Kapitel XX

Am Morgen, als der Hiesel mit seinem verschwiegenen Christenkummer sich

wieder hinausfluchte in die tröstende Waldeinsamkeit und sein Weib

von den Schneckischen Hemdärmelfalten auf der Wange eine Zeichnung

hatte, ähnlich den Eisblumen am Fenster, fühlte sich Leupolt Raurisser,

obwohl ihm vom Wundfieber noch immer die Pulse hämmerten, so weit bei

Kräften, daß er hinüberhumpeln konnte zur Fensterbank. Und da wurde er

sein eigener Arzt -- weil er das kostbare braune Tiegelchen von keiner

anderen Hand berühren ließ.

Zwischen wechselndem Schneegestöber blinzelte manchmal die Sonne durch

das verschneite Fenster, während Leupolt vor dem Zinnspiegelchen

der Schneckin saß, wie einer, der sich selbst rasieren muß. Ein

feingeglätteter Holzspan diente ihm als ärztliches Messer, mit dem er

die Halswunde so sauber schabte, daß die Schneckin gestehen mußte:

»*Viel* besser schaut's aus!« Mit zärtlicher Achtsamkeit verteilte er

die in der Morgensonne der Liebe geläuterte Wundsalbe über den frischen

Leinwandstreif. »So!« sagte er, als alles Rote am Hals bedeckt und

die lange Binde darumgewickelt war. Dabei glänzten ihm die Augen, wie

sie nur einem Menschen glänzen können, der ein unsagbares Wohlgefühl

empfindet. Und immer schüttelte er lächelnd den Kopf, so oft die

Schneckin barmherzig klagte: »Jesus, Jesus, es muß dir ja grausam

wehtun!« Mit den Fußknöcheln hatte er leichtere Arbeit. Auch beim

Verbinden der Handgelenke durfte ihm die Schneckin nicht beispringen;

er nahm die Zähne zu Hilfe. Und gleich, mit dem Bergstecken des Hiesel,

versuchte er's, in der Stube auf und ab zu schreiten. Immer besser

ging's. Freilich, der braune Tiegel war ausgeräumt bis auf das letzte

Glitzerbröselchen. »Da muß mein Schneck halt wieder ein Sälbl holen,

verstehst?«

»Mehr braucht's nit. Das hilft aufs erstemal. Ich spür's.«

Die Schneckin mußte zu ihren Geißen. Als sie wieder in die Stube

kam, war Leupolt umgezogen, saß hinter dem Herd auf dem kummervollen

Strohsack des Hiesel und las den kleinen Zettel der Mutter, las so

lange, als wäre das winzige Stück Papier ein Buch ohne Ende.

Hundertmal im Verlauf des Tages sagte das Schneckenweibl: »Heut am

Abend freut er sich, mein Schneck! Weil er sein Bett wieder hat,

verstehst?« Aber am Abend freute sich der Hiesel gar nicht. Auch

während der folgenden Tage, unter wehendem Schneegestöber, blieb er so

mürrisch, so verdrossen, so rätselhaft traurig, daß in der Schneckin

der beklommene Verdacht erwachte: der Hiesel hat was gemerkt von ihrem

evangelischen Geheimnis. Aber nein! »Da tät er doch dreinschlagen

mit dem Bergstecken, tät umfallen vor lauter Kümmernis und tot sein!

Verstehst?« Stundenlang, wenn der Schneck mit den Fuchseisen draußen

im Gestöber war, beredete sie's mit Leupolt. Der sagte: »Es ist was

anderes. Grausen tut ihm. Was er sehen hat müssen beim Schützenfest,

das verwindt er nimmer. Nit viel im Leben ist härter, als übel von

einem Herren denken müssen, dem man zugeschworen ist in Treu und

Ehrfurcht.«

Die Schneckin tat einen Seufzer: »Ach, lieber Herr Jesus! Was für eine

schieche Zeit ist das!« Von den schrecklichen Dingen, die im Land

geschahen, wußte sie nur wenig. Die hohen Schneewächten legten um das

einsame Haus einen schützenden Riegel. Und was die Schneckin drüben im

Hallturm von der eindringlichen Bekehrung hörte, die mit Musketieren

und Kapuzinern betrieben wurde, mit Strafgeldern, Angebereien,

Ausstoßungen aus den Handwerksgilden, Haussuchungen und Polizeichikanen

-- das verschwieg sie vor Leupolt. Einen Wundkranken darf man nicht

aufregen. Auch sonst hatte das Schneckenweibl ihre Not mit ihm. Immer

wollte er arbeiten, sich nützlich machen. Jede Pflege wies er ab. Sie

schalt: »So geht's nit weiter, Bub! Du mußt dich wieder verbinden

lassen.« Er streichelte lächelnd ihre Hand: »Nit, Weibl! Ich spür schon

das Heiljucken. Nachhelfen muß man bloß bei schwachen und mühsamen

Dingen. Den starken und guten Sachen muß man ihr Sträßl lassen und muß

ihnen Zeit vergunnen. Komm! Es nächtet. Tu für den Schneck das Mus

kochen! Wenn das Feuer scheint, ist liebe Stund. Da sag ich dir wieder

ein Lied.« Als die Flamme züngelte und die schwarze Stube rotscheinig

wurde, sang er leis in die flackernde Feuerhelle:

»Herz, laß dich nie nichts dauern mit Trauern! Sei stille!

Wie Gott es fügt, so sei's vergnügt dein Wille.

Bleib nur in allem Handel ohn' Wandel! Steh feste!

Wie's Gott verleiht, ist's allzeit das Beste.

Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine

Steht allem für und gibt auch dir das Deine.«

Das Schneckenweibl brach in Tränen aus wie ein armseliges Häuflein

Elend und klagte: »Bub! Tät's unser Herrgott allweil aufs beste

richten, so könnt der Schneck nit im Ländl bleiben, wenn's so kommen

tät, daß ich auf Wanderschaft müßt. Verstehst?« Wie die Schneckin es

meinte, so verstand es Leupolt nicht. Sie hatte es nicht übers Herz

gebracht, ihm zu sagen, was drüben im Hallturm zu hören war: daß man

zu Berchtesgaden zwischen Judica und Palmarum das Exulations-Edikt

wider alle Verstockten anschlagen würde, die vor dem Karfreitag

nicht reumütig zurückgekehrt wären zum alten, allein seligmachenden

Glauben. Leupolt verstand nur, daß Kummer und Verstörtheit dem alten

Schneckenweibl fast die Seele zerdrückten. Er streckte die Hand, deren

Gelenk umwulstet war von dem starrgewordenen Verband, legte sie auf den

Arm der Weinenden und wiederholte mit tröstender Herzlichkeit den Vers:

»Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine

Steht allem für und gibt auch dir das Deine!«

Draußen vor der Haustür pochte Hiesel Schneck den Schnee von den

Schuhen. Als er eintrat, versuchte er zu lachen und warf unter dem

fröhlich tuenden Gebell eines kleinen Himmelhundes zwei schöne Füchse,

die er aus den Fallen genommen, vor die Herdmauer. »Also! Hat der

Mensch auch wieder einmal ein bißl Freud! Verstehst? Für d' Füchslen,

freilich, war 's Vergnügen minder.« Mit seinem gereizten Lachen mischte

sich ein wühlender Zornklang. »Was müssen die Rindviecher hinschnufeln

zum eisernen Fensterl! Da kann einer allweil was hören! Verstehst?«

Er drehte sich gegen die Balkenwand, um sein von Schnee umwickeltes

Zeug an die Geweihzacken zu hängen. »Freilich, was Guts ist allweil

dabei. Wird halt die Meinige jetzt ein ofenwarms Pelzkragerl auf

ihren Kirchenmantel kriegen!« Dieses zärtliche Versprechen hatte eine

sonderbare Wirkung. Heftig zusammenzuckend, ließ die Schneckin den

Kochlöffel ins Mus fallen, fuhr mit den Fäusten nach den Augen und

bekam einen Schreikrampf, der sich zu hilflosem Schluchzen löste. Eine

Weile stand der Hiesel wie versteinert. Dann fing er mit gesteigertem

Höllementsreichtum zu fluchen an und brüllte: »Du Wiedehupfin ohne

Schöpfl! Warum flennst du denn jetzt?«

»Weil -- weil ich merk --«

»Was?« fragte der Hiesel erschrocken.

»Daß du mir -- eine Freud machen willst -- und grad für'n Kirchenmantel

-- Jesus, Jesus, für'n Kirchenmantel!« Unter den Tränenstürzen ihrer

Verstörtheit vergaß sie völlig, daß sie das Mus für ihren Schneck

gekocht hatte, war der Meinung, es wäre die Kost des Fieberkranken,

und trug das Schüsselchen in die Dunkelheit hinaus, um es im Schnee

zu kühlen. Bei dieser Gelegenheit konnte der Hiesel Schneck die

überraschende Entdeckung machen, daß nicht der ketzergierige Satan,

sondern die menschliche Barmherzigkeit seiner Schneckin die »unsinnigen

Tapper« in den Neuschnee hineingefährtet hatte. Nachdenklich

wiederholte er das Kummerwort seiner letzten Nächte: »Ganz schauderhaft

ist so was!« Dann fluchte er unter heftigem Faustgefuchtel so

entsetzlich nach allen Windrichtungen, daß die schwarze Stube sich

noch dunkler zu schwärzen schien. Leupolt sagte lächelnd: »So was ist

seltsam.«

»Was?« brüllte der rasende Schneck.

»Wie die Lieb oft herausredet aus der Menschenseel.«

Dieses Wort machte den Hiesel zuerst bestürzt. Dann schrie er: »Wann

ich raufen muß mit der Meinigen, da tu dich nit einmischen! Schau

lieber, daß du bald mit mir auf ein rechtschaffens Waldstraßl kommst.

Daß man reden kann miteinander. Oder verstehst nit, du luthrischer

Narrenkasten ohne Riegel, daß einer verstehn will, was er nit versteht?

Verstehst?«

Das große Jagen · 第 65 / 98 题