Sie fing zu zittern an. »Wo hauset der?«

An der Flurtür klapperte der Sperrbalken. Und draußen, in der nebligen

Dunkelheit, huschte die Sus um die Bretterplanke des Gartens. Als

sie hinüberkam zum Leuthaus, mußte sie in einen finsteren Schuppen

springen. Hufschläge klapperten über das Pflaster her, und mit dem

Lärm, den die vielen genagelten Bauernsohlen machten, vermischte sich

das Marschgeklirre der Soldaten Gottes. Es waren die Bischofswiesener,

an die siebenhundert Männer und Burschen, mit ihren achtzig Musketieren

und fünfzig berittenen Dragonern, von denen jeder den blanken Säbel in

der Faust hatte.

Am Schwänzl des Zuges ging der Hiesel Schneck. Er hatte sich

angeschlossen, weil er den weiten Weg nicht einsam wandern wollte, und

weil er als Gutgläubiger sich verpflichtet hielt, dem Pater Kapuziner

während des langen Nachtmarsches ein bißl Gesellschaft zu leisten.

»Ja, ja, verstehst?« Er fluchte aus Rücksicht auf den geweihten

Wandergesellen überraschend wenig, war aber doch in verdrießlicher

Laune, weil er schon wieder was Verbotenes im Rucksack tragen mußte.

Freilich, immer noch lieber als das gläserne Judenfläschl war ihm das

irdene Tiegelchen. Sollte er's auch einem ewig Verfluchten zutragen,

so kam's doch von der Mälzmeisterin, von einem rechtschaffenen

Christenweibl.

Die Bauern wanderten schweigend zwischen den Soldatenreihen. Ihre

Gestalten waren schwarz in der frostigen Nacht, die der Schnee nur

wenig aufhellte. Kein Stern war da, um einen Glanz in ihren Augen zu

wecken. Dennoch hoben sie immer wieder die Gesichter zum Himmel. Und

während sie paarweis gingen, hielten viele sich bei den Händen gefaßt,

wie Blinde und Sehende, die einander führen.

Hinter Bischofswiesen, wo unter Weibergeschrei und Hundegebell die

Austeilung der Soldatenquartiere begann, mußte Hiesel Schneck seinen

Nachtweg in Einsamkeit erledigen. Jetzt, da ihn der Kapuziner nimmer

hörte, konnte er fluchen nach Bedarf. Er fluchte, so oft ihm der

Strohsack einfiel. Manchmal sakermentierte er und wußte selber nicht

recht, warum. Auch dem Hiesel Schneck, so eisentreu er an seinem

Fürsten hing, hatte der Versöhnungstag mißfallen. Kein Gedanke verriet

ihm diese Wahrheit; sie war nur in seinem Blut, in seinen Flüchen.

Und ohne daß er es merkte, verwandelte sie diesen Höllementskünstler

so folgenschwer, daß er die neue Überraschung, der seine Nagelflöße

entgegenwanderten, wesentlich anders aufnahm, als es geschehen wäre,

wenn er das leutselige Schützenfest nicht erlebt, das Blut der Moidi

von Unterstein nicht hätte rinnen sehen.

Als er vor dem Hallturm in das waldige Seitentälchen ablenkte, konnte

er gewahren, daß in seinem Herdstübl noch die Specklampe brannte.

Obwohl er kein Übersparsamer war und eigentlich gar nicht verstand,

warum ihn diese leuchtende Sache so fürchterlich erboste, fing er ein

Himmelhundstreiben an, daß der Schnee davon knirschte. Immer schlug er

mit der Faust in die Luft und nannte seine Schneckin einen Kindsschädel

ohne Hirn, ein Grillenei ohne Dotter, sogar eine Sau ohne Speck, was

doch sicher eine unmögliche Sache ist. Die Wut, die in ihm rasselte,

beeinträchtigte die getrübten Verstandeskräfte des Hiesel Schneck bis

zu völliger Urteilslosigkeit. Fluchend und schnaubend tappte er durch

den Schnee. Nah bei der Haustür wurde er festgehalten vom Anblick

einer Schneefährte, die er sich, ein so geschulter Weidmann er war,

durchaus nicht erklären konnte. Es waren große, kreisrunde, tief in

den Schnee gesenkte Tapper. Welch ein ungeheuerliches Nachtvieh

mochte das Haus des Hiesel Schneck umwandert haben? Auch nicht der

beste fürstpröpstliche Hirsch trat solche Fährten aus! Es blieb

dem Hiesel keine andere Lösung, als diese Schneelöcher -- die das

Blechschüsselchen der Schneckin schmolz, wenn sie die Mahlzeit des

Fieberkranken kühlte -- für Huftritte des Teufels zu halten, der sich

nach dem Verbleib der ihm zustehenden Ketzerseele ein bißchen erkundigt

hatte. »Also, da haben wir's!« Das Gruseln kannte der Hiesel nicht.

Für ihn als redlichen Christenmenschen war der Teufel eine Sache, so

ungefährlich wie ein Eichkätzl. Aber dem strohdummen Weibl, diesem Igel

ohne Borsten, gedachte er ein paar schmerzhafte Stacheln einzusetzen.

Schon drehte er sich gegen die Haustür. Da hielt ihn der Klang der

beiden Stimmen fest, die aus der Herdstube heraustönten. Unter einem

knirschenden Himmelhündchen beugte er sich gegen das Fenster hin und

guckte in den milden Schein.

Eine flackernde Lampe, auf dem Herd noch eine rote Glut. Leupolt lag

aufgestützt im Bette, den Fieberbrand auf den Wangen. Sein Hals und die

Handgelenke waren frisch verbunden. Jetzt wusch ihm das Schneckenweibl,

das auf dem Lehmboden kniete, mit zärtlicher Vorsicht die breite Wunde,

die den Knöchel des rechten Fußes umzog. Dabei redeten die beiden

mit ruhigen Stimmen, und es machte den Hiesel Schneck ein bißchen

perplex, weil die zwei zu einander Bruder und Schwester sagten. Diese

Verwandtschaft war was völlig Neues für ihn.

»Seit der Herbstzeit?« fragte Leupolt.

»Wohl, Bruder!« Die Schneckin begann die lange, weiße Binde zu wickeln.

»Wie ist das gekommen, Schwester, daß deine Seel sich erhoben hat? Hast

du ein Unrecht erfahren müssen?«

Sie schüttelte den grauen Kopf. »Mein liebes Mädl, verstehst, die ist

verheuert an einen Knappen in Hallein. Und im Herbst, wie die Hirsch

geröhrt haben und mein Schneck allweil draußen hat sein müssen im Holz,

da ist sie über einen Sonntag bei mir auf Besuch gewesen. Allweil

hat mich das Mädl angeschaut so scheu und verzagt, und allweil hab

ich fragen müssen: Was ist denn? Sie hat nit rausrucken wollen mit

der Farb. Ich frag: Gelt ja, jetzt flucht halt der Deinige auch? Und

das Mädl -- jetzt ist sie ein Weibl und bald ein Mutterl, aber noch

allweil muß ich halt Mädl sagen -- und das Mädl beutelt ihr Köpfl. Ich

frag: Herr Jesus, er wird dich doch ums Himmelswillen nit prügeln, der

Deinig? Und das Mädl sagt: Der Meinig ist von allen der beste, grad wie

der Vater Schneck! Und tut mich halsen wie irrsinnig und heult mir ins

Ohr: Mein Hansl ist evangelisch und ich bin's auch, gelt, tu's nur dem

Vater nit sagen, der tät versterben dran!«

Der Hiesel Schneck verstarb nicht, stand nur im Schnee, wie verwandelt

zu einer hölzernen Säule.

»Erst hab ich gemeint vor Schreck, es tät mir das Blut gerinnen!« sagte

die Schneckin. »Aber wenn's schon wahr sein muß, daß ihr Hansl verhöllt

ist, wird doch sein Weibl nit einschichtig aufs Himmelreich trachten?

Verstehst? Beisammen sein, ist allweil das Best, ob in Kält oder Glut.

Und schau, da hat mir mein Mädl was fürgelesen von einem luthrischen

Blättl. Schöner und fester hab ich nie noch ein deutsches Mannsbild

reden hören. Das ist einem eingegangen, ich kann's nit sagen. Alles

hat mir das Kindl verzählt: wie ihr der Hansl das Evangelische allweil

fürgeredet hat, verstehst? Und gählings ist es in mir gewesen.« Die

Schneckin guckte den Leupolt an. »Wenn einem sein liebes Mädl so was

sagt? Verstehst? Da *muß* man doch glauben.«

»Nit allweil!«

Diese beiden Worte waren so leis gesprochen, daß der Hiesel sie

nicht verstand. Aber deutlich hörte er das wehe Klagen seines

Schneckenweibls: »Schau, und so ist's halt, wie es ist. Und die junge,

evangelische Gottesfreud wär so schön in meiner Seel! Bloß eins ist

hart: daß ich herüben bin, und mein Schneck ist drüben. Und kommt er

drauf -- im ganzen Leben hat mir der gute Kerl noch nie ein Streichl

gegeben, verstehst -- aber muß er merken, daß er eine evangelische

Schneckin hat, da haut er mir alle Knöchelen im Leib auf Scherben.«

Das tat der Hiesel nicht, obwohl er was gemerkt hatte, wenn auch

ein bißchen langsam. Unbeweglich stand er im Schnee und hörte den

Leupolt sagen: »Dein Schneck ist ein redliches Mannsbild. Und heut ist

Versöhnungstag gewesen. Fried und Seelenfreiheit wird hausen im Ländl.

Schwester, wie gottsfreudig müssen heut alle Leut gewesen sein!« Der

Fiebernde ließ sich hinfallen auf das Kissen. »Von allen Schmerzen, die

mich angefallen haben, ist das der härteste: daß ich heut nit sehen

hab dürfen, wie Herren und Leut einander die Hand bieten auf Glück und

Treu!«

Da taumelte der Hiesel Schneck vom Fenster zurück, als hätte ihm dieses

gläubige Wort einen Stoß vor die Brust gegeben. Er fand keinen Fluch,

ließ nicht den kleinsten seiner Himmelhunde bellen. Weglos stapfte

er in den Schnee hinaus, irrte hin und her wie ein Tier, das von der

Drehkrankheit befallen ist, und als er den Waldsaum fand, er wußte

nicht, wie, da ließ er sich hinfallen und keuchte in die Nacht hinaus:

»Die Herren! Was die Herren alles treiben! Ach Jesus, Jesus!« Schauernd

an allen Knochen, grub er das Gesicht zwischen die Fäuste und begann

zu weinen wie ein kleines Kind. Das war eine Beschäftigung, die er

schon sechzig Jahre lang nimmer getrieben hatte. Drum zerriß ihm ihre

ungewohnte Übung fast die Rippen.

War eine Stunde oder mehr vergangen? Vom Schneckenhäusl klang ein

sorgenvoller Erkundungsschrei in die Nacht hinaus: »Schneeeheeeeck!«

Nach einer Weile wieder. Die Schneckin sorgte sich, obwohl sie wußte,

daß ihr Schneck Augen an den Schuhsohlen hatte. Und wo sich glückhafte

Leute versöhnen, wird das Sitzleder dauerhaft. »Die haben ihn halt

nit fortlassen vom Freibierbänkl.« Sie verkürzte den Docht der Lampe

und raschelte sich in die Strohsackmulde. »Gut Nacht, Leupi!« Der

Fiebernde schlief bereits. Auch die Schneckin brauchte nicht lang, um

einzutunken. Sie erwachte erst, als der Hiesel Schneck sich wortlos

hinlegte auf den Strohsack. »Gott sei Lob und Dank,« sagte sie, »weil

du nur daheim bist. Ist's lustig gewesen?«

»In Ruh laß mich!« knurrte er durch die Zähne.

»No, no, geh, verzähl doch ein bißl was!«

Da gab der Hiesel eine stumme Antwort. Sonst pflegte er so zu liegen,

daß die Schneckin ihr graues Köpfl an seine Schulter lehnen konnte, und

da waren ihr am Morgen immer die Falten seines Hemdärmels in die Wange

gedrückt. Jetzt drehte er sich heftig auf die Seite hinüber. Ganz und

gar.

»Schneck! Jesus! Wirst doch nit krank sein?«

»Was Gescheiteres fallt dir nimmer ein? Du --« Nein, der Schneck

brachte es nicht fertig, zu seiner Schneckin zu sagen: »Du Christin

ohne Herrgott!«

Verwundert sann das Weibl in der Finsternis über die unerklärliche

Tatsache nach, daß der Hiesel nicht fluchte. Da *mußte* ihm doch was

weh tun, wie einem Baum, der im Frühling nicht grünen will. Bei diesem

Schweigen stöhnte plötzlich der Hiesel: »Ganz schauderhaft ist so was!«

»Was denn?« fragte das Weibl erschrocken.

»Wie heut der Bockmist stinkt!«

»Schneck, da mußt du dich verkühlt haben! Beim Kathari hat einer

allweil so ein empfindsams Naserl.« Sie setzte sich auf. »Wart, da koch

ich dir gleich ein heißes Weinsüppl mit Nagerlblüten.«

Jetzt fluchte der Hiesel, und zwar so fürchterlich, daß die Schneckin

rasch zur Einsicht gelangte: »Krank ist er nit!« Nach vielen

stichelhärigen Himmelhunden murrte er: »Jetzt wirst du mich aber doch

bald schlafen lassen, verstehst? Rumpel dich auf'n Strohsack hin, du

Wagen ohne Deichsel!« Weiter gab er keine Antwort mehr und tat so, als

ob er schliefe. Seine Augen blieben offen, bis der Morgen graute. Ohne

auf die Geißmilchsuppe zu warten, stapfte er, von seinen kummervollen

Himmelhunden begleitet, in das Schneegeriesel des Morgens hinaus.

Die Schneckin sah ihm in ratloser Sorge nach. Was war denn nur

mit ihrem Hiesel? Hatte er beim Schützenfest was Unverständiges

angerichtet? Sie lief hinüber zum Hallturm. Ob da nicht von den

Soldaten was zu erfahren wäre? Ja, die wußten was! Sehr viel. Wenn

auch nichts vom Hiesel. Und als die Schneckin heimkam, merkte es

Leupolt gleich an ihrem blassen Gesicht, daß etwas Hartes geschehen

war. Schweigend hörte er an, was sie vom Versöhnungstag erzählte. Dann

nahm er ihre Hand. »Nit trauern, Schwester! Soll man uns jede Bruck

zerbrechen. Es ist ein Baumeister, der einen neuen Weg für uns auftut.«

»Ja, Bub, da muß man glauben dran. Sonst tät man verzagen.«

Nachdenklich sah die Schneckin vor sich hin. »Jetzt weiß ich, warum

der Schneck heut nacht so gewesen ist. Falschheiten vertragt er nit.

So ist er! Jetzt kommt's auf, wo er den Bockmist hat schmecken müssen.

Verstehst?« Für alle Fälle wollte die Schneckin dafür sorgen, daß die

empfindsam gewordene Nase des Hiesel wenigstens unter dem eigenen Dache

nimmer gekränkt würde. Drum leistete sie an diesem Tag im Geißstall

eine Arbeit, daß sie an den König Augias hätte denken können, wenn sie

was von ihm gewußt hätte.

Zur Mahlzeit kam der Schneck nicht heim. Erst am Abend. Der Schneckin,

die gleich zum Herd sprang, um sein Essen aufzuwärmen, vergönnte er

keinen Blick. Er ging zum Bett und griff in den Rucksack. »Heut in der

Nacht, verstehst, da hab ich vergessen, daß mir die Mälzmeisterin was

mitgegeben hat für dich.«

»Die Mutter?« fuhr Leupolt in Freude auf.

»Ob's deine Mutter ist, weiß ich nit,« sagte der Hiesel gallig, »auf

der Welt gibt's allerlei Verwandtschaften. Himmelkreuzbluthöllement, es

könnt am End gar noch aufkommen, daß du mein Schwager bist.«

Der Sinn dieser Worte war für die Schneckin eine dunkle Sache. Und

Leupolt hörte nicht, was der Hiesel redete; langsam, weil seine

entzündeten Hände noch nicht gehorchen wollten, wickelte er das Päckl

auf und schälte das braune Tiegelchen aus der Leinwand. Eine Salbe?

Sonst nichts? Kein Gruß, keine Nachricht? Endlich fand er das kleine,

versteckte Blättl und las bei der Feuerhelle des Herdes die winzig

zusammengedrängte Schrift: »Mein herzlieber Bub! Die Sorg ist linder,

seit ich weiß, wo du bist. Es wird sich schon geben, daß ich schicken

kann, was du nötig hast. Kommen darf ich nit. Tu mir bald gesunden, tu

allweil hoffen, Bub, Hoffnung ist eine so feste Sach wie Gott, der sie

uns armen Menschen gegeben hat. Das Sälbl ist vom Luisli. Sie hat's

selber gebracht, das liebe Kind, hat's in der Sonn geläutert und hat

dich lieb. Alles ander müssen wir in Gott befehlen. Ich tu dich grüßen.

Bleib, wie du bist, mein Bub, da bist du kein schlechter nit. Das weiß

ich, deine Mutter in Treu.«

Hätten der Schneck und die Schneckin jetzt hinübergeguckt zu ihrem

zwieschläfrigen Bett, so hätten sie sehen können, wie die Augen eines

Glücklichen leuchten. Aber die Schneckin mußte auf die Schüssel achten,

die sie zum Tische trug, und der Hiesel starrte kummervoll in den

Herrgottswinkel. Das Schneckweibl hielt es für nötig, zu fragen: »Wie

hat's denn die Mälzmeisterin erfahren, daß der Leupi bei uns ist?«

»Was weiß denn ich?« brüllte der Hiesel.

»Kreuzhimmelhundblutshöllement, es gibt halt söllene Fensterln, wo

einer was auskundschaften kann, wenn er ausputzte Luser hat!« Wie

sonderbar, daß der Hiesel jetzt so unverständliche Sachen redete!

Sonst pflegte er nur Dinge zu sagen, die jedes Kind verstand. Seufzend

ging die Schneckin zum Herd. Und Leupolt sagte wie ein Träumender: »In

der tiefsten Freud wird auch die höchste Not ein Lindes. Magst du mir

nit erzählen, Schneck, wie's gestern gewesen ist?« Der Hiesel beutelte

wütend den Kopf, schob die Schüssel fort, riß den Tabakbeutel vom

Gürtel und begann die Holzpfeife zu stopfen. »So was ist schauderhaft!

Ganz schauderhaft!« Das bezog die Schneckin natürlich auf den Bockmist

und sagte gekränkt: »Schau hinaus ins Geißstallerl! Ob's nit so sauber

ist, daß man am Sonntag vom Stallboden essen könnt.« Mit Tränen in den

Augen zündete sie einen Kienbrand an und verließ die Stube, um draußen

noch ein bißchen nachzufegen. Da wurde plötzlich der Hiesel Schneck ein

völlig anderer. Alle Wut erlosch in ihm. Schweigend sah er die kleine

Stalltür an, in den kreisrunden Augen einen so hilflosen Kummer, daß

sein weißschnauziges Gesicht etwas Kindhaftes bekam. Wie zerschlagen an

allen Knochen trat er zum Herd, um ein glühendes Kohlenbröckl in die

Pfeife zu legen.

»Schneck!« sagte Leupolt. »Weil das gute Weibl draußen ist, wollen

wir's ausreden als grade Menschen. Ich spring nit hinüber zum

Grenzbaum, tu nit flüchten. Vergönn mir das Plätzl in deinem Haus! Ich

will's vergelten. Sobald die Füß mich tragen, leg ich mich hinauf ins

Heu. Kann ich wieder laufen, so mußt du mich helfen lassen bei deinem

harten Dienst. Daß du's leichter hast. Ich versprech dir, daß ich

nichts tu, was dir Ungelegenheiten macht. Ich will nit konventikeln und

heimlichen Weg laufen. Will sein, wie du wollen mußt, daß ich bin. Ist

dir's recht so?« Er streckte die Hand.

»Meintwegen!« murrte der Hiesel, ohne die Hand zu fassen. »Stapfen wir

selbander durchs Holz, so kannst du mir auseinanderkletzeln, was denn

eigentlich dran ist -- an der luthrischen Narretei? Daß in der besten

Menschenseel so ein Unsinn zündet! Es ist halt, weil einer verstehn

will, was er nit versteht. Verstehst?«

»Fragst du, so geb ich Antwort.« Wieder streckte Leupolt die Hand.

»Magst du nit einschlagen? Wir sind doch Gesellen, wo Verlaß ist auf

einander. Nit?«

Der Hiesel bewies, daß er trotz aller Bescheidenheit seines Verstandes

klüger sein konnte als andere Menschen. »Mannderl,« sagte er, »wenn

ich dein verschwollenes Pratzl drucken tät, möchtest du einen

schönen Brüller machen!« Er guckte über die Schulter, weil er aus

dem Geißstall ein heftiges Wassergeplätscher vernahm. »So was ist

schauderhaft! Ganz schauderhaft!« Er sprang zur Stalltür hinüber. »Du!

Kreuzhimmelhundshöllement und christgläubiges Elend! Wirst du nit bald

auf'n Strohsack rutschen? Verkühlst dich ja draußen! Du Zeiserl ohne

Kröpfl!« Keinen Kropf zu haben, ist eigentlich eine schöne Sache. Aber

der Hiesel dachte bei diesem wütenden Kosenamen an einen Vogel, dem

Gott wohl keinen Gesang gegeben hatte, dafür aber Federn, mit denen man

schreiben kann.

Die gekränkte Schneckin plätscherte noch eine Stunde lang. Als sie

endlich die Ruhe suchte, lag ihr Schneck schon hinübergedreht nach der

feindseligen Seite. »So,« sagte sie, »jetzt wirst du ihn aber nimmer

schmecken!« Das stimmte. Gegen den Knasterqualm, den der Hiesel in die

Stube geblasen hatte, kam der Geißstall nicht merklich auf. Dennoch

knurrte der Unversöhnliche in die Nacht: »Ganz schauderhaft ist so

was! Schauderhaft!« Da drehte sich auch die Schneckin beleidigt auf

die andere Seite, und während ihre Tränen kollerten, hielt der Hiesel

verzweifelt seinen brennenden Schädel zwischen den Fäusten. Die Stube

des Grenzjägers beim Hallturm war in dieser Nacht eine Parabel des

Lebens, in welchem Trostlosigkeit und Hoffnung, Glück und Not, Zorn und

Liebe in unvereinbarem Widerspruche bei einander wohnen.

Leupolt sah mit offenen Augen ins Dunkel, das braune Tiegelchen

zwischen den Händen. Wie in der klingenden Mondnacht auf dem Königssee,

so waren wieder in ihm zwei kämpfende Gedanken, die einander hart

bedrängten. Seine Trauer über das üble Herrenwerk des Versöhnungstages

und seine Sorgen um die leidenden Brüder umschatteten die blühende

Botschaft der Mutter: »Sie hat dich lieb.« Aus dieser Zwiesprach

seines Kummers und seiner Träume riß ihn ein Himmelsköter des Hiesel

Schneck, der wütend in die Finsternis hineinbellte: »Wie, du -- jetzt

hätt ich vor lauter Schauderei schiergar vergessen! Hörst oder nit? Du

Haubenstock ohne Mascherl! Wirst du dich bald umdrehen, ja? Und den

überbeinigen Ellbogen gib her! Verstehst?« Der Hiesel mochte schneller

zugegriffen haben, als die Schneckin zu geben bereit war. Sie ließ ein

so wehleidiges Quieksen vernehmen, daß Leupolt erschrocken fragte:

»Schneck? Was tust du denn deinem Weibl?«

»Nit mehr, als was mir der Jud zur Schuldigkeit auftragen hat,

verstehst? Soll die saumäßige Zeitnot ausschauen, wie sie mag, ein

Überbein ist allweil ein Überbein.« In der Finsternis bügelte der

Hiesel Schneck das neugewachsene Ellbogenknöcherl seiner Schneckin.

Weil sie wieder ein bißchen wimmerte, brüllte er: »Ja, pfeif nur,

pfeif, du Spinnrädl ohne Schmier! Wenn's dir wohltät, gelt, da

könnt ich rippeln bis vierzehn Täg nach der Ewigkeit.« Nun ließ das

Schneckenweibl keinen Laut mehr vernehmen. Als der Hiesel mit dem

Knochenbügeln endlich Feierabend machte, konnte die Schneckin nicht in

Abrede stellen, daß ihr Überbein sich merklich verkleinert hatte. Sie

beobachtete auch noch eine andere Wirkung der gewalttätigen Kur: ihr

Schneck war von der >jüdischen Dokterei< so müde geworden, daß er vor

dem Einschlafen vergaß, sich auf die feindselige Seite hinüberzudrehen.

Mit Vorsicht rückte die Schneckin auf der Raschelmatratze ein bißchen

näher, fand das Kissen wieder, an das sie seit fünfunddreißig Jahren

gewöhnt war, und schloß als zufriedenes Menschenkind die Augen.

Das große Jagen · 第 64 / 98 题