Am Morgen, als der Hiesel mit seinem verschwiegenen Christenkummer sich
wieder hinausfluchte in die tröstende Waldeinsamkeit und sein Weib
von den Schneckischen Hemdärmelfalten auf der Wange eine Zeichnung
hatte, ähnlich den Eisblumen am Fenster, fühlte sich Leupolt Raurisser,
obwohl ihm vom Wundfieber noch immer die Pulse hämmerten, so weit bei
Kräften, daß er hinüberhumpeln konnte zur Fensterbank. Und da wurde er
sein eigener Arzt -- weil er das kostbare braune Tiegelchen von keiner
anderen Hand berühren ließ.
Zwischen wechselndem Schneegestöber blinzelte manchmal die Sonne durch
das verschneite Fenster, während Leupolt vor dem Zinnspiegelchen
der Schneckin saß, wie einer, der sich selbst rasieren muß. Ein
feingeglätteter Holzspan diente ihm als ärztliches Messer, mit dem er
die Halswunde so sauber schabte, daß die Schneckin gestehen mußte:
»*Viel* besser schaut's aus!« Mit zärtlicher Achtsamkeit verteilte er
die in der Morgensonne der Liebe geläuterte Wundsalbe über den frischen
Leinwandstreif. »So!« sagte er, als alles Rote am Hals bedeckt und
die lange Binde darumgewickelt war. Dabei glänzten ihm die Augen, wie
sie nur einem Menschen glänzen können, der ein unsagbares Wohlgefühl
empfindet. Und immer schüttelte er lächelnd den Kopf, so oft die
Schneckin barmherzig klagte: »Jesus, Jesus, es muß dir ja grausam
wehtun!« Mit den Fußknöcheln hatte er leichtere Arbeit. Auch beim
Verbinden der Handgelenke durfte ihm die Schneckin nicht beispringen;
er nahm die Zähne zu Hilfe. Und gleich, mit dem Bergstecken des Hiesel,
versuchte er's, in der Stube auf und ab zu schreiten. Immer besser
ging's. Freilich, der braune Tiegel war ausgeräumt bis auf das letzte
Glitzerbröselchen. »Da muß mein Schneck halt wieder ein Sälbl holen,
verstehst?«
»Mehr braucht's nit. Das hilft aufs erstemal. Ich spür's.«
Die Schneckin mußte zu ihren Geißen. Als sie wieder in die Stube
kam, war Leupolt umgezogen, saß hinter dem Herd auf dem kummervollen
Strohsack des Hiesel und las den kleinen Zettel der Mutter, las so
lange, als wäre das winzige Stück Papier ein Buch ohne Ende.
Hundertmal im Verlauf des Tages sagte das Schneckenweibl: »Heut am
Abend freut er sich, mein Schneck! Weil er sein Bett wieder hat,
verstehst?« Aber am Abend freute sich der Hiesel gar nicht. Auch
während der folgenden Tage, unter wehendem Schneegestöber, blieb er so
mürrisch, so verdrossen, so rätselhaft traurig, daß in der Schneckin
der beklommene Verdacht erwachte: der Hiesel hat was gemerkt von ihrem
evangelischen Geheimnis. Aber nein! »Da tät er doch dreinschlagen
mit dem Bergstecken, tät umfallen vor lauter Kümmernis und tot sein!
Verstehst?« Stundenlang, wenn der Schneck mit den Fuchseisen draußen
im Gestöber war, beredete sie's mit Leupolt. Der sagte: »Es ist was
anderes. Grausen tut ihm. Was er sehen hat müssen beim Schützenfest,
das verwindt er nimmer. Nit viel im Leben ist härter, als übel von
einem Herren denken müssen, dem man zugeschworen ist in Treu und
Ehrfurcht.«
Die Schneckin tat einen Seufzer: »Ach, lieber Herr Jesus! Was für eine
schieche Zeit ist das!« Von den schrecklichen Dingen, die im Land
geschahen, wußte sie nur wenig. Die hohen Schneewächten legten um das
einsame Haus einen schützenden Riegel. Und was die Schneckin drüben im
Hallturm von der eindringlichen Bekehrung hörte, die mit Musketieren
und Kapuzinern betrieben wurde, mit Strafgeldern, Angebereien,
Ausstoßungen aus den Handwerksgilden, Haussuchungen und Polizeichikanen
-- das verschwieg sie vor Leupolt. Einen Wundkranken darf man nicht
aufregen. Auch sonst hatte das Schneckenweibl ihre Not mit ihm. Immer
wollte er arbeiten, sich nützlich machen. Jede Pflege wies er ab. Sie
schalt: »So geht's nit weiter, Bub! Du mußt dich wieder verbinden
lassen.« Er streichelte lächelnd ihre Hand: »Nit, Weibl! Ich spür schon
das Heiljucken. Nachhelfen muß man bloß bei schwachen und mühsamen
Dingen. Den starken und guten Sachen muß man ihr Sträßl lassen und muß
ihnen Zeit vergunnen. Komm! Es nächtet. Tu für den Schneck das Mus
kochen! Wenn das Feuer scheint, ist liebe Stund. Da sag ich dir wieder
ein Lied.« Als die Flamme züngelte und die schwarze Stube rotscheinig
wurde, sang er leis in die flackernde Feuerhelle:
»Herz, laß dich nie nichts dauern mit Trauern! Sei stille!
Wie Gott es fügt, so sei's vergnügt dein Wille.
Bleib nur in allem Handel ohn' Wandel! Steh feste!
Wie's Gott verleiht, ist's allzeit das Beste.
Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine
Steht allem für und gibt auch dir das Deine.«
Das Schneckenweibl brach in Tränen aus wie ein armseliges Häuflein
Elend und klagte: »Bub! Tät's unser Herrgott allweil aufs beste
richten, so könnt der Schneck nit im Ländl bleiben, wenn's so kommen
tät, daß ich auf Wanderschaft müßt. Verstehst?« Wie die Schneckin es
meinte, so verstand es Leupolt nicht. Sie hatte es nicht übers Herz
gebracht, ihm zu sagen, was drüben im Hallturm zu hören war: daß man
zu Berchtesgaden zwischen Judica und Palmarum das Exulations-Edikt
wider alle Verstockten anschlagen würde, die vor dem Karfreitag
nicht reumütig zurückgekehrt wären zum alten, allein seligmachenden
Glauben. Leupolt verstand nur, daß Kummer und Verstörtheit dem alten
Schneckenweibl fast die Seele zerdrückten. Er streckte die Hand, deren
Gelenk umwulstet war von dem starrgewordenen Verband, legte sie auf den
Arm der Weinenden und wiederholte mit tröstender Herzlichkeit den Vers:
»Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine
Steht allem für und gibt auch dir das Deine!«
Draußen vor der Haustür pochte Hiesel Schneck den Schnee von den
Schuhen. Als er eintrat, versuchte er zu lachen und warf unter dem
fröhlich tuenden Gebell eines kleinen Himmelhundes zwei schöne Füchse,
die er aus den Fallen genommen, vor die Herdmauer. »Also! Hat der
Mensch auch wieder einmal ein bißl Freud! Verstehst? Für d' Füchslen,
freilich, war 's Vergnügen minder.« Mit seinem gereizten Lachen mischte
sich ein wühlender Zornklang. »Was müssen die Rindviecher hinschnufeln
zum eisernen Fensterl! Da kann einer allweil was hören! Verstehst?«
Er drehte sich gegen die Balkenwand, um sein von Schnee umwickeltes
Zeug an die Geweihzacken zu hängen. »Freilich, was Guts ist allweil
dabei. Wird halt die Meinige jetzt ein ofenwarms Pelzkragerl auf
ihren Kirchenmantel kriegen!« Dieses zärtliche Versprechen hatte eine
sonderbare Wirkung. Heftig zusammenzuckend, ließ die Schneckin den
Kochlöffel ins Mus fallen, fuhr mit den Fäusten nach den Augen und
bekam einen Schreikrampf, der sich zu hilflosem Schluchzen löste. Eine
Weile stand der Hiesel wie versteinert. Dann fing er mit gesteigertem
Höllementsreichtum zu fluchen an und brüllte: »Du Wiedehupfin ohne
Schöpfl! Warum flennst du denn jetzt?«
»Weil -- weil ich merk --«
»Was?« fragte der Hiesel erschrocken.
»Daß du mir -- eine Freud machen willst -- und grad für'n Kirchenmantel
-- Jesus, Jesus, für'n Kirchenmantel!« Unter den Tränenstürzen ihrer
Verstörtheit vergaß sie völlig, daß sie das Mus für ihren Schneck
gekocht hatte, war der Meinung, es wäre die Kost des Fieberkranken,
und trug das Schüsselchen in die Dunkelheit hinaus, um es im Schnee
zu kühlen. Bei dieser Gelegenheit konnte der Hiesel Schneck die
überraschende Entdeckung machen, daß nicht der ketzergierige Satan,
sondern die menschliche Barmherzigkeit seiner Schneckin die »unsinnigen
Tapper« in den Neuschnee hineingefährtet hatte. Nachdenklich
wiederholte er das Kummerwort seiner letzten Nächte: »Ganz schauderhaft
ist so was!« Dann fluchte er unter heftigem Faustgefuchtel so
entsetzlich nach allen Windrichtungen, daß die schwarze Stube sich
noch dunkler zu schwärzen schien. Leupolt sagte lächelnd: »So was ist
seltsam.«
»Was?« brüllte der rasende Schneck.
»Wie die Lieb oft herausredet aus der Menschenseel.«
Dieses Wort machte den Hiesel zuerst bestürzt. Dann schrie er: »Wann
ich raufen muß mit der Meinigen, da tu dich nit einmischen! Schau
lieber, daß du bald mit mir auf ein rechtschaffens Waldstraßl kommst.
Daß man reden kann miteinander. Oder verstehst nit, du luthrischer
Narrenkasten ohne Riegel, daß einer verstehn will, was er nit versteht?
Verstehst?«