufjauchzen seines jungen Körpers war.

Erschrocken stieß sie die Arme vor sich hin, wie um ihn fernzuhalten.

Oder wollte sie seine Hände fassen, seine Brust berühren, seinen Hals

umwinden? Und versagte ihr nur die Kraft? Ihre Arme fielen. Halb einer

Ohnmacht nahe, stand sie vor ihm. Alles Blut war aus ihren Wangen

entflohen. Nur ihre Augen lebten und hatten Glanz, waren voll Scham und

Sehnsucht, voll Zweifel und Hoffnung. »Leupi?« Das war ein Laut, als

spräche nicht ihr Mund, nur ihre Seele. »Magst du dich nit besinnen?

Tust du es nit mir zulieb? Um deiner Seel wegen hat mir der liebe Gott

befohlen, daß ich die Wahrheit reden muß. Derzeit du am Holz gehangen,

ist alles Kühle und Fromme in mir ein anderes worden. Tu ich beten, so

kann ich nimmer an die Heiligen denken, muß allweil denken an dich.

Jede Nacht ist mir ein einziges Träumen von dir. Jeder neue Morgen hat

mir den Glauben in die Seel geschrien: heut kommt der Leupi. Ich hab

geharret den ganzen Tag. Am Abend ums Betläuten hab ich in Trauer sagen

müssen: heut wieder nit! Und hab in der Nacht aus Sünd und Seligkeit

tausendmal die Händ gehoben -- nach meinem Herrgott oder nach dir, ich

weiß nit recht -- so lieb bist du mir worden, ich kann's nit sagen --«

Verstummend preßte sie das erglühende Gesicht in die Hände, und ihr

feines, schmuckes Körperchen krümmte sich tief zusammen.

Frau Agnes, zwischen Hoffnung und Sorge, nickte immer wieder ihrem

Buben zu und machte mit den Händen nachhelfende Bewegungen. Und neben

dem Meister Niklaus, der in Unruh die zwei jungen Menschen betrachtete,

als würde hier nicht nur das Lebensglück seines Kindes, auch noch etwas

anderes entschieden -- neben diesem erregten Manne stand der lange

Pfarrer, hielt den Kopf zwischen die Schultern gezogen, schlenkerte

seinen Hakenstock, guckte mißmutig drein und murrte: »Da wird's halt

wieder aufkommen, daß Manndl und Weibl schwerer wiegen, als Himmel und

Höll!«

Leupolt schwieg noch immer, unbeweglich, den Bergstecken vor sich

hingestemmt, einen frohen, heiligen Glanz in den Augen, ein Lächeln

seiner tiefen Freude um die stummen Lippen. Nun beugte er sich langsam

gegen das Mädchen hin und sagte leis: »So heb doch das Köpfl, Luisli!

Schau mich an! Ein rechtes Vergeltsgott muß man einem in die Augen

sagen. Du hast mich zum reichsten Mannsbild auf der Welt gemacht.

Jetzt ist mir alles ein Maigarten und Sonnenweg. Vergeltsgott, du

Liebe!« Er streckte die Hand und ließ sie zärtlich hingleiten über

ihr schimmerndes Haar. Als hätte diese Berührung seine feste Ruhe

verwandelt in einen Sturm seines Durstes nach ihr, so klammerte er

plötzlich den Arm um ihren Nacken und preßte den Mund auf ihren

Scheitel. »Daß ich dein bin und keiner anderen nimmer? Gelt, Luisli,

das weißt du?«

In Freude stammelte Frau Agnes: »Gott sei Lob und Dank!« Und Luisa,

unter glückseligem Auflachen, verschönt, erglühend, nahm sein Gesicht

zwischen die zitternden Hände: »Gelt, jetzt gehst du mit uns?«

Er schüttelte den Kopf. »Heut nit. Das kann nit sein, Herzliebe!« Ein

rascher Blick nach der Sonne. »Heut hab ich einen Weg. Da darf mir auch

das Glück und alle Herzfreud keinen Riegel nit drüberschieben.«

Meister Niklaus bekam ein brennendes Gesicht, und die mißmutige Laune,

die in dem Warzengesicht des Pfarrers gewittert hatte, schien sich

merklich zu bessern.

Erschrocken bettelte Luisa: »Schau, je flinker du bereuen tust, so

gottsfreudiger machst du deinen Weg.«

»Bereuen?« Er richtete sich auf. Sein Lächeln blieb. »Ich wüßt nit, was

ich bereuen müßt. Mein Weg ist ein anderer, als du meinst. Das ist ein

Festes. Ich geh mit der ersten Exulantenschar. Aber kommen tu ich noch.

Zu dir. Und frag dich, ob du mitgehst.«

Sie wehrte mit den Händen.

»Nit so! Das mußt du dir in Ruh überlegen. Kannst du es tun, so sollst

du auf jedem Weg meine Händ unter deinen Füßlen spüren. Mußt du Nein

sagen, so bleib ich allweil -- ich weiß nit wo -- der deinige bis

zum letzten Schnaufer.« Ein tiefer Atemzug. »Jetzt muß ich fort. Die

Sonn will über den Berg hinüber.« Seine Hand umschloß die ihre. »Du

Liebe! Alle Gütigen im Himmel sollen dich hüten! -- Und dich, Mutter!«

Ein paar flinke Sprünge, und er war schon drüben bei den Stauden. Da

verstellte ihm einer den Weg. Betroffen wandte Leupolt das Gesicht und

sah in die leuchtenden Augen des Meister Niklaus.

Ein leises, fröhliches Wort. »Bub, du hast es mir leicht gemacht. Ich

will bekennen.«

In heißer Freude klammerte Leupolt die Hand um die Schulter des

Meisters. Ein Zögern, ein kurzer Kampf, nun ein rasches, lachendes

Flüstern: »Tu dich aufrichten! Ein Helfer kommt.« Dann sprang er in die

Stauden und war verschwunden. Wie ein Träumender sah Niklaus zu seinem

Kind hinüber, das schluchzend am Hals der Mutter Agnes hing.

Pfarrer Ludwig kam auf den Meister zugegangen, viel größer, als er vor

einer Minute ausgesehen hatte. »Nick? Was sagst du?« Er deutete mit

dem Hakenstock gegen die Stauden hin, die hinter dem Verschwundenen

noch schwankten. »Wie der Bub davongesprungen ist, da hab ich mir was

denken müssen.« Seine Stimme bekam einen jungen Klang. »Römisch oder

evangelisch? Das ist die Frag nit. Zwei feste Geschwister, die Zeit

und der Menschenverstand, die werden Brücken bauen. Die Frag für uns

ist: deutsch oder undeutsch! Laß den deutschen Boden verkuhwedelt sein,

pariserisiert und versaut, wie er mag --« Wieder deutete er gegen die

Stauden hin: »*Die* Rass' schlagt allweil wieder durch. Wie der Bub

da, sind Tausend und Hunderttausend im Reich. Sie wissen es nit. Und

hegen es doch in sich wie ein heiliges Feuer. *Wann* das Aufwachen

kommt? *Wann* dem blauen Untersberg da draußen die schläfrigen Riegel

springen? Ob morgen oder in hundert Jahr, ich weiß nit, wann -- -- ich

weiß nur: *es kommt*!« Er legte dem Freunde lächelnd den Arm um die

Schultern und deutete gegen die Buchen, in deren Wipfelgezweig eine

Ringdrossel flötete. »Lus, Nicki! Ein deutsches Lied! Ist's nit noch

schöner, als wie der Amsterdamer Vogel singt?«

In das leise Lachen des Pfarrers schnitt ein klagender Mädchenlaut

hinein. Luisa taumelte auf den Vater zu und weinte: »Tu mich wieder

zu den frommen Schwestern ins Kloster! Alles in mir ist Sünd, die mich

verbrennt. Beten kann ich nimmer, wenn ich nit bet' für ihn. Und jedes

Gebet für ihn ist Frevel wider Gott. So kann ich nimmer leben. Alles

ist Trauer, alles ist Elend! Wo ist die Ruh?« Aufschreiend lief sie mit

flatterndem Kleid durch das leuchtende Tälchen. Und die Mälzmeisterin

zappelte erschrocken der verzweifelten Mädchenseele nach, klagend,

bettelnd, mit beruhigenden Worten, schließlich ein bißchen scheltend.

Auch Meister Niklaus wollte springen. Der Pfarrer hielt ihn am Ärmel

fest. »Nur nit verlieren, was die Neuenstein als Kontenanz bezeichnet.

Laß das kleine Weibl sich ausheulen. Ein Wasser oder ein tiefer Graben

ist nit in der Näh. Und daß sie wie ein Eichkätzl auf einen Baum

hinaufkraxelt und herunterspringt, ist mehr als zweifelhaft!«

Während die beiden Männer davonschritten durch die Nachmittagssonne,

hörte man die Sorgenstimme der Schneckin und das Schellengebimmel der

Ziegen, die aus ihrem reinlichen Ställchen mit erleichterten Eutern

wieder hinaustrabten zu ihrer duftenden Frühlingsweide.

Das große Jagen · 第 73 / 98 题