Erschrocken fragte Lewitter: »Wirst du's nötig haben?«

Der Pfarrer lachte. »Wenn dem Willibald ein Tröpfl Verstand lebendig

wird in der Stöckelmilch! Wahrscheinlich ist's *nit*. Aber allweil noch

so möglich, wie daß der Gockel eine Henn wird, wenn man ihm freundlich

zuredet. Und da sollst du außer Spiel bleiben, Simmi! Aber weil mir der

Bader nit geholfen hat, drum bin ich in den Filzpatschen hergelaufen zu

dir. Und du hast mir ein feines Medikament verzapft. Gelt ja?«

Ohne zu antworten, huschte Lewitter davon, brachte eine haselnußgroße

Pille und schob sie dem Pfarrer zwischen die Lippen. »Jetzt brauch ich

nit lügen.«

»Und ich brauch nimmer im Bett liegen. Da ist uns beiden geholfen.«

»Eine seltsame Krankheit! So glaubhaft --« Lewitters Stimme wurde leis,

»wie das Mirakel der Armeseelenkammer.«

Schmunzelnd beugte sich der Pfarrer gegen das Gesicht des Freundes

hin. »Gott sei Dank, Simmi, daß *du* nit der Landrichter bist.« Ein

heiteres Lachen. In der Stille, die ihm folgte, klang der Hall des

tausendstimmigen Bekennerliedes wie das ferne Rauschen einer Mühle.

Herr Ludwig wurde ernst und fragte flüsternd: »Weißt du, was geschieht

da drunten?«

Lewitter wehrte mit beiden Händen und schlüpfte in seine leere

Kinderstube. Drinnen klirrten die eisernen Stangen. Vor sich

hinnickend, stapfte der Pfarrer die Treppe hinunter. In das Gewühl der

Marktgasse wagte er sich nimmer. Hinter den Häusern watete er durch

die Traufenbäche und begann, bevor er seine Wohnung erreichte, heftig

zu niesen. Die Folgen seiner Verkühlung in den nassen Filzpantoffeln

entwickelten sich mit der Schnelligkeit eines fürstpröpstlichen

Läufers. Dem Jammer seiner Schwester konnte Pfarrer Ludwig das

tröstende Wort entgegenhalten: »Gott bleibt allweil barmherzig. Wie

nötiger ein Leiden ist, um so flinker schickt er's.«

Brausend klang von den Stiftshöfen herauf das fromme Lied. »Tät die

Regierung nit sagen, das ist Rebellion, so möcht man glauben, das

ist schöner Gottesdienst.« Der Pfarrer ließ sich den Lehnstuhl ans

Fenster rücken. Hier saß er, in wollene Decken gewickelt, sich immer

schnäuzend, und blickte hinunter auf das Menschengewühl, das sich in

dem weiten Hof mit jeder Minute vergrößerte.

Nicht nur Bauern und arme Handwerker standen da drunten, um auf die

Eintragung in die Ketzerliste zu warten, auch wohlhabende Bürger des

Marktes, die man noch nie als Unsichtbare verdächtigt hatte, zahlreiche

Salzknappen und viele Dienstleute des Stiftes. Die fassungslose

Regierung mußte die Wahrnehmung machen, daß sie seit Jahren von

>Abtrünnigen< umgeben war bis zu den vergoldeten Füßen ihres Thrönchens.

Nichts von Aufruhr. Kein Schimpfen und Spektakulieren. Das Verhalten

der Bekenner war ruhig, war durchglänzt von einem freudigen Glück. In

dichten Gruppen standen sie beisammen, und immer wieder fing einer

zu singen an, und hundert und tausend fielen ein, daß ihr froher

Gesang wie das Osterlied einer Orgel war. »Christen? Ketzer?« Pfarrer

Ludwig sah zum Geheimfach seines Schreibtisches hinüber. »Hat der

Amsterdamer Singvogel recht, so sind es tausend Gotteskinder, näher dem

Himmel als der Welt. Weil sie vorwärts drängen und Wahrheit suchen.«

Sinnend betrachtete er die lange Menschenkette, die sich gegen das

Gerichtsgebäude hinüberschob. Bei aller friedsamen Bürgerruhe, die da

drunten herrschte, gab es doch auch erregte Szenen. Es kamen gutgläubig

gebliebene Frauen, verstört und weinend, um ihre evangelischen Männer

und Söhne zu reuevoller Umkehr zu beschwören. Es kamen zornige Männer,

die ihre >verführten< Weiber und Töchter herausreißen wollten aus

der Bekennerschar. Doch immer ruhiger wurden diese Wortkämpfe, je

deutlicher die Regierung eine Hilflosigkeit bekundete, von der man

Gefahren für Gut oder Leben nimmer zu besorgen brauchte. Wie man den

Leupolt Raurisser vom Holz der Unehr heruntergenommen hatte, ließ man

auch alle Verhafteten wieder frei. Die gesetzliche Macht beschränkte

sich darauf, zur Festlegung der Bekennernamen ein Tribunal zu

errichten, dessen Vorsitz der Kanzler von Grusdorf übernehmen sollte.

Leider mußte man auf seine Mitwirkung verzichten; er war von dem Besuch

bei seiner unpäßlichen Nichte Aurore de Neuenstein in einem Zustand

heimgekehrt, der einem Schlagfluß ähnelte. So mußte den Vorsitz des

Tribunals der aus dem Schlaf gerüttelte _Dr._ Halbundhalb übernehmen.

Als er in gespensterhafter Blässe zur dienstlichen Mißhandlung der

Wahrheit antrat, richtete Herr Anton Cajetan diese Rede an ihn:

»Willibald! Daß du ein Esel bist, hab ich immer gewußt. Aber so

deutlich wie in diesen Tagen hast du es noch nie bewiesen. Ich möchte

weinen über die Arbeit, die du fabriziert hast. Daß du die Ehrlichen

als Verbrecher erkennst und die Lumpen für Apostel der Wahrheit nimmst,

das ist noch lange nicht die übelste von deinen Schädigungen des

Staates. Du wirkst wie ein Fäulniskeim. In allen Redlichen erschütterst

du den Glauben an die Gerechtigkeit, und den geheiligten Richterstand

machst du verächtlich vor allen Subjekten. _Mais, que Dieu nous soit en

aide_, die böse Stunde läßt dich unentbehrlich erscheinen -- ich habe

kein Rechtskamel, das kleiner ist. Setze dich hinauf, laß die andern

amten, suche würdevoll auszusehen und halte das Maul! Besser kannst

du mir nicht dienen.« Als Beisitzer gab ihm Herr Anton Cajetan vier

Kapitelherren, die beiden Chorkapläne und fünf Domizellaren. Graf Tige

war nicht aufzufinden.

Die Moidi von Unterstein, die man zuerst verhaftet hatte, wurde

auch zuerst verhört. Als Graf Saur die Frage an sie richtete: »Was

glaubst du?«, öffnete sie das Mieder, zeigte die schwärenden Male der

Faustschläge und sagte: »Ich glaub, daß es Gottes Willen nit ist, ein

Menschenkind so zuzurichten.« Die Herren waren ein bißchen betreten,

und der Richter mit den verriegelten Zähnen klappte wie eine Eule

die Augendeckel zu, weil der unsittliche Anblick seinen Prinzipien

zuwiderlief. Dabei ließ er sich zu zwei verbotenen Worten hinreißen:

»Du Schwein!« In Zorn antwortete das Mädel: »Auf den Hintern haben mich

die Soldaten Gottes nit gehauen. Sonst hätt ich Euch *den* gezeigt. Und

mir hätt's weniger weh getan.« Graf Saur beruhigte die Empörte. Dann

wurde sie drei Stunden lang über alle Glaubenssätze vernommen.

Als Zweiten wollte man den Fürsager von Unterstein citieren.

Da polterte ein Ungerufener in die Amtsstube: der Mälzmeister

Raurisser. Er hatte die von seiner Frau versperrte Haustür in Fetzen

geschlagen, um sich als evangelisch zu bekennen. Unter allem, was er

zähneknirschend vor sich hinbiß, hatten nur die Worte Verstand, die

er über die >unchristliche Peinigung< seines Sohnes sagte; doch sein

Glaubensbekenntnis war so verworren, daß man mit Sicherheit nicht

unterscheiden konnte, ob der alte Raurisser schon evangelisch oder

noch gutkatholisch wäre. Dieses Dilemma wurde von Graf Saur durch die

salomonischen Worte entschieden: »Mein lieber Mälzmeister! Geh er

wieder heim, glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin

eine so bekömmliche Biersorte wie bisher.«

Nun wurde der Alte von Unterstein vorgerufen. Sein Verhör entwickelte

sich für die beiden Chorkapläne zu einem erbitterten Wortgefecht.

Der Greis in seiner unerschütterlichen Ruhe, in seiner graden und

schlichten Einfalt, blieb ihnen keine Antwort schuldig und übertraf

an Bibelfestigkeit die zwei Theologen bei weitem. Sie hätten seine

Nierenprüfung ausgedehnt bis in die Nacht, wenn Graf Saur nicht

festgestellt hätte, daß mit drei Verhören fünf kostbare Stunden

vertrödelt wurden. »Protokollieren wir so weiter, dann müssen wir ein

halbes Jahr lang durch Tag und Nacht verhören und sind im Herbst,

wenn schon die Hirsche röhren, noch immer nicht fertig.« Es war

dringend notwendig, die Tribunalpraxis in ein summarisches Verfahren

zu verwandeln. Es wurden sechs Tische aufgestellt. An jedem zwei

Schreiber. Und nun wanderten die endlosen Reihen der Bekenner an den

sich immer länger füllenden Listen vorüber. Man schrieb nur Namen,

Alter, Lehen und Gnotschaft auf. Dann weiter um eine Nummer. Erst gegen

die zweite Morgenstunde wurden die Stiftshöfe leer. Und als man an den

Tischen des Ketzertribunals summierte, ergab sich die erschreckende

Ziffer 2714.

Schon früh am Morgen begann die Zuwanderung der Bekenner aufs neue.

Am Abend standen 4372 Namen verzeichnet. In der Dämmerung des dritten

Abends waren es 5816, und als in den Nachmittagsstunden des folgenden

Mittwochs der Strom der Subjekte, die sich als evangelisch bekannten,

endlich versiegte, konnte die Regierung ihre Hände über der Ziffer 6394

zusammenschlagen. Mehr als zwei Drittel der gesamten Einwohnerzahl des

gefürsteten Landes von Berchtesgaden! Herr Anton Cajetan stand ratlos

und erschüttert vor dieser ungeahnten Katastrophe. Er hatte schlaflose

Nächte, Herr von Grusdorf entsetzliche Tage. Der Kanzler fühlte die

Last der Verantwortung, wagte sich nimmer ins Stift und maskierte

seine chronische Absenz durch einen schweren Anfall von Podagra. Auch

jeden Besuch bei der Allergnädigsten unterließ er. Wurde ihr Name vor

ihm genannt, so bekam er einen Gallenkrampf.

An Jesunder waren Zeichen einer Melancholie zu entdecken, die in

Geistesstörung überzugehen drohte. Er zankte sich ununterbrochen mit

seiner verehrten Frau Mutter, versagte bei jedem Bekehrungsversuch

und konnte durch Tag und Finsternis an nichts anderes denken, als nur

an das ungelöste Rätsel der Armeseelenkammer. Immer hängte sich sein

ganzes Sinnen und Grübeln an diesen *einen* Verdacht: der Pfarrer

Ludwig! Um dem Chorkaplan diese aberwitzige Vorstellung aus dem Gehirn

herauszubeweisen, verschwendete _Dr._ Willibald alle Schärfe seines

Geistes. Zu Dutzendmalen sagte er: »Aber Bester! Endlich *muß* man sich

doch von einer notorischen Wahrheit überzeugen lassen!« Im Bewußtsein,

etwas justiziarisch Zweckloses zu unternehmen, nur, um den gequälten

Jesunder von dieser Wahnvorstellung abzubringen, überraschte er den

Pfarrer durch einen inquisitorischen Besuch. Der Verdächtige war jetzt

wirklich krank, litt an einem Schnupfen von gewalttätigen Symptomen.

Weil die Sache unbestreitbar war, begann der Landrichter an ihr zu

zweifeln und sagte zu Jesunder: »Nun erkenne ich, daß Ihr nicht völlig

unrecht habt.« Er mußte die infizierte Nase putzen. »Der Pfarrer

simuliert.«

Während solche Gedankenblitze unter den gepuderten Roßhaarwickeln

des Landrichters wetterleuchteten, ging ein hoffnungsvolles Aufatmen

durch das Berchtesgadnische Land. In allen Häusern und Hütten der

Bekenner war's wie ein stiller, schöner Ostermorgen der Wahrheit. Die

Freude glänzte in den Augen der Evangelischen. Doch nirgends hörte man

lauten Jubel, nie ein übermütiges Wort. Diese Sechstausend schienen

wie erneut in ihrem Leben, wie erhoben und geläutert an allen Kräften

ihres Herzens. Am Tage gingen sie fleißig ihrer Arbeit nach. Am Abend

versammelten sie sich zur Fürsage und hörten das Wort Gottes. Und im

ganzen Ländl erwies es sich, daß es für die Bekenner verschiedenen

Glaubens kein Ding der Unmöglichkeit ist, verträglich Seite an Seite

zu leben. In den Gutgläubigen, die treu an ihrem alten Himmel hingen,

zitterte wohl der Schreck und die Trauer. Auch der Zorn. Aber in diesem

gesunden, prächtigen Volksschlag gab es viele Verständige, die sich

gut darauf verstanden, den Nebenmenschen nicht nach der Kittelfarbe

einzuschätzen, sondern nach Herz und Leben. Auch waren die Unterschiede

in den Glaubenssätzen nicht so beträchtlich, daß ein nachbarliches

Brückenschlagen nicht möglich gewesen wäre für Menschen, die sich nicht

leiten ließen von blindem Haß. Es standen auf katholischer Seite viele

Männer und Frauen, die wesensverwandt mit dem Pfarrer Ludwig und der

tapferen Frau Agnes waren, jeden aufbrennenden Hader besänftigten und

immer sagten: »Ist unser Erlöser nit der gleiche? Sind wir nit geboren

auf gleichem Boden? Sind wir nit deutsche Leut, die zusammengehören in

Freud und Pein?«

Auch in den Häusern, in denen ein >tiefer Graben< ausgeschaufelt

war zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, begann es

friedsamer zu werden, seit man nimmer zu besorgen hatte, daß man

auseinandergerissen würde. Zwei Drittel der Einwohner eines Landes

kann man nicht um Dach und Heimat bringen und über die Grenze jagen.

Die Herren müssen zur Einsicht kommen, sie haben schon den Anfang

gemacht, haben den Leupolt nach der vierten Stund am roten Balken

begnadigt, haben keinen Bekenner ins Eisen geschmissen, werden sich

verständigen mit den Evangelischen, wie's der Westfälische Frieden

allen Deutschen vermeint hat, und müssen den Leuten ein ruhsames

Nebeneinanderhausen vergönnen. Not und Elend ist aus dem Ländl

hinausgeblasen, alles Böse wird linder sein, und die >gute Zeit< wird

kommen, auf die man in Schmerzen gewartet hat seit hundert Jahren und

länger. Wie eine feste, heiße und schöne Freude war dieser Glaube in

allen.

Der Fürsager von Unterstein schickte an die verschwundene, drüben im

Bayerischen versteckte Hasenknopfin die Botschaft: »Komm wieder heim

mit deinem Mädel! Im Ländl ist lieber Gottfrieden.« Die Hasenknopfin

konnte ihr Mißtrauen nicht überwinden, wollte die Heimkehr ihres Mannes

aus dem Preußischen außerhalb der Grenze abwarten, blieb unsichtbar für

die Berchtesgadnische Regierung und fühlte sich wohl auf bayerischem

Boden.

Sie war eine weise Frau.

Das große Jagen · 第 52 / 98 题