Sie stammelte: »Aber guter Herr Richter! Da muß doch ein Irrtum --«

»Irrtümer vonseite der Gerechtigkeit, der ich diene, sind

ausgeschlossen.« _Dr._ Willibald wollte die Feder in die Tinte tauchen,

irrte sich und fuhr mit dem Kiel in die Streusandbüchse.

»Aber Herr! Ich bin's doch gewesen, mit der in selbiger Nacht der

Leupolt geredet hat! Ich bin doch die einzige, die weiß --«

Wieder unterbrach er sie: Ȇber den Glauben, der einem Zeugen zu

schenken ist, entscheidet weder die Tatsächlichkeit der Ereignisse,

noch die persönliche Qualität des zeugenden Subjekts, sondern einzig

und allein meine richterliche Räson. Punktum!« Zu diesem Worte

des Richters machte Feldwebel Muckenfüßl erfreut die Bewegung des

Streusandschüttens. Die dünne Stimme des _Dr._ Willibald verschärfte

sich: »Sollte sich die Jungfer nach dieser Aufklärung nicht entfernen,

so werde ich sie durch eine Amtsperson zur Tür expedieren lassen.« Er

vertiefte sich in die Durchsicht des Protokolls, das er vor einer Weile

dem Schreiber diktiert hatte.

Luisa stand wie betäubt und sah den Tisch der Gerechtigkeit so ratlos

an, als wäre sie in eine unverständliche Welt geraten, die ihr so

schreckhaft wie unmöglich erschien. Da legte sich ein Arm um ihre

Schultern, und als sie aufblickte, sah sie das blasse Gesicht und die

guten Augen der Mutter Agnes. »Geh, lieb Kind!« sagte die Mälzmeisterin

leise. »Der liebe Gott wird wissen, warum er's duldet. Ich will meinem

Buben sagen lassen, daß du reden hättst mögen für ihn. Da wird es ihm

leichter werden, wenn er leiden muß. Gott ist mit uns, lieb Kind, drum

dürfen wir nit verzagen.«

Das Mädchen sah erschrocken den Feldwebel Muckenfüßl an, der nach einem

Wink des Richters auf sie zutrat. »Jesus --« Mit der Hand, die den

Rosenkranz zwischen den zitternden Fingern hatte, tastete Luisa ins

Leere. Dann verließ sie bleich und wortlos die Richterstube. Menschen

und Mauer, Licht und Dunkel, alles schwamm ihr vor den Augen. Wie

im eintönigen Geräusch des Regens das Hämmern einer Traufe klingt,

so hörte sie in dem schwirrenden Lärm eine fiebernde Stimme rufen:

»Da gibt's kein Verbieten nit! Was wahr ist, muß einer sagen dürfen.

Und tät mein gottseligs Weibl nit im Himmel sein, so tät ich einen

Misthaufen heißen, was Gerechtigkeit ist. Mein Weibl ist so heilig und

fromm gestorben --«

Die Stimme erlosch. Ein schweres Keuchen, ein hartes Klappern

genagelter Schuhsohlen. Dann die gemütlich klingende Rede: »Gelt, du

Subjektissimus, jetzt kannst du _silentium_ observieren!«

Luisa trat in die Morgensonne und preßte den Arm über die vom

Himmelslicht geblendeten Augen. Dann schritt sie gegen die Marktgasse

hinüber, immer schneller, und schließlich fing sie zu laufen an, daß

ihr ein paar Leute verwundert nachsahen. Nicht viele. Obwohl es in der

Marktgasse von Menschen wimmelte. In aufgeregten Gruppen standen Weiber

und Männer beisammen. Überall war lauter Zank oder scheues Gewisper,

grollendes Wortknirschen oder erbitterte Schimpferei. Überall klangen

die gleichen Worte: schwarz und weiß, Heil und Verdammnis. Und immer

wieder die vier Namen: Haynacher, Hasenknopfin, Lewitter und Leupolt.

Als Luisa ihres Vaters Haus erreichte, glich sie einem Menschenkind,

das völlig von Sinnen ist. Sie hörte nicht den Sorgenschrei der Sus. An

der blonden Magd vorüber, tastete sie gegen die Werkstatt ihres Vaters

hin.

Meister Niklaus stand bei seiner neuen Arbeit und legte, als er sein

Kind so kommen sah, erschrocken die beinerne Spachtel fort, mit der er

gebosselt hatte an dem roten Wachs. »Um Gotteswillen! Kind? Was hast

du?«

Sie sah nicht die schöne Morgensonne in dem großen Raum, sah nicht die

werdende Arbeit ihres Vaters: diese schlanke von Schmerz und Sehnsucht

bewegte Gestalt eines jungen, arm gekleideten Weibes, das mit seitwärts

gebreiteten Armen wie angeschmiedet an einer halb zertrümmerten Mauer

steht und den dürstenden Blick nach oben richtet. Nur das Gesicht des

Vaters schien Luisa zu sehen, nur seine Augen. Und als er das spanische

Hütl von ihrem Scheitel nahm und den Rosenkranz aus ihren zuckenden

Fingern löste, fragte sie mit erwürgter Stimme: »Vater, was ist

Gerechtigkeit?«

Eine Weile sah er sie prüfend an. Dann antwortete er mit ruhigem Ernst:

»Das kann ich dir nit sagen, Kind. Allweil hab ich an sie geglaubt,

allweil hab ich sie gesucht auf Erden. Schau her, was ich gefunden

hab.« Er streckte den Arm mit der hölzernen Hand.

Ihre Augen wurden groß. So stand sie zitternd. Und plötzlich mußte

sie schreien in ihrem Schmerz. Und sah, wie ihr Vater erschrak. Unter

rinnenden Tränen stammelte sie: »Du bist gut!« Schluchzend hing sie an

seinen Hals geklammert. »So viel mißträulich bin ich gewesen! Tu mir

verzeihen, Vater! Ich will dein treues Kind sein. Wie du auch deutest

und redest, ich glaub an dich und ich hab dich lieb.« Ihre Stimme

erlosch, und eine Schwäche schien sie zu befallen.

Er hob sie auf seine Arme. Glück und Sorge wirrten sich im Klang seiner

Worte durcheinander: »Sus! Sie muß verkrankt sein in der eisigen Kirch.

Am Morgen hat sie kein Brösl gegessen. Schnell, liebe Sus! Das Kindl

muß gleich was Kräftiges haben.« Er trug sie über die Treppe hinauf, in

ihre Kammer.

Die Sus rannte wie verrückt in die Küche, schürte das Feuer und

schaffte, als möchte sie jede Minute zur Sekunde machen. Und wie ein

Husch mit dem dampfenden Schüsselchen über die Stiege hinauf. Unter

der Kammertüre nahm ihr der Meister die Suppe ab und sagte fröhlich:

»Vergeltsgott, gute Sus! Das ist gegangen als wie gezaubert.« Er sah

nicht das glückliche Leuchten in den Augen der Magd, sah nur das

zinnerne Schüsselchen an und trug es auf vorgestreckten Händen zum

Bett seines Kindes. »So, liebs Weibli, jetzt komm und iß.«

Luisa richtete sich in den Kissen auf. Noch brannten ihre Augen vom

Weinen, noch schimmerte die Feuchtigkeit der Tränen auf ihren Lippen.

Aber ruhig war sie, ganz ruhig. Und als sie das qualmende Schüsselchen

auf dem Schoß hatte, sah sie mit einem wunderlich verträumten Blick

zu ihrem Vater auf. »Es ist dir in den Augen, wie freudig du sinnest

an deiner Arbeit. Das tust du mir jetzt zu lieb, gelt ja, und tust um

meinetwegen nimmer Zeit verlieren?«

Er beugte sich zu ihr nieder, küßte ihr Haar, und als wär' sie eine

Schlafende, ging er auf den Fußspitzen aus der Kammer. In der Werkstatt

stand er lange unbeweglich. Immer lächelte er und betrachtete sein

Werk. Sich reckend, rief er über die Schulter: »Sus!«

Das große Jagen · 第 44 / 98 题