»Höll, Himmel und Haberstroh! Hast nit ein *bißl* Verstand unter dem
Hafendeckel? Ein einzigsmal seit der Ewigkeit hat unser grundgütiger
Herrgott ein boshaftes Stündl verspürt, und da hat er ihm so ein
Weiberleut ausstudiert! Kreuz Teufel, enk sollt man hauen den ganzen
Tag. Der hat vierundzwanzig Stündlen. Wann sie nit reichen, könnt man
die Nacht noch hernehmen dazu! Verstehst?«
»Ja ja, Schneck, versteh schon!«
»Also, in Gotts Namen!« Er setzte sich auf die Mauerbank und begann
für einen Schneemarsch die Filzgamaschen um die Waden zu schnüren.
So oft der Riemen nicht in die Haftel schlüpfen wollte, gab's einen
fürchterlichen Fluch. Das Fluchen ist ein verhölltes Ding, und wo
sich der Teufel rührt, wird's finster. Wohl möglich, daß die alten
Balkenmauern in den fünfunddreißig Jahren, seit der Schneck und die
Schneckin zwischen ihnen hausten, vom vielen Fluchen des Hiesel so
schwarz wurden. Augenblicklich waren diese teufelsfarbenen Wände auch
noch angeglüht von der großen Flamme. Alles in der Stube funkelte,
der ganze Herd mit der Rauchmuschel darüber, in der anderen Ecke das
zweischläfrige Bett mit den hochgetürmten Kissen, in der dritten
Ecke der Tisch, in der vierten der alte Geschirrkasten und die
Geweihstangen, die als Kleiderrechen an die Balken genagelt waren. Kaum
merkte man inmitten dieser Funkelglut, daß es draußen Tag war. Auch
sonst hatte die Stube noch was Höllisches. Neben der Tür, die ins Freie
führte, ging ein niederes Türchen in den Geißstall. Da trug man an den
Sohlen immer was über die Schwelle. Drum roch es beim Hiesel Schneck
-- außer nach Ruß, nach Rauchtabak und geschmierten Bergschuhen --
auch sehr heftig nach Ziegenpillen und Bockmist. Dennoch merkte man es
der Stube an, daß sie behütet wurde von zwei fleißigen Frauenhänden.
Gegen den Stallgeruch konnte die Schneckin nicht aufkommen, weil sie
sich seit dreißig Jahren an ihn gewöhnt hatte und nur selten merkte,
daß er da war. Die Ziegen hatten alle paar Jährchen gewechselt, der
Geruch war der gleiche geblieben. Auch der Hiesel Schneck. Der hatte
schon vor fünfunddreißig Jahren, in der ersten Woche nach der Hochzeit
so lästerlich geflucht. Das war der jungen Schneckin hart auf die
Seele gefallen. Und eines Tages hatte sie gebettelt: »Tu dich doch
nit allweil so versündigen, Mann!« Da hatte er in Zorn gebrüllt:
»Kreuzteufel, Himmelhund und Höllement! Wer sagt denn, daß ich mich
versündig? Wie denn? Wann denn? Wo denn?« Seit damals wußte die
Schneckin, daß das Sakermentieren am Hiesel nur eine Haut war, wie am
Fichtenbaum die Borke. Die ist rauh, das Holz ist gut. So gewöhnte sich
die Schneckin an die höllmentischen Borsten ihres Schneck, wie sie
sich um der guten Geißmilch willen an die Düfte des Bockmistes gewöhnen
mußte. Länger als ein Vierteljahrhundert hatte sie der Schneckischen
Flüche nimmer geachtet. Erst im vergangenen Herbste hatte sie wieder
Ohren dafür bekommen. Das ließ sie den Hiesel aus triftigen Gründen
nicht merken.
Als er die Filzgamaschen prall an seine Waden hingeflucht hatte,
nahm er Branntwein und Ziegenkäs in den Bergsack, hängte die
Feuersteinflinte hinter die Schultern, warf den Wettermantel drüber und
sagte leis: »Paß auf, Schneckin! Das Süppl, Kreuzteufel, das muß er
haben! Aber ordentlich versalzen mußt du's. Verstehst?«
»Wohl, Schneck, versteh schon. Ich salz, daß der Bub verdursten muß
über Nacht.«
»Höllement und Himmelhund, verstehst du denn nit, du Schaf ohne Woll!
Nit gar so fest! Bloß daß er merkt, wie gut er's überall haben könnt,
viel besser als wie bei uns. Verstehst?«
»Ja ja, Schneck, gut versteh ich.«
»Daß er frieren muß da droben, wie die Feldmaus an Weihnächten, das
wird mithelfen. Und du mußt ihm halt allweil fürreden, daß er keine
hundert Sprüng nit braucht bis zur bayrischen Grenz. Verstehst?«
»Ja, Schneck, versteh schon. Allweil stell ich mich ans Bodenfenster
und sag: ja guck nur, guck, wie gut man von da den Grenzbaum sieht!«
»No also! Endlich verstehst ein bißl! Und wirst wohl wissen,
wie's der Wildmeister haben will. Kein Wörtl von der luthrischen
Narretei. Tu fürsichtig das Maul halten! Wir zwei sind gute Christen.
Kreuzhöllement! Unser Herrgott ist unser Brot. Verstehst? Wie flinker
er nüberspringt ins Bayrische, um so lieber ist es den Herren.
Verstehst?«
»Wohl, Schneck, versteh schon! Wenn's nächtet, ist der Bub nimmer
droben am Heuboden.«
»Gott soll's geben!« Der Hiesel ging zur Türe. »Gelobt sei Jesus
Christus und die heilige Mutter Marie.«
Ruhig sagte das kleine Weibl am Herd: »Von nun an bis in Ewigkeit
Amen!« Und legte drei schwere Holzprügel in die große, rauschende
Flamme.
»Höll, Himmelhund und narrische Fasnacht, was tust du denn so unsinnig
feuern, Weib?«
»Daß ich nit frieren muß.« Dabei rannen der Schneckin die Schweißperlen
über das von der Hitze halb gebratene Gesicht. »Verstehst?« Nein,
das verstand der Hiesel nicht. Er fing über die Dummheit der Weiber
wie ein Wilder zu fluchen an und schlug die Türe hinter sich zu. Man
hörte noch immer seine wütenden Himmelhunde bellen, als seine Schritte
schon versunken waren im tiefgewordenen Schnee. Kaum er draußen war,
sprang die Schneckin zur Treppe hinüber und lupfte die Bodenklappe, daß
die Wärme hinaufströmen konnte. Und wieder zum Herd, und wieder ein
paar feste Prügel ins Feuer. Sie kostete, was sie gekocht hatte, und
weil die Milchsuppe ein bißchen nach dem Geißstall bitterte, rührte
die Schneckin ein Löffelchen Honig hinein. Daß einer im Wundfieber
nichts Heißes trinken soll, das wußte sie auch. Drum sprang sie in den
weißen Flockenfall hinaus, um das Blechschüsselchen mit der dampfenden
Suppe im Schnee zu kühlen. Wieder kostete sie und nickte zufrieden.
In der Art, wie die Schneckin das alles tat, war etwas Mutterhaftes.
Sieben Kinder hatte sie ihrem Höllementshiesel geboren, alle in
dieser schwarzen Stube, und keines hatte sie behalten. Drei waren
an den Blattern gestorben, die zwei ältesten Buben dienten bei der
Schellenberger Saline, der dritte war Soldat bei der Reichsarmee, und
das jüngste von ihren Kindern, ihr liebes Mädel, hatte im vergangenen
Sommer einen Halleiner Knappen geheiratet. Bei der Schneckin waren nur
der Hiesel, seine Himmelhunde und der Bockmist geblieben.
Achtsam trug sie das kühle Schüsselchen über die steile Treppe hinauf,
huschelte sich neben dem Schlafenden ins Heu, betrachtete sein
glühendes Gesicht und streichelte den Wundverband an seinem Handgelenk.
Dann saß sie unbeweglich, bis der Schlummernde zu erwachen schien. Sie
schob ihm sacht die Hand unter den Nacken. Als er die Augen öffnete,
hob sie das Schüsselchen und sagte freundlich: »So komm, tu trinken!«
Mit einem erstickten Laut riß Leupolt den Kopf in die Höhe, sah
verstört in die Augen der alten Frau, schob die Schüssel von sich fort
und fiel zurück.
»Bub? Tust du mir leicht nit trauen?«
Leupolt schwieg.
Da neigte die Schneckin den Mund zu seinem Ohr. »Es ist ein heilig
Ding, ist deins und meins. Komm, lieber Bruder in Christ, tu trinken!«
Noch während sie sprach, umklammerte er mit zuckenden Händen ihren Arm
und fragte: »Bist du am Sonntag auf dem Markt gewesen?«
»Wohl, Bub, da hab ich dich leiden sehen.«
»Hast du gesehen, daß eine mich trinken hat lassen aus ihrem Becher?«
»Ja, Bub!«
»So hab ich es nit geträumt?« Aufatmend nahm er das Schüsselchen
aus ihren Händen, trank mit gierigen Zügen und sagte lächelnd:
»Vergeltsgott, gute Schwester!« Er schloß die Augen, noch immer
lächelnd. Nach einer Weile fragte er leis: »Wer bist du?«
»Die Schneckin, Bub! Kennst du mich nit?«
»Das Weib des Jägers an der Grenz? Und bist du am Sonntag auch den Weg
der Wahrheit gegangen?« Die Frau blieb stumm und verfärbte sich ein
bißchen. Leupolt öffnete die Augen. »Warum nit, Schwester?«