Sie schüttelte den Kopf. »An den Kummer Gottes.«

»Freilich!« Der Pfarrer nickte. »Gott muß sorgenvolle Zeiten haben.

Erschafft einen prächtigen Buben, hat seine Freud an ihm, und jetzt

liegt er in Blut und Schwären.« Er legte die Hand auf ihren Arm. »Ich

hätt dir den heutigen Weg gern ausgeredet. Aber ich merk, du tust dich

da nimmer halten lassen. Was christliche Barmherzigkeit ist, versteh

ich doch auch. Jeder gütige Menschenweg bleibt allweil ein Sträßl

Gottes. Und was ich dir neulich gesagt hab über deinen Vater? Also?

*Ist* er jetzt einer von den Siebenthalbtausend?«

»Wär's gekommen, wie ich geforchten hab, ich hätt's nit überlebt.« In

ihren großen nassen Augen erwachte ein froher Glanz, als wäre das die

einzige Freude dieser harten Zeit: »Jetzt glaub ich, daß der Vater

glaubt.«

»Siehst du! Hat man nit grad vier überflüssige Buchstaben im Hirn, so

kommt man schließlich im Leben hinter jede Wahrheit. Geh mit Gott,

mein Luisichen!« Lächelnd segelte der Hochwürdige in den langen

Schmierstiefeln über die weiße Welt, aufmerksam begleitet vom

Späherblick der Mutter Apollonia. Frau Jesunder leistete dabei eine

zwecklose Arbeit. Daß Pfarrer Ludwig zum Fürsten berufen war, das wußte

sie schon, wußte sogar noch mehr, hätte aber auch gerne gewußt, welche

Richtung das grüne Mäntelchen einschlug. Doch bis die neugierige Mutter

Apollonia in ihrer Behausung zu einem winzigen Hinterfenster sprang,

durch das sie die Welt nur in notwendigen Ausnahmefällen zu betrachten

pflegte, war Luisa nimmer zu entdecken.

Sie hatte bereits das Mälzmeisterlehen betreten. Zitternd stand sie da

im Flur und betrachtete ratlos die drei geschlossenen Türen. Ach, wie

viel Herzklopfen verursachen die Wege der christlichen Barmherzigkeit!

In dem kleinen Flur war nichts Katholisches, nichts Evangelisches zu

gewahren. Ein bißchen roch es nach Seife und lauem Wasserdampf. Doch

mehr nach Frühling. Hopfenproben und geröstete Gerste duften kräftiger

als manche Blumen.

Von den drei Türen war es die nach der Gartenseite, zu der man das

größte Vertrauen haben konnte. Die Küchentür. Als Luisa sie öffnete,

sah sie zwei Wasserbottiche mit blutfleckiger Bettwäsche und sah eine

schlafende Frau. Wahrhaftig, man konnte glauben, daß Mutter Agnes

schlief. So unbeweglich saß sie auf dem spreizbeinigen Bänkl über das

Gesims des Gartenfensters hingesunken, vor dem der Fall der Schneefäden

herunterging, und hielt das Gesicht in den Armen vergraben. Über den

entblößten Scheitel rieselte ein schauerndes Zucken. Frau Agnes hörte

nicht, daß jemand gekommen war. Erst diese lispelnde Stimme weckte sie:

»Liebe Meisterin --« Da fuhr sie auf, als sähe sie ein Wunder. »Kindl?

Du?« Luisa nickte: »Schau, da hab ich ein wehstillendes Sälbl gekocht

und hab's in lindem Feuer viermal geläutert. Gestern, wie noch heller

Himmel gewesen, hab ich es klären können in der Sonn. Und heißer hab

ich gebetet dabei, als je im Leben.« In den zitternden Händen hielt sie

ihr das braune, mit Schweinsblase verschlossene Tiegelchen hin. »Magst

du es haben?« Mutter Agnes versuchte zu lächeln, blieb stumm und beugte

den Kopf. »Jesus!« stammelte Luisa. Erst jetzt gewahrte sie dieses

Erschreckende. Die Mälzmeisterin, deren Scheitel am Sonntag vor dem

Holz der Unehr noch blond gewesen, war in fünf Nächten grau geworden.

In der stillen Küche knisterte das Herdfeuer, und das siedende Wasser

brodelte. Das war wie eine verträumte Stimme, die gerne singen möchte,

aber nur die Weise findet und kein Wort dazu.

Frau Agnes erhob sich und legte den Arm um Luisas Schultern. »Komm!«

Sie führte das Mädchen in den Flur und vor eine Tür, die sie öffnete.

»Da, schau!« Es war seine Kammer. An einem Zapfenbrette hingen allerlei

Jagdgeräte, die Schneereifen und Steigeisen, der Bergsack, die

stählernen Schlagfallen für den Fuchsfang, die neue Feuersteinflinte

und eine Armbrust aus Urgroßvaters Zeiten. Eine schmale weiße Stube,

ohne Ofen, mit spärlichem Gerät, so alt, wie die Armbrust war. An

der Mauer ein kleines Kruzifix. In der Ecke, dem tief in der Mauer

sitzenden Fenster gegenüber, stand das plumpe Bett, mit einer grauen

Wildschur und mit Kissen, von denen der Überzug heruntergenommen war.

Luisa entfärbte sich.

»Schau, da hat er noch gestern gelegen, so klaglos und gottsfreudig

wie einer von den Heiligen, die sie gemartert haben.« Frau Agnes

streichelte ein Kissen, das feuchte Flecken hatte. »In der Nacht ist

der Wildmeister gekommen, mit zwei Jägerknechten. Die haben ihn im

blutigen Verband auf ein Rößl gehoben und haben ihn fortgeführt, ich

weiß nit, wohin.«

Wie eine Erlöste atmete Luisa auf.

Da sah die Mälzmeisterin sie an. »Ach, Kindl, wie tust du zittern!

Komm, setz dich ein bißl daher!« Sie zog die Widerstrebende auf das

leere Bett ihres Sohnes. »Mein Alter meint, die Herren hätten den Buben

bloß fortgeschafft, daß er den Leuten aus den Augen wär. Krieg ich

Botschaft, wo er ist, so schick ich ihm gleich dein Tiegerl, gelt!« Sie

konnte lächeln. »Ob's heilsam ist oder nit, es wird ihm wohltun. Darf

ich es ihm sagen?«

»Was, Meisterin?«

»Daß es von dir ist.«

Sie nickte.

»Und daß du ihm gut bist?«

»Ja, Mutter!«

»Und daß ihr zwei, wenn die verständigen Zeiten wieder einkehren --«

Luisa bekam das strenge Klostergesicht. »Das nit! Eine Hoffnung tät

Sünd werden. Er ist drüben, ich bin, wo ich sein muß. Da ist kein Weg

nimmer.«

»Eins von euch beiden muß doch fügsam werden. Wie soll's denn enden?«

Das große Jagen · 第 54 / 98 题