Kapitel XIX

Spät am Abend wurde an der Haustür des Meisters Niklaus gepocht, so

leise, daß es die drei, die in der Werkstatt waren, nicht gleich

vernahmen. Der Meister, um ruhig zu bleiben, hatte sich zu seiner

Arbeit gestellt. Und Luisa und Sus waren mit ihren Spinnrädern aus der

Küche zu ihm in die Werkstatt gekommen. Helle Kerzen brannten auf dem

eisernen Reif. An dem großen Fenster war der Laden geschlossen. Nur

das Schnurren der Spinnräder und manchmal der Schritt des Meisters,

wenn er zurücktrat, um sein Werk zu betrachten. Da hörte Luisa das

kaum vernehmliche Klopfen. Ihre Augen vergrößerten sich, als sie

stammelte: »Vater! Es pochet.« Die Sus wollte zur Türe. »Bleib!« sagte

der Meister. »Ich selber geh.« Er brauchte keine Frage zu tun; beim

Hall seiner Schritte klang es draußen in der Nacht: »Tu auf, Nicki! Ein

Mensch!«

»Gott sei gelobt!« Aufatmend stieß der Meister den Riegel zurück und

hob den Sperrbalken aus dem Mauerloch, während Sus und Luisa wortlos

aus der Werkstatt gesprungen kamen. Der Pfarrer trat in den Flur, und

Sus verwahrte die Türe wieder. »Gotts Gruß zum traurigen Abend! Weil

ich nur bei euch bin. Aufatmen tu ich.« Pfarrer Ludwig hängte den

Radmantel an das Zapfenbrett und fragte die Sus: »Hast du noch warmes

Wasser? Ich muß mich waschen. 's ist eine Zeit, in der man rot wird,

vor Zorn oder von was anderem.« An seinem schwarzen Gewande sah man

die eingetrockneten Blutflecken nicht, nur an den Händen. »Jesus?«

stammelte Luisa. »Ist's *Euer* Blut?«

Er schüttelte den Kopf. »Das tät ich lieber sehen. Es wär um meine paar

letzten Tröpflen minder schad.«

Die Sus war in die Küche gesprungen, in der ein mattes Ölflämmchen

glomm, und schöpfte Wasser aus der kupfernen Herdkufe. Nun kamen die

anderen drei zu ihr, und der Pfarrer wusch die zitternden Hände. Schwer

atmend fragte er über die Schulter: »Wißt ihr schon, was geschehen

ist?« Die beiden Mädchen schwiegen. Der Meister nickte. »Da brauchen

wir nimmer reden drüber.« Pfarrer Ludwig griff nach dem Handtuch und

schob die Sus von sich, die vor ihm auf die Dielen hinkniete, um sein

Gewand zu säubern. »Das nit! Mannsbilderhosen sind leichter waschen,

wenn man sie nit am Leib hat.« Er legte den Arm um die Schulter des

Meisters. »Nick? Weißt du, was eine Mutter ist?«

»Das weiß man, glaub ich.«

»Was meinst du, daß eine Mutter sagt, wenn ihr liebes Kind am Morgen

lachend aus dem Haus gegangen ist, und man bringt es ihr am Abend heim,

wie ich das Moidi hab bringen müssen?«

Das große Jagen · 第 62 / 98 题