In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag schlug das Wetter um. Früh
am Morgen fing es zu schneien an, still, ohne das leiseste Windwehen.
Senkrecht fielen die großen Flocken aus der Luft herunter.
Im schwarzwollenen Hauskittel stand Pfarrer Ludwig am Fenster. Er
hatte eine rotverschwollene Nase zwischen entzündeten Augen und mußte
noch manchmal niesen. Im Widerspruch zu diesem Leiden war seine Laune
überraschend heiter und wurde noch immer fröhlicher, je dichter
da draußen die Flocken fielen. »Nur schön herunter mit dem weißen
Leintüchl! Dann such, du justiziarisches Dromedar!«
Sehr heftig rasselte die Hausglocke. Schwester Franziska, mit
erweiterten Angstaugen, trat in die Stube: »Der Hochwürdige soll
hinüberkommen zum Fürsten.«
Pfarrer Ludwig schrie mit seiner vom Schnupfen noch heiseren Stimme:
»Die hohen Stiefel! Flink!« Als er allein war, runzelte er die Stirne
wie unter angestrengter Gedankenarbeit. Er sprang zum Kasten, zerrte
einen Mantel heraus, der farbig und gebändert war wie weltliche
Herrentracht, ballte ihn zu einem Knäuel zusammen und schob ihn hastig
ins Ofenloch. Das gab ein hurtiges Feuer. »Es stinkt ein bißl, aber
hilfreich ist es.« Pfarrer Ludwig lachte. »Der Schlüssel im tiefsten
Brunnen! Der Totengräbermantel in der schönsten Glut!« Nun flink
hinüber zum Schreibtisch. Er ließ das Geheimfach aufspringen, zerriß
drei lateinisch beschriebene Blätter in kleine Stücke und beförderte
sie ebenfalls in die Flamme. »Früher hat man die Klugen selber
verbronnen, jetzt röstet man nur noch ihren Verstand. Allweil duldsamer
wird die Menschheit.« Aus einer Lade nahm er zehn Guldenstücke und
zwanzig Sechser, legte die Münzen schön geordnet in das Geheimfach,
ließ die Feder wieder zuschnappen, zog in der Stube alle Schlüssel ab
und schob sie in die Tasche. Als ihm die Schwester die Stiefel brachte,
fuhr er mit den Füßen hurtig in die Schäfte. »Nach Rosenwasser riechen
sie nit. Der Gnädigste wird das Näsl verziehen.« Er nahm den Radmantel
um und stülpte schmunzelnd die schwarze Pelzkappe übers weiße Haar.
»So, Schwester, tu mir das Haus schön hüten! Und kriegst du Besuch, so
unterhalt dich gut!«
Bevor er hinaustrat in den jungen Schnee, spähte er nach den Fenstern
des Chorkaplans Jesunder und konnte gewahren, wie Frau Apollonia
zurückfuhr von ihrem Lauerposten. »So so?« Er schlug den Radmantel
um die Schultern, wanderte gegen das Stift, blieb wieder stehen und
blickte heiter dem flinken Menschenkind entgegen, das herankam durch
den Vorhang der weißen Himmelsfäden. Flaumig hing der Schnee am
Federtuff des spanischen Hütls. Schultern und Ärmel des grünen Mantels
waren versilbert. Kein Gebetbuch, kein Rosenkranz. Zwischen den Händen,
die aus den Mantelsäumen herauslugten, zitterte ein braunes Tiegelchen,
das mit einem Schweinsblasenfleck überbunden war. »Guten Morgen, Kind!
Wohin denn im tiefen Winter?«
»Zur Mutter Agnes.«
Der Hochwürdige schien zu erschrecken. »Ich kann doch nit denken, daß
dein besonnener Vater dich schickt?«
»Ich geh von selber.« Sie atmete schwer. »Die Mutter Agnes ist eine
Gutgläubige.«
»Freilich! Aber in ihrem Haus, da liegt doch einer, der zur bösen Lawin
der Siebenthalbtausend den ersten Schneeballen hat laufen lassen?«
»Wie alles ist, weiß bloß ein Einziger.« Sie hob das vergrämte Gesicht
zur weißverschleierten Höhe.
»Kind? Warum hast du Tränen in den Augen?«
»Weil ich allweil denken muß --«
»An den Leupi und seine Schmerzen?«