Kapitel XXI

Nach Ostern, am Vormittage vor der Neumondnacht im April, fuhr ein

Leiterwägelchen, das von Berchtesgaden kam, durch Bischofswiesen gegen

den Hallturm. Die Sus kutschierte. Hinter ihr saßen zwei Paare, die

nicht zu einander gehörten und sich doch bei den Händen gefaßt hielten:

Meister Niklaus und Mutter Agnes auf dem ersten Brett, Pfarrer Ludwig

und das Luisli auf dem anderen. Ihre Gesichter und Augen erzählten von

harten Tagen. Während der Fahrt durch Bischofswiesen redete keins von

den Fünfen ein Wort. Und die Sus schlenkerte immer die Zügel und trieb

das Gäulchen, als könnte sie das kaum erwarten: zum letzten Hause des

erschreckenden Dorfes zu kommen.

Ein Frühlingsmorgen, voll Sonne, duftend von allem Reiz des neu

Erstehenden in der Natur. Was dieser Morgenglanz an Leben umschimmerte,

war Trauer, Menschenelend und Verwüstung. Viele Häuser standen leer

und hatten rot angestrichene Türen und Fensterstöcke. Die Leute, die

man aus ihren Lehen getrieben hatte, wohnten hinter den Hausgärten

in Bretterschuppen. Mit dem eng übereinander gestellten Hausrat

sahen diese Zufluchtsstätten aus wie Trödlerbuden eines unfröhlichen

Jahrmarktes. Nur wenige Häuser waren gegen früher völlig unverändert.

Dazwischen lagen bewohnte Lehen, deren gewaschene Fensterstöcke

und Türen nur noch einen matten, rötlichen Schiller hatten -- das

Zeichen der Heimkehr zum fürstpröpstlichen Glauben. Wer sich aus der

Bekennerliste streichen ließ, bekam mit der Anwartschaft auf die ewige

Seligkeit auch ein Fläschl Terpentin, um Türen und Fensterstöcke wieder

gutgläubig zu machen.

Lenzfreude und munteres Leben ließ sich auch an den Häusern nicht

entdecken, die noch bewohnt waren. Alte Weibsleute hockten stumm in

den Höfen; an den Fenstern sah man verschüchterte Kindergesichter;

bejahrte Männer waren beim Umgraben der Gärten. Durch offene Türen

sah man in leere Ställe. Das Vieh war davongetrieben. Den Bußfertigen

hatte man reichlich des Himmels Gnade zugesagt, aber die Rinder nicht

mehr zurückgegeben. Die waren von der Salzburgischen Soldateska schon

aufgefressen, bevor im Bauer die christliche Reu erwachte. Neben

einem geplünderten Hause war ein Feld überstreut mit den Holzscherben

zerschlagener Kästen und Bettstellen; es erinnerte an des Haynachers

Gerstenacker, auf dem die Holzfetzen der Kreuze umherlagen, die der

Christl unermüdlich, mit einem an Wahnwitz grenzenden Eigensinn auf

das Grab seiner Martle steckte, und die von gutgläubigen Händen immer

wieder zertrümmert wurden. Dann kam in der Dorfgasse ein grau und

schwarz gesprenkeltes Loch, die Brandstätte dreier Höfe. Überall fingen

die Bäume und Hecken zu grünen an; die Obstbäume der niedergebrannten

Höfe trieben keine Knospe mehr; sie waren von der Feuerhitze versengt,

waren fuchsig rot wie verschmachtete Wacholderbüsche.

Nur die spielenden oder brünstig trabenden Hunde, die den Frühling in

sich verspürten, und die gackernden Hennen schienen zu Bischofswiesen

noch beweisen zu wollen, daß die Freuden des Lebens nie ganz erlöschen.

Hörte man fröhliche Menschenstimmen, so kam's von den Soldaten Gottes,

die in der Sonne auf Bänken saßen und mit dem Knöchelbecher einander

das Plündergut und die Bekehrungsgroschen abnahmen. Im Gärtl des

Wirtshauses war eine halbe Kompagnie beisammen. Als die Soldaten das

Leiterwägelchen kommen sahen, reckten sie die Köpfe, und ein Lustiger

rief: »Ihr tapferen Eisenbeißer! Zum Sturm! Da rutschen zwei saubere

Weibsleut her!« Gleich kam das ganze buntgelitzte Rudel herangesaust.

Die Sus bekam ein zorniges Gesicht, Luisa wurde bleich, und Mutter

Agnes schrie der blonden Magd über die Schulter zu: »Tu doch das Rößl

treiben!« Das Gäulchen war schon umstellt und festgehalten.

Da zuckte Pfarrer Ludwig vom Sitzbrett auf. In seiner schwarzen

hageren Länge sah er wunderlich aus, verblüffend durch sein grimmiges

Warzengesicht mit dem wehenden Weißhaar. Die Soldaten stutzten

und wurden unschlüssig. Weil der Pfarrer das merkte, konnte er

einen heiteren Ton finden: »Die sturmfreudigen Herren haben sich

umsonst bemüht. Mutter Mälzmeisterin, zeig den gütigen Kindlen

Seiner apostolischen Majestät den Passierschein der Pflegerkanzlei!

Die vier Leut da sind vom gnädigsten Herrn Fürsten meinem Schutz

vertraut. Ich bin Kapitelherr des Stiftes.« Diese beiden letzten Sätze

waren eine anderthalbfache Lüge. Auf einem Spaziergang war Pfarrer

Ludwig dem Wägelchen begegnet; in seiner Sorge um den Freund war er

aufgesprungen und mitgefahren, ohne zu wissen, wohin. Und seit dem

Versöhnungsschießen stand Pfarrer Ludwig auf der schwarzen Tafel, was

bedeutete: daß man ihm an Pfingsten zu Ehren des heiligen Geistes die

Kapitelfähigkeit herunterkratzen würde. Er schien der Meinung zu sein,

daß er die kurze Zeit seiner stiftsherrlichen Unverletzlichkeit noch

ausnützen müßte, stieg über das Vorderbrett, nahm der Sus die Zügel

aus der Hand, klatschte dem Gaul eins über den runden Hinterbacken und

lachte unter dem Geholper des flinkwerdenden Wagens: »Wenn der Mensch

nur allweil bei der Wahrheit bleibt! Da findet er überall offenen Weg.«

Hinter dem Rädergerassel verklangen die Späße der Musketiere.

Meister Niklaus drehte mit zornfunkelnden Augen das blasse Gesicht

und ließ die Feder seines Stockdegens, den er gelockert hatte, wieder

einschnappen. »Alles um Gottes wegen!«

»Nit, Vater!« Luisa legte die zitternde Hand auf seinen Arm. »Tu nit

lästern! Das wär kein Segen für den heutigen Weg. Gott ist fern von

den bösen Dingen, die jetzt geschehen auf der Welt. Warum er sie nit

hindert, das versteh ich nimmer.«

»Ach, Kindl!« seufzte die Mälzmeisterin. »Beim Anblick der irdischen

Narretei wird sich der Allgütige halt denken: ich muß die blinden

Schermäus einmal wursteln lassen, bis sie einsehen, wie schafköpfig und

strohdumm sie sind.«

»Ganz so wird's wohl nit sein.« Im Gesicht des Pfarrers tänzelte

die große Warze. Er gab der Sus die Zügel und kletterte zu seinem

Brett zurück. »Ein solches Experiment deines Allgütigen wär für die

Menschheit ein bißl zu kostspielig.«

»Allmächtig ist er aber doch? Warum also laßt er so viel Zwidrigkeiten

zu?«

»Lang dauert's nimmer, bis ich hinaufkomm zu ihm. Da will ich ihn

fragen. Dann schreib ich dir ein Wolkenbrieferl und schick's mit dem

Weihnachtsengel.«

Halb erheitert, schüttelte die Mälzmeisterin den graugewordenen Kopf.

»Und allweil noch ein Späßl!«

»Ist's nit hilfreicher als der Jammer, als der Zweifel und die

Schimpferei?«

Von diesem Wortwechsel hatte Meister Niklaus nicht viel gehört. Immer

hatte er zurückschauen müssen zu dem verwüsteten Dorf. »Wie schön ist

das Örtl gewesen! Und jetzt!«

»Ja, Nicki! Kein Wunder, wenn einem die Wanderlust in die Sohlen fahrt.

Gestern hat sich als Exulant einer einschreiben lassen, von dem ich es

nie erwartet hätt. Der Christl Haynacher.«

Erregt, eine irrende Verstörtheit in den Augen, sagte Niklaus: »Sogar

*der* bekennt!«

»Das nit! Der exuliert als Katholik. Augen kriegt er, aus denen was

Schreckhaftes herausschaut. Und allweil ist das seine Klag: daß die

undankbare Menschheit sein schwarzweißes Pärl schon völlig verschwitzt

hat.« Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's! Außer dem Christl und meinem

hochverehrten Herrn Amtsbruder Jesunder denkt an das traurige

Doppeltödl nur noch ein einziger! Bei Tag und bei Nacht!«

Das große Jagen · 第 67 / 98 题