»So tu ich dich bitten, geh heim! Du tust es mir leichter machen.
Willst du?«
Sie nickte, wandte sich von ihm ab wie ein folgsames Kind, sah nicht,
wie blutig ihr Kleid und ihre Hände geworden waren, ließ sich von
Mutter Agnes und vom Meister hinunterheben und sagte: »Komm, Vater, wir
gehen heim. Der Leupi will's haben. So muß es sein.«
Während die beiden einen Weg durch die Mauer der Menschen suchten,
hörte man, wie in der halben Stille, die noch immer herrschte, die
zittrige Stimme eines alten Mannes zur Sonne hinaufschrie: »Sei
gesegnet, du heilige Barmherzigkeit!«
Diesen Schrei hatte Leupolt nicht vernommen. Immer sah er den beiden
nach, die verschwanden, wieder auftauchten und dann nimmer zu sehen
waren. Er erwachte erst aus seiner lächelnden Versunkenheit, als
tausend Arme sich erhoben und tausend Stimmen das Wort des alten Mannes
wiederholten: »Sei gesegnet, du heilige Barmherzigkeit!« Dann wieder
ein halbes Schweigen in der funkelnden Sonne, und Frau Agnes stammelte
klagend zum Holz der Unehr hinauf: »Ach, Bub, dein liebes, dein junges
Leben!« Mit dem Blick eines Glücklichen sagte er: »Man muß das Leben
nit lieb haben um des Lebens willen, nur um der heiligen Stündlen
wegen, die's einem schenken kann.« Noch tiefere Stille. Und plötzlich,
nahe dem Brunnen, klang eine schrillende Weiberstimme, wie völlig
sinnlos, ähnlich dem Verzweiflungsschrei einer Wahnwitzigen: »Gott?
Unser Herr und Gott? Warum hast Du uns verlassen?« Da reckte sich der
Blutende in den roten Eisen. Er straffte sich an allen Gliedern, seine
Augen glänzten über die tausend wogenden Köpfe hin, und seine rufende
Stimme wurde wie Stahl: »Weil wir lügen und heucheln. Gottes Hilf ist
bei den Mutigen, die wahrhaft sind!«
»Jesus!« stammelte Mutter Agnes erschrocken und streckte wehrend die
Hände zu ihrem Sohn hinauf. Und ein Musketier stieß den Kolben seiner
Flinte gegen Leupolts Füße: »Kerl, du! Willst du nach aller Gnädigkeit
das Maul aufreißen und die Leut verhetzen? Du?« Inmitten eines jähen
Verstummens der Tausende gab Leupolt die klingende Antwort: »Gott
ist mir gnädig! Soll's jeder halten, wie er meint und muß. Ich will
bei der Wahrheit bleiben.« Er hob den Kopf aus dem Eisen, daß die
rote Scheuerwunde an seiner Kehle sich entblößte, und seine Stimme
wurde wie der frohe Schrei eines beseeligten Menschen. »Jetzt bin
ich kein Unsichtbarer nimmer. Leut! Ob Leben oder Tod, ich bin ein
evangelischer Christ.« Der Mutter Agnes brachen die Knie. Sie fiel auf
die Brunnenstufen hin, bedeckte das Gesicht mit den Händen und mußte
weinen.
Die Musketiere kreischten: »Jesus, Jesus, wo bleibt der Muckenfüßl?«
Im gleichen Augenblick zappelte aus dem Stiftstor der Kamerad heraus,
der fortgelaufen war, um die kanzleideutsche Obrigkeit zu ermuntern.
Ein Dutzend Soldaten hatte er aus ihren Stuben herausschreien können.
Von den Herren hatte er keinen gesehen. Wie der Müde _in loco hujus_,
so schlummerte der vom Verbieten erschöpfte Kanzler, so schnarchte der
gekränkte Wahrheitsmörder Halbundhalb, so träumte Jesunder aufgeregt
von dem unerklärlichen Armeseelenkammerrätsel, und so duselten alle,
die wach geblieben waren in der vergangenen Mirakelnacht. Nur die als
Sukkurs gerufenen Musketiere klapperten diensteifrig aus dem Tor heraus
und hörten das erregte Stimmengewoge hinrauschen über den Brunnenplatz.
Was die Tausende durcheinanderschrien? War es Abwehr oder Zustimmung,
Zorn oder Hoffnung? Es war alles zugleich und wuchs zu einem tosenden
Lärm. »Gotts Not! Was ist denn da los?« Der Musketier, der neben dem
Balken der Unehr stand, gab Antwort: »Der da droben am Schandholz hat
sich ausgeschrien als Evangelischen. Und verhetzt das gutmütige Volk.
Dem luthrischen Narren sollt man alle Knochen in Scherben schlagen!«
Weil er mit dem Flintenkolben eine Bewegung machte, faßte die
Mälzmeisterin gleich einer Wahnwitzigen den Mann an der Säbelkoppel:
»Unmensch, du!«
»Unmensch? So?« Er schüttelte die Frau von sich ab. »Und du? Eine
Gutkatholische? Du weißt wohl nit, was für eine Straf die evangelischen
Ketzer verdienen?«
Noch ehe Frau Agnes antworten konnte, stand zwischen den beiden die
Moidi von Unterstein, jenes Mädel, dem der alte Fürsager die blauen
Faustmale der Brüste mit dem heiligen Buche bedeckt hatte. Das Gesicht
des jungen Geschöpfes war so wächsern wie das Antlitz einer Sterbenden,
doch in den weitgeöffneten Braunaugen glänzte etwas Freudiges und
Schönes. So streckte sie sich an dem schweren Soldaten Gottes hinauf
und fragte mit heller Stimme: »Was verdienen die? So sag's doch! Sag's!«
»Die verdienen, daß sie all zusammen auf den Scheiterhaufen kommen.«
Da breitete das kleine hagere Mädel mit einem leisen, wunderlich frohen
Schrei die Arme auseinander und rief: »So mußt du mich auch verbrennen.
Ich bin eine evangelische Christin. Schon ins vierte Jahr.«
Ein knirschender Soldatenfluch. »Packet das unverschämte Mensch!« Drei,
vier Musketiere fielen über das Mädel her, und während sie ihm die Arme
hinter den Rücken preßten, drängte sich aus dem schreienden Gewühl der
Menschen ein alter Bauer heraus, der Fürsager von Unterstein, kreuzte
selber die Hände und streckte sie den Soldaten hin: »Nehmet mich
auch gleich mit! Ich bin ein Evangelischer. Ich bin's, derzeit ich
denken hab können. Und meine Buben und Töchter, meine Schwieger und
meine sechzehn Enkelen, wir alle sind evangelisch.« Wie ein fröhlich
Betrunkener drehte er den grauen Bart über die Schulter und schrie
mit der Stimme eines jungen Menschen: »Kinderlen! Her zu mir! Unser
Christenherz will maien! Jetzt geht es ins Himmelreich!« Erschrocken
guckten die Musketiere die vielen Kinder des Alten an, die sich
herdrängten von allen Seiten, Männer und Greise, Bürger und Bauern,
Weiber, Kinder, hochstämmige Burschen und halbwüchsige Mädchen. An die
vierzig, an die fünfzig und sechzig waren es, und mit jeder Sekunde
wuchs ihre Zahl, und sie alle waren Kinder vom Geiste dieses Alten,
auch wenn sie einen anderen Namen trugen, als er.
Erschrocken sah Frau Agnes in das jauchzende Gewühl der haufenweis
herbeiströmenden Bekenner hinein und griff sich mit beiden Händen an
die Schläfe, daß ihr die weiße Haube zurückfiel in den Nacken. Zitternd
taumelte sie gegen das Holz der Unehr hin und umklammerte die rot
übersickerten Füße ihres Sohnes: »Mein Bub! Mein Blut und Fleisch! Was
hast du verschuldet!«
»Nichts, Mutter!« Der Klang seiner Stimme war ruhig. »In meines Lebens
heiligstem Stündl hab ich ein Wegweis der redlichen Wahrheit werden
müssen.«
Sein Wort ging unter in dem wachsenden Stimmengebraus der Hunderte, die
sich herandrängten, um das Schneekleid ihrer Seelen abzustreifen und
Sichtbare zu werden. Fast alle, wenn sie die Hände hinboten, hatten
das gleiche Wort: »Mich auch! Wie schön ist die Wahrheit! Jetzt geht
es ins Himmelreich!« Immer vier oder fünfe wurden von den Musketieren
in die Torhalle hineingeführt, und doppelt so viele folgten aus freiem
Willen, bis die Soldaten Gottes müde wurden des Verhaftens. Nur drei
von ihnen blieben beharrlich. Und da faßten sie im Gedräng einen
Bauer. Der wehrte sich wie irrsinnig und kreischte: »Lasset mich aus!
Ich bin ein Gutgläubiger. Mein Weibl ist römisch und meine Kinder
sind's. Die laß ich nit. Gelobt sei Jesus Christus, ich glaub ans
Fegfeuer, in Ewigkeit Amen. Und wie mein Herzfleck ist mir mein Haus
und Acker. Und müßt ich zum luthrischen Sand hinunter, ich wüßt nimmer,
wie ich noch schnaufen könnt. So lasset mich doch aus, ihr Herren!
Vor Weihbrunnkessel und Meßbuch will ich's beschwören: Ich bin ein
Gutgläubiger!«
Der Blutende am Holz der Unehr wandte das Gesicht im Eisen. Er hatte
seinen Widersacher von der Untersteiner Krippe erkannt. Mit einer
Stimme, so hell und stark, daß sie allen Lärm übertönte, rief er hinaus
in die Sonne: »Lügen heißt leiden. Und einer, an den wir glauben,
hat gesagt: >Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch
verleugnen vor meinem himmlischen Vater.<«
Der Bauer, den die Musketiere schon freigegeben hatten, blieb stehen
wie ein Gelähmter. Langsam wandte er die Augen und sah zum Balken
hinauf. Ein Erblassen rann ihm über das verstörte Gesicht. Nun tat
er einen tiefen Atemzug, ging auf einen der Musketiere zu und bot
ihm die gekreuzten Hände hin: »Mich auch! Alles verlieren! Nur nit
die Seligkeit. Ich bin evangelisch.« Der Soldat verhaftete ihn
nicht, sondern sah den Bauer mit erweiterten Augen an, warf die
Feuersteinflinte in den Brunnen, riß den Dreispitz und die Säbelkoppel
herunter, schleuderte alles wie in Ekel von sich und sagte: »Da tu ich
nimmer mit. Komm, Bruder, wir gehen selbander ins Himmelreich!« Er
legte den Arm um den Hals des Bauern, küßte ihn auf die Wange und trat
mit ihm in den Schatten der Torhalle.
Ein unversiegendes Herandrängen von allen Seiten. Jetzt irgendwo eine
jauchzende Stimme: »Leut! Ihr lieben Leut! So schön, wie der Frühling
der Wahrheit ist, so gottschön ist kein Blumenwuchs auf der besten
Alm!« Das Wort des Einen wurde zum frohen Seelenschrei von Hunderten:
»Frühling der Wahrheit! Frühling der Wahrheit!« In dem brausenden
Bekennergewimmel, das schon den Hof des Stiftes zu füllen begann, fing
einer mit klingender Kehle zu singen an. Viele Stimmen wuchsen mit
freudigen Kräften hinzu. Aus Tor und Halle schwoll das Lied um den
Brunnen her, sprang hinüber zu den Türen, zu den Fenstern, und rauschte
über die Gasse hin:
»Nun freut euch, liebe Christengmein,
Und laßt uns fröhlich springen --«
Alle, die so sangen in dieser Frühlingsstunde ihrer Seelen, sangen das
Lied in ihrem Leben zum erstenmal mit lauten und unverschüchterten
Stimmen. Fast war es nicht wie Gesang. Es war wie ein unersättliches,
nicht enden wollendes Aufjauchzen der Freiheit und Erlösung.