Spät am Abend wurde an der Haustür des Meisters Niklaus gepocht, so
leise, daß es die drei, die in der Werkstatt waren, nicht gleich
vernahmen. Der Meister, um ruhig zu bleiben, hatte sich zu seiner
Arbeit gestellt. Und Luisa und Sus waren mit ihren Spinnrädern aus der
Küche zu ihm in die Werkstatt gekommen. Helle Kerzen brannten auf dem
eisernen Reif. An dem großen Fenster war der Laden geschlossen. Nur
das Schnurren der Spinnräder und manchmal der Schritt des Meisters,
wenn er zurücktrat, um sein Werk zu betrachten. Da hörte Luisa das
kaum vernehmliche Klopfen. Ihre Augen vergrößerten sich, als sie
stammelte: »Vater! Es pochet.« Die Sus wollte zur Türe. »Bleib!« sagte
der Meister. »Ich selber geh.« Er brauchte keine Frage zu tun; beim
Hall seiner Schritte klang es draußen in der Nacht: »Tu auf, Nicki! Ein
Mensch!«
»Gott sei gelobt!« Aufatmend stieß der Meister den Riegel zurück und
hob den Sperrbalken aus dem Mauerloch, während Sus und Luisa wortlos
aus der Werkstatt gesprungen kamen. Der Pfarrer trat in den Flur, und
Sus verwahrte die Türe wieder. »Gotts Gruß zum traurigen Abend! Weil
ich nur bei euch bin. Aufatmen tu ich.« Pfarrer Ludwig hängte den
Radmantel an das Zapfenbrett und fragte die Sus: »Hast du noch warmes
Wasser? Ich muß mich waschen. 's ist eine Zeit, in der man rot wird,
vor Zorn oder von was anderem.« An seinem schwarzen Gewande sah man
die eingetrockneten Blutflecken nicht, nur an den Händen. »Jesus?«
stammelte Luisa. »Ist's *Euer* Blut?«
Er schüttelte den Kopf. »Das tät ich lieber sehen. Es wär um meine paar
letzten Tröpflen minder schad.«
Die Sus war in die Küche gesprungen, in der ein mattes Ölflämmchen
glomm, und schöpfte Wasser aus der kupfernen Herdkufe. Nun kamen die
anderen drei zu ihr, und der Pfarrer wusch die zitternden Hände. Schwer
atmend fragte er über die Schulter: »Wißt ihr schon, was geschehen
ist?« Die beiden Mädchen schwiegen. Der Meister nickte. »Da brauchen
wir nimmer reden drüber.« Pfarrer Ludwig griff nach dem Handtuch und
schob die Sus von sich, die vor ihm auf die Dielen hinkniete, um sein
Gewand zu säubern. »Das nit! Mannsbilderhosen sind leichter waschen,
wenn man sie nit am Leib hat.« Er legte den Arm um die Schulter des
Meisters. »Nick? Weißt du, was eine Mutter ist?«
»Das weiß man, glaub ich.«
»Was meinst du, daß eine Mutter sagt, wenn ihr liebes Kind am Morgen
lachend aus dem Haus gegangen ist, und man bringt es ihr am Abend heim,
wie ich das Moidi hab bringen müssen?«