Nach Ostern, am Vormittage vor der Neumondnacht im April, fuhr ein
Leiterwägelchen, das von Berchtesgaden kam, durch Bischofswiesen gegen
den Hallturm. Die Sus kutschierte. Hinter ihr saßen zwei Paare, die
nicht zu einander gehörten und sich doch bei den Händen gefaßt hielten:
Meister Niklaus und Mutter Agnes auf dem ersten Brett, Pfarrer Ludwig
und das Luisli auf dem anderen. Ihre Gesichter und Augen erzählten von
harten Tagen. Während der Fahrt durch Bischofswiesen redete keins von
den Fünfen ein Wort. Und die Sus schlenkerte immer die Zügel und trieb
das Gäulchen, als könnte sie das kaum erwarten: zum letzten Hause des
erschreckenden Dorfes zu kommen.
Ein Frühlingsmorgen, voll Sonne, duftend von allem Reiz des neu
Erstehenden in der Natur. Was dieser Morgenglanz an Leben umschimmerte,
war Trauer, Menschenelend und Verwüstung. Viele Häuser standen leer
und hatten rot angestrichene Türen und Fensterstöcke. Die Leute, die
man aus ihren Lehen getrieben hatte, wohnten hinter den Hausgärten
in Bretterschuppen. Mit dem eng übereinander gestellten Hausrat
sahen diese Zufluchtsstätten aus wie Trödlerbuden eines unfröhlichen
Jahrmarktes. Nur wenige Häuser waren gegen früher völlig unverändert.
Dazwischen lagen bewohnte Lehen, deren gewaschene Fensterstöcke
und Türen nur noch einen matten, rötlichen Schiller hatten -- das
Zeichen der Heimkehr zum fürstpröpstlichen Glauben. Wer sich aus der
Bekennerliste streichen ließ, bekam mit der Anwartschaft auf die ewige
Seligkeit auch ein Fläschl Terpentin, um Türen und Fensterstöcke wieder
gutgläubig zu machen.
Lenzfreude und munteres Leben ließ sich auch an den Häusern nicht
entdecken, die noch bewohnt waren. Alte Weibsleute hockten stumm in
den Höfen; an den Fenstern sah man verschüchterte Kindergesichter;
bejahrte Männer waren beim Umgraben der Gärten. Durch offene Türen
sah man in leere Ställe. Das Vieh war davongetrieben. Den Bußfertigen
hatte man reichlich des Himmels Gnade zugesagt, aber die Rinder nicht
mehr zurückgegeben. Die waren von der Salzburgischen Soldateska schon
aufgefressen, bevor im Bauer die christliche Reu erwachte. Neben
einem geplünderten Hause war ein Feld überstreut mit den Holzscherben
zerschlagener Kästen und Bettstellen; es erinnerte an des Haynachers
Gerstenacker, auf dem die Holzfetzen der Kreuze umherlagen, die der
Christl unermüdlich, mit einem an Wahnwitz grenzenden Eigensinn auf
das Grab seiner Martle steckte, und die von gutgläubigen Händen immer
wieder zertrümmert wurden. Dann kam in der Dorfgasse ein grau und
schwarz gesprenkeltes Loch, die Brandstätte dreier Höfe. Überall fingen
die Bäume und Hecken zu grünen an; die Obstbäume der niedergebrannten
Höfe trieben keine Knospe mehr; sie waren von der Feuerhitze versengt,
waren fuchsig rot wie verschmachtete Wacholderbüsche.
Nur die spielenden oder brünstig trabenden Hunde, die den Frühling in
sich verspürten, und die gackernden Hennen schienen zu Bischofswiesen
noch beweisen zu wollen, daß die Freuden des Lebens nie ganz erlöschen.
Hörte man fröhliche Menschenstimmen, so kam's von den Soldaten Gottes,
die in der Sonne auf Bänken saßen und mit dem Knöchelbecher einander
das Plündergut und die Bekehrungsgroschen abnahmen. Im Gärtl des
Wirtshauses war eine halbe Kompagnie beisammen. Als die Soldaten das
Leiterwägelchen kommen sahen, reckten sie die Köpfe, und ein Lustiger
rief: »Ihr tapferen Eisenbeißer! Zum Sturm! Da rutschen zwei saubere
Weibsleut her!« Gleich kam das ganze buntgelitzte Rudel herangesaust.
Die Sus bekam ein zorniges Gesicht, Luisa wurde bleich, und Mutter
Agnes schrie der blonden Magd über die Schulter zu: »Tu doch das Rößl
treiben!« Das Gäulchen war schon umstellt und festgehalten.
Da zuckte Pfarrer Ludwig vom Sitzbrett auf. In seiner schwarzen
hageren Länge sah er wunderlich aus, verblüffend durch sein grimmiges
Warzengesicht mit dem wehenden Weißhaar. Die Soldaten stutzten
und wurden unschlüssig. Weil der Pfarrer das merkte, konnte er
einen heiteren Ton finden: »Die sturmfreudigen Herren haben sich
umsonst bemüht. Mutter Mälzmeisterin, zeig den gütigen Kindlen
Seiner apostolischen Majestät den Passierschein der Pflegerkanzlei!
Die vier Leut da sind vom gnädigsten Herrn Fürsten meinem Schutz
vertraut. Ich bin Kapitelherr des Stiftes.« Diese beiden letzten Sätze
waren eine anderthalbfache Lüge. Auf einem Spaziergang war Pfarrer
Ludwig dem Wägelchen begegnet; in seiner Sorge um den Freund war er
aufgesprungen und mitgefahren, ohne zu wissen, wohin. Und seit dem
Versöhnungsschießen stand Pfarrer Ludwig auf der schwarzen Tafel, was
bedeutete: daß man ihm an Pfingsten zu Ehren des heiligen Geistes die
Kapitelfähigkeit herunterkratzen würde. Er schien der Meinung zu sein,
daß er die kurze Zeit seiner stiftsherrlichen Unverletzlichkeit noch
ausnützen müßte, stieg über das Vorderbrett, nahm der Sus die Zügel
aus der Hand, klatschte dem Gaul eins über den runden Hinterbacken und
lachte unter dem Geholper des flinkwerdenden Wagens: »Wenn der Mensch
nur allweil bei der Wahrheit bleibt! Da findet er überall offenen Weg.«
Hinter dem Rädergerassel verklangen die Späße der Musketiere.
Meister Niklaus drehte mit zornfunkelnden Augen das blasse Gesicht
und ließ die Feder seines Stockdegens, den er gelockert hatte, wieder
einschnappen. »Alles um Gottes wegen!«
»Nit, Vater!« Luisa legte die zitternde Hand auf seinen Arm. »Tu nit
lästern! Das wär kein Segen für den heutigen Weg. Gott ist fern von
den bösen Dingen, die jetzt geschehen auf der Welt. Warum er sie nit
hindert, das versteh ich nimmer.«
»Ach, Kindl!« seufzte die Mälzmeisterin. »Beim Anblick der irdischen
Narretei wird sich der Allgütige halt denken: ich muß die blinden
Schermäus einmal wursteln lassen, bis sie einsehen, wie schafköpfig und
strohdumm sie sind.«
»Ganz so wird's wohl nit sein.« Im Gesicht des Pfarrers tänzelte
die große Warze. Er gab der Sus die Zügel und kletterte zu seinem
Brett zurück. »Ein solches Experiment deines Allgütigen wär für die
Menschheit ein bißl zu kostspielig.«
»Allmächtig ist er aber doch? Warum also laßt er so viel Zwidrigkeiten
zu?«
»Lang dauert's nimmer, bis ich hinaufkomm zu ihm. Da will ich ihn
fragen. Dann schreib ich dir ein Wolkenbrieferl und schick's mit dem
Weihnachtsengel.«
Halb erheitert, schüttelte die Mälzmeisterin den graugewordenen Kopf.
»Und allweil noch ein Späßl!«
»Ist's nit hilfreicher als der Jammer, als der Zweifel und die
Schimpferei?«
Von diesem Wortwechsel hatte Meister Niklaus nicht viel gehört. Immer
hatte er zurückschauen müssen zu dem verwüsteten Dorf. »Wie schön ist
das Örtl gewesen! Und jetzt!«
»Ja, Nicki! Kein Wunder, wenn einem die Wanderlust in die Sohlen fahrt.
Gestern hat sich als Exulant einer einschreiben lassen, von dem ich es
nie erwartet hätt. Der Christl Haynacher.«
Erregt, eine irrende Verstörtheit in den Augen, sagte Niklaus: »Sogar
*der* bekennt!«
»Das nit! Der exuliert als Katholik. Augen kriegt er, aus denen was
Schreckhaftes herausschaut. Und allweil ist das seine Klag: daß die
undankbare Menschheit sein schwarzweißes Pärl schon völlig verschwitzt
hat.« Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's! Außer dem Christl und meinem
hochverehrten Herrn Amtsbruder Jesunder denkt an das traurige
Doppeltödl nur noch ein einziger! Bei Tag und bei Nacht!«