Die bleichen Lippen des Fürsten wurden schmal. »Und welchen?«

»Erlöst Euch selber und Euer Land aus allem Zwist, stärket durch Euer

Bröckl Fürstenherrlichkeit ein gesundes Land im Reich und bindet den

Berchtesgadnischen Sehnsuchtswinkel an das feste Bayern. Da seid Ihr

als Fürst, wie als Priester, ledig aller Not und habt den Ärger und die

giftigen Schulden los. Der neue Landsherr wird mit reichen Mitteln den

stockenden Blutsaft unseres Völkls wieder in Gang bringen und wird sich

als weltlicher Fürst mit den Siebentausend so leicht verständigen, wie

es für Euch als fürstlichen Priester unmöglich ist.«

Anton Cajetan legte die Hände hinter den Rücken. »Du? Bist du ein

bezahlter Emissär des bayrischen Churfürsten?«

»Herr!« Es dauerte eine Weile, ehe der Pfarrer weitersprach. »Das muß

ich heiter nehmen. Wär' es ernst, so müßt ich mit Kummer fragen: Was

ist siebzigjährige Treu eines Untertan gegen sein Land und seinen

Fürsten? Und die Antwort tät lauten: Eine schauderhafte Dummheit!«

Es war dem Fürsten anzumerken, daß Zorn und Verstand, Stolz und

Hilflosigkeit einen harten Kampf in ihm ausfochten. Er begann

französisch zu sprechen und kehrte wieder zu seinem ungeliebten Deutsch

zurück: »Mag sein, daß ich mich im Wort vergriffen habe. Aber ich

kapiere noch immer nicht, wie du dich einer solchen Kühnheit vermessen

kannst.«

»Kühnheit? Das ist nur ein schmerzhaftes Rechenexempel. Handel und

Steuern gehen rückwärts, die Schuldzinsen fressen bei Butz und

Stingel auf, was eingeht, und das Borgen wird allweil hoffnungsloser.

Lang wird's ohnehin nimmer dauern mit der Stiftsherrlichkeit zu

Berchtesgaden. Und Eure Landsnot mit entschlossenem Mut verwandeln

in einen deutschen Hilfswillen? Herr? Wär das nit schöner als der

fürstpröpstliche Bankerott und das Elend der Siebentausend, die heut

noch an Seelenfreiheit und Erlösung glauben?«

Ratlos faßte Herr Anton Cajetan seine gepuderten Locken zwischen die

schönberingten Hände. »Wenn's nicht so wahr wäre! Zum Verzweifeln ist

das!« Er fiel auf einen Sessel und sagte kleinlaut: »Du meinst also?«

Im Pfarrer schien eine neue Hoffnung zu erwachen. Doch beim ersten

Schritt, den er machte, um seinem verzagten Fürsten näher zu sein,

wehrte Anton Cajetan erschrocken: »Nein! Bleibe, wo du stehst! Ich

fühle bereits, daß ich niesen muß.« Ein paar französische Jammersätze.

Dann ein deutscher Ausbruch seines verstörten Zornes. »Glaubst du denn,

man legt einen Fürstenhut ab, wie man eine Perücke zum Frisieren gibt?

Und die vielen, die da in Mitleidenschaft geraten!« Anton Cajetan

sprach im Plural, obwohl er nur an ein Persönchen im Singular dachte.

»Aber ich muß gestehen, die Dinge liegen so desperat -- ich werde nicht

umhin können, meiner fürstlichen Seele diese schwere Dezision --« Das

Zeitwort blieb ungesprochen. Lauschend hatte der Fürst die weißen

Locken erhoben. Bevor er den Sessel noch verlassen konnte, kam der

Lakai mit einem gesiegelten Schreiben auf silbernem Teller. »_Ah, ah,

bienvenu, mon cher!_« Halb noch zitternd, halb schon wieder lächelnd,

brach der Fürst mit ungeduldigen Fingern das große rote Siegel auf,

schickte gnädig den Lakai aus dem Zimmer und begann zu lesen. Je

mehr sein blasses Antlitz während des Lesens sich aufheiterte, um so

bleicher wurde der Pfarrer. Als er sah, wie fröhlich der Fürst das

Schreiben in seinem Frack verwahrte, sagte er ruhig: »Ich schätz die

Salzburger Hilf auf fünf-, sechshundert Musketier und ein Dutzend

Kapuziner. Hätten Euer Liebden Geld oder einen deutschen Rat verlangt,

so wär die Antwort magerer ausgefallen.«

Mit halbem Lachen fragte der Fürst: »Hast du mir, während ich las, über

die Schulter geguckt?«

»Nein, Herr! Ich hab mein katarrhalisches Bannfleckl nit verlassen. Aber

die Gradschauenden kommen allweil in den Verdacht, daß sie um die Mauer

blinzeln.«

»Du solltest dich hüten, irgendwie in Verdacht zu geraten. Da wär es

möglich, daß du mißliebige Experienzen machen mußt.«

»Soll's kommen, wie's mag, ich kann noch allweil von Glück sagen. Wär

ich vor hundert Jahren geboren worden, mit meinen zwei grauslichen

Warzen im Gesicht, so hätt' ich als Teufelsbündler auf den

Scheiterhaufen müssen.« Ein versunkenes Lachen. »Es ist unverkennbar,

Zeit und Menschen gehen nach aufwärts.«

Herr Anton Cajetan wurde überaus liebenswürdig. »Mein guter Pfarrer! Du

hast die Warzen nicht nur im Gesicht, auch im Gehirn und an der Seele.

Das kann lebensgefährlich werden.«

»Vielleicht! Aber schauet, Herr, ich bin von den Glücklichen einer,

denen nichts mehr geschehen kann. Mein Gott ist mein Gott. Jeder Tag

bringt mich vorwärts auf dem Weg zu ihm.«

Der Fürst lachte munter. »So muß ich dich, wenn du strafbar werden

solltest, zu einem langen Leben verdammen.« Ein Handwink, und Pfarrer

Ludwig war entlassen. Schon stand er bei der Tür. Da klang es hinter

ihm mit spöttischem Laut: »_À propos, mon cher!_ Ich höre, man

beschuldigt dich einer üblen Sache.«

»Soooo?« Der Pfarrer schmunzelte. »Vielleicht einer Menschlichkeit? Die

wär von allen Zeitverbrechen das größte.«

Anton Cajetan schien sich zu ärgern. »Man hat dich in Verdacht, daß

*du* der Wundertäter warst, der das Mirakel in der Armeseelenkammer

wirkte und die schwarzweiße Gefahr verschwinden ließ in die ewige Ruhe?«

Behaglich wiegte Pfarrer Ludwig den grauen Kopf. »Schau! Was für ein

netter Einfall! Hätt ich ihn gehabt, ich tät mich um seinetwegen nit

schämen.«

Ein paar heftige Schritte des Fürsten. Und ein Ton wie aus Wolkenhöhe.

»Ludwig? Lügst du?«

»Mein gütiger Herr!« antwortete der Greis mit Seelenruhe. »Die

redlichsten Wahrheiten schauen allweil einer Lug so zum Verwechseln

ähnlich, wie ein Rattenschweif dem Schnauzer des Muckenfüßl.«

Der Fürst verhehlte seinen Mißmut nimmer. »Weil du so gern diesen

diensteifrigen Mann citierst, wirst du vielleicht Gelegenheit finden,

dich eingehend mit ihm zu okkupieren.« Noch über die Schulter die

strenge Mahnung: »Daß es Dienstgeheimnisse gibt, das weißt du.« Herr

Anton Cajetan verzog das Gesicht, als ob er niesen müßte, und zerrte

das Riechfläschl aus der Atlasweste.

Das konnte der Pfarrer noch sehen. Halb belustigt, halb mit dem Groll

seines wühlenden Kummers, murrte er in Gedanken vor sich hin: »Meinen

Schnupfen *hat* er! Jetzt kriegt ihn die allergnädigste Aurore de

Neuenstein. Und der vergönn ich ihn.« Er grüßte freundlich die Lakaien

im Korridor. Als er durch den reichlich fallenden Schnee hinüberschritt

zu seinem Hause, war er nicht ärmer um eine Hoffnung. Die Stunde mit

dem Fürsten war so gewesen, wie er befürchtet hatte, daß sie sein

würde. Und war für Augenblicke ein irrender Hoffnungsgedanke in ihm

erwacht, so war's geschehen wider Verstand und besseres Wissen. »Er

ist, wie er ist. So bleibt er bis zu seiner letzten Schlittenfahrt, und

so muß man ihn nehmen. Nur daß er mich *jetzt* grad rufen hat lassen

-- das vergrämt mich ein bißl.« Bei diesem Gedanken spähte er zu den

Fenstern des Chorkaplans Jesunder hinüber. Frau Apollonia, obwohl keine

Evangelische, war unsichtbar. »Da haben sie also nichts gefunden.

Sonst tät sie vergnügt aus dem Fenster grinsen.« Nein, es war für den

emeritierten Stiftspfarrer Ludwig *keine* Überraschung, als er seine

Haustür eingedrückt, alle Schränke und den Schreibtisch erbrochen fand.

Von dem Silbergeld im aufgemeißelten Geheimfach fehlte kein Sechser.

Unleugbar, die Polizei war ehrlich.

Eine Überraschung war der Besuch des Feldwebels Muckenfüßl und der

Soldaten Gottes nur für die Schwester Franziska gewesen. Eine ganz

fürchterliche. Sie weinte, daß es zum Herzzerbrechen war. Der Pfarrer

legte ihr zärtlich den Arm um die Schultern und schrie ihr ins Ohr.

»Geh, sei gescheit und trink ein Schnäpsle! Das richtet dich wieder

auf.«

Es blieb unentschieden, ob sie das verstanden hatte. Unter Tränen sah

sie den Bruder an und klagte: »Ach, Gott, wie *viel* haben sie gefragt!

Aber weißt du, ich hab allweil falsch gehört.«

»Ja ja, Schwester! Wenn der Mensch nur immer weiß, wie er seine

mangelhaften Instrumente gebrauchen muß.« Der Pfarrer nahm den

Radmantel ab, zog die Schmierstiefel aus und begann in der übel

zugerichteten Stube wieder Ordnung zu machen.

Das große Jagen · 第 60 / 98 题