Wo der Platz vor dem Leuthaus sich hinüberbog in die Marktgasse,
war ein schweigsames Leutgedränge. Frauen und Mädchen guckten aus
allen Fenstern heraus. Die Trommel rasselte. Und der Feldwebel des
Pflegeramtes, begleitet von vier Soldaten Gottes, verkündete den
Lauschenden: Zum ersten, daß jeder Untertan, so vom Aufenthalt der
Hasenknopfischen Menscher, wie von der verbotenen Außerlandsfahrt des
irrgläubigen Hasenknopf in geringster Kenntnis wäre, dies unversäumt,
zur Vermeidung geziemender Straf, der Obrigkeit bekanntgeben müsse.
Zum anderen, daß die Untertanen, ausgenommen den sonntäglichen
Kirchgang, jede Rottierung auf der Straße, wie jedes Herumtragen von
Unruh erzeugenden Redereien unter Androhung dreitägiger Inhaftierung
zu vermeiden hätten. Zum dritten, daß nach gerechtem Spruch der Jäger
Leupolt Raurisser wegen Ausschwätzung eines geheimen Amtsbefehls
zu Pfahl und Eisen gesprochen wäre und kommenden Sonntags nach dem
Hochamt seine schuldige Buß _in loco hujus_ vor aller Leut Augen und
zu wohlmeinender Warnung der Population erleiden würde. Die Trommel
rasselte. Und die fürsorgliche Obrigkeit bewegte sich weiter. Das
Leutgedränge rann auseinander. Die Mannsleute blieben stumm. Man sah
nur manchmal ein müdes Lächeln oder einen zornfunkelnden Blick. Von
den Fenstern verschwanden die Frauenhauben und die Mädchenschöpfe, die
Straße wurde fast leer von Erwachsenen und blieb nur ein Spielplatz
der heiteren Kinder. Berchtesgaden war an diesem kühlsonnigen
Hornungstage anzusehen, wie die Heimat des schönsten Landfriedens.
Dennoch sprangen Mißmut und Erbitterung, Aberglaube und Geflüster,
Klatsch und Anklage, Scheu und Hoffnung von Haus zu Haus.
Für die wachsamen Augen der Obrigkeit blieb alles ein Unsichtbares.
Bewegung, die ihr sichtbar wurde, herrschte nur im Hausflur des
Landgerichts. _Dr._ Willibald Hringghh war sehr beschäftigt. Ruhelos
hatte er Protokolle zu diktieren und Streusand zu bewegen. Um vor dem
gefährlichen Richter als dienstwillig zu erscheinen, kamen viele,
die von den Hasenknopfischen was zu wissen glaubten. Jene, die etwas
wußten, blieben aus. Als der Landrichter gegen Abend das Ergebnis der
aufgenommenen Protokolle revidierte, trat der seltene Fall ein, daß er
scharf eine Wahrheit erkannte: »Schier sechzig Bogen! Und nichts steht
drin.« Zur Beendigung seines staatsbeschützenden Tagewerkes erteilte er
noch die menschlich angehauchte Ordre: den Christl Haynacher aus der
Verwarnungshaft zu entlassen.
Seit dem Morgen hatte der stummgewordene Verkünder vom heiligen
Absterben seines Weibes jene billige Wohnung genossen, in der nicht
Mond, noch Sonne scheint. Als ihm nun in Milde gestattet wurde, das
schwindende Abendlicht zu erblicken, begriff er das ebenso wenig, wie
er verstand, daß jedes Wort über den frommen Tod seiner gutgläubigen
Martle ein Verbrechen wäre, für das er, wenn er es nur ein einzigesmal
noch beginge, so schwer wie für Diebstahl oder Brandstiftung zu büßen
hätte. Sein Gesicht war bleich und sonderbar verändert, in seinem
unruhigen Blick war eine Mischung von Zorn und Trauer, von Angst
und Wirrsinn. Obwohl er fürchtete, daß sein Bübl in der Wiege seit
dem Morgen hatte hungern müssen, schlug er nicht den geraden Weg zu
seinem Lehen ein, sondern machte einen Umweg und spähte suchend über
die Mauer des Gottesackers: ob da nicht irgendwo ein frischgehügeltes
Doppelgräbchen zu sehen wäre? Nichts! Nur zertretener Schnee, nur große
Gräber mit dem vergilbten Rasen des vergangenen Herbstes.
Immer den Kopf schüttelnd, ging Christl Haynacher davon. Als er
heimkam, fand er sein Bübl zufrieden und gesättigt, fand alle Arbeit
im Stall getan und die Milch in den Rainen aufgesetzt. Dankbar lief
er zur Nachbarin hinüber. Die mußte ihm verlegen sagen, daß sie den
ganzen Tag nicht Zeit gefunden hätte, nach seinem Bübl zu schauen. Als
Christl durch die farbige Dämmerung zurückwanderte zu seiner Haustür,
murmelte er wie ein Träumender: »Die Unsichtbaren sind barmherzige
Leut! Was wahr ist, müßt einer sagen dürfen.« Er trat ins Dunkel
seines Hauses. Für sich zu kochen, das brachte Christl nicht fertig.
Er hob das schläfrige Bübl aus der Wiege, wickelte das Kind in einen
Lodenmantel und ging mit ihm hinüber zum Gerstenacker. Als er sah,
daß vom schwarzen Grabhügel seines Weibes das Kreuz verschwunden
war -- irgend ein Strenggläubiger oder ein Gottesmusketier hatte es
herausgerissen und verworfen -- da knirschten ihm zuerst die Zähne.
Zitternd setzte er sich auf die kalte Erde hin, hielt sein Kind
umklammert und erzählte dem schlafenden Bübchen leise vom gottseligen
Tod der >lieben, herzguten Mutter<. Während er so flüsterte, spähte
er immer in der sinkenden Dämmerung umher, ob nicht einer erlauschen
könnte, daß der Christl Haynacher erzählen mußte, was ihm bei schwerer
Strafe zu erzählen verboten war. Als er das Bübl heimgetragen hatte,
wurde er auch in der finsteren Stube nicht stumm, schaukelte die Wiege
und redete immer ins Dunkle hinein, bis er von einer Übligkeit befallen
wurde. Das kam wohl nur von der Leere seines Magens. Wo nicht Mond und
Sonne leuchtet, gibt es auch keine Dinge, die den Menschen stärken.
Immerhin war es möglich, daß der Zustand, der den Christl Haynacher
befiel, etwas Seuchenartiges hatte. Unter ähnlichen Erscheinungen
erkrankten am gleichen Abend auch noch andere Leute.
Simeon Lewitter, der in der Marktgasse immer wieder das gleiche Wort
hatte hören müssen: »Der Jud!« -- häufig auch in der Zusammensetzung
mit einer unreinlichen Silbe -- wagte sich nimmer auf die Straße,
schützte seine Haustür und in der leeren Kinderstube auch alle Fenster
durch eiserne Stangen, wurde ruhelos gepeinigt von der Erinnerung
an den roten Tauftag vor fünfzehn Jahren, bekam vor Aufregung einen
Fieberanfall und legte sich ins Bett. Das letztere tat an diesem
Abend auch Pfarrer Ludwig, obwohl noch eine Minute früher nicht das
geringste Zeichen von Kränklichkeit an ihm zu bemerken war. Vor
Anbruch des Dunkels ließ er sich wegen Unpäßlichkeit von der auf die
siebente Abendstunde anberaumten Kapitelsitzung entschuldigen. Als
die Hausglocke gezogen wurde und Chorkaplan Jesunder in Begleitung
der vier überflüssigen Buchstaben bei dem Patienten erschien, den
man im Verdacht hatte, daß er aus bedenklichen Gründen die über die
schwarzweiße Gefahr entscheidende Kapitelsitzung schwänzen möchte,
schlürfte Pfarrer Ludwig gerade den schmerzstillenden Glühwein, dessen
lieblicher Zimtgeruch die Stube frühlingsähnlich durchduftete. Seine
Pein verbeißend, machte der Pfarrer den Versuch, die eintretenden
Herren freundlich zu begrüßen. Ehe sie sein Bett erreichten, entstellte
sich in schreckhafter Weise sein unheimliches Warzengesicht, und
angstvoll brüllte er die taube Schwester an: »Franziskaaa! Schnell! Es
kommt schon wieder -- _salva venia_, Ihr guten Herren --« Er fuhr mit
den langen mageren Beinen aus dem Bett.
Fluchtartig verließen Jesunder und _Dr._ Willibald Hringghh die
gefährliche Krankenstube. Kaum sie verschwunden waren, sprang der
Pfarrer vollends aus dem Bett, schob die erschrockene Schwester zur
anderen Tür hinaus, kleidete sich hastig an, öffnete einen Schrank und
zerrte einen Mantel hervor, der nicht priesterlich schwarz, sondern
gebändert und farbig war wie weltliche Herrentracht. Unter dem Kissen
seines Krankenbettes holte er einen großen, von Rost zerfressenen
Schlüssel hervor, blies die brennende Kerze aus und sprang mit den
Bewegungen eines völlig genesenen Mannes zum Fenster. Hier stand er an
die Mauer gedrückt und spähte hinaus.
In dem milden Glimmlicht, das aus vielen erleuchteten Fenstern
durch den Abend glänzte, schritt der Kaplan in Begleitung der vier
überflüssigen Buchstaben über den weiten Hof zum Stift hinüber.
Jesunder war von Pfarrer Ludwigs bedauerlichem Zustand nicht völlig
überzeugt, war noch immer mißtrauisch. Doch unter dem Barett des
Landrichters vollzog die fettfleckige Hirnsubstanz einen Gärungsprozeß
zur Ausbutterung der mit Scharfsinn erkannten Wahrheit. »Nein,
_Reverende_,« sagte er, »in diesem Falle tut Ihr ihm unrecht. _In
contrario naturae_ versagt jeder Versuch einer Simulation. Hier
arbeitet das _organon humanum_ ganz nach eigenem Gutdünken. Nein,
Reverend, ich irre mich nicht, er ist wirklich ein schwer Leidender.«
Barmherzig fügte er bei: »Ob es nicht die rote Ruhr ist? Armer,
verlorener Mann!«
Als die beiden den Kapitelsaal erreichten, war die erneute Debatte
über die Diffizilitäten der ungetauftgetauften Mißliebigkeit schon in
leidenschaftlichem Gange. Die Sache verwirrte sich immer mehr. Der
Fürst war abwesend, um bei der Allergnädigsten zu speisen. Von Stunde
zu Stunde ließ er sich Botschaft über den Verlauf der Debatte senden.
Nach der dritten hoffnungslosen Nachricht, um die 10. Nachtstunde,
schickte er den Grafen Tige mit dem Befehl: die Kapitularen müßten
bis um elf zu einer Entscheidung kommen, damit alles Nötige noch vor
Mitternacht erledigt werden könnte und der anbrechende Sonntag nicht
bedroht wäre durch eine Entweihung. Man empfand den Befehl des Fürsten
als eine hilfreiche Zwangslage. Doch jeder Versuch einer Abstimmung
mißglückte. Schließlich blieb den erregten Herren kein anderer Ausweg,
als die verschiedenen Vorschläge auf Zettel zu schreiben und den Grafen
Tige als Vertreter des zarteren Alters, als eine Art von Waisenkind,
das Los erküren zu lassen. Immer spricht bekanntlich der Himmel durch
den Mund der Unschuld. Graf Tige fischte in graziösester Form den
Schicksalsspruch aus der Urne und las: »Anatomische Trennung, Begräbnis
der weißen Heilhälfte in geweihter Erde, Verscharrung des schwarzen,
ewigverlorenen Abschnitzels auf dem Freimannsanger.« In Wahrheit sagte
dieses durch die Wirkung der Unschuld verkündete Gottesurteil keinem
der Kapitularen zu. Aber es war die unwiderrufliche Entscheidung. Man
mußte sich mit ihr versöhnen. Rasch. Es fehlten nur noch wenige Minuten
bis elf.
Man ließ den Freimann holen, dazu den Wildmeisterknecht, der sich
aufs Zerwirken verstand. Jesunder wurde zum theologischen Kommissär,
der Landrichter zum Protokollisten _ad usum juris_ ernannt, zwei
Kapitularen hatten als Zeugen zu fungieren, und wer nicht schläfrig
war, schloß sich dem weltgeschichtlichen Vorgang als neugieriges
Publikum an. Unter Voraustritt einiger Fackelträger bewegte sich der
würdevolle Zug durch das Nachtschweigen auf die Armeseelenkammer zu.
Jesunder, der den Schlüssel in Verwahrung hatte, wollte das Türschloß
aufsperren. Dabei hatte er nicht mit dem gewissenhaften Formalismus
der vier zwecklosen Buchstaben gerechnet. _Dr._ Willibald Hringghh
verlangte eine peinlich genaue Untersuchung darüber: daß erstens nur
ein einziger, in Verwahrung des Chorkaplans Jesunder befindlicher
Schlüssel vorhanden sei; daß zweitens jede Möglichkeit eines Mißbrauchs
dieses Instrumentes als absurd zu gelten hätte, und drittens die
Türe noch ordnungsgemäß versperrt, das Fenster noch undurchdringlich
vergittert und somit die Tatsache, daß kein menschlicher Fuß die
Armeseelenkammer betreten haben konnte, als unanfechtbare Wahrheit
festgestellt wäre.
Alle Punkte wurden mit gründlichster Genauigkeit erforscht und
zu Protokoll genommen. »Jetzt!« sagte _Dr._ Willibald gnädig zum
Chorkaplan. Jesunder öffnete die versperrte Tür, wißbegierig
drängten die Herren heran, die Fackelträger traten voraus in den
finsteren, sonderbarerweise ein bißchen nach Zimt duftenden Raum, und
da erhob sich nach stummer Verblüffung ein fürchterliches Geschrei
des abergläubischen Schrecks, ein wirres Durcheinanderlallen der
fassungslosesten Gemütszustände. Sogar der wahrheitsfeindliche Mann mit
den vier entbehrlichen Schriftzeichen mußte als unbestreitbares Faktum
erkennen: daß jener arme kleine schwarzweiße Doppeltod, der so viel
gefährliche _rumores_ erregt und so viel ratlose Verlegenheit erzeugt
hatte, völlig unsichtbar geworden und spurlos aus der vergitterten,
festverschlossenen Armeseelenkammer verschwunden war. Man suchte auf
und unter dem Totenbrett, suchte in der Fensternische, suchte in jedem
Winkel, und der Freimann mußte sogar auf Befehl des Landrichters mit
einem eisernen Schürhaken in alle Mauslöcher hineinstochern.
Nichts.
Der Wildmeisterknecht und die Fackelträger flüsterten gleich von einem
Höllenstreich. Ein paar Verständige unter den Kapitularen nahmen
das Unbegreifliche heiter und brachen, ein bißchen schadenfroh, in
Gelächter aus. Der Chorkaplan stand vor dem leeren Totenschragen,
als wäre ihm ein kalter Blitzstrahl durch alle Gelenke gefahren,
und unter sämtlichen Augenzeugen des unerklärlichen Rätsels befand
sich nur ein einziges, restlos glückliches Menschenkind: der _Dr._
Willibald Hringghh. Der segnete seine Weisheit, weil er in unbewußter
Ahnung aller Möglichkeiten keine Formalität versäumt hatte und außer
_obligo_ war. Da gab es kein Deuten und Rütteln. Alles war formaliter
erwiesen. Alles stand auf dem Papier. Nur die Wahrheit nicht. Um sie
zu erforschen, begann er sich augenblicklich ans Werk zu machen, begann
zu verhören, zu untersuchen, zu protokollieren. »Da bin ich neugierig,
was unser justiziarisches Rhinozeros herauskitzelt!« flüsterte Graf
Saur einem der Herren zu. »Glauben wir dann das Gegenteil, so sind wir
der Wahrheit am nächsten.«
Den Fürstpropst konnte man aus höflichen Gründen im Verlaufe dieser
Nacht von dem Vorgefallenen nicht mehr unterrichten. Aber der Kanzler
von Grusdorf wurde nach Mitternacht unbarmherzig aus den Federn
herausgeläutet. Als er keuchend, in dickem Pelz, mit hohen Filztöpfen
über den Gichtzehen, die von Menschen umwimmelte Armeseelenkammer
erreichte und sofort ein polizeiliches Schweigverbot erließ, war das
unerklärliche Wunder, nein, dieses gottverwünschte Teufelswerk schon
ausgeschrien bei allen Lakaien, Jägerknechten und Musketieren. Wie
Flugfeuer hinhüpft über trockenes Heu, so sprang die Erregung noch
während der Nachtstunden von Fenster zu Fenster. In welchem Grade dabei
der Respekt vor den Regierungsgewalten flöten ging, das mußte _Dr._
Willibald an sich selbst erfahren. Er fand vor seiner Haustür unter dem
schönen Frühgeläut ein Gedränge von Menschen vor, die, in auffälligem
Gegensatze zur Zeitstimmung, nicht in zwei erbitterte Parteien
gespaltet waren, sondern in einträchtiger Heiterkeit sich erlustigten.
Als Ursache ihres Vergnügens erwies sich ein großer gelblicher
Papierbogen, der an der Haustür des Landrichters befestigt war und in
plumpen, fast kindlichen Schriftzügen die Verse trug:
»Ein Richter, so ein falsches Urtl fällt,
Ist eine Mißgeburt auf Gottes Welt,
Halb Leben, halb Tod,
Halb Lachen, halb Not,
Halb weiß, halb schwarz,
Halb Kot, halb Farz,
Halb Skorpion und halb ein bös Kamel,
Doch sunst ein Menschenkindl ohne Fehl!«
Während das Hringghhische Perückenantlitz immer länger wurde, quirlte
im Morgengrau ein fröhliches Leutgekicher. *Alle* lachten. Ohne
Ausnahme. Jeder von diesen wohltuend Erheiterten, ob gutgläubig
oder unsichtbar, hatte schon irgend einmal die schmerzhafte
Wahrheitsforschung der weißgelöckelten Sauermilch am eigenen Leib
erfahren.
_Dr._ Willibald löste mit blassen, etwas tintenfleckigen Fingerspitzen
das kleine Volkslied von der Türe, ohne die Wahrheit zu erkennen, die
ihm da schwarz auf gelb übermittelt wurde. So leicht man an die Einfalt
der anderen glaubt, so schwierig ist es, sich von der eigenen Dummheit
zu überzeugen.
Als der Landrichter im Haus verschwand, erhob sich auf der Gasse ein
schadenfrohes Gelächter, ein lärmendes Durcheinanderschwatzen. Immer
größer wurde im wachsenden Frühschimmer das Leutgedräng. Noch ehe
die Glocken zum Hochamt riefen, waren die Stiftshöfe und alle Gassen
von Berchtesgaden mit einem Menschengewimmel angefüllt, das an die
viertausend Köpfe zählte. In der Sonne, die über das Dächergezack
herunterglänzte, blitzten die Messingknöpfe auf den schwarzen Gewändern
der Salzknappen, leuchteten die Farben der ländlichen Trachten und
schimmerten die Silberschnüre der Bauernhüte und das zinnerne
Schaugeschmeid der Weiber. Die vielen roten Joppen der jungen Burschen
und die kirschfarbenen oder gelben Mädchenmieder erschienen wie tausend
leuchtende Feuertupfen. Unter den kurzen, nur handbreit über das Knie
reichenden Sonntagsröcken der Bäuerinnen waren die weißen Wadenstrümpfe
wie rührsame Schneeflecken. Das bunte Gewühl dieser straffgewachsenen,
festgefügten Menschengestalten, dieser gesunden Jugend und dieses noch
kraftvollen Alters mit den von Sonne und Schnee gebräunten Gesichtern
wäre ein herzerfreuender Anblick gewesen, wenn nicht die Zeitsorge, die
Erregung der Stunde, das spähende Mißtrauen und die gereizte Heiterkeit
einen Fieberglanz der Unruh in allen Augen erweckt und dem ganzen Bilde
etwas Beängstigendes gegeben hätte. Dieses Leutgewoge war anzusehen wie
ein Menschenhauf in jenen Augenblicken, die eine Masse von Tausenden
emporreißen zu schöner Begeisterung oder sie verführen zu sinnlosen,
verbrecherischen Dingen.
Es gärte seit langer Zeit in diesen Bedrückten. In ihnen brannte
das wühlende Erbe aus Jahrhunderten des Leidens, die gallige
Unzufriedenheit über geistliche und weltliche Unerträglichkeiten, die
dürstende Hoffnung auf Hilfe und das fiebernde Suchen nach dem Neuen
und Besseren. Was sich formte in ihnen, hatte ein kindliches Gesicht.
Zu gutmütig, um sich in Aufrührer zu verwandeln, wurden sie Träumer
und Schwärmer. Das hatte unerstickbar in ihnen geglommen, schon lange,
und war in den beiden letzten Jahren, seit dem großen Auspeitschen
der Dreißigtausend aus Salzburg, als ein Unsichtbares hinter
ihren Stirnen gewachsen. Die Behörden waren blind. Und an diesem
bedrohlichen Sonntagsmorgen, an dem es aussah, als würde von der Seele
des Volkes ein Schleier fortgezogen, konnte die Obrigkeit warnende
Wahrnehmungen nicht machen, weil sie die zwecklos versäumte Nachtruhe
bei Sonnenaufgang nachholen mußte. Sogar der einzige Musketier, der
vor dem Stiftstor auf Wache war, hatte die Augen geschlossen. Mit der
ungeladenen Feuersteinflinte zwischen den Knien saß er schlummernd
auf dem sonnbeschienenen Wächterbänkl, ohne geweckt zu werden von dem
wachsenden Stimmenlärm.
Schon manchmal, wenn Schreck und Unruh durch das kleine Land geronnen
waren, hatte das Bild des sonntäglichen Kirchgangs einer heißen
Suppe geglichen, in der man rührt mit einem groben Löffel. So, wie
an diesem Hornungsmorgen, war es noch nie gewesen. Hatten die Zeiten
der stumm ertragenen Pein, die Klagstimmen in den Andachtsnächten
der Unsichtbaren, Leupolts Mahnung bei der Untersteiner Krippe, das
schwarzweiße Unglück im Haynacherlehen und die Ungerechtigkeiten, die
viele gerade in diesen letzten Tagen erfahren mußten, die leidende
Geduld des Volkes bis zum äußersten gespannt? Und sollte nun die mit
Schreck oder Aberglauben, mit frommer Scheu oder schweigendem Staunen
vernommene Kunde von dem unerklärlichen Mirakel der Armeseelenkammer
zum letzten Anstoß werden, der das vollgeschüttete Geduldfaß zum
Bersten und Überlaufen brachte?
In der Morgensonne, die um alle Dächer, um das weite schöne Tal und um
die weißen Berge einen mit tiefem Blau verbrämten, silberglitzernden
Mantel wob, fingen auf drei Kirchtürmen die sieben Glocken zu läuten
an, deren hallende Stimmen sich melodisch ineinander woben. Das
lärmende Gewühl der Menschen begann sich zu schieben und strömte nach
drei Richtungen. Inmitten dieser Menschenwoge war nur ein Einziger,
der allem Aufruhr dieses Morgens entzogen blieb. Das war gerade der
Hauptbeteiligte, der von seinem dunkelgrünen Bauernhut drei schwarze
Trauerbänder herunterhängen hatte. Wäre Christl Haynacher nicht das
unglückseligste Mannsbild der Welt gewesen, so hätte er sich an diesem
Morgen beinah als einen Glücklichen fühlen können. Beim ersten Wort,
das er vom Mirakel in der Armeseelenkammer vernommen hatte, war es für
ihn eine ausgemachte Sache, daß sein gottseliges Martle mit treuen
Mutterhänden aus dem Himmel heruntergegriffen, ihr liebes Pärl aller
irdischen Pein entzogen und die zwei kleinen, unzertrennlichen Seelchen
hinaufgehoben hatte in den ewigen Glanz. Und *das* zu erzählen, das
war ihm polizeilich *nicht* verboten. Jedem Menschen, mit dem er auf
dem Kirchgang Seite an Seite geriet, verkündete er das gottschöne
Wunder seiner in die Seligkeit emporgeflogenen Kinder. »Gelt, so was
Heiliges macht die Mutlosen wieder gutgläubig! Schau, jetzt bin ich
nach allem Elend wieder ein aufrechtes Mannsbild! Und daß ich kein
Wörtl nit geredet hab von meinem gottseligen Weibl, nit von ihrem
Erlösungswunder, nit von ihrem schönen und heiligen Tod? Gelt, Mensch,
das kannst du bezeugen und tät's einen kreuzweis geschworenen Eid vor
dem selbigen kosten, der alles Gute verbietet.«
Während Christl so redete, hatte er immer einen nassen Schimmer in
den Augen, hatte immer ein Lachen des Glückes um den von Schmerzen
zuckenden Mund. Und als er zwischen tausend anderen in der Kirche war
und unter dem Rauschen der Orgel in seinem Betstuhl tiefgebeugt auf den
Knien kauerte, fühlte er sich in seinem Herzen als einen so treuen und
dankbaren Katholiken, wie er's in seinem ganzen Leben noch nie gewesen.
Und für die schwere Sünde, die er gleich nach dem Hochamt begehen
mußte, bat er den lieben Herrgott im voraus um Vergebung. Anstelle des
ausgerissenen Kreuzes ein neues auf das Grab seiner Martle zu stecken?
Freilich, das war nicht gutgläubig und war verboten. Aber der Christl
mußte das tun. Und wenn der liebe Herrgott da droben die Martle mit
ihren zwei seligen Kinderlen ansieht, dann versteht er es schon und muß
es verzeihen.
Alle Kirchen waren schon dicht gefüllt, Schulter an Schulter, und noch
immer strömten lange Menschenzüge heran, die nimmer Einlaß fanden und
vor den Toren sich anstauten zu großen Gruppen, in denen die letzten
Nachzügler nur noch das Orgelspiel und die Klingeltöne, aber nimmer die
Worte der Predigt vernehmen konnten.
Der Brunnenplatz und die Marktgasse waren still und leer, alle
Haustüren versperrt, alle Fenster geschlossen und verhängt. Auch der
Musketier vor dem Stiftstor war verschwunden, war aufgewacht und
frühstückte in der Torstube seine Bratwurst. Nur die zerfließenden
Schneeflecken, die Sonne und der Schatten waren noch da. Und das
Brunnenrauschen.
In dieser schweigsamen Öde erschien am Ende der Marktgasse ein
Stiftslakai, spähte an den Häusern hin und verduftete wieder. Nach
einer kurzen Weile kehrte er zurück und schritt einer reich mit Silber
verschnörkelten Sänfte voran, die von zwei Jägerknechten getragen wurde
und zugezogene Gardinen hatte.
Als die Sänfte durch die Torhalle des Stiftes gaukelte, trat die Wache
nicht ans Gewehr, und man trommelte nicht. Mit Rücksicht auf die
Kirchenzeit.
Wenige Minuten später, unter der Brennschere und Puderquaste des
parisischen Perückenmeisters, mußte Herr Anton Cajetan, welcher
gutausgeschlafene Augen hatte, die Kunde des Mirakels vernehmen, das in
der Nacht geschehen war. Nach dem ersten Staunen sagte er mit gerechtem
Ärger, aber in bestem Deutsch:
»Welcher Schafskopf hat mir denn *das* schon wieder angerichtet?«