Die folgenden Tage waren im Lande Berchtesgaden reich an
Überraschungen. Nachdem es einen Tag und eine Nacht lang tüchtig
geschneit hatte, kam blauer Himmel mit klarer Sonne. Die Welt sah
aus, wie neu vom lieben Herrgott versilbert. Und am Samstag, in
den Morgenstunden, wurde zu Berchtesgaden ausgetrommelt, daß der
allergnädigste Herr Fürst, um wieder einmal inmitten seiner getreuen
Landskinder zu weilen, für den folgenden Sonntag im Schützenhaus ein
fröhliches Fastnachtsschießen angeordnet hätte, mit vielen Preisen
und Aufmunterungen für die besten Schützen des Landes. Nicht nur die
Mitglieder der hochehrenwerten Schützengesellschaft vom heiligen Martin
wären eingeladen, sondern alle Mannsleute, so eine Schußwaffe besäßen.
Die Austrommlung endete mit dem munteren Vers:
»Wie mehrer die Gäst,
So schöner das Fest,
So froher der Fürst,
's gibt Freibier und Würst!«
Unter den vielen, die das zu Berchtesgaden austrommeln hörten, befand
sich auch der Hiesel Schneck, der bei dem Juden ein Pflaster für das
Überbein seiner Schneckin hatte holen müssen. Das Schützenfest schien
ihm keine Freude zu bereiten. Die unzählbaren Himmelhunde, die er
hinaufknurren ließ zur Sonne, bewiesen, daß der Hiesel Schneck in übler
Laune war. Ihn quälte der Ärger darüber, daß so ein Jud wieder einmal
schlauer gewesen war, als der redlichste von allen Christen. Hiesel
hatte geschwiegen wie ein luthrisches Grab, auf dem kein Hügel und
kein Kreuzl ist. Dennoch hatte Lewitter plötzlich ganz genau gewußt,
wo Leupolt Raurisser versteckt war, und hatte dem Hiesel nicht nur
die Quetschbehandlung eines Überbeins auseinandergesetzt, sondern
hatte ihm auch Verbandzeug, ein fieberstillendes Mittel und etwas zum
Waschen für schwärende Wunden mitgegeben, obwohl sich der gewissenhafte
Schneck wie ein Rasender dagegen gewehrt hatte. Man trägt als treuer
Christ in seinem Bergsack nicht gern eine obrigkeitlich verbotene
Sache, die für einen Luthrischen wohltätig ist. Unter grimmigen Flüchen
fühlte er mit seiner braunen Tatze immer wieder nach hinten: ob das
verdächtige Päckl nicht gottsgnädigerweis so spurlos verschwinden
möchte, wie die preußische Gefahr aus der Armeseelenkammer. Aber wenn
im Menschengedräng einer gegen ihn hinpuffte, brüllte er gleich:
»Blitzhimmelsausen und Höllementshund, gib doch Obacht, ich hab was
Gläsernes auf'm Buckl.«
Bei dieser angstvollen Fürsorge war er nicht in der Laune, sehr
aufmerksam auf die Muckenfüßl'sche Überraschung zu horchen. Auch hatte
der Hiesel Schneck in diesen Tagen eine viel größere Überraschung schon
erlebt. Damals, als es zu schneien anfing. Da war er spät am Abend
heimgekehrt, in der sicheren Erwartung, daß der unbequeme, vermaledeite
Ketzer schon über die bayrische Grenze gesprungen wäre und nimmer
droben läge auf dem Heuboden. Teilweise war auch eingetroffen, was
die Schneckin ihrem Schneck versprochen hatte: Leupolt lag nimmer auf
der Heuschütt, sondern herunten neben dem Herdfeuer im Ehebett des
Hiesel. Und die Schneckin hockte im Ofenwinkel auf einem Strohsack,
den sie so breit gemacht hatte, daß er zwieschläfrig zu benutzen war.
Hiesel ließ die wildesten Höllemente los, wenn auch -- weil Leupolt
schlief -- mit gedämpfter Stimme. Da mochte die Schneckin hundertmal
flüstern: »Verstehst?« -- der Schneck verstand nicht und war verbohrt
in die unzutreffende Meinung: daß es die Schneckin »aber schon *ganz*
saudumm« angestellt haben müßte. »Soll den Kerl über die Grenz hatzen
und laßt ihn ins Bett hupfen! Kreuzhimmel, Bluthöllement und Bratwürst
übereinander!« Grollend saß er auf dem Herdrand. Schließlich, wenn er
in dieser Schneenacht neben seiner Schneckin liegen wollte, blieb ihm
nichts anderes übrig, als mit dem Strohsack vorlieb zu nehmen. Bis
lange nach Mitternacht bellten seine gedämpften Himmelhunde. Am Morgen,
freilich, da sah auch der Hiesel das ein: daß man mit einem Fieber, in
dem »alle Knöchelen scheppern«, nicht ins Bayrische hinüberlaufen kann.
Und jetzt, unter den Rasselklängen der Muckenfüßl'schen Austrommlung,
erzeugte der Schneck in seinem langsamen Gehirn den Trostgedanken:
»Wenn ich dem Buben das jüdische Päckl zutrag, daß er bald über die
Grenz hupfen kann, so tu ich bloß, was die Herren haben wollen.
Verstehst?« Die vielen Himmelhundsmonologe, die er mit sich führte,
verhinderten ihn, auf dem Marktplatz und während des Heimweges der
freudigen Bewegung zu achten, die der Feldwebel Muckenfüßl mit seiner
sonst so gefürchteten Trommel in der Bevölkerung erweckt hatte.
So splendid und wohlwollend hatte sich der Landesfürst schon lange
nicht mehr erwiesen. War in der Verkündigung auch nicht deutlich
ausgesprochen, was sie bezweckte, so war doch ihr schöner Sinn so
klar, wie die alte Sonne über dem jungen Schnee. Die Gutgläubigen
nahmen die Ansage des Festes als deutliche Mahnung zur Verträglichkeit,
die Evangelischen empfanden sie als Friedensverheißung, als
Wegweis zu naher Verständigung und zur Freiheit ihrer Seelen. Seit
Menschengedenken war zu Berchtesgaden nimmer so gut und herzlich von
der Obrigkeit gesprochen worden, wie es an diesem silbernen Samstage
tausendstimmig geschah. In allen Häusern wurde gesungen und gelacht,
aus allen Truhen wurde das Feiertagsgewand und versteckter Schmuck
herausgenestelt. Überall an den Fenstern saßen die Mannsleute und
putzten ihre Schießgewehre. In der Mittagsstunde böllerten durch das
sonnfunkelnde Tal die Probeschüsse. Einer sagte: »Wie wenn beim größten
von allen Bauern eine Hochzeit wär!« Und bekam die lachende Antwort:
»Das wird wohl ein Metzensäckl Pulver wert sein, wenn der gnädigste
Herr Fürst mit seinem Völkl Versöhnung feiert!«
Den ganzen Nachmittag umstanden Scharen von Mädchen und Kindern
das Schützenhaus, um den gewaltigen Vorbereitungen zuzuschauen,
die für das Fest getroffen wurden. Die Mannsleute, die man sonst
nur zähe zur Fronarbeit herbeibrachte, boten sich ungerufen zur
Hilfeleistung. Von der großen Festwiese neben dem Schützenhaus
wurde der Schnee fortgeschaufelt, und Lachen, frohes Geschrei und
dröhnendes Hammerklopfen begleitete den flinken Bau des »Mahlsaales«,
einer mächtigen Bretterbude, die ein paar tausend Schützenbrüder
fassen konnte, um in Verträglichkeit und Frohsinn bei Freibier und
Speckwürsten mit den gütigen Herren beisammenzusitzen. Man arbeitete
noch bei Fackelschein bis gegen Mitternacht.
Der große Morgen kam. Die Tausende auf Berchtesgadnischer Erde waren
willig zur Freude. Nur der liebe Gott schien an diesem Versöhnungstage
kein rechtes Wohlgefallen zu haben und steckte die Sonne in einen
mächtigen Wolkensack. Feine Eiskrystalle rieselten aus dem Grau
herunter, scharf wie Nadelspitzen. Das verdarb keinem Fröhlichen die
Laune.
Als man zum Kirchgang läutete, war die Zuwanderung der Andächtigen
ein bißchen schütter. Die Erlösung von allem Gewissenszwang
vorausgenießend, hielten die Evangelischen den Gottesdienst dieses
Freudentages daheim in ihren Stuben ab oder besuchten eine Fürsagung,
ohne Schneekleid, völlig sichtbar. Erst nach dem Hochamt, während
mit allen Glocken der Gottesfriede dieses Sonntages verkündet wurde,
begannen die Marktgasse, der Brunnenplatz und die Stiftshöfe sich zu
füllen mit einem farbenbunten und fröhlich gestimmten Menschengewühl.
Obwohl es immer nebelte, sah die lärmende Bewegung der farbigen
Menge sich an wie ein jubelndes Lebensfest. Die Frauen und Mädchen
hatten sich aufgeputzt und waren durch Jugend, Gesundheit, Freude und
hoffendes Vertrauen noch schmucker geziert, als durch die feuerfarbenen
Mieder, durch das leuchtende Bänderwerk und die mattfunkelnden
Schaumünzen. Stolz trugen die Mannsleute ihre klobigen Schießgewehre,
und fast jeder hatte auf seinem gebänderten Hütl ein paar von den
Blumen stecken, die bei frierendem Winter blühen in den warmen
Bauernstuben. Dem wirbelnden Frohsinn dieses Bildes tat es keinen
Eintrag, daß im Gewühl der Leute keiner von den Herren zu sehen war.
Es tauchte nur der Feldwebel Muckenfüßl auf, dem ein paar Musketiere
bei der Ordnung des tausendköpfigen Schützenzuges behilflich waren.
Als die Hifthörner der fürstlichen Jägerei den Festruf bliesen und die
Trompeten und Klarinetten der Salzknappen mit ihrer lustig dudelnden
Marschmusik einfielen, erhoben die Tausende dieser fröhlichen, von
harter Zeit erlösten Menschen ein Jauchzen, daß ihr Freudenspektakel
alles Blechgeschmetter übertönte.
Wie ein vom Glück dieses Tages Ausgeschlossener, mit unfrohen Augen,
Zorn und trauernde Erbitterung in dem blassen Warzengesicht, saß
Pfarrer Ludwig am Fenster seiner Stube und blickte hinunter auf das
fröhliche Gepräng des Schützenzuges. »Ob in Sonn oder unter Wolken --
gibt's auf der Welt ein schöneres Ding, als die vertrauensselige Freud
eines hoffenden Volkes? Und gibt's auf Erden ein übleres, als dieser
Tag es bringen wird?« Immer wieder brannte in ihm der Gedanke: Reiß
das Fenster auf, schrei diesen Jauchzenden eine Warnung zu! Nicht die
fürstliche Mahnung an das Dienstgeheimnis hielt ihn zurück, nur die
Erkenntnis, daß seine Warnung das Schicksal dieses Tages nicht wenden,
sondern Aufruhr und Totschlag heraufbeschwören würde.
Der weite Hof unter dem Fenster des Pfarrers war leer und still
geworden. Immer ferner tönten die fröhlichen Jauchzer, das
Klarinettenquieksen und der Trompetenklang. Nun das donnerähnliche
Dröhnen eines Böllerschlages. Dann knatterten die Stutzenschüsse
durcheinander, als hätten hundert Heinzelmännchen zu dreschen
begonnen. Das ging zwei Stunden lang so weiter. Dann läuteten die
Mittagsglocken. Auf der Festwiese verstummten die Schüsse. Und nebelnde
Stille lag über den Dächern des Stiftes. Jetzt der Hufschlag eines
Pferdes. Von der Salzburger Straße kam ein erzbischöflicher Dragoner
über den Hof geritten und verschwand im Stiftstor. Pfarrer Ludwig
nickte. »Die Konsequenz! Sechs Füß hat sie! Und hat zwei Köpf, von
denen jeder was anderes denkt.« Wenige Minuten später mußte er zu
der beschämenden Einsicht gelangen, daß er die Salzburgische Hilfe
militärisch unterboten, katechetisch überschätzt hatte: nicht ein
volles Dutzend Kapuziner, nur neune; aber statt der fünfhundert
Soldaten, auf die er geraten hatte, kamen achthundert Musketiere,
scharf bewaffnet, dazu ein halbes Tausend Dragoner, hoch zu Roß. »Guck
nur!« knirschte der Pfarrer vor sich hin. »Neben der Gotteshilf macht
Salzburg noch ein gutes Geschäft! Den ganzen Heerwurm müssen ihm unsere
Bauern füttern, wer weiß, wie lang!«
Es litt ihn nimmer in der Stube. Flink in die hohen Schmierstiefel,
aus dem Haus und hinunter zur Festwiese. Auf einem Fußsteig, der über
die verschneiten Wiesengehänge kletterte, blieb er erschrocken stehen
und spähte zur Fahrstraße hinüber. Unter den vielen Leuten, die nach
der Festwiese strebten, sah er den Meister Niklaus und Luisa. Der
Pfarrer schrie den Namen des Freundes und watete durch den tiefen
Schnee. Als er die Straße erreichte, war er so atemlos, daß er kaum zu
sprechen vermochte: »Kehr um, Nicki! Führ dein Mädel heim und laß dich
einsperren von der Sus!«
»Hochwürden?« stammelte Luisa. Und der Meister fragte erblassend: »Um
Gottswillen, was ist denn los?«
»Getroffen, Nicki!« Der Pfarrer lachte grell. »Um *Gotts* willen ist
was los! Und da wirst du dir denken können, wie es ausschaut.« Er faßte
Luisas Arm und flüsterte: »Mädel! Wenn du deinen redlichen Vater nit
auch noch verlieren willst, so schau, daß du ihn heimbringst in die
Werkstatt und zu seiner Arbeit! Geh, Nicki, sei verständig! Noch ein
letztesmal! Ich tät's nit raten, wenn es nit sein müßt. Und du, Mädel,
tu beten vor deinem Jesuschrein! Andächtiger als je!« Die Stimme des
Pfarrers bekam einen harten Zornklang. »Heut wird deine fromme Seel
noch was umzudeuten kriegen. Die heilige Mutter soll dir's geben, daß
du eine Deutung findest, die deinen standhaften Glauben nit verdächtig
macht vor den Konsequenten.«
Luisa, deren Gesicht sich entfärbt hatte, umklammerte stumm die lebende
Hand des Vaters. Und Niklaus stammelte: »Mensch! Was ist denn?«
Heiser lachend deutete Pfarrer Ludwig mit dem Hakenstock gegen die
Wolken. »Guck doch in die Höh! Da mußt du doch merken, daß heut ein Tag
ist, an dem unser Herrgott sich in seinen ewigen Mantel wickelt und um
die Menschen trauert.« Er sagte mit heißer Mahnung: »Geh heim, Nicki!
Deinem Kind zulieb!«
»Und du?«
»Ich bin doch ein Priester, nit? So einer ist allweil auf dem Weg zu
den Hoffnungslosen. Wie heut, so neugierig bin ich noch nie gewesen:
ob der Amsterdamer recht hat, wenn er sagt, es wär kein Ding auf Erden
so schlecht, daß es nit ein Gutes werden könnt für die Menschen.«
War's noch vom Schnupfen, oder hatte es einen neuen Grund, daß dem
Pfarrer das Wasser in die Augen trat? Dann sagte er zu Luisa: »Laß den
Vater nimmer aus! Mädlen, die tapfere Kinder sind, werden die besten
Frauen.« Er wandte sich ab und eilte die Straße hinunter. Das Gesumm
einer großen Volksmenge klang ihm durch den ziehenden Nebel entgegen.
Hunderte von Frauen, Mädchen und Kindern umstanden in heiterer Laune
die große Bretterbude des Mahlsaales, in dem die Trompeten und
Klarinetten der Salzknappen eine lustige Tanzweise spielten. Fast
alle Mannsleute waren schon im Saal versammelt. Nur ein paar Burschen
wimmelten in ihren roten Joppen noch vergnügt umher, schäkerten mit
der weiblichen Jugend oder machten harmlose Späße über die Bratwürste,
die noch immer nicht duften wollten, und über die geduldigen Mägen
der Herren, die noch unsichtbarer wären, als es die Evangelischen vor
dem Bekennertag gewesen. Unter Muckenfüßls kanzleideutschem Kommando
drängten sich Lakaien und Musketiere im Frauengewühl umher, faßten
die rotjoppigen Buben ab und schoben sie in den Saal, immer unter
der gleichen Mahnung: »Flink! Nur flink! Die Bräuknecht haben schon
angezapft!« Nun schoben sie den letzten von den Burschen durch die enge
Tür hinein, die aussah wie ein Festungsschlupf. Und durch den Türspalt
leuchtete das rote Flackerlicht der Kienfackeln heraus, die man in der
fensterlosen Bretterbude angezündet hatte, um sie hell zu machen.
Die Weibsleute guckten ein bißchen verwundert drein, weil an die
zwanzig, mit Flinten und Terzerolen bewaffnete Musketiere vor der
Saaltür aufzogen wie eine kriegsmäßige Wache. Als Muckenfüßl mit den
Lakaien und Jägerknechten das Schützenhaus besetzte, in dessen Halle
die Schießgewehre der Bauern verwahrt standen, kam Pfarrer Ludwig
in Hast von der Straße herübergeschritten. Er spähte mit blitzenden
Augen, sprang auf die Saaltür zu und wollte eintreten. Zwei Musketiere
kreuzten vor seiner Brust die Flinten. »Ruckwärts, Hochwürden! Niemand
darf passieren. Befehl des gnädigsten Herrn!«
»Aber Leut!« Der Pfarrer lachte. »Ich will doch auch meine Freimaß
haben und mein Würstl! Geh, seid doch nit gar so neidisch!« Er hatte
die beiden Flinten beiseite geschoben und drückte die Saaltür vor
sich auf. Ein Musketier faßte ihn am Radmantel. »Wirst du auslassen?«
Mit einem zornigen Fauststreich machte der Pfarrer sich frei und
trat in den von einem wogenden Mannsgewühl, von dudelnder Musik,
von Flackerschein und Fackelqualm, von Lärm und Gelächter erfüllten
Brettersaal. An langen, leeren Tischen saßen die Bürger und Bauern, die
Handwerker und Salzknappen auf hochbeinigen Holzbänken. In den schmalen
Gassen drängten sich Hunderte umher, die noch keinen Platz gefunden.
Die roten Joppen leuchteten wie Blutflecken, und die Gesichter, die
schmutzig wurden vom Fackelruß, schienen in der trüben Flackerhelle
verzerrt zu einem ruhelosen Grinsen. Und doch war Freude in allen
Gesichtern, fröhliche Erwartung in allen Augen. Freilich, derbe Späße
gab es in Hülle und Fülle, weil man schon wartete seit einer halben
Stunde und noch immer den Duft keiner Bratwurst witterte. Doch in jedem
Scherz war heitere Geduld, war noch immer ehrfürchtige Dankbarkeit für
den allergnädigsten Wirt dieses freudenreichen Versöhnungstages. Nur in
der hintersten Saalecke, wo die rotjoppigen Burschen dick beisammen
saßen, begann es ein bißchen übermütig zu werden; da trommelten sie mit
den Fäusten auf die Tische und begannen kleine Spottlieder zu singen,
wie der Augenblick sie gebar.
Als der Pfarrer, noch in den Radmantel gewickelt, von der Türschwelle
stumm hineinsah in dieses heiter lärmende Männergewühl, war sein
Gesicht entstellt, daß ihn die Leute nicht gleich erkannten. Es mußte
erst ein Fröhlicher schreien: »Herr Jöi! Unser gütiges Pfarrherrle!«
Und einer brüllte über alle Tische: »Leut! Jetzt geht's aber an! Der
erste von unseren Herren ist da!« Während der Lärm sich ein bißchen
dämpfte, drängten viele gegen den Pfarrer Ludwig hin, zu einem Gruß,
zu einem Händedruck. Von einer nahen Bank erhob sich einer, der ein
kleines Bübl auf dem Arm hatte. In seinen Augen war ein verstörter
Blick, doch unter dem Braunbart lachte sein blasser Mund, als wäre er
der Fröhlichste unter diesen tausend Festfrohen. Rittlings über der
Bank stehend, winkte er mit dem Arm und kreischte: »Hochwürden! Zu mir
her! Euch geb ich mein Plätzl. Ich muß nit sitzen. Mich halten Herz und
Seel in der Höh.« Der Christl Haynacher lachte wie ein Glücklicher und
preßte das scheuguckende Bübchen an seine Brust. »Jetzt, Hochwürden,
ist alles am Tag! Gelt ja? *Mir* müssen die Leut Vergeltsgott sagen.
Wär mein Weibl nit so heilig und fromm gestorben, und hätt mein Weibl
nit hilfreich aus dem ewigen Glanz heruntergegriffen zur kreistenden
Menschennot? Da täten wir trauern und seufzen müssen, gelt! Jetzt
können wir Freud haben und wieder glauben. Alle Herzviertelen sind
wieder schön beisammen. Und Fried und Brüderschaft ist überall auf der
gottschönen Welt. Die guten Herren! Die soll unser Herrgott segnen für
den heutigen Tag.« Während Christl Haynacher so redete, mit umkippenden
Tönen, schrien es die anderen von Tisch zu Tisch, daß von den Herren
der erste gekommen wäre. Die dudelnde Knappenmusik geriet außer Takt
und verstummte. Aller Lärm versickerte, es wurde immer stiller im Saal.
Und da streckte sich der Pfarrer, hob die beiden Hände aus dem Mantel
und rief: »Ihr guten Leut! Laßt mich ein brüderlichs Wörtl reden mit
euch!«
Überall ein Gucken und Hälsestrecken, von allen Bänken erhoben
sich die Männer und Burschen, einer der schlechtgezimmerten Tische
knickte krachend zusammen, ein Gelächter, dann viele Stimmen, die
zum Schweigen mahnten. Jetzt war die Ruhe da. Nur noch das Rauschen
der Fackelflammen, das schwere Atmen der vielen Hunderte in dem
qualmigen Raum. Und da lauschten sie alle -- nicht auf den Pfarrer,
der mit zerdrückter Stimme zu reden begann. Sie lauschten auf das
Unerklärliche, das von draußen hereinklang durch die fensterlosen
Bretterwände. Es war ein aufwirbelndes Geschrei von vielen Weibern und
Kindern. Wie gellende Angst war es anzuhören. Und es mußte doch Freude
sein? Kamen die Herren? Fragende Rufe schwirrten von Tisch zu Tisch.
Und einer kreischte mit Lachen: »Hört ihr die Mädlen juchzen? Jetzt
kommt der gnädigste Herr Fürst! Höi, Trompeter! Blaset den Herrengruß!«
Ein fröhliches Blechgeschmetter. Niemand hörte mehr auf den Pfarrer.
Seine Stimme versank im lärmenden Festjubel dieser treuen, beglückten
Untertanen.
Vor der Saaltür ein Gepolter und ein aufgeregtes Stimmengewirr. Immer
deutlicher hob sich aus ihm die schrillende Stimme eines Mädels heraus.
Es war wie das Zetergeschrei einer Irrsinnigen. Ein Gerüttel an der
kleinen Tür. Jetzt patschte da draußen ein Pistolenschuß -- nicht wie
ein Pulverknall, nur wie das Klatschen einer festen Peitsche -- und
über die Schwelle der aufgedrückten Türe stürzte schreiend ein junges
Geschöpf herein, jenes Untersteiner Mädel, das unter dem Holz der
Unehr, am Bekennersonntag, als erste mit verzückter Freude gerufen
hatte: »So müßt ihr mich auch verbrennen! Ich bin eine evangelische
Christin!«
Was sie schrie und lallte, während sie hintaumelte gegen die erste
Bank, war im aufrauschenden Lärm des Saales nicht zu verstehen. Immer
schreiend, stieg sie neben dem stummgewordenen Christl Haynacher
auf die Bank, sprang auf die Tischplatte und stand da droben, mit
aufgereckten Armen, einer Verzückten ähnlich, oder einer Wahnwitzigen.
Immer lallte und schrie das Mädel, die Augen erweitert, das Gesicht
wie Kalk so weiß. Im versinkenden Lärm des Saales klang vom Tisch der
Salzknappen eine verzweifelte Bubenstimme: »Barmherziger Herrgott!
Moidi! Du blutest!« Sie drehte das Gesicht gegen die Stelle hin,
von der die Stimme kam, lächelte ein bißchen, reckte sich und rief:
»Ihr lieben Brüder! Haltet fest am Gütigen, der für uns gestorben
ist am Kreuz! Hilf ist nur im Himmel noch. Hilf ist nimmer auf der
Welt. Gewalt ist über uns! Zehntausend heidnische Dragoner reiten
über das Schneefeld her!« Das Mädel wankte, straffte sich wieder an
allen Gliedern, wollte reden, hatte keinen Laut mehr und preßte die
zitternden Fäuste gegen das Mieder. In der Stille, die plötzlich im
Saal entstand, hörte man sie mit leiser und froher Stimme sagen: »Herr
Jesu, dir leb ich -- Herr Jesu, dir sterb ich --« Viele Hände streckten
sich nach der Sinkenden, Pfarrer Ludwig fing die Erloschene in seinen
Armen auf, und Christl Haynacher, dessen Bübl das Gesicht am Hals des
Vaters versteckte und zu greinen begann, brüllte plötzlich wie ein
Betrunkener: »Herrgott! Herrgott! Ist's noch allweil nit genug?«
Ein tausendstimmiger Laut im Saal, wie das Aufstöhnen eines gewaltigen
Tieres, dem das mordende Eisen ins Leben fährt. Nun ein dumpfes Gewühl,
ein Zusammenkrachen aller Tische und Bänke -- und jetzt ein mahnender
Männerschrei, so kraftvoll und gebietend, daß er die tausend Verstörten
beherrschte und zum Lauschen zwang. »Ihr Leut! Ihr guten Leut!« Pfarrer
Ludwig war heiser geworden von diesem Schrei. »Schauet her! Ich hab
den Tod auf den Armen. Drum muß ich ein Wörtl sagen für euer Leben.
Heut geht Gewalt vor Recht. Die Zeit wird kommen, in der sich's wendet.
Seid besonnen, ihr guten Leut! Oder ihr stoßt euch alle, eure Weiber
und Kinder ins hilflose Elend! Christ sein, heißt nit: zuschlagen mit
Fäusten und Tischfüßen, einander würgen und niedertrampeln. Christ
sein, heißt noch allweil, ein Mensch unter Menschen bleiben und
sein Leidwesen dem gütigen Heiland in die Hand legen. Der wird uns
aufrichten. Der wird uns helfen!« Man hörte von draußen den Schritt
einer marschierenden Truppe, hörte die Trommel, die schon nah bei
der Tür war. Pfarrer Ludwig, dem die Arme unter der Last zu zittern
begannen, die sie trugen, sagte ruhig: »Drei evangelische Brüder sollen
mir helfen. Wir wollen das fromme Christenkind, das in Gottes Reich
gegangen, heimtragen zu seiner Mutter.«
»Nachbar!« keuchte der Haynacher. »Nimm mein Bübl ein bißl! Da muß man
helfen.« Er sprang an die Seite des Pfarrers und raunte auf eine Art,
wie die Fieberkranken reden: »Gelobt sei Jesuchrist und die heilige
Mutter Marie.« Jetzt kamen die Salzburgischen Gottesmusketiere unter
Trommelschlag in den Saal marschiert, zu vieren dicht aneinander
gedrängt, die Gewehrläufe vorgestreckt, den Finger am Bügel. Außer dem
Schrittklappen und den soldatischen Befehlsworten war kaum ein Laut im
Saal. Die Leute wichen vor dem immer breiter werdenden Soldatengürtel
zurück, die einen scheu und mit blassen Gesichtern, die anderen mit dem
stummen Zorn auf der Stirn und in den Augen. Den ersten aufwühlenden
Sturm in ihnen hatte das Wort des Pfarrers bezwungen. Nun lähmte sie
der Schreck, das betäubende Bewußtsein ihrer Wehrlosigkeit und noch ein
Härteres: die Bitterkeit der Enttäuschten, die Trauer über den Betrug,
der da begangen wurde an ihrem frohen, gläubigen Vertrauen.
Hinter der Kette der Musketiere stehend, verkündete Muckenfüßl das
pröpstliche Edikt auf Konfiskation aller Schützengewehre. Jedem
reumütigen Subjekte sei die Gnade des Fürsten zugesagt, jedem
Widerspenstigen das strengste Gericht. Zur Ermahnung der Seelen sei
von einer fürsorglichen Obrigkeit beschlossen worden, jede Gnotschaft
des Landes mit achtzig Musketieren und fünfzig Dragonern samt Rößl
zu belegen, für deren Bedarf an Zehrung und Trank die Gnotschaft
aufzukommen hätte, insolang, als eine Besserung des rebellischen
Geistes nicht in glaubhaftem Ausmaß sichtbar würde. Nach dieser
Verkündigung formierten die Musketiere eine Gasse durch den ganzen
Saal. Eine Gnotschaft nach der anderen wurde aufgerufen. Wenn die
Männer, die zur gleichen Gnotschaft gehörten, alle beisammen waren,
wurden sie paarweis abgeführt. Einige Burschen, die sich unehrerbietig
zu äußern wagten, wurden verhaftet. Auch einen von den vier Trägern der
»schön und gottselig gestorbenen« Moidi von Unterstein -- den Christl
Haynacher -- mußte man festnehmen. Bei seiner Verhaftung gebärdete
sich der hirnverdrehte Suspiziosus, wie Muckenfüßl ihn nannte, so
rebellisch, daß die Anwendung von eisernen Handschellen nötig wurde.
Draußen im Schnee, zwischen Mahlsaal und Schützenhalle, standen,
gleichmäßig abgezählt und in militärischer Ordnung ausgerichtet, für
jede Gnotschaft die achtzig Musketiere und die fünfzig berittenen
Dragoner parat. Bei jedem Trupp -- gleich einem Leutnant neben seiner
Kompagnie -- befand sich ein Kapuziner.
Die Abwanderung der Gnotschaftsleute mit ihrer militärischen Bedeckung
dauerte bis in die Dunkelheit. Und die Soldaten, die ihr Quartier zu
Berchtesgaden bekamen, bewiesen noch vor Anbruch der Nacht, daß sie
nicht nur dem Himmel, sondern auch der Kunst zu dienen vermochten.
Mit großen Töpfen und langen Tüncherpinseln wanderten sie durch die
Gassen und bemalten an jedem Haus, in welchem ein der Ketzerliste
Einverleibter wohnte, die Türen und Fensterstöcke mit knallroter Farbe.