Der Hall des tausendstimmigen Liedes, das emporschwoll über die
Dächer des Stiftes, klang auch hinüber zu der galanten Jugend, die
sich _à la Versailles_ amüsierte und kaum einen Laut dieser über
alles Irdische emporgehobenen Menschenfreude vernahm. Es erging den
graziös Erheiterten, wie es einem leichtsinnigen Träumer geschieht,
der beim Rauschen eines fröhlichen Baches den Donner des aufsteigenden
Gewitters überhört. Auf der Hofwiese gavottierten die Hifthörner in
rasendem Tempo, obwohl sie die klagende Fuchstodweise hätten blasen
müssen. Der letzte Prellfuchs war schon seit geraumer Weile entseelt.
Er zappelte nimmer, während er flog, sauste aber immer wieder hinauf
ins schöne Blau. Die Allergnädigste schien sich des blutspritzenden
Spiels nicht ersättigen zu können, und so wurde der leblose Tierklumpen
zu einer Kostbarkeit, um die sich alle Prellerpaare in ausgelassener
Heiterkeit zu raufen begannen. Nun fing auch die Zuschauermenge vor dem
Netz zu wachsen an. Viele, die den Marktplatz erschrocken verlassen
hatten, wurden festgehalten durch das farbige Flatterbild, doch nicht
in Schaulust, sondern in Zorn. Inmitten einer erregten Frauengruppe
deutete ein mauerblasses Weib auf den fliegenden Fuchs und schrie:
»So prellen sie unsere Seelen, unser Gut und Leben, bis uns allen der
Schnaufer vergeht. Die sollt der Teufel einmal reiten! Kreuzweis!«
Hatten die Dunklen der Unterwelt diesen Segenswunsch erhört? Aus
zwei großen Kästen, die auf einen heimlichen Wink des Grafen Tige
auseinanderfielen, sausten vier schwarzborstige Unholde mit Grunzen
heraus, prallten gegen die gespannten Netze, rasten blind nach einer
anderen Richtung, spritzten im Lauf den blutigen Schnee auseinander,
wurden wie besessen und überrannten jedes lebendige Hindernis. Diesen
Vorgang begleitete ein sechsstimmiges Damengeschrei, das sich aus
toller Heiterkeit sehr flink verwandelte in schrilles Angstgezeter.
Gleich zu Beginn des Scherzes merkte Graf Tige, daß der graziöse
Knalleffekt ein übles Ende zu nehmen drohte. Erschrocken befahl er dem
Wildmeister und den Jägern: »Abfangen! Abfangen!« Es war zu spät. Mit
gehobenen Röcken, grillend wie geängstigte Kinder, jagten die unter
Schminke und Schönheitspflästerchen entfärbten Demoisellen sinnlos
zwischen den Netzen hin und her, um den jungen, sausenden Wildschweinen
zu entrinnen. Keiner gelang es. Jede wurde von solch einem
blindsurrenden Borstenklotz zu Boden geworfen. Hinter den Schweinen,
halb noch lachend, halb schon in Sorge, sprangen die Domizellaren und
Jäger mit den blanken Hirschfängern einher.
Bevor man das erste der rasenden Schweinchen zu Boden bringen konnte,
waren die sechs Demoisellen schon zum Erbarmen zugerichtet, mit
zerrauften Frisuren, mit zerfetzten Kleidern, beschmutzt, vom Schnee
durchnäßt, an Gesichtern und Händen mit roten Flecken gesprenkelt,
die vom Abklatsch des überall ausgespritzten Fuchsblutes herrührten.
Das zweite und dritte Wildschwein wurden in den Netzen erstochen.
Den letzten Überläufer mußte man, bevor er den Todesstoß empfangen
konnte, an den Hinterläufen unter dem tonnenartigen Steifrock
der Allergnädigsten hervorzerren. Aurore de Neuenstein lag mit
ausgespreizten Armen im Schnee und zeterte ununterbrochen die beiden
Worte: »_Mon Dieu! Mon Dieu! Mon Dieu!_« -- in einem wesentlich
anderen Ton, als Damen zu kichern pflegen, wenn sie charmant
kascholiert werden. Und während dieses weidmännische Accouchement unter
beträchtlicher Kränkung zarter Prinzipien vollzogen wurde, ließ sich
ein zorniges Spottgelächter vernehmen. Drei der Demoisellen huschten
durch die Leierbüsche des gestutzten Hofgartens davon, um dem Hohn der
Subjekte zu entrinnen. Und Aurore de Neuenstein war anzusehen wie eine
Nachtwandlerin mit geöffneten Augen.
Das ungraziöse Überraschungsspiel der bösen Schweinchen schien sich
bei ihr mit einer sinnverwirrenden Entdeckung zu komplizieren. Als
aller Schreck schon längst überstanden war, wurde die Allergnädigste
plötzlich von einer befremdenden Erschütterung der Verdauungsorgane
befallen -- ein Symptom, über das Graf Tige nicht minder erschrak, als
Aurore de Neuenstein. Zu einer Erörterung der unliebsamen Katastrophe
verblieb den beiden vorerst keine Zeit. Atemlos erschien auf der
Hofwiese der aus seinem Sonntagsschläfchen aufgestörte Muckenfüßl,
schlotterbackig, ohne Säbel, und kreischte: »Ihr Herren und Jäger!
Jesus, Jesus! Die Welt geht unter _in loco hujus_! Unsere Bauern
rebellieren wider Himmel und Gott! Wir brauchen Hilf! Alles hinüber
zum gnädigsten Fürsten!« Der Wildmeister, alle Domizellaren --
ausgenommen den Grafen Tige -- die Pagen und Hifthornbläser sprangen
mit dem stotternden Feldwebel durch den Schloßgraben zum Stift hinüber,
aus dessen Höfen das Lied der tausend Bekennerstimmen in die Sonne
schwoll. Sechs von den Jägern zerrten die abgestochenen Wildschweine
hinter sich her.
Auf der Straße war ein ruheloses Durcheinander. Leute rannten
schreiend gegen den Markt hinauf, und viele, denen die Seele angstvoll
geworden, strebten hastig ihren Höfen zu: die noch Unentschlossenen,
die nicht sichtbar werden wollten, und die Gutgläubigen, denen das
Bekennungswunder dieses Morgens die frommen Gemüter mit Trauer und
Schreck erfüllt hatte. Inmitten eines Schwarmes dieser Heimläufer
kreischte ein Aufgeregter: »Mich haben die Musketierer dreimal
gepackt. Allweil hab ich mich ausweisen können mit polizeimäßigen
Glaubenswörtlen. Wer tät denn gutgläubig sein, wenn's ich nit bin?
Hättst du das Erlösungswunder meiner Martle gesehen, so tätst du
glauben, Mensch! Erzählen darf ich es nit. Aber für's Martle tu ich ein
neues Kreuzl schneiden. Sie hat's verdient! Wenn eins heruntergreift
aus dem Himmel und meine Kinderlen hinaufholt in die Ewigkeit -- so
eine Gottselige wird wohl ein Kreuzl verdienen? Nit? Und müßt auch
ihr Leichnam in heidnischen Boden kommen wie eine ungetaufte Katz,
bevor sie stinkig wird.« Der Haynacher betrachtete unter verzerrtem
Lächeln das erstochene, in Schneegebrösel und Blutklumpen eingewickelte
Wildschwein, das von zwei Jägern in den Schloßgraben hinuntergezogen
wurde. Mit dem Finger deutend, kicherte Christl: »Auch ein Ungetauftes!
Findt aber doch eine christliche Ruhstatt. Weil's die geistlichen
Herren hinunterschlucken in ihre geweihten Mägen!«
Da kam einer aus dem Tal herauf. »Christl? Jeder Redliche lauft der
Wahrheit zu. Und *du* gehst *heim*?«
»Wohl, Mensch!« Der Haynacher lächelte schlau. »Mich haben sie wieder
auslassen müssen. Weil ich so gutgläubig bin, wie mein Martle und
jedes von meinen getauften Kinderlen gewesen ist.« Der andere, halb
in Zorn und halb in Erbarmen, machte eine Handbewegung und ging
vorüber. Christl Haynacher keuchte in die Sonne hinaus: »Kann sein,
mir ist ein unheiliger Zweifel durchs Hirndächl gelaufen, ich weiß
nit, wann. Aber wie das Wunder mit meinen Kinderlen geschehen ist,
da bin ich gutgläubig worden. Wenn aus der Seligkeit zwei liebe Händ
heruntergreifen zur irdischen Not! Und lupfen das unschuldsweiße Pärl
aus dem amtsmäßigen Riegel heraus! Und allweil höher hinauf zum ewigen
Gottesglanz! Schau, Mensch, da mußt du doch selber sagen --« Er merkte,
daß er allein stand. »So so?« Dem Christl liefen zwei Tränen über die
Feuerflecken seiner Backen. »Schau, von meinen gottseligen Kinderlen
will kein Mensch mehr ein Wörtl wissen!«
Diese Weisheit glich einem der wahrheitsfernen Irrtümer, wie sie der
lyrisch verherrlichte _Dr._ Halbundhalb zu fabrizieren pflegte. Gerade
in dem Augenblick, in welchem Christl seine falsche Rechnung aussprach,
erwachte die Erinnerung an das Haynacher'sche Zwillingspaar in einer
Menschenseele, der man ein so treues Gedenken gar nicht zugetraut hätte
-- in der Seele der allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Von dem
verwüsteten Fuchsprellplatze hatte Graf Tige den leidenden Engel in
zerrupftem Zustand hinübergeleitet zu einem Salettchen des gestutzten
Hofgartens. Hier saß die Neuenstein auf einem Holzbänkl. Graf Tige
lag vor den Knitterbrüchen des Steifrockes auf den Knien, labte die
schwache Demoiselle mit Biskuitstückelchen -- und da wiederholte sich
plötzlich jene befremdende Erschütterung ihres innersten Wesens. Es
wurde der Allergnädigsten in beklagenswertem Grade übel, und dieses
war der Augenblick, in dem Aurore de Neuenstein sich jener _chose
effroyable_ erinnern mußte, die sie auf dem Stubentische des Christl
Haynacher hatte liegen sehen. Aber statt von menschlichem Erbarmen
bewegt zu werden, geriet sie in einen schwer erklärlichen Jähzorn, und
-- billeripatsch -- versetzte die Allerungnädigste dem Grafen Tige
eine schallende Ohrfeige, viel kräftiger, als man es diesem zartesten
aller Händchen hätte zutrauen mögen. In Tränen ausbrechend, entzog sie
sich flink durch eine Ohnmacht jeder weiteren Konversation. Graf Tige
mit der brennenden Wange eilte durch den gestutzten Hofgarten davon,
um Hilfe für Aurore de Neuenstein herbeizurufen. Als er die sekrete
Gartenmauer erreichte, hörte er das Stimmengebraus der Marktgasse und
den mächtig wachsenden Klang eines verbotenen Liedes, das von Tausenden
gesungen wurde. Ratlos guckte er in die Sonne und wurde von zwei
Menschen, die es eilig hatten, aus dem Weg gestoßen.
Neben einem blonden, sich wie irrsinnig gebärdenden Mädel, sprang der
lange Stiftspfarrer Ludwig in dünnen Hausschuhen durch Schnee und
Pfützen. Der schwer erkrankte Mann konnte plötzlich so hurtig rennen
wie der gesündeste Bauernbub. Über die Wasserlachen vor dem Garten
des Meister Niklaus machte Pfarrer Ludwig Sprünge wie ein Wettläufer
vor dem Ziel. Er wollte atemlos in die Werkstatt treten, fand die Tür
verschlossen und schrie: »Ums Himmels willen, Nicki, so tu doch auf!«
Hinter der Tür eine zornbebende Stimme: »Man hat mich eingesperrt.«
Die Sus stammelte: »Da ist der Schlüssel!« Nun mußte der Pfarrer
lachen. »Du hast ihn eingekastelt?« Dem Mädel kollerten die Tränen über
das angstvolle Gesicht. »Was hätt ich denn tun sollen? Der Meister
ist stärker als ich. Wie ich heimgekommen bin und hab erzählt, daß
die Evangelischen hundertweis bekennen, hat der Meister gleich zum
Bekenntnis laufen wollen. Da bin ich in meiner Seelenangst aus der Tür
gerumpelt, hab zugesperrt und bin zu Euch gesprungen.«
»Und das Luisichen?« fragte der Pfarrer sorgenvoll. »Weiß sie, was der
Meister hat tun wollen?« Sus schüttelte den Kopf: »Die hab ich droben
eingesperrt in ihrem Stübl. Gar nit gemerkt hat sie's. So durstig hat
sie gebetet vor dem Jesukind.« Der Pfarrer atmete auf: »Dich sollt man
zum Kanzler von Berchtesgaden machen. Du bist die Gescheiteste von uns
allen. Jetzt tu das Mädel behüten, derweil ich red mit dem Meister.«
Während dieser Worte des Pfarrers rüttelte der Eingesperrte immer an
der Tür: »Gotts Not, so machet doch auf!«
»Ja, guter Nick! Erst muß ich das Schlüsselloch finden. Ich bin ein
Kranker, mir zittern die Händ.« Dieser unanfechtbaren Wahrheit zum
Trotze wußte der Pfarrer, als er die Tür geöffnet hatte und über die
Schwelle gesprungen war, sehr flink wieder auf der Innenseite den
Schlüssel ins Schloß zu bringen und umzudrehen.
Meister Niklaus bekam eine dunkelrote Stirne. »Pfarrer! Meinen Weg gib
frei!«
»Gleich, Herzbruder! Nur ein Wörtl!«
»Gewissen und Wahrheit vertragen kein Biegen nit.«
Der Pfarrer sah, daß das Fenster offen stand und das schwere Gitter
verbogen war. »Gewissen und Wahrheit sind wie eiserne Stangen. Ein bißl
Biegen, wenn es vernünftig ist, vertragen sie schon. Nur gegen die
Unvernunft sind sie bockbeinig. Und da ist's ein Glück, daß es noch
allweil Schlosser gibt, die verläßliche Arbeit machen.«
»Pfarrer?« Meister Niklaus streckte sich. »Willst du mich hindern, als
Christ meine Pflicht zu tun?«
»Ganz im Gegenteil! Ich will dich in deiner Pflicht bestärken.« Weil
der Meister den Pfarrer beiseite drängen und die Schwelle gewinnen
wollte, stemmte der Greis sich gegen das Türschloß, in dem noch der
Schlüssel stak. »Aber Herzbruder! Tu nit so grob mit mir! Seit gestern
bin ich ein todkranker Mensch.« Dem Meister fielen kraftlos die Arme
hinunter. Und der Pfarrer, nachdem er den Türschlüssel abgezogen hatte,
sagte ruhig: »Schau, Nick! Ein Christ sein, ist ein wundervolles Ding.
Aber *jede* Pflicht verlangt vom Menschen ein bißl Treu. Von deiner
Kunst will ich nit reden. Die ist durch deine Redlichkeit eh' schon zu
kurz gekommen um eine geschickte Hand. Aber willst du vergessen, daß
du auch ein pflichttreuer Vater sein mußt? Willst du das Gute, das in
deinem Mädel gewachsen ist, wieder in Scherben schlagen? Willst du dein
Kind in Tod und Verzweiflung treiben?« Das Gesicht in die beiden Hände
pressend, von denen nur die hölzerne nicht zitterte, stand der Meister
wortlos am offenen Fenster, überglänzt von einem steilen Strahlenbündel
der Mittagssonne. »Komm, Herzbruder! Setz dich zu mir aufs Bänkl her!
Da wollen wir reden miteinander.«
In der friedsamen Stille, die diesen Worten folgte, richtete draußen
vor der Türe die Sus sich auf und bekreuzte unter einem Atemzug der
Erquickung das blasse Gesicht. Heißen Blickes emporschauend nach der
Richtung, in der sie den Wohnsitz Gottes vermutete, sprach sie mit
jagender Flüsterstimme zwei Gebete, zuerst ein evangelisches, dann
ein gutkatholisches. Und flink über die Stiege hinauf, um abermals
zu lauschen -- an Luisas Tür. Deutlich konnte sie die inbrünstigen
Stammellaute einer Litanei vernehmen. Leis drehte Sus den Schlüssel
und trat in die weiße, sonnige Mädchenstube. Vor dem flimmernden
Jesuschrein lag Luisa auf den Knien, die blutfleckigen Hände ineinander
gekrampft. Sie hörte nicht, daß jemand den flehenden Hilfeschrei der
Litanei zur heiligen Gottesmutter andächtig mitsprach: »Bitt für ihn
-- bitt für ihn --« Als Luisa wieder ein Ave Maria beginnen wollte,
sagte die blonde Magd mit lauter Stimme das Amen, faßte die Haustochter
unter den Armen und hob sie vom Boden auf. »Komm, Kindl! So fromm hast
du gebetet, daß die heiligste Mutter ihm helfen *muß*! Und schau, du
mußt doch das blutfleckige Kleidl heruntertun! Mußt dir die roten
Händlen waschen!« Lautlos bewegte Luisa die Lippen, umklammerte den
Hals der Magd und preßte das Gesicht an ihre Schulter. Nach heiteren
Worten suchend, führte Sus die Haustochter zu einem Sessel, begann
sie zu entkleiden und stellte das Waschbecken zurecht. Dabei lauschte
sie immer in den Flur hinunter. Es dauerte lang, bis drunten das
Klappen der schweren Tür an des Meisters Werkstätte zu hören war.
Kein Schritt. Die Sus atmete erleichtert auf. Sie wußte gleich: der
Meister ist daheim geblieben, und nur der Pfarrer in seinen lautlosen
Filzschuhen ist davongegangen. Als sie zum Fenster hinhuschte, sah sie
den Hochwürdigen auf die Straße treten. Jetzt sprang der lange Pfarrer
nimmer. Sehr achtsam umging er die Wasserlachen.
Ein Menschengerenne hin und her. Trotz des wogenden Lärms, der die
Marktgasse füllte, war nicht das geringste Zeichen von Rebellion zu
erkennen. Das flutende Leutgedränge hatte was Festliches. Und während
der Klang des evangelischen Liedes herscholl von den Stiftshöfen, ragte
auf dem Brunnenplatz der leergewordene Schandbalken über das Gewühl
der Köpfe hinaus. Man hatte den Büßenden aus Staatsräson begnadigt,
um die Aufregung der Subjekte zu mildern. Dieser notwendig gewordene
Gnadenakt hatte die Regierungsseele des Herrn von Grusdorf bedenklich
aus dem Gleichgewichte gebracht. Das stand unter verschobenem Lockenbau
auf seinem Katzenjammergesicht zu lesen, als er, von sechs Musketieren
flankiert, hinüberwatete zum Sanssouci der Allergnädigsten, die ihn
durch ein geheimnisvolles Eilbriefchen zu sich berufen hatte. Sein
Prophetengeist war so verwirrt, daß er nicht ahnen konnte, welcher
familiären Bestürzung er mit seinen Gichtzehen entgegenzappelte.
Unter munteren Worten bohrte sich der Pfarrer durch das wogende
Leutgewühl zu dem Hause seines Freundes Lewitter. In dem dunklen Flur,
in dem es nach Gewürzen duftete, fragte er die stumme Lena: »Ist dein
Herr daheim?« Da hörte er aus dem Oberstock den leisen Gesang einer
müden Greisenstimme. Es war nicht das erstemal, daß Pfarrer Ludwig
in Lewitters Haus diese alte, schwermütige, wunderlich verzierte
Tempelweise vernahm. Er hastete über die steile Treppe hinauf und
hämmerte mit dem Fingerknöchel gegen die Türe. »Simmi! Tu auf! Ich
bin's! Ein Mensch!« Eiserne Stangen klirrten, und zwei Schlüssel
drehten sich in den schweren Schlössern. Simeon Lewitter schlüpfte
durch einen schmalen Spalt und fragte tonlos: »Ist Gefahr?« Der Pfarrer
schüttelte den Kopf. »Die Leut von heut sind ungefährlicher als die
von gestern. In ihnen ist Freud und Hoffnung. Bloß die Regierung hat
Magenweh. Und ich bin gestern marod geworden. Der Bader hat seine Not
mit mir gehabt.«
»Den Bader hast du holen lassen?« Simeons Augen wurden groß. »Warum
denn mich nit?«
»Du bist der bessere Doktor. Aber der Bader schwefelt vor unserem
Justizkamel das glaubhaftere Zeugnis.«