Kapitel XVII

Pfarrer Ludwig trat in das Fürstenzimmer, aus dem die verschnörkelte

Pariserei allen deutschen Hausrat verdrängt hatte.

Herr Anton Cajetan, in einem Hofkleid aus schwarzem Atlas, unter

frischgepudertem Lockenbau, schlürfte seine Morgenschokolade. Er

hatte unausgeschlafene Augen. Spinettspiel und Cyperwein hatten

sich wirkungsloser erwiesen als sonst. Zehntausend Untertanen und

siebentausend Abtrünnige! Und die innersten Regierungsstätten ein

Tummelplatz erschreckender Mirakel -- die gereizten Seelenzustände der

schönen Freundin _en titre_ noch gar nicht in Rechnung gezogen -- wie

soll man da schlafen können als Fürst? Mit einem Augenwink schickte

Herr Anton Cajetan den Lakai aus dem Zimmer und trat erregt auf den

Pfarrer zu. »Was sagst du zu dieser konsternierenden Sache! Fast

siebentausend!« Da sah er die verschwollene Nase des Pfarrers und wich

zurück. »Es scheint, daß du *wirklich* katarrhalisch bist?«

»Haben Euer Liebden daran gezweifelt? Aber es wird schon besser. Und im

Abflauen ist eine Krankheit nimmer ansteckend.«

»Immerhin wollen wir vorsichtig sein und den Tisch _entre nous_

postieren. Nimm Platz -- da drüben!« Forschend betrachtete Herr Anton

Cajetan den Greis. »Ich will deine Meinung hören. Man muß zu einer

Dezision kommen, was man tun soll. Der Salzburger Hof, an den ich einen

Kurier detaschiert habe, schweigt sich aus. Und die Gehirne meiner

eigenen Kanzleikamele befinden sich in einer desolaten Konstitution.«

»Wenn man nur merkt, wie man dran ist mit ihnen. Da schadet's minder.«

»Weißt du mir einen Rat?«

Dem Pfarrer stieg das Blut ins Gesicht. Er hatte sich nichts Gutes von

dieser Stunde erwartet. Nun fühlte er ihre Verantwortung. War es nicht

denkbar, daß diese Stunde auch Segen bringen konnte? »Einen Rat?« Er

atmete tief und nickte. »Es geht da um unser Ländl und Volk. Kann sein,

um *mehr*! Um ein notwendiges Ding im Reich --«

»Was, Reich!« lehnte Anton Cajetan verdrießlich ab. »Laß

Nebensächliches _à part_! Was soll ich tun in dieser desperaten

Fatalität?« Der Fürst tauchte ein Biskuit in die Schokolade.

Pfarrer Ludwig zog die Brauen zusammen. »Man kann von zehntausend

Untertanen nit siebentausend über die Grenz jagen. An verläßlichen

Stiftsleuten bringen Euer Liebden kein halbes Hundert nimmer auf.

Fünfzig wider siebentausend, das ist so siegreich wie ein Frosch wider

einen Ochsen.« Zur Bekräftigung dieser Wahrheit mußte der Pfarrer

niesen.

Anton Cajetan streckte mißmutig die Hand. »Rück weiter vom Tische!«

Seufzend schob er das lindgeweichte Biskuit an seinen Bestimmungsort.

»Du meinst also?«

»Daß Euer Gnaden sich mit den Siebentausend in Güt verständigen müssen.«

»Ganz meine Meinung.«

»Ja, Herr?« fuhr es dem Pfarrer mit freudigem Laut heraus.

»Wie denkst du dir die Bekehrungsmethode?«

»Bekehrung?« Dem Enttäuschten wurden die Augen groß. »Freilich, wenn es

an den Brotkorb geht, werden viele umfallen. Alle Schwachmütigen. Zu

Eurem Nutzen wär es, Euch die Tüchtigen zu erhalten. Oder Euer Ländl

wird blutarm werden wie ein junges Weib, dem der Mann genommen ist.«

»Ludwig, du bist opulent an unpriesterlichen Bildern. Oder --« Anton

Cajetan richtete einen mißtrauischen Blick auf den Pfarrer. »Bist du

vielleicht deines eigenen Glaubens nicht mehr sicher?«

»Doch, Herr!« Die große Warze des Pfarrers zuckte ein bißchen. »Aber

ich spür, daß viele von diesen Abtrünnigen die besseren Menschen sind,

als manche von den Treugebliebenen.«

Zornig fuhr der Fürst vom Sessel auf und bespritzte die schimmernde

Hose mit Schokolade. Auf das weiße Fenster zutretend, tupfte er mit dem

Spitzentuch die Flecken vom schwarzen Atlas. Dann lachte er kurz und

murrte: »Die besseren Menschen! Diese Treulosen an ihrem Fürsten und

Gott!«

»Alles Neue faßt am tiefsten die Menschen an, in deren Seelen der

fruchtbarste Boden ist. Was blüht in einer sehnsüchtigen Seel, erhebt

den Menschen, macht ihn stärker und schöner in allen Kräften, zündet in

seinem Blut und Herzen ein lauteres Feuer an. Und *das* sind die Leut,

die Ihr nit verjagen dürft. Bekehren? Nein, Herr! Und hält man sie nit

zurück, so wird das Land seine fleißigsten Händ verlieren.«

Etwas ruhiger geworden, kehrte Anton Cajetan zum Tisch zurück und

setzte sich wieder zu seiner Schokolade. »Man darf doch diese

üblen Dinge nicht laufen lassen, wie sie laufen? Wenn sich auch ein

hilfreicher Weg im Augenblick nicht präsentiert, so hat man als Fürst

doch seine Verpflichtungen. Wer Herr heißt, trägt das Schwert nicht

umsonst. Man muß die Rädelsführer zu fassen suchen, muß aus dem Weg

räumen, was der Ordnung _contre coeur_ ist. Ein Fürst, der es

unterließe, wäre ein Erwürger seiner eigenen Herrschaft.«

Der Pfarrer bekam eine rote Stirn. »So sprachen wohl auch die römischen

Cäsaren, als sie das Christentum zu verfolgen begannen. Haben sie es

ausgerottet?«

Anton Cajetan verlor seine gebesserte Laune wieder. »Christentum und

evangelische Narretei sind verschiedene Dinge.«

»Für Euch als Priester. Nit für Euch als Fürst. Ist das deutsche Blut

im Schwedenkrieg umsonst geflossen? Sind die Protestanten nach den

Satzungen des Westfälischen Friedens nit privilegiert im ganzen Reich?«

Der Fürstpropst, vom Sessel aufspringend, vergaß seiner Würde so weit,

daß er mit der Faust wie ein Bauer losdrosch auf die Tischplatte.

»Diese siebentausend Rebellen meines Landes *sind* keine Protestanten.

Das sind hirnverdrehte Schwarmgeister, die ihren Wahn herausspinnen aus

besoffenen Gehirnen. Diese verrückten Kujons haben doch niemals noch

einen Prediger ihres Glaubens gehört.«

»Vielleicht ist eben deswegen ihr Glauben so fest!«

»Oh? Pamphletierst du gegen den eigenen Stand?«

»Das nit! Ich glaub, daß für die Menschen nichts nötiger ist als eine

hilfreiche Seelenweisung. Aber es kann die Schwachgewordenen nit arg

im Glauben festen, wenn neben dem Priester allweil der Muckenfüßl mit

seinem gefährlichen Notizbuch steht: Brauchst du das Weihwasser und den

Rosenkranz? Glaubst du ans Fegfeuer? Und wenn du nit glauben magst, so

mußt du zahlen!«

Der Fürstpropst wurde nachdenklich.

Das sah der Pfarrer und sagte mit herzlicher Mahnung: »Ihr spürt es

doch in Euch selber, daß da endlich ein Wandel kommen muß. Lieber Herr!

Schauet das Leben doch an! Sonst überall ist Wahl und Freiheit. Was tät

man sagen, wenn der Muckenfüßl austrommeln wollt: >Subjekt, du darfst

nur den schwarzen Rettich essen, nit den weißen!< Oft vertragt einer

halt den schwarzen nit, weil er so raß ist.«

Empört fuhr Anton Cajetan auf: »Vergleichst du die Religion mit einem

Rettichschwanz?«

»Ach, Herr, so ein kleines, unverdauliche Schwänzl hat *jedes* Ding auf

der Welt.«

»Das sind Parabeln, auf die ich mich nicht einlassen kann.« Heißer

Unmut begann im Fürsten zu wühlen. »Das Volk ist undankbar. Es sollte

kapieren, daß es heute besser dran ist, als in vergangenen Zeiten.«

»Besser?« Der Blick des Pfarrers war wie ein Rückschauen in grauenvolle

Bilder. »Wahr ist's, der Henker hat ein bißl weniger Arbeit heut, als

vor hundert Jahren. Da hat man dem deutschen Land durch Ketzerbrennen,

Ersäufen und Köpfen eine schauderhafte Zahl von rechtschaffenen Leuten

entzogen. Und hat für die Kirch nichts anderes zustand gebracht als

üblen Geruch.«

»Sie hat ihren Schaden observiert und hat es abgestellt.«

»Um ihre widerspenstigen Kinder leben zu lassen und sie lieber so lang

zu peinigen, bis sie die Rute küssen.«

Der Fürst machte echauffiert einen Gang durch das Zimmer und sagte

gereizt: »Rom könnte nicht mehr bleiben, was es ist, wenn es aufhören

wollte, die Widersacher zu bestrafen. In solchen Dingen muß man

konsequent sein.«

»Was hat's geholfen, Herr? Aus lauter römischer Konsequenz ist das

halbe deutsche Reich schon lutherisch. Und haben die justiziarischen

Seifenschläger bei uns nit ausposaunt: das Land ist rein, und wollt

man suchen mit des Diogenes Latern, es wär kein Evangelischer nimmer

zu finden. Und jetzt? Siebentausend bei uns! Und in Salzburg waren es

über die Dreißigtausend! Gefahr und Ketten, Not und Armut haben die

Salzburger lieber ertragen wollen, als untreu werden ihrem Seelentrost.

Man hat die Weiber aus den Armen der Männer gerissen, Tausende von

Kindern hat man ihnen weggenommen --«

»Ludwig?« unterbrach Herr Anton Cajetan. »Hast du geheime Verbindung

mit Salzburg? Da müßte ich deiner Neugier einen Riegel vorschieben.«

»Mich wird er nit drucken, Herr!« Der Pfarrer zog den Atem rückwärts,

um nicht niesen zu müssen. »Drucken und einengen wird er nur Euch.

Verschließt alle Grenzen mit eisernen Mauern und tausend Musketieren

-- die Botschaft, die Euer Völkl hören *will*, wird allweil einen

Weg zu seinem Herzen finden.« Er streckte die Hände. In seiner

Erregung fiel es ihm nicht auf, wie schnell der Allergnädigste vor

der Infektionsgefahr retirierte. »Herr! Ich bitt Euch, laßt Euch

raten von mir! Rühren Euch die Kanzleischöpse einen bösen Brei in den

fürstlichen Topf, so seid doch Ihr es, der ihn austunken muß. Was in

den Siebentausend zu heißem Leben geboren ist, das macht der Muckenfüßl

nimmer zum Kadaver. Das ist in ihnen wie gesundes Frühlingsholz.

Versenkt es in Eurem Königssee bis auf den Grund, beschwert es mit

Steinen, laßt eine Eisdeck drüberwachsen! Das Eis wird springen, die

Felsbrocken werden zerfallen, und das gute Holz steigt wieder in die

Höh. Es wird aus der schmerzhaften Tief heraufbrausen mit einem Stoß

und Auftrieb -- -- das könnt Euch umschmeißen, Herr!«

Der Fürst war bleich geworden, ging hastig zur Tür und schrie in den

Flur hinaus: »Ist dieser gottverlassene Filou noch immer nicht zurück?«

Man hörte die verneinende Antwort eines Lakaien.

Stumm betrachtete Pfarrer Ludwig den Fürsten, jäh herausgerissen aus

aller keimenden Hoffnung. Der Ausdruck schweren Kummers sprach aus

seinem verschwollenen Gesicht, aus den vom Schnupfen tränenden Augen.

Anton Cajetan hatte die Türe krachend ins Schloß geworfen, wanderte

hilflos durch die prunkvolle Stube und sagte ein paarmal flink

hintereinander: »Das muß man überlegen! Das muß man sich doch

überlegen!«

»Ja, Herr! Ein füreiliger Entschluß könnt Euch ein böses Sträßl in die

Zukunft bauen.« Die Stimme des Pfarrers klang so hart, daß der Fürst

verwundert aufsah. Ganz still war's einen Augenblick in dem großen

Raum. »Zu End müssen wir das allweil reden, Herr! Ich tu's und wenn's

um den Hals geht.«

»Eine anrüchige Einleitung! Was willst du sagen?«

»Ich mein', es handelt sich da nit *nur* um Gott und Himmel. Es kommt

mir so für, als tät hinter dem unverträglichen Eigensinn, mit dem die

Katholiken und Evangelischen gegeneinander hadern, noch was anderes

stecken. Römisch? Evangelisch? Das liegt doch nit so weit überzwerch,

daß man sich unter deutschen Nachbarsleuten nit verstehen könnt.«

Verdrossen murrte der Fürst: »Gott muß sich schön was denken, wenn er

dich als katholischen Priester so räsonnieren hört!«

»Da glaub ich erstens, daß Gott was Gescheiteres zu tun hat, als auf

mich aufzupassen. Und zweitens mein' ich, daß es ihm gleich ist, ob

die Menschen von rechts oder von links zu ihm kommen. Wenn sie nur

nit ausbleiben. Und schauet, Herr, zwischen einem Katholiken, wenn es

kein schlechter, und einem Evangelischen, wenn es ein rechter ist, wär

allweil ein ruhvolles Nebeneinanderleben möglich. Nit zwischen den

Hetzern und Streithammeln. Da ist Krieg, bis ihnen die bösen Kräft

entrinnen. Ich will hoffen auf den Sieg des Guten. Hoffnung muß das

ewige Laster aller Menschheit bleiben. Und da glaub ich, Herr, daß

der Hader um die Religion in Deutschland nur halb herausgewachsen ist

aus dem Kirchboden. Das geht noch auf was anderes zurück, als auf die

sprenkligen Glaubensfarben und auf das dreißigjährige Morden im Reich.

Das Ding ist älter. Der Gegensatz im Glauben hat's nur erneut und

aufgeblasen zu gefährlicher Unform.«

»Ich verstehe nicht. Was meinst du damit?«

»Den bockbeinigen Eigensinn und die händelsüchtige Rechthaberei der

Deutschen! Der tiefe Graben, der überall aufgerissen ist zwischen

allen deutschen Stämmen, will ein Sumpfloch werden, in dem das Beste

der deutschen Kraft versinkt. Sonst ist die unglückselige Torheit nur

daheimgewesen in den Herbergen und Studentenbursen, auf den Märkten

und Kirchweihen. Jetzt hängen sich die landsmännischen Galläpfel an

alles Große und Wichtige im Reich. Ein verzweifeltes Elend! Überall die

gleiche Narretei und Unvernunft: daß man den anderen, weil er anders

redet, in anderem Hut oder Kittel geht, allweil minder einwertet als

sich selber.«

Ungeduldig sagte Herr Anton Cajetan: »Das war so, seit es Deutsche

gibt. Und es wird so bleiben.«

»Dann werden die Deutschen dran zu Grund gehen.«

»Ach, Torheit! Und hat es sich seit zwei Jahrhunderten immer mehr

verschärft -- wer ist der Schuldige?«

Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's, er hat uns Römischen eine bittere

Mahlzeit eingebrockt. Aber wer weiß, ob das Ding mit ihm so weit

gegangen wär, wenn man auf unserer Seit ein bißl einsichtsvoller hätt

sein können, ein bißl menschlicher und -- weniger konsequent.«

»Ludwig?« fiel Herr Anton Cajetan dem Pfarrer zornig in die Rede.

»Willst du nicht lieber gleich hinübergehen zur Ketzerliste und dich

inskribieren?«

Der Pfarrer lächelte. »Ich? Nein, Herr! Ich mein' nur, eine Sonn, die

sticht, bleibt allweil auch eine Sonn, die geleuchtet hat.« Etwas

Heißes und Bestürmendes kam in den Klang seiner Worte, obwohl sie

leiser wurden. »Herr? Habt Ihr nie seine Bibel gelesen? Nur um der

Sprach willen? Als deutsches Buch?«

Anton Cajetan machte mit den Schultern eine graziöse Bewegung.

»Deutsch!«

»Ein kurzes Wörtl! Aber die kürzesten, Herr, sind allweil die tiefsten

-- wie Gott und Herz, wie Glück und Not.« Noch leiser wurde die von

Erregung bebende Stimme des Pfarrers. »Herr! Des Luthers Bibel, und

wär's nur um ihrer kraftvollen und neugeborenen Sprach willen, ist

ein Gesundbrunnen, eine heimatliche Erweckung für uns Deutsche. Wie

der Heiland gesprochen hat zur Tochter des Jairus, so spricht jedes

Blatt dieses Buches zum deutschen Volk: Steh auf und rede! Und *das*,

Herr, *das* vor allem ist der geheimnisvolle Zauber, den dieses

Buch auf unsere deutschen Bürger und Bauern übt! Da verstehen sie,

wenn sie lesen. Und spüren, daß sie dem vaterländischen Boden noch

nit entwachsen, noch nit pariserisch oder spanisch geworden sind,

sondern allweil noch mit Blut und Herz an der Heimat hängen.« Die

hagere Gestalt des Greises streckte sich, und in seinem Blick war

ein Hoffnungsglanz, wie in den Augen eines Jünglings, der von den

Heiligkeiten seiner Liebe spricht. »Besinnen sich die Herren ihrer

Pflicht und Herkunft nit, ihres nötigen Rückwegs in die Heimat, so wird

das deutsche Bürgertum und das Volk der deutschen Bauern dem kranken

Reich einen Weg zu gesundem Heil und zu neuer Zukunft bauen -- auch

*ohne* die Herren!« Pfarrer Ludwig vermochte nicht weiter zu sprechen,

weil er heftig niesen mußte, so unerwartet, daß er sich nimmer völlig

beiseite wenden konnte.

Der Fürstpropst war in aufmerksamer Spannung nähergetreten. Jetzt wich

er fluchtartig zurück, brachte sein Spitzentüchelchen und das goldene

Riechsalzfläschl in flinke Tätigkeit und klagte erbittert: »_Eh bien_,

nun hast du mir auch noch mitten in die Physiognomie hineingenossen.«

Der Pfarrer tat einen schweren Atemzug. »Das ist traurig, Herr: denken

müssen, daß ich Euch vielleicht beredet hätt zu einem verständigen

Entschluß -- wenn ich nit katarrhalisch wär. Ja, ja: die kleinen

Ursächlen und die betrübsamen Wirkungen!« Er versuchte sich seiner

Erregung durch ein heiteres Wort zu entwinden. »Vielleicht wär auch die

Welt nit erschaffen worden, wenn sich der liebe Gott vor dem ersten

Schöpfungstag im kühlen Chaos ein Tropfnäsl geholt hätt.«

»_Mon cher!_ Du beginnst impertinent zu werden. Es war nicht nur

gesundheitsgefährlich, heute mit dir zu konferieren, ich muß auch

die Wahrnehmung machen, daß ich mich gründlich in dir getäuscht

habe. Inkommodiere mich nicht mehr mit deinem Volk! Wo tauber Same

in morastigem Acker fault, da siehst du Frühlingssaat. Dein Volk ist

widerspenstig und voll Eigennutz. Dein Volk ist dumm. Dein Volk ist

schlecht.«

Das Gesicht des Pfarrers bekam so grimmige Züge, daß es mit seinen

häßlichen Warzen dem Antlitz eines mehr als verdächtigen Menschen

glich. »Nein, Herr! Das Volk ist weder gut noch bös, ist weder weiß

noch schwarz. Das Volk ist grau, wie sein Elend ist. So hat man das

Volk mit Seelenzwang, mit Jammer und Not gefärbt. Und nit zu verkennen

ist das, Euer Liebden, daß in geistlichen Fürstentümern das Volk weit

elender ist, als unter weltlichen Herren. Die geistlichen Fürsten

sagen: Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Und weil

sie als Priester wollen müssen, daß jeder selig wird, drum sorgen sie

als Fürsten dafür, daß jedermann arm ist.«

In Zorn machte Herr Anton Cajetan eine Bewegung, als möchte er auf den

Pfarrer zuschreiten. Doch er hielt sich ferne. »Mein langer Ludovice!

Du bist entweder ein großer Mensch, oder ein ganz erstaunlicher Narr.«

»Wofür entscheiden sich Euer Liebden?«

»Für das letztere.«

»Da werde ich mit dem Ratschlag, den ich noch geben muß, kaum Glück

haben. Aber geben muß ich ihn. Und daß ich vom fürstlichen Priester hab

reden müssen, ist schon eine Staffel gewesen. Den Entschluß, den die

Not Eures Lands und die Sorg um das Reich von Euch fordern, könnt Ihr

niemals finden als Priester. *Nur* als Fürst. In Euch selber könnt Ihr

Euch nit auseinander schneiden. So müßt Ihr den Schnitt zwischen Euch

und Eurem Ländl machen.«

»Oh?« Herr Anton Cajetan schien sich sehr zu amüsieren. »Abdanken,

meinst du?«

»Wär nit genug.«

»Wie anspruchsvoll!«

Je mehr im Fürsten die Heiterkeit erwachte, um so ernster wurde der

Pfarrer. »Schauet das Reich doch an! Wie ist da alles zerstückelt

und zerrissen! Festen Halt hat nur das groß und stark aneinander

Geschmiedete. Es gibt Stimmen, die sagen, es wär die einzige Genesung

der Deutschen: *ein* Volk, *ein* Reich, *ein* Herr! So sag ich nit. Die

Stammverschiedenheit ist wie gute Hefengärung im schweren deutschen

Teig. Nur fest aneinanderschlingen müßt man sich. Und müßt das wüst

ins Unkraut schießende Spötteln, das sinnlose, hochmütige, blitzdumme

Aufmucken unterlassen, bei denen im Süden wider die im Norden, bei den

Schwaben gegen die Sachsen, bei denen im Norden wider die im Süden.

Ist denn das um Herrgottswillen so ein schweres Kunststück, von einem

Bruder zu sagen: So ist er, und wie er ist, so müssen wir ihn nehmen

und nutzen!«

»Laß das!« unterbrach der Fürst. »Was geht das *mich* an! Ich bin

kuriös auf dein Rezept.«

»Wollt Ihr handeln als deutscher Fürst, so müßt Ihr aus der Landsnot,

die Euch bedrückt, einen Nutzen heraushämmern für das Reich. Müßt

helfen dazu, ein Fürbild der Verträglichkeit zu geben. Müßt helfen

dazu, daß ein gewichtiger Teil im Reich noch standhafter ins Wachsen

kommt.«

»Ich verstehe deine sibyllinische Weisheit nicht.« Der sarkastische

Ton verriet, daß Herr Anton Cajetan doch schon ein bißchen was zu

ahnen begann. Es gewitterte sehr merklich in seinen schwarzgefärbten

Augenbrauen.

»Beugt sich in Euch der Fürst vor dem Priester, so macht Ihr unser

Völkl elend, und Euer Land verblutet. Stellt Ihr den Fürsten *über* den

Priester, laßt Ihr Euch das Landwohl nit verpanschen von der berühmten

Konsequenz und macht Ihr Frieden mit den Siebentausend, so fallt Ihr in

Streit und Hader mit allen Hitzköpfen unseres geweihten Standes. Herr!

Da gibt's nur einen einzigen Ausweg.«

Das große Jagen · 第 59 / 98 题