Ein Lächeln. »Mit einem einsamen Tod.«

Das ging der Mälzmeisterin gegen die gesunde Natur. »Ach geh, du

Schäfle! Tät ich vom Sterben reden, so hätt's Verstand. Bei dir ist's

Narretei. Das mach ich dir nit zum Fürwurf. Ist doch die halbe Welt

verdreht!« Der Zorn war in dieser ausgeglichenen Frau eine seltene

Sache. Jetzt wurde er wach. »Tät unser Herrgott doch endlich einmal

einen Stecken nehmen und die ganze hirnkranke Menschheit so lang

karbatschen, bis sie alle betteln: Hör auf, wir wollen verstandsam

bleiben!« Sie wurde ruhiger und klagte: »Er tut's halt nit. Der muß

einen Geduldfaden haben, daß man ihn auf der Weltkugel nit aufknäulen

könnt in hunderttausend Jahr. Freilich, unser Herrgott hat Zeit zum

warten. Wir Menschen nit. Komm, Kindl! Wir wollen ein Wörtl reden mit

ihm. Eine schmerzhafte Mutter und von allen Jüngferlen das frömmste. Da

*muß* er doch hören! Meinst du nit auch?«

»Ja, Mutter Agnes!«

»Aber das Tiegerl mußt du auslassen. Schau nur, was du für glühheiße

Händlen hast! Was Heilsams muß allweil kühl haben.« Sie stellte den

kleinen braunen Tiegel an das Fenster, dessen Scheiben mit Schnee

behangen waren. »So, Kindl!«

Nun knieten die beiden vor dem Kruzifix auf die frischgescheuerten

Dielen nieder und falteten die Hände. Aus aller Frömmigkeit ihres

Herzens sprach Mutter Agnes den >Notschrei der wahren Christen im

tiefsten Elend<. Und Luisa, mit einer von Süßigkeit durchfieberten

Inbrunst, betete die Worte: »Hilf uns, o Herr! Hilf uns, Du Gütiger und

Gerechter, Du Allbarmherziger! Hilf uns, Du ewiger Vater!« Das hatte

sie schon hundertmal gebetet, mit einer Seele, die nur glauben konnte,

nicht denken. Jetzt zum erstenmal zuckte ihr durch die Verzückung des

Gebets ein menschlicher Gedanke: »Christen sind sie doch auch! Die von

da drüben! Sie glauben an Gott und Erlöser. Da sind sie doch keine

Heiden nit!« Sie mußte zittern, beschuldigte sich einer schweren Sünde

und empfand doch eine Freude, die den Klang ihrer betenden Worte noch

heißer und inniger machte. --

-- Um die gleiche Stunde betete auch ein anderer, nur in taumelnder

Seele, mit stummen Lippen, die sich so matt bewegten wie der Mund eines

Verschmachtenden. Sein Gesicht glühte, seine Augen waren geschlossen,

sein Körper wurde geschüttelt vom Wundfieber. Im Hallturmer Jägerhaus,

das nur einen Büchsenschuß von der bayerischen Grenze entfernt stand --

in einem Bodenraum, über dem die Lücken des Schindeldaches verkrustet

waren mit angewehten Schneeklumpen -- lag er ausgestreckt auf dem

Heu, in seinem Bergjägerkleid, mit nackten Füßen. Rotgesprenkelte

Wundverbände umwanden die Fußknöchel, die Handgelenke und den Hals.

Nun zuckten seine Glieder. Der wachsende Schmerz hatte ihn aus dem

Fiebertaumel gerüttelt. Halb sich aufrichtend, ließ er die heißen Augen

hingleiten über die niedere Balkenwand und über die Schneekrusten, die

zwischen den Schindeln hingen. Undeutlich hörte er aus dem Unterstock

des Hauses eine fluchende Stimme heraufklingen. Und sein Blick fragte:

Wo bin ich? Er schloß die Augen wieder. »Herr, wenn ich Dich nur hab

--« Die Worte des Gebetes flüsternd, fiel er zurück aufs Heu. Sein

zerrissenes Erinnern mischte sich mit jagenden Fieberbildern. Er hörte

die Mutter reden, sah ein Gewoge von Köpfen und Schultern, fühlte den

schmerzenden Druck der Eisenbänder, die zu glühen schienen, vernahm

das schöne Brausen des evangelischen Bekennerliedes, sah zwei Augen,

die er mehr als sein Leben liebte, spürte einen Becher an den Lippen

und hörte eine zärtliche Stimme: »Komm, tu trinken.« Er lächelte, und

mit diesem Lächeln schlief er ein.

Es knarrte auf der hölzernen Treppe. Aus dem offenen Stiegenloch

tauchte ein geselchtes Mannsbild heraus, lang und dürr, mit einem

weißen Schnauzer in dem mageren, wettergebräunten Gesicht, mit

wasserblauen, mißmutigen Augen. Das war der fürstpröpstliche Grenzjäger

Matthias Schneck. Der staatsmännische Auftrag, den ihm der Wildmeister

hinterlassen hatte, war ihm ungemütlich. »Kreuzteufel und Elend!«

knirschte er vor sich hin, während er aufmerksam den Schlafenden im

Heu betrachtete. Ein guter und fester Jäger war der Leupolt, von der

ganzen Berchtesgadnischen Jägerei der beste, freilich, aber halt

auch ein Ketzer, ein ewig verfluchter! So was hat ein guter Katholik

wie der Hiesel Schneck nicht gern unter Dach. »Teufel, Teufel, eine

abgestochene Sau wär mir lieber im Haus.« Nach diesem Weisheitsspruche

zog der Alte den Schnauzer zurück, tappte über die steile Stiegenleiter

in die Herdstube hinunter, zog über seinem Kopf die Bodenklappe zu und

schimpfte: »Kreuzteufel und narrischer Himmelhund! Allweil und allweil

schlaft er!«

»So?« erwiderte ein kleines, abgearbeitetes Weibl mit versunkenen

Kinderaugen in einem weißen Runzelgesicht. Weil sie das kurze, nur

wenig über die Knie reichende Röckl trug, sah sie noch kleiner aus,

als sie war, und glich einem braunen Borkenstöpsel, der auf zwei

weißbeinernen Stricknadeln steht. Auch schien es ihr an häuslichem

Verstand zu mangeln. Sie kochte was in einer kleinen Pfanne, für die

ein winziges Feuer ausgereicht hätte; aber auf dem Herdstein rauschte

eine große Flamme, von der eine sengende Hitze ausging. Und noch immer

legte das Weibl einen Ast um den anderen dazu. Und sagte: »Du! Schneck!

Wann's dir nit recht ist, daß er schlaft, so hättst ihn ja wecken

können.«

»Wecken? Wecken?« Ganz rasend wurde der Hiesel. »Du Gans ohne Federn!

So was tut man doch nit.«

Das große Jagen · 第 55 / 98 题