»Nit nötig! Wie irdischer du bleibst, so besser. Stell dich dort an
die sonnige Mauer hin! Schau her da, so!« Er deutete auf das rote
Wachsfigürchen.
In scheuer Freude betrachtete Sus das neue Werk und wußte nicht, daß
sie schon einmal an der Wand gestanden. So! Fast eine Stunde hielt sie
unbeweglich aus. Und Meister Niklaus arbeitete so leicht und flink,
als wäre seine hölzerne Hand wieder Bein und Blut geworden. Man sah
es ihm an, wie ihn nach der glücklichen Wandlung, die er an seinem
Kinde wahrgenommen, nun auch die Freude an seinem werdenden Werke neu
belebte. Plötzlich machte Sus eine erschrockene Bewegung, hob lauschend
den Kopf, sprang zum Ofen hin und warf sich auf die Knie, als müßte
sie das niedergebrannte Feuer schüren. Auch Meister Niklaus hatte den
Schritt seines Kindes vernommen und sagte leis: »Da mußt du nimmer
erschrecken, Sus! Dem Kindl gehen die Augen fürs Leben auf. Da wird sie
begreifen, was sie gestern noch nit verstanden hätt.« Er dachte bei
diesen Worten nur an seine Arbeit, die des lebenden Vorbildes nicht
entbehren konnte. Daß die Maria der Verkündigung nach dem Körper der
Magd gebildet war, das hatte er vor Luisa immer verheimlichen müssen;
sie hätte ihm das in ihrem Klosterglauben als schwere Versündigung
angerechnet. Doch Sus schien aus den Worten des Meisters etwas anderes
herausgehört zu haben. In ihren Zügen war der Ausdruck einer müden
Qual, und heftig schüttelte sie den Kopf, wie um zu sagen: das wird sie
nie verzeihen.
Luisa trat ein. Sie trug ein ziegelfarbenes Hauskleid, das sich lind an
ihren Körper schmiegte. Als sie die Magd beim Ofen sah, ging sie rasch
zu ihr hin und sagte mit warmer Herzlichkeit: »Laß *mich* das tun,
liebe Sus! Alles, was dem Vater freundlich ist, will ich schaffen.«
Stumm erhob sich die Magd und verließ die Werkstatt. Achtsam legte
Luisa die Scheite in den Ofen. Ein Krachen und Prasseln, das Rauschen
der erwachenden Flamme. »Jetzt wirst du nimmer kalt haben, Vater!« Er
sah in Freude zu ihr hinüber. Sie trat an seine Seite und betrachtete
das neue Werk. Eine seltsame Erschütterung befiel sie, und etwas tief
Innerliches war in ihrer leisen Stimme, als sie sagte: »Das redet mir
heilig in die Seel. Schaut man es an, so möcht man weinen und muß sich
doch freuen dran.«