Kapitel XV

Der Hall des tausendstimmigen Liedes, das emporschwoll über die

Dächer des Stiftes, klang auch hinüber zu der galanten Jugend, die

sich _à la Versailles_ amüsierte und kaum einen Laut dieser über

alles Irdische emporgehobenen Menschenfreude vernahm. Es erging den

graziös Erheiterten, wie es einem leichtsinnigen Träumer geschieht,

der beim Rauschen eines fröhlichen Baches den Donner des aufsteigenden

Gewitters überhört. Auf der Hofwiese gavottierten die Hifthörner in

rasendem Tempo, obwohl sie die klagende Fuchstodweise hätten blasen

müssen. Der letzte Prellfuchs war schon seit geraumer Weile entseelt.

Er zappelte nimmer, während er flog, sauste aber immer wieder hinauf

ins schöne Blau. Die Allergnädigste schien sich des blutspritzenden

Spiels nicht ersättigen zu können, und so wurde der leblose Tierklumpen

zu einer Kostbarkeit, um die sich alle Prellerpaare in ausgelassener

Heiterkeit zu raufen begannen. Nun fing auch die Zuschauermenge vor dem

Netz zu wachsen an. Viele, die den Marktplatz erschrocken verlassen

hatten, wurden festgehalten durch das farbige Flatterbild, doch nicht

in Schaulust, sondern in Zorn. Inmitten einer erregten Frauengruppe

deutete ein mauerblasses Weib auf den fliegenden Fuchs und schrie:

»So prellen sie unsere Seelen, unser Gut und Leben, bis uns allen der

Schnaufer vergeht. Die sollt der Teufel einmal reiten! Kreuzweis!«

Hatten die Dunklen der Unterwelt diesen Segenswunsch erhört? Aus

zwei großen Kästen, die auf einen heimlichen Wink des Grafen Tige

auseinanderfielen, sausten vier schwarzborstige Unholde mit Grunzen

heraus, prallten gegen die gespannten Netze, rasten blind nach einer

anderen Richtung, spritzten im Lauf den blutigen Schnee auseinander,

wurden wie besessen und überrannten jedes lebendige Hindernis. Diesen

Vorgang begleitete ein sechsstimmiges Damengeschrei, das sich aus

toller Heiterkeit sehr flink verwandelte in schrilles Angstgezeter.

Gleich zu Beginn des Scherzes merkte Graf Tige, daß der graziöse

Knalleffekt ein übles Ende zu nehmen drohte. Erschrocken befahl er dem

Wildmeister und den Jägern: »Abfangen! Abfangen!« Es war zu spät. Mit

gehobenen Röcken, grillend wie geängstigte Kinder, jagten die unter

Schminke und Schönheitspflästerchen entfärbten Demoisellen sinnlos

zwischen den Netzen hin und her, um den jungen, sausenden Wildschweinen

zu entrinnen. Keiner gelang es. Jede wurde von solch einem

blindsurrenden Borstenklotz zu Boden geworfen. Hinter den Schweinen,

halb noch lachend, halb schon in Sorge, sprangen die Domizellaren und

Jäger mit den blanken Hirschfängern einher.

Bevor man das erste der rasenden Schweinchen zu Boden bringen konnte,

waren die sechs Demoisellen schon zum Erbarmen zugerichtet, mit

zerrauften Frisuren, mit zerfetzten Kleidern, beschmutzt, vom Schnee

durchnäßt, an Gesichtern und Händen mit roten Flecken gesprenkelt,

die vom Abklatsch des überall ausgespritzten Fuchsblutes herrührten.

Das zweite und dritte Wildschwein wurden in den Netzen erstochen.

Den letzten Überläufer mußte man, bevor er den Todesstoß empfangen

konnte, an den Hinterläufen unter dem tonnenartigen Steifrock

der Allergnädigsten hervorzerren. Aurore de Neuenstein lag mit

ausgespreizten Armen im Schnee und zeterte ununterbrochen die beiden

Worte: »_Mon Dieu! Mon Dieu! Mon Dieu!_« -- in einem wesentlich

anderen Ton, als Damen zu kichern pflegen, wenn sie charmant

kascholiert werden. Und während dieses weidmännische Accouchement unter

beträchtlicher Kränkung zarter Prinzipien vollzogen wurde, ließ sich

ein zorniges Spottgelächter vernehmen. Drei der Demoisellen huschten

durch die Leierbüsche des gestutzten Hofgartens davon, um dem Hohn der

Subjekte zu entrinnen. Und Aurore de Neuenstein war anzusehen wie eine

Nachtwandlerin mit geöffneten Augen.

Das ungraziöse Überraschungsspiel der bösen Schweinchen schien sich

bei ihr mit einer sinnverwirrenden Entdeckung zu komplizieren. Als

aller Schreck schon längst überstanden war, wurde die Allergnädigste

plötzlich von einer befremdenden Erschütterung der Verdauungsorgane

befallen -- ein Symptom, über das Graf Tige nicht minder erschrak, als

Aurore de Neuenstein. Zu einer Erörterung der unliebsamen Katastrophe

verblieb den beiden vorerst keine Zeit. Atemlos erschien auf der

Hofwiese der aus seinem Sonntagsschläfchen aufgestörte Muckenfüßl,

schlotterbackig, ohne Säbel, und kreischte: »Ihr Herren und Jäger!

Jesus, Jesus! Die Welt geht unter _in loco hujus_! Unsere Bauern

rebellieren wider Himmel und Gott! Wir brauchen Hilf! Alles hinüber

zum gnädigsten Fürsten!« Der Wildmeister, alle Domizellaren --

ausgenommen den Grafen Tige -- die Pagen und Hifthornbläser sprangen

mit dem stotternden Feldwebel durch den Schloßgraben zum Stift hinüber,

aus dessen Höfen das Lied der tausend Bekennerstimmen in die Sonne

schwoll. Sechs von den Jägern zerrten die abgestochenen Wildschweine

hinter sich her.

Auf der Straße war ein ruheloses Durcheinander. Leute rannten

schreiend gegen den Markt hinauf, und viele, denen die Seele angstvoll

geworden, strebten hastig ihren Höfen zu: die noch Unentschlossenen,

die nicht sichtbar werden wollten, und die Gutgläubigen, denen das

Bekennungswunder dieses Morgens die frommen Gemüter mit Trauer und

Schreck erfüllt hatte. Inmitten eines Schwarmes dieser Heimläufer

kreischte ein Aufgeregter: »Mich haben die Musketierer dreimal

gepackt. Allweil hab ich mich ausweisen können mit polizeimäßigen

Glaubenswörtlen. Wer tät denn gutgläubig sein, wenn's ich nit bin?

Hättst du das Erlösungswunder meiner Martle gesehen, so tätst du

glauben, Mensch! Erzählen darf ich es nit. Aber für's Martle tu ich ein

neues Kreuzl schneiden. Sie hat's verdient! Wenn eins heruntergreift

aus dem Himmel und meine Kinderlen hinaufholt in die Ewigkeit -- so

eine Gottselige wird wohl ein Kreuzl verdienen? Nit? Und müßt auch

ihr Leichnam in heidnischen Boden kommen wie eine ungetaufte Katz,

bevor sie stinkig wird.« Der Haynacher betrachtete unter verzerrtem

Lächeln das erstochene, in Schneegebrösel und Blutklumpen eingewickelte

Wildschwein, das von zwei Jägern in den Schloßgraben hinuntergezogen

wurde. Mit dem Finger deutend, kicherte Christl: »Auch ein Ungetauftes!

Findt aber doch eine christliche Ruhstatt. Weil's die geistlichen

Herren hinunterschlucken in ihre geweihten Mägen!«

Da kam einer aus dem Tal herauf. »Christl? Jeder Redliche lauft der

Wahrheit zu. Und *du* gehst *heim*?«

»Wohl, Mensch!« Der Haynacher lächelte schlau. »Mich haben sie wieder

auslassen müssen. Weil ich so gutgläubig bin, wie mein Martle und

jedes von meinen getauften Kinderlen gewesen ist.« Der andere, halb

in Zorn und halb in Erbarmen, machte eine Handbewegung und ging

vorüber. Christl Haynacher keuchte in die Sonne hinaus: »Kann sein,

mir ist ein unheiliger Zweifel durchs Hirndächl gelaufen, ich weiß

nit, wann. Aber wie das Wunder mit meinen Kinderlen geschehen ist,

da bin ich gutgläubig worden. Wenn aus der Seligkeit zwei liebe Händ

heruntergreifen zur irdischen Not! Und lupfen das unschuldsweiße Pärl

aus dem amtsmäßigen Riegel heraus! Und allweil höher hinauf zum ewigen

Gottesglanz! Schau, Mensch, da mußt du doch selber sagen --« Er merkte,

daß er allein stand. »So so?« Dem Christl liefen zwei Tränen über die

Feuerflecken seiner Backen. »Schau, von meinen gottseligen Kinderlen

will kein Mensch mehr ein Wörtl wissen!«

Diese Weisheit glich einem der wahrheitsfernen Irrtümer, wie sie der

lyrisch verherrlichte _Dr._ Halbundhalb zu fabrizieren pflegte. Gerade

in dem Augenblick, in welchem Christl seine falsche Rechnung aussprach,

erwachte die Erinnerung an das Haynacher'sche Zwillingspaar in einer

Menschenseele, der man ein so treues Gedenken gar nicht zugetraut hätte

-- in der Seele der allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Von dem

verwüsteten Fuchsprellplatze hatte Graf Tige den leidenden Engel in

zerrupftem Zustand hinübergeleitet zu einem Salettchen des gestutzten

Hofgartens. Hier saß die Neuenstein auf einem Holzbänkl. Graf Tige

lag vor den Knitterbrüchen des Steifrockes auf den Knien, labte die

schwache Demoiselle mit Biskuitstückelchen -- und da wiederholte sich

plötzlich jene befremdende Erschütterung ihres innersten Wesens. Es

wurde der Allergnädigsten in beklagenswertem Grade übel, und dieses

war der Augenblick, in dem Aurore de Neuenstein sich jener _chose

effroyable_ erinnern mußte, die sie auf dem Stubentische des Christl

Haynacher hatte liegen sehen. Aber statt von menschlichem Erbarmen

bewegt zu werden, geriet sie in einen schwer erklärlichen Jähzorn, und

-- billeripatsch -- versetzte die Allerungnädigste dem Grafen Tige

eine schallende Ohrfeige, viel kräftiger, als man es diesem zartesten

aller Händchen hätte zutrauen mögen. In Tränen ausbrechend, entzog sie

sich flink durch eine Ohnmacht jeder weiteren Konversation. Graf Tige

mit der brennenden Wange eilte durch den gestutzten Hofgarten davon,

um Hilfe für Aurore de Neuenstein herbeizurufen. Als er die sekrete

Gartenmauer erreichte, hörte er das Stimmengebraus der Marktgasse und

den mächtig wachsenden Klang eines verbotenen Liedes, das von Tausenden

gesungen wurde. Ratlos guckte er in die Sonne und wurde von zwei

Menschen, die es eilig hatten, aus dem Weg gestoßen.

Neben einem blonden, sich wie irrsinnig gebärdenden Mädel, sprang der

lange Stiftspfarrer Ludwig in dünnen Hausschuhen durch Schnee und

Pfützen. Der schwer erkrankte Mann konnte plötzlich so hurtig rennen

wie der gesündeste Bauernbub. Über die Wasserlachen vor dem Garten

des Meister Niklaus machte Pfarrer Ludwig Sprünge wie ein Wettläufer

vor dem Ziel. Er wollte atemlos in die Werkstatt treten, fand die Tür

verschlossen und schrie: »Ums Himmels willen, Nicki, so tu doch auf!«

Hinter der Tür eine zornbebende Stimme: »Man hat mich eingesperrt.«

Die Sus stammelte: »Da ist der Schlüssel!« Nun mußte der Pfarrer

lachen. »Du hast ihn eingekastelt?« Dem Mädel kollerten die Tränen über

das angstvolle Gesicht. »Was hätt ich denn tun sollen? Der Meister

ist stärker als ich. Wie ich heimgekommen bin und hab erzählt, daß

die Evangelischen hundertweis bekennen, hat der Meister gleich zum

Bekenntnis laufen wollen. Da bin ich in meiner Seelenangst aus der Tür

gerumpelt, hab zugesperrt und bin zu Euch gesprungen.«

»Und das Luisichen?« fragte der Pfarrer sorgenvoll. »Weiß sie, was der

Meister hat tun wollen?« Sus schüttelte den Kopf: »Die hab ich droben

eingesperrt in ihrem Stübl. Gar nit gemerkt hat sie's. So durstig hat

sie gebetet vor dem Jesukind.« Der Pfarrer atmete auf: »Dich sollt man

zum Kanzler von Berchtesgaden machen. Du bist die Gescheiteste von uns

allen. Jetzt tu das Mädel behüten, derweil ich red mit dem Meister.«

Während dieser Worte des Pfarrers rüttelte der Eingesperrte immer an

der Tür: »Gotts Not, so machet doch auf!«

»Ja, guter Nick! Erst muß ich das Schlüsselloch finden. Ich bin ein

Kranker, mir zittern die Händ.« Dieser unanfechtbaren Wahrheit zum

Trotze wußte der Pfarrer, als er die Tür geöffnet hatte und über die

Schwelle gesprungen war, sehr flink wieder auf der Innenseite den

Schlüssel ins Schloß zu bringen und umzudrehen.

Meister Niklaus bekam eine dunkelrote Stirne. »Pfarrer! Meinen Weg gib

frei!«

»Gleich, Herzbruder! Nur ein Wörtl!«

»Gewissen und Wahrheit vertragen kein Biegen nit.«

Der Pfarrer sah, daß das Fenster offen stand und das schwere Gitter

verbogen war. »Gewissen und Wahrheit sind wie eiserne Stangen. Ein bißl

Biegen, wenn es vernünftig ist, vertragen sie schon. Nur gegen die

Unvernunft sind sie bockbeinig. Und da ist's ein Glück, daß es noch

allweil Schlosser gibt, die verläßliche Arbeit machen.«

»Pfarrer?« Meister Niklaus streckte sich. »Willst du mich hindern, als

Christ meine Pflicht zu tun?«

»Ganz im Gegenteil! Ich will dich in deiner Pflicht bestärken.« Weil

der Meister den Pfarrer beiseite drängen und die Schwelle gewinnen

wollte, stemmte der Greis sich gegen das Türschloß, in dem noch der

Schlüssel stak. »Aber Herzbruder! Tu nit so grob mit mir! Seit gestern

bin ich ein todkranker Mensch.« Dem Meister fielen kraftlos die Arme

hinunter. Und der Pfarrer, nachdem er den Türschlüssel abgezogen hatte,

sagte ruhig: »Schau, Nick! Ein Christ sein, ist ein wundervolles Ding.

Aber *jede* Pflicht verlangt vom Menschen ein bißl Treu. Von deiner

Kunst will ich nit reden. Die ist durch deine Redlichkeit eh' schon zu

kurz gekommen um eine geschickte Hand. Aber willst du vergessen, daß

du auch ein pflichttreuer Vater sein mußt? Willst du das Gute, das in

deinem Mädel gewachsen ist, wieder in Scherben schlagen? Willst du dein

Kind in Tod und Verzweiflung treiben?« Das Gesicht in die beiden Hände

pressend, von denen nur die hölzerne nicht zitterte, stand der Meister

wortlos am offenen Fenster, überglänzt von einem steilen Strahlenbündel

der Mittagssonne. »Komm, Herzbruder! Setz dich zu mir aufs Bänkl her!

Da wollen wir reden miteinander.«

In der friedsamen Stille, die diesen Worten folgte, richtete draußen

vor der Türe die Sus sich auf und bekreuzte unter einem Atemzug der

Erquickung das blasse Gesicht. Heißen Blickes emporschauend nach der

Richtung, in der sie den Wohnsitz Gottes vermutete, sprach sie mit

jagender Flüsterstimme zwei Gebete, zuerst ein evangelisches, dann

ein gutkatholisches. Und flink über die Stiege hinauf, um abermals

zu lauschen -- an Luisas Tür. Deutlich konnte sie die inbrünstigen

Stammellaute einer Litanei vernehmen. Leis drehte Sus den Schlüssel

und trat in die weiße, sonnige Mädchenstube. Vor dem flimmernden

Jesuschrein lag Luisa auf den Knien, die blutfleckigen Hände ineinander

gekrampft. Sie hörte nicht, daß jemand den flehenden Hilfeschrei der

Litanei zur heiligen Gottesmutter andächtig mitsprach: »Bitt für ihn

-- bitt für ihn --« Als Luisa wieder ein Ave Maria beginnen wollte,

sagte die blonde Magd mit lauter Stimme das Amen, faßte die Haustochter

unter den Armen und hob sie vom Boden auf. »Komm, Kindl! So fromm hast

du gebetet, daß die heiligste Mutter ihm helfen *muß*! Und schau, du

mußt doch das blutfleckige Kleidl heruntertun! Mußt dir die roten

Händlen waschen!« Lautlos bewegte Luisa die Lippen, umklammerte den

Hals der Magd und preßte das Gesicht an ihre Schulter. Nach heiteren

Worten suchend, führte Sus die Haustochter zu einem Sessel, begann

sie zu entkleiden und stellte das Waschbecken zurecht. Dabei lauschte

sie immer in den Flur hinunter. Es dauerte lang, bis drunten das

Klappen der schweren Tür an des Meisters Werkstätte zu hören war.

Kein Schritt. Die Sus atmete erleichtert auf. Sie wußte gleich: der

Meister ist daheim geblieben, und nur der Pfarrer in seinen lautlosen

Filzschuhen ist davongegangen. Als sie zum Fenster hinhuschte, sah sie

den Hochwürdigen auf die Straße treten. Jetzt sprang der lange Pfarrer

nimmer. Sehr achtsam umging er die Wasserlachen.

Ein Menschengerenne hin und her. Trotz des wogenden Lärms, der die

Marktgasse füllte, war nicht das geringste Zeichen von Rebellion zu

erkennen. Das flutende Leutgedränge hatte was Festliches. Und während

der Klang des evangelischen Liedes herscholl von den Stiftshöfen, ragte

auf dem Brunnenplatz der leergewordene Schandbalken über das Gewühl

der Köpfe hinaus. Man hatte den Büßenden aus Staatsräson begnadigt,

um die Aufregung der Subjekte zu mildern. Dieser notwendig gewordene

Gnadenakt hatte die Regierungsseele des Herrn von Grusdorf bedenklich

aus dem Gleichgewichte gebracht. Das stand unter verschobenem Lockenbau

auf seinem Katzenjammergesicht zu lesen, als er, von sechs Musketieren

flankiert, hinüberwatete zum Sanssouci der Allergnädigsten, die ihn

durch ein geheimnisvolles Eilbriefchen zu sich berufen hatte. Sein

Prophetengeist war so verwirrt, daß er nicht ahnen konnte, welcher

familiären Bestürzung er mit seinen Gichtzehen entgegenzappelte.

Unter munteren Worten bohrte sich der Pfarrer durch das wogende

Leutgewühl zu dem Hause seines Freundes Lewitter. In dem dunklen Flur,

in dem es nach Gewürzen duftete, fragte er die stumme Lena: »Ist dein

Herr daheim?« Da hörte er aus dem Oberstock den leisen Gesang einer

müden Greisenstimme. Es war nicht das erstemal, daß Pfarrer Ludwig

in Lewitters Haus diese alte, schwermütige, wunderlich verzierte

Tempelweise vernahm. Er hastete über die steile Treppe hinauf und

hämmerte mit dem Fingerknöchel gegen die Türe. »Simmi! Tu auf! Ich

bin's! Ein Mensch!« Eiserne Stangen klirrten, und zwei Schlüssel

drehten sich in den schweren Schlössern. Simeon Lewitter schlüpfte

durch einen schmalen Spalt und fragte tonlos: »Ist Gefahr?« Der Pfarrer

schüttelte den Kopf. »Die Leut von heut sind ungefährlicher als die

von gestern. In ihnen ist Freud und Hoffnung. Bloß die Regierung hat

Magenweh. Und ich bin gestern marod geworden. Der Bader hat seine Not

mit mir gehabt.«

»Den Bader hast du holen lassen?« Simeons Augen wurden groß. »Warum

denn mich nit?«

»Du bist der bessere Doktor. Aber der Bader schwefelt vor unserem

Justizkamel das glaubhaftere Zeugnis.«

Das große Jagen · 第 51 / 98 题