Kapitel XIV

In der schönen, frühlingskühlen Sonnenstille läuteten die Glocken zur

Wandlung. Als ihre letzten Klänge mit Gesumm verhallten, wurde es in

der schlummerfriedlichen Torhalle des Stiftes ein bißchen lebendig.

Unter Führung des Wildmeisters erschienen acht Jägerknechte mit

vier großen, zweirädrigen Karren. Drei von diesen sanftholpernden

Fahrzeugen waren mit Jagdnetzen, Stellstangen, Pflöcken und Seilen

beladen. Auf dem vierten Karren befanden sich zwischen zwei großen

Klappkisten die drei kleineren Kastenfallen mit den sechs Füchsen, die

vor der Mittagsstunde >geprellt< werden sollten, um der edlen Aurore

de Neuenstein und ihrem galanten Hofstaat ein Sonntagsvergnügen zu

bereiten. Der Wildmeister schmunzelte immer, wie in Erwartung eines

ganz besonders fröhlichen Ereignisses. Auch die Jäger befanden sich

in guter Laune. Sie waren Mitverschworene bei dem vom Grafen Tige

ersonnenen Knalleffekt, der das Fuchsprellen zur Überraschung der

Demoisellen lustig beschließen sollte. Munter kuderten die Jäger, als

der Wildmeister befahl: »Nur langsam über den Straßgraben, daß sich die

vier lieben Kostbarkeiten in den großen Kästen nit überpurzeln. Wenn

die einander die Bäuch aufreißen, wär der ganze feine Jux beim Teufel!«

Der Karrenzug ging eine Strecke über die zum Tal der Ache führende

Straße hinunter und dann hinauf zu der großen, noch von dünnem

Schnee bedeckten Wiese, die sich an den gestutzten Hofgarten

anschloß. Was man den >Hofgarten< nannte, bot nicht den Anblick eines

fürstlichen Parkes. Es war nur ein großes, umzäuntes Gemüsefeld,

jetzt schneefleckig, mit entblätterten Beerstauden und Obstbäumen,

die man der Zeitmode zulieb ein bißchen versaillisiert und mit der

Schere höchst sonderbar in Form von Bechern, Leiern und Pyramiden

zugestutzt hatte -- ein halb komisches, halb trauriges Gleichnis für

die Mißgeburten der modischen Pariserei, für das Wollen und Nichtkönnen

der kleinen, durch sinnlose Verschwendung überschuldeten Höfe.

Auf der freien Wiese, die neben diesem fürstpröpstlichen Hofgarten

lag, wurden die Netze für die galante Festivität des Fuchsprellens

aufgestellt. Sonst war es nicht üblich, die Population an den

Erlustigungen des Hofes teilnehmen zu lassen. Das niedere Volk

in seinem Unverständnis war immer rasch bereit, die graziöseste

Galanterie als Schweinerei zu verschreien. Drum pflegte man sonst

den Festraum solcher Ergötzlichkeiten mit hohen, undurchsichtigen

Jagdtüchern zu umschließen. Doch für das muntere Fuchsprellen hatte

man, einem staatsweisen Rate des Herrn von Grusdorf entsprechend, die

durchsichtigen Netze gewählt. Der Kanzler war der Meinung, daß der

gnädig bewilligte Mitgenuß bei solch einem heiteren Spektakel eine

wünschenswerte Beruhigung der bedenklich erregten Subjekte inaugurieren

würde.

Der Schaulust des Volkes wurde an diesem sonnleuchtenden Hornungsmorgen

auch noch auf andere Weise gedient. Während auf der Hofwiese die

Netze für das Fuchsprellen gespannt wurden, brachten zwei Bußknechte

aus der Torhalle den langen, schweren, mit festen Eisenklammern

versehenen Schandbalken herausgetragen. Seine Farbe -- er war von dem

vielen eingetrockneten Blut beinahe schwarz geworden -- konnte davon

erzählen, daß die Schaustellung an diesem Holz der Unehr nicht nur

eine qualvolle, auch eine lebensbedrohliche Sache war. Die robustesten

Inkulpaten hielten das Hängen in diesen schneidenden, Haut und Muskeln

zerreißenden Eisenklammern nicht länger als zehn Stunden aus, ohne

der Erschöpfung und dem Blutverlust zu erliegen. Die meisten der

Verurteilten wurden schon gleich zu Beginn der Marter ohnmächtig, und

löste man sie vom Balken, so krankten sie Wochen und Monate an den

schwärenden Wunden.

Dieses häufig benötigte _instrumentum justitiae_ aufzurichten,

verursachte geringe Arbeit. Man brauchte nur aus dem dicht am Brunnen

befindlichen Mauerloch den deckenden Holzstöpsel herauszuziehen und

den Balkenfuß hineinzusenken. »Lupp auf!« Die zwei Freimannsleute

hoben mit den Schultern. Ein kollerndes Gepolter, und nun stand der

hohe Balken aufrecht, ähnlich einem Galgen ohne Querholz. Eine kleine

Leiter wurde angelehnt, und alle Vorbereitungen für diese Sonntagsgabe

der Hringghhischen Wahrheitsforschung waren erledigt, gerade in dem

Augenblick, als alle Kirchenglocken den Segen des Hochamtes melodisch

auszuläuten begannen. Aus dem Schattendunkel des Tores kam ein kleiner

Zug heraus: zwei Musketiere, hinter ihnen der gutwillige und deshalb

ungefesselte Verbrecher zwischen dem Freimann und seinem Knechte,

dann wieder zwei wachsame Soldaten Gottes und als Beschluß der etwas

schläfrige Feldwebel Muckenfüßl, der, um seinem staatserhaltenden Amte

zu genügen, von seiner Christenpflicht ein kleines, für den lieben

Gott gewiß nicht belangreiches Zipfelchen hatte abzwicken müssen.

Leupolt Raurisser ging aufrecht, mit festem Schritt. Er hatte keine

Spur von Scham oder Zorn im Gesicht. Der Blick seiner glänzenden

Stahlaugen war so still, als wäre für ihn, was hier geschah, eine

fremde Sache. Die sinnende Ruhe, mit der er hinauf sah ins leuchtende

Blau, war fast ein heiteres Lächeln. Der Schein der Morgensonne glänzte

auf seiner Stirn und auf den Strähnen seines dichten Blondhaars.

Meister Raurisser hatte das beim Pflegeramt erbettelt: daß man seinem

Buben den Kopf nicht schor wie einem Ehrlosen. Man hatte dem Vater

diese unverdiente Gnade aus Klugheit bewilligt, weil der Mälzmeister

die Güte des Bieres, das er für die Herren braute, leicht durch eine

unerweisbare Bosheit zu mißliebigen Wirkungen permutieren konnte.

Am Schandpfahl durfte Leupolt das fürstpröpstliche Jägerkleid nicht

tragen; man hatte ihm die Uniform jenes Aufenthalts verliehen, in dem

es nicht Mond noch Sonne gibt: einen langen Kittel aus grauem Zwilch,

dessen schlappe Falten einen zutreffenden Schluß auf die Feuchtigkeit

der Mauern gestatteten, zwischen denen Leupolt seit seiner Heimkehr

vom Königssee viele dunkle und doch von einem Stern durchleuchtete

Stunden verbracht hatte. Pfarrer Ludwig, wenn er den Leupolt so

gesehen hätte, würde vielleicht im Sinne Spinozas wieder gesagt haben,

daß kein Ding auf Erden so bös ist, um sich nicht irgendwie in ein

Gutes für die Menschen verwandeln zu können. In keiner Jägertracht,

auch nicht in der Weidmannsgala mit den Silbertressen und den hohen

Knöpfelgamaschen war es so deutlich wie in diesem schmiegsamen, von

Sickerwasser durchtränkten Sträflingskittel zu erkennen gewesen, welch

einen schönen, stracken, prachtvoll gebauten Jünglingskörper der

Leupolt Raurisser von Mutter und Vater, von Gott und Natur empfangen

hatte. Schade, daß Pfarrer Ludwig, der schöne Menschen immer mit Freude

sah, diese Wahrnehmung nicht machen konnte; von seiner Unpäßlichkeit

gepeinigt, lag er noch immer zu Bett und litt so schwer, daß er seit

dem vergangenen Abend den Bader schon viermal hatte holen lassen.

Als die Karawane der Gerechtigkeit zum Brunnen kam, sagte Muckenfüßl

mit einem sanften Unterton von Barmherzigkeit: »Jetzt tu nit obstinat

sein, junger Inkulpatant! Und mach dem Freimann _in loco hujus_

keine Schwulitäten nit!« Der Feldwebel brauchte nicht weiterzureden.

Die Leiter verschmähend und mit einem Sprung, so flink, daß die

erschrockenen Soldaten Gottes einen Fluchtversuch vermuteten, schwang

sich Leupolt auf den marmornen Brunnenrand, stieg auf den kleinen

Fußblock des Balkens, drehte hurtig den Körper, preßte den Rücken

gegen den Pfahl, verschlang hinter ihm die Arme und sagte: »So! Ich

steh. Jetzt haket die Eisen ein!« Gleich war der Freimannsknecht auf

der Leiter, und Muckenfüßl, der für menschliche Werte nicht so völlig

blind war wie der gelöckelte Rechtsbalbierer, sagte anerkennend: »Tät

sich jeder Inkulpatant so kommoditätisch wie du traktieren, da wär

die justiziarische Mühsamkeit für meinen _ego ipsus_ ein sanftmütiges

Knödelschlucken. So! Jetzt tu schön pazientisch aushalten. Acht

Stündlen bis zum Betläuten am Abend ist eine gnädige Tempora für so

eine schwere Crimination.« Gähnend schritt der Feldwebel davon, um

sich ein Stündl aufs obrigkeitliche Ohr zu legen. Die vier Musketiere

blieben als Wache zurück, und der Freimannsknecht erledigte seine

klirrende Arbeit.

Leupolt stand unbeweglich am Pfahl und zog nur die Brauen ein bißchen

zusammen, als die schweren, rostrauhen und scharfkantigen Eisenbänder

seine Fußknöchel, seine Handgelenke und seinen Hals umklammerten. Der

körperliche Schmerz war keine Pein für ihn. Sein Leiden begann erst,

als nach den letzten Glockenschlägen des Segengeläuts der bunte Schwarm

der Kirchgänger heranströmte. Von vieren hoffte Leupolt, daß sie nicht

kommen würden; seiner Mutter, dem Vater und den Brüdern hätte er an

diesem Tag nicht gern in die Augen gesehen; durch einen Bußknecht,

der sich ihm freundlich erwies, hatte er die viere bitten lassen, den

Marktplatz nicht zu betreten. Und gerne hätte er das auch einer anderen

noch sagen lassen. Alle, alle sollten kommen. Nur diese Einzige nicht!

Die barmherzig für ihn hatte reden wollen vor dem Richter! Die sollte

ihn nicht hängen sehen am Holz der Unehr. Und nicht um seinetwegen,

um ihrer selbst willen sollte sie das nicht sehen müssen. Er wußte:

weil sie gerecht war, würde sie leiden bei seinem Anblick. Dieser

Gedanke wurde ihm zu einer Qual. Dennoch war in dieser Marter auch eine

Süßigkeit, die ihm schön durch die Seele und durch jeden Blutstropfen

rieselte.

Schon begann sich ein Schwarm von Kindern um den Brunnen zu sammeln,

Burschen und Mädchen blieben stehen, Männer und Weiber. Erst war's

nur ein scheues Flüstern, dann ein erregtes Durcheinanderreden,

ein wirrer Lärm. Immer dichter sammelten sich die Menschen, schon

waren es Hunderte, ein Paar Tausend jetzt, ein Gewühl von Schultern

und Köpfen, und Leupolt wußte, nun würde das kommen, wie es immer

kam, wenn ein zum Eisen Gesprochener am Balken hing: das höhnende

Geschrei, der grausame Spott, das Wasserspritzen und Kittelzupfen.

Sich im Eisen streckend, hob er die Augen zum Blau und sprach mit

lauter Stimme das Gebet des preußischen Königsprinzen: »Herr, wenn ich

Dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt; auch wenn mir

Leben und Seel verschmachten, bleibst Du mein Heil und meines Herzens

Trost!« Hell, wie der Klang eines stählernen Hammers tönte seine feste

Jünglingsstimme über den weiten Brunnenplatz. Eine seltsame Bewegung

ging über die Menschenmenge. Wie ein Rauschen war es, so, wie jenes

dumpfe, wunderliche Sausen ist, wenn in der Stille vor einem Gewitter

der erste Sturmstoß in die belaubten Bäume fährt. Leupolt sah das nicht

und hörte keinen Laut. Das Gesicht emporgerichtet, hatte er die Augen

geschlossen, weil die Sonne ihn blendete. In dem purpurnen Schein,

der ihm kreisend hinschwamm über die geschlossenen Lider, standen

plötzlich, gleich einer wirklichgewordenen Erinnerung, die Linien eines

Holzschnittes, den er im Winter beim Wildmeister gesehen hatte: wie der

Küstriner Henker dem Leutnant Katte das Haupt herunterschlägt, und wie

an einem Festungsfenster der kleine, magere Kronprinz Friedrich von

zwei Offizieren an den Armen festgehalten wird, um nach seines Vaters

Willen das Grauenvolle mit eigenen Augen anzuschauen.

Noch immer die Lider geschlossen haltend, flüsterte Leupolt: »Was ist

mein Leiden dagegen? Ein Stäubl.« Seine Brust hob sich unter einem

tiefen Atemzug. »Ob der Königssohn wohl so gebetet hat in jener harten

und blutigen Stund? Und hat das Gebet ihn hinübergelupft in die

friedsame Ruh? Da wird es auch mich hinüberlupfen über das bißl Weh.

Über so einen leichten Tag! Zum ruhsamen Stündl nach der Betläutzeit!«

War sie schon da? Diese stille Stunde? Langsam öffnete Leupolt die

Augen, und während ihm an Hals und Händen schon das Blut unter dem

scheuernden Eisen herauströpfelte, sah er wie ein Träumender über die

zusammengestaute Menschenmenge hin, die schon angewachsen war auf drei,

vier Tausende. Nur ein dumpfes Gesumm, kein lautes Wort, keine höhnende

Rede, kein Kittelzupfen und kein Wasserschütten. Alle Gesichter waren

ihm zugewendet, alle Augen waren auf ihn gerichtet, und in jedem Aug,

auf das er hinuntersah, war Erregung und Verstörtheit oder Trauer und

Erbarmen.

Daß alle, die da standen, hart umpeitscht waren von der Woge der

Zeit; daß jeder zu tragen hatte an einer Pein des Lebens; daß alle

Gemüter und Gehirne an diesem Morgen durchwirbelt waren vom Mirakel

der Armeseelenkammer; daß die Unsichtbaren fühlten: dieser Gequälte

ist der Unsere, der für uns duldet und mit dem wir leiden; und daß

die Gutgläubigen wußten: das ist der Leupolt Raurisser, von unseren

Buben der redlichste, der Sohn der frömmsten, treuesten und gütigsten

Bürgerin im Land -- das war es nicht allein, was aus diesen tausend

trauernden oder funkelnden Augen redete. Es war in ihrem Blick noch

etwas anderes, etwas Tieferes und Stärkeres, etwas Dunkelschönes

und Unnennbares. Das sah und fühlte der Blutende am ehrlosen Holz.

Und zwischen dem Schwarm der Kinder, die stumm und scheu zu ihm

hinaufblickten, stand eine engzusammengepreßte Gruppe von sieben

alten, graubärtigen Männern. Der vorderste am Brunnen, das war der

greise Fürsager von der Untersteiner Krippe, und neben ihm stand der

bejahrte Fürsager von Bischofswies, der von Ilsank, von der Ramsau, vom

Taubensee, vom Schwarzeneck und von der Gern. Und der Untersteiner,

der zwei andere an den Armen umklammert hielt, streckte dem Leupolt

das Gesicht mit vorstechendem Bart entgegen und flüsterte immer mit

langsamen Lippen, wie man redet zu einem Taubgewordenen, damit er

lesen soll aus den Zeichen des Mundes. Leupolt erfaßte keinen Laut;

den blutenden Hals im Eisen reckend, spähte er immer auf diese welken

Lippen hinunter, mit dem gleichen bohrenden Jägerblick, mit dem er

droben über den Wänden den Flug eines kreisenden Adlers zu verfolgen

pflegte -- und plötzlich verstand er, nickte dem Alten lächelnd zu

und begann mit lauter Stimme die Worte der Bergpredigt vor sich

hinzusagen. Wieder ging jenes seltsame Rauschen über die tausend Köpfe

und Gesichter. Von den Musketieren tuschelte einer seinem Kameraden zu:

»Flink zum Muckenfüßl! Mir gefallen die Leut nit. So sind sie noch nie

gewesen.«

Irgendwo ein Gewirr von lauten Rufen. Eine wachsende Unruh. Da drüben

war's, wo hinter der Stiftsmauer das enge Gässel herausmündete. Und

jetzt eine scharfe, in Erregung schreiende Frauenstimme: »Lasset mich

durch, ihr Leut! Eine Mutter muß allweil einen Weg zu ihrem Buben

haben!« Leupolt erblaßte. Er versuchte hinüber zu sehen, konnte aber

den Kopf im Eisen so weit nicht wenden. Es rannen ihm nur am Hals die

Blutfäden dicker unter den Zwilchkittel. Und da war schon im Gedräng

eine schmale Gasse offen, und Frau Agnes, mit einem Körbl zwischen den

zitternden Händen, kam zum Brunnen her. Ihr Gesicht war fast so weiß

wie ihre Haube. »Bub!« sagte sie. »Schau, deine Mutter ist da!« Es

wurde so still, daß man im leisen Brunnengeplätscher jedes ihrer Worte

bis zu den Häusern hinüber verstehen konnte. »Deine Brüder hab ich

eingeriegelt im Haus. Die täten Dummheiten machen. Ich tu, was recht

ist, nit mehr. Und alles hab ich bei mir, was du brauchst. Tut dich

hungern? Ich hab's im Körbl.«

»Frau!« murrte ein Musketier. »Das ist verboten.«

Die Mälzmeisterin hörte das nicht. Sie sprach zu ihrem Buben hinauf:

»Tut dich dürsten? Ich hab's in der Flasch.« Gleich wollte sie

auspacken.

Er sah in Freude und Kummer zu ihr hinunter. »Mutter! Du Gute! Was tust

du mir!«

Sie hörte nicht seine Zärtlichkeit, nur seinen Vorwurf. »Ich tu, was

ich gelernt hab von der heiligsten aller Mütter. Ist die nit auch

als Mutter unter dem blutigen Holz gestanden? Soll ich daheimbleiben

und Krapfen backen? Da tät mich die heiligste Mutter im Leben nimmer

anschauen mit ihren gütigen Augen.« Nun sah sie das Blut über seine

Hände rinnen und mußte aufschreien, zerrte das weiße Tuch von ihrem

Hals, fuhr damit in den Brunnen und wollte die Hände ihres Buben

kühlen. Ein Musketier schob seine Feuersteinflinte zwischen Frau Agnes

und den Balken. »Das ist verboten, du!« Die Augen der Mälzmeisterin

funkelten. Aber sie blieb verständig, zog nur ein bißchen mit der Hand

aus, in der sie das triefende Tuch umklammert hielt. »Verboten oder

nit, ich tu's! Und tätst du's wehren, so schlag ich dir das nasse

Tüchl ums Maul, daß du von deinem Weib noch nie eine festere Schell

gekriegt hast.«

Ein heißes Auflachen von tausend Menschen. Auch das hörte die

Mutter Raurisser nicht. Während ihr die Tränen über das Kinn

herunterkollerten, streckte sie sich am Holz der Unehr hinauf und

hob die Arme. Der Musketier wollte sie fassen, doch einer von seinen

buntgelitzten Kameraden packte ihn am Arm, wurde bleich und knirschte:

»Die Frau tust du in Ruh lassen. Gelt!« Das hörte und sah von den

Tausenden niemand, alle sahen nur die Mutter Agnes an, die mit dem

nassen Tuch die blutenden Hände ihres Buben wusch. Und aus dem

Menschengewühl flog über den Brunnen her eine grillende Mädchenstimme:

»Recht so, Mutter!« Es war das Untersteiner Mädel mit den zerschlagenen

Brüsten. »Recht so, Mutter! Und gelt, da tust du nit grüßen: Gelobt

sei Herr Jesuchrist!« Die letzten Worte gingen unter in dem einmütigen

Aufschrei der Tausende: »Recht so, Mutter! Recht so!« Der Zorn einer

erbitterten Menschenseele hatte den Tausenden das Wort der Stunde

gegeben. Dann ein verblüfftes Schweigen und Schauen.

Aus der Halle des Stiftstores klang eine heitere Hifthornweise heraus,

fein harmonisch ineinander geblasen. Tausend Menschen drehten die

Gesichter und streckten die Hälse. Aber was in diesen Augen blitzte,

war nicht die Neugier, nicht die Lachlust derer, die der deutschferne

Wortschatz des Pflegeramtes als Subjekte zu bezeichnen pflegte. Herr

von Grusdorf hatte sich in seinen staatsmännischen Kalkulationen

wieder einmal geirrt. Sehr verhängnisvoll. Der bunte, nach Pariser

Grazie strebende Zug der Fuchsprellerpaare hätte in keinem Augenblick

erscheinen können, so falsch gewählt, wie dieser.

Vorerst aber sahen die Hunderte, die vor den Stäben der Läufer

auseinander wichen, dieses unnatürliche Schritthüpfen und gezierte

Steifrockschwenken mit schweigendem Staunen an, den Zorn nur in den

Augen.

Voraus die drei betreßten Jäger mit den in der Sonne blitzenden

Hifthörnern, dann die Pagen, an deren gebänderten Stäben die

Fuchsschwänze baumelten, dann die sechs Prellerpaare, als erstes Graf

Tige mit der Allergnädigsten in grüner Seide und wehenden Pelzflocken,

dann die fünf anderen Domizellaren mit den hübschen Beamtentöchtern,

deren geschmacklos zusammengestoppelter Aufputz genau so Pariser

Mode war, wie der gestutzte Hofgarten ein Park von Versailles. Die

Festlaune der sechs Pärchen war überaus munter. Immer gab's da was zu

kichern über galante Scherze, über unzulängliches und komisch wirkendes

Französisch. Unter den schmelzenden Hifthornklängen, umtänzelt von den

Pagen, die mit ihren Fuchsschwänzen die Demoisellen an den Hälsen und

Nasen kitzelten, hüpften und menuettierten die Prellerpaare an den

Bürgern und Bauern vorüber, in deren Gedräng es laut zu werden begann.

Aurore de Neuenstein, die wohl lieblich zwitscherte, aber nicht ganz

so pflaumenzart, nicht ganz so unschuldsvoll und kindlich aussah wie

sonst, wurde plötzlich überraschend ernst, sah fast erschrocken in das

lärmende Gewühl hinein, wollte sagen: »_Qu'est-ce que c'est que le

peuple_« -- vergaß wie vor dem Haynacherlehen ihrer modischen Bildung

und stotterte: »Was hawe denn die dumme Leit?« Graf Tige schien das

Bedrohliche der Situation zu empfinden, und befahl den Hornbläsern:

»_Vite! En avant!_« Er zog das Händchen der Allergnädigsten, die er

zierlich an erhobenen Fingerspitzen geleitet hatte, schutzfreudig unter

seinen Arm und machte den anderen Pärchen jene flinke, sehr natürliche

Gangart vor, die man vor Ausbruch eines Gewitterregens einzuschlagen

pflegt. So gelang es ihm, den faschingsbunten Zug zur Hofwiese

hinüberzubringen, bevor die erregten Subjekte ihren mißverständlichen

Zorn in polizeilich unzulässigen Formen zu äußern begannen.

Es sah in dieser Stunde mit der Schaulust und Lachfreudigkeit der

niederen Population sehr mager aus. Nur ein Häuflein Kinder zappelte

dem hohen Netz entgegen, das den höfischen Festplatz umspannte,

und außer einigen vorsichtigen Mannsleuten, denen es auf dem

Brunnenplatze nimmer geheuer erschien, bestand das dankbare Publikum

des beginnenden Fuchsmartyriums fast nur aus den Müttern, Schwestern

und spöttischen Basen der fünf bürgerlichen Demoisellen, die man der

hohen Ehre, an solchem Hofspektakel teilzunehmen, als würdig erfunden

hatte. Unbekümmert um Gunst oder Mißgunst derer von da unten, fand

die Prellgesellschaft innerhalb des Netzes rasch ihre vergnügte

Laune wieder, und Aurore de Neuenstein zwitscherte mit entzückender

Kindlichkeit die politische Meinung aus, man müsse da bald einmal

»rechtschaffe dezimiere«, um wieder erquickliche Ruh ins Ländle zu

bringen.

Vor der Mündung des langen, durch eng aneinander gesteckte Rutenbogen

gebildeten >Fuchslaufes< stellten sich die Paare erwartungsvoll in

bunte Reihe, Schulter neben Schulter. Jeder Demoiselle stand ihr

Monsieur, jedem Monsieur seine Demoiselle gegenüber. Zwischen jedem

Pärchen im _vis-à-vis_ lag quer vor dem Fuchslauf die spannenbreite

und drei Ellen lange Prellgurte auf dem Schnee, mit festen Holzgriffen

für die Hände an den Enden. »_Attention, mesdames et messieurs!_«

kommandierte der Wildmeister, der kein Französisch verstand und es

aussprach, wie man Haselnüsse knackt. »_Exit le premier renard!_«

Die Hifthörner bliesen eine Gavotte, die erste Kastenfalle wurde

geöffnet, und gleich einer langgestreckten roten Flamme sauste der in

der Falle mit einem Schwefelfaden gebrannte Fuchs durch den langen

Laufgang der Rutenbogen. Im Gesichtchen der Allergnädigsten zeigte

sich der Ausdruck einer fiebernden Spannung. Jetzt fuhr der Fuchs,

dem die Sonne grün in den Augen funkelte, aus den Rutenbogen heraus.

»Huppla!« schrie Aurore de Neuenstein mit einer von süßer Grausamkeit

durchzitterten Freude ihrem Partner zu. Ein Zuck der in weißem

Ziegenleder steckenden Händchen, die Prellgurte schnellte wie der Blitz

in die Höhe, und der Fuchs, von dem heftigen Netzschlag an der Weiche

gefaßt, flog ein Dutzend Ellen hoch in die blauen, hornungskühlen

Sonnenlüfte hinauf. Heiter lachte Graf Tige: »_Le voilà!_« Alle die

jungen, blitzenden Augen waren auf den fliegenden Fuchs gerichtet, der

bei seiner Luftreise drollig zappelte, elegante Kapriolen machte und

absonderliche Purzelbäume schlug. Vom Schusse seines Laufes im Fluge

noch weitergetrieben, fiel er in das dritte Prellnetz. »Huppla!« Von

kräftigeren Fäusten aufgeprellt, sauste er noch höher in die Luft,

überschlug sich wie ein hurtiges Feuerrad mit wehendem Kometenschwänzl,

fiel in das vierte Prellnetz, sauste wieder in die Höhe, und als

er nach dem letzten Sonnenfluge außerhalb der glitzerbunten Reihe

dieser lieblichen Jugend wie ein kleiner roter Sandsack schwer

herunterplumpste in den weißen Schnee, hatte er, mit rotem Schaum vor

den gefletschten Zähnen, seine irdische Ruh gefunden und war entseelt.

Die Hifthörner bliesen die melancholische Fuchstodweise. Ein

Beifallklatschen -- nur innerhalb des Netzes -- ein seliges

Durcheinanderzwitschern; der erlöste Fuchs, der blutbefeuernde Reiz

der Stunde, der rotfleckige Schnee, die Sonne, der Himmel, das

silberne Bild der Berge, alles war »_Superbe!_« war »_Magnifique!_«

und »_Très délicat!_« Nur nach dem Brunnenplatz verirrte sich kein

Blick der seligblitzenden Unschuldsaugen. »_Attention, mesdames et

messieurs! Exit le second renard!_« Die Hörner gavottierten, die rote

Flamme sauste durch die Rutenbogen -- »Huppla!« -- und während das

zweite Opfer dieser graziösesten aller Menschenfreuden gegen die Sonne

wirbelte, schien es plötzlich, als wäre da drüben auf dem Brunnenplatze

aller Lärm versunken in ein lautloses Schweigen.

Nein! Da drüben war es nicht völlig still geworden. Es übertönten nur

die Hörner das beklommene Gesumm. Alle, die in der Nähe des Brunnens

waren, hatten gesehen, daß der Blutende, den die Kraft schon verlassen

wollte, sich plötzlich in den Eisen reckte und mit Schreck und Freude

über das Gewoge der Köpfe nach einer Gassenstelle spähte. Viele drehten

die Gesichter nach dieser Richtung und suchten mit den Augen. Und viele

sahen und hörten das: wie Leupolt Raurisser an allen schmerzenden

Gliedern entkräftet in sich versank, in den schneidenden Klammern hing,

sich lächelnd wieder aufreckte, kraftvoll am Balkan stand, verklärte,

heißglänzende Augen bekam und zu Frau Agnes hinuntersagte: »Mutter,

jetzt kommt das Härteste und Schönste!« Viele sahen, wie er gewaltsam

seine aufrechte Kraft erzwingen wollte, wieder zu sinken begann und

mit der Kehle an den Kanten des rotgewordenen Eisens hing. Und während

Leupolts erloschene Stimme wieder zu beten anfing: »Herr, wenn ich

Dich nur habe --«, kam ein Stoßen und Armwühlen von den Häusern durch

die gestaute Menschenmenge herüber, viele Leute redeten aufgeregt

durcheinander, und immer schrie eine bange, von Sorge umklammerte

Mädchenstimme: »Meister, Meister --«

Den dreien, die da kamen, wurde Platz gemacht. Hundert Stimmen wirrten

sich durcheinander, und dennoch hörte man das Betteln der Sus: »Ach

Meister, ich tu Euch bitten, kommet mit heim! Habt Ihr nit Sorg um

Euretwillen, so schauet doch Eurem Kind in die Augen!«

Wie halb von Sinnen, blaß und zitternd, mit verstörtem und dennoch

gierig suchendem Blick, hing Luisa an den Vater geklammert, der sie mit

dem rechten Arm umschlungen hielt und mit dem linken immer weiteren

Raum in dem aufgeregten Menschengewühl erzwang. Als die flehende Magd

sich vor ihn hindrängte, schob er sie aus seinem Weg und sagte durch

die Zähne: »Geh, Sus! Das wirst du nit hindern. Ich tu, was ich muß.«

Sie bettelte: »Meister, um aller Seligkeit willen --« Da preßte Luisa

die Hand auf den Mund der Magd: »Sei nit so mutlos! Was du haben willst

vom Vater, ist unbarmherzig. Wenn Gerechtigkeit nimmer bei den Richtern

ist, so muß sie bei uns anderen sein.«

Meister Niklaus drängte vorwärts, und die blonde Magd, obwohl sie sich

verzweifelt wehrte, wurde zurückgerissen in das lärmende Gewühl. Nun

standen die beiden vor dem Brunnen, Hand in Hand. Luisa mußte die Augen

schließen und preßte zitternd den Arm vor das entstellte Gesicht.

Ihr Vater, die Stirn überronnen von einer kalkigen Blässe, sah zu

dem Blutenden am Balken hinauf, und seine Stimme, nach einem ersten

Schwanken, wurde fest und laut: »Mich hast du behüten wollen vor einem

harten Ding. Um meintwegen mußt du büßen. Helfen kann ich dir nit, Gott

sei's geklagt. Aber wo du leidest, da ist mein Platz.«

Leupolt lächelte. Dann schien ihm zu entrinnen, was noch an Kraft in

seinen zuckenden Gliedern war. Den Kopf im Eisen nach vorne pressend,

daß ihm ein roter Sickerstrich herunterging über den grauen Kittel,

sagte er mühsam: »Vergeltsgott! Aber gelt, jetzt tust du wieder

heimgehen.« In den Eisen sinkend, schloß er die Augen. »Wie das liebe

Mädel zittert -- Meister, das kann ich nit sehen.« Seine Stimme erlosch.

»Barmherziger!« schrie Mutter Agnes. »Mein Bub verscheint!« Aus

einer Flasche füllte sie einen Zinnbecher und wollte auf den Brunnen

steigen. Da faßte ein Musketier die Frau am Kittel. »Es därf nit sein,

Meisterin!« Sie kreischte wie von Sinnen: »Hat nit ein römischer

Musketier dem Erlöser am Kreuz einen Kühltrunk hinaufgehoben? Steht

das im Urtl, daß wir gutkatholischen Christen unbarmherziger sein

müssen, als die Heiden gewesen sind?« Die Erregung der Tausende war

wie wachsendes Sturmrauschen. Und der Musketier machte ratlose Augen.

»Steht das im Urtl?« schrie die Mälzmeisterin. Nein. Es stand nicht

drin. _Dr_. Halbundhalb hatte vergessen, dieses Wesentliche seinem

die Wahrheit bekämpfenden Dokumente einzuverleiben. Und Mutter Agnes

in ihrer Seelenangst entschied: »Was nit verboten ist, muß erlaubt

sein!« Sie wollte klettern. Da war ein Kleiderwehen neben ihr, und

ein tausendfacher Zuruf der erregten, näherdrängenden Menschen. »Nit,

Mutter Agnes,« hatte Luisa aufgeschrien, »laß *mich* das tun!« Und

hatte der Mälzmeisterin den Becher aus der Hand genommen und stand

schon droben auf dem Gesims des Brunnens. Um zu helfen, umklammerte

Frau Agnes die Knie des Mädchens: »Streck dich, Kindl, ich laß nit

aus, du tust nit fallen!« Sich hinaufreckend am Holz der Unehr, schob

Luisa die linke Hand hinter Leupolts Nacken und hob den Becher an

seine bläulichen Lippen. »Komm! Tu trinken, du guter Mensch!« Ein

wunderliches Geschrei der Tausende. Es klang wie Zorn, wie Aufruhr,

hatte etwas Erschreckendes und war doch Freude, war aufatmendes

Erbarmen.

Leupolt hatte die Augen geöffnet.

Wieder sagte sie: »Komm! Tu trinken!« Und das Geschrei der drängenden

Menschen verstummte plötzlich und wurde ein Staunen und Lauschen.

Er lächelte, schien nicht zu hören, was sie sagte, und sah nur in ihre

Augen. Der Glanz seines Blickes und das Fadengerinne seines Blutes

machten sie so verstört, daß sie heftig zu zittern begann. Sie drohte

umzusinken. Während ihr alle Sinne taumelten, hörte sie wie aus einem

kreisenden Brunnen herauf die bettelnde Mutterstimme: »Du tust nit

fallen! Streck dich, Kindl, ich laß nit aus!« Da wurde es wieder hell

vor ihrem Blick, sie konnte das Blut des Büßenden und seine Augen

sehen, streckte sich an dem Lächelnden hinauf, und weil sie nicht

sprechen konnte, streichelte sie nur sein Haar und hob zwischen seinen

Lippen den Becher. Als er am Kinn die rinnenden Fäden des Trunkes

fühlte, verstand er, konnte die verbissenen Zähne öffnen und trank.

Luisa reichte den geleerten Becher hinunter und schrie: »Gib, Mutter!

Gib! Er dürstet noch allweil!« Solang ihre Hand ohne Hilfe war, hatte

sie nicht den Mut, zu ihm aufzublicken, auch dann nicht, als er leis

ihren Namen sagte: »Luisli?« Sie sah sein Lächeln nicht, doch sie hörte

es aus dem Klang seiner Stimme und senkte das Gesicht noch tiefer. Erst

als sie den gefüllten Becher umklammerte, wagte sie die Augen wieder

aufzurichten, hob den Trunk zu ihm hinauf und flüsterte: »So komm!«

Er trank und leerte den Becher.

Wieder schrie sie zur Mälzmeisterin hinunter: »Gib! Er dürstet!«

Lächelnd schüttelte Leupolt den Kopf: »Nit, du Gütige! Es ist genug.«

Aus jedem Laut seiner Stimme war es zu hören, wie die erschöpften

Kräfte neu erwachten in ihm. »So heilig ist mir noch nie ein Trunk in

die Seel gegangen, derzeit ich leb. Ich sag dir Vergeltsgott, Luisli!«

Seine Augen flehten. »Und gelt, jetzt tust du mir was zulieb?«

Das große Jagen · 第 49 / 98 题