Kapitel XII

Im großen frostigen Flur des Richterhauses standen viele Leute, die

ihrem Verhör entgegenbangten. Alle Verwandten der Hasenknopfin waren

da, Bauern und Weiber von Unterstein und von der Wies. Simeon Lewitter

stand blaß in einer Fensternische. Nun wurde er vorgerufen. Während

er sich zur Richterstube hinzappelte, trat Meister Niklaus heraus.

Der hatte eine rote Stirn, aber ruhige Augen; ohne ein Wort zu sagen,

tröstete er den Freund durch ein aufmunterndes Blinzeln und durch das

verabredete Zeichen dafür, daß Leupolt kein Wort gesprochen hatte, das

die Freunde belastete. Pfarrer Ludwig hatte das richtig vorausgesagt:

»Auf uns wird sich der grade Bub nit ausreden. Wird nur sagen: er hat

uns für schuldlose Leut gehalten, und drum hat er uns warnen müssen.

Über das Mädel schnauft er keinen Laut. Nur über sich selber wird er

die Wahrheit sagen, die ihn verläßlich ins Eisen bringt. Bei jedem

redlichen Wörtl wird die Sauermilch auf dem Richterstuhl glauben: Das

ist gelogen! -- _Sancta justizia!_«

Simeon Lewitter trat in die Richterstube, und Meister Niklaus schritt

durch den langen Flur der Haustür zu, ohne der aufgeregten Männergruppe

zu achten, in deren Mitte eine halb von Schmerz erwürgte, halb

wunderlich verzückte Stimme zu hören war. Die Zeugen, die über das

schwarzweiße Doppeltödchen auf der Schwelle des Chorkaplans Jesunder

etwas auszusagen hatten, die Musketiere, Lakaien und Jägerknechte

standen um den Christl Haynacher herum, der immer vom heiligen Sterben

seines Weibes erzählte. Das war in ihm zu einem Rad geworden, das

mit eisernen Zähnen die verstörte Seele des Christl gefaßt hatte und

nimmer losließ. Die aufgeregte Leutgruppe, die ihm zuhörte, schied sich

deutlich in zwei Parteien: in eine solche, die sich über den Christl

ärgerte oder über ihn lachte, und in eine solche, die schweigend

lauschte, mit heißem Glanz in den Augen. »Allweil bin ich ein

Gutgläubiger gewesen!« klang die bebende, von einem fast unheimlichen

Unterton durchfieberte Stimme des Christl. »Nie hab ich mich arg

versündigt, Leut, und trotzdem bin ich elend worden an Leib und Seel.

Und muß mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen, in eins für mein

gottseligs Martle --«

»Gottselig?« unterbrach ihn von den Musketieren einer. »Als

Gutgläubiger mußt du sagen: verflucht auf ewig. Hat man nit das

verbotene Teufelsbuch gefunden in ihrem Bett?«

Christl Haynacher hob die Arme. »Wahr ist's, Leut! Aber ein Weibl, das

so gottselig gestorben ist, wär wieder rechtgläubig worden, wenn's noch

leben hätt dürfen! Da glaub ich dran, so fest, wie ich glaub, daß mein

Weibl im Himmel ist.«

Eine Stimme lachte: »Im Himmel, ja, wo man die Leberwurst mit Schwefel

schmälzt!« Viele von den anderen, die bisher schweigsam geblieben,

schalten den groben Spötter. Und Christl Haynacher mahnte: »Nit

streiten, Leut! Auf der Welt muß Fried werden. Gütigkeit muß mithelfen,

daß die verloffenen Seelen wieder heimfinden zur heiligen Mutter.

Freilich, da därf man die Leut nit an Weihnächten aus der Kirch

jagen. Und hätt man nit meiner Martle auf ihren gesegneten Leib einen

Stoß gegeben, daß eins von ihren lieben Kinderlen hat schwarz werden

müssen unter ihrem gottseligen Herzl --« Seine Trauer erwürgte, was

er sagen wollte. Geleitet vom Feldwebel Muckenfüßl kam Lewitter aus

der Richterstube, huschte flink wie ein Wiesel davon und war schon

verschwunden, noch ehe Christl Haynacher die verlorene Stimme wieder

fand. »Meine Martle hat leiden müssen, ärger als ein vergrabenes Leben

unter hausgroßen Steinbrocken. Aber nit ein einziges Zornwörtl hat sie

dawider gehabt, daß man sie gepeinigt hat bis auf den Tod. Und wie sie

sterben hat können, ihr guten Leut, das ist gewesen wie ein schönes

Wunder. Allweil ist Gott ein Trost für die Seinen, hat sie gesagt.

Und wie der Schnee im Frühling wegrutscht von den Berghalden, so ist

der Wehdam abgefallen von ihrem gemarterten Leib. In den Augen hat

ihr ein Glanz gebronnen, so heilig, als tät sie das Himmelreich offen

sehen. Glaubet mir, Leut, so fromm und schön ist nie noch ein Bischof

und Papst gestorben. Wär das Martle nit droben im Himmel, so wär der

Tag nimmer Tag. Der Singvogel müßt ein Käfer in der Mistgrub sein. Und

einer wie ich, so ein Elendsbröckl, ich wär ein vergnügtes Mannsbild

mit drei gutgetauften lebendigen Kinderlen und einem lustigen Weibl,

das tanzen geht, hoppsa und huiserla --« Der Christl nahm den Kopf

zwischen die Fäuste und brach in Schluchzen aus.

In dem Schweigen, das ihn umgab, klang es streng von der Richterstube

her: »Was ist denn das _in loco hujus_ für ein fürlauter Subjektivus?«

»Schauet, ihr christlichen Leut, mein gottseliges Martle --«

»Not und Sakeramentum!« Muckenfüßl stieß den Säbel auf die

Steinfliesen. »Wird der Subjektivus bald _silentium_ observieren und

das Maul halten?«

Christl Haynacher guckte drein wie ein aus frommen Träumen zu bösem

Leben Erweckter. Er nahm die Kappe herunter. »Guter Herr, ich tu

doch bloß von meiner Martle erzählen! Das kann mir doch keiner nit

verbieten. Von christgläubigen Sachen muß man doch reden dürfen?«

Gegenüber diesem unerwarteten Widerstand versagte dem Feldwebel die

Kanzleisprache. Kummervoll erklärte er in makellosem Deutsch: »Da

muß man einschreiten!« und trat in die Richterstube. Das war ein

weißgetünchter, von Spitzbogen überwölbter Raum mit braunem Holzgerät.

Früher hatte die weiße Mauer ein großes Gemälde des Jüngsten Gerichtes

getragen. Der neue Landrichter hatte das Bild übertünchen lassen,

weil er der Meinung war, daß es die Schuldlosen verzagt mache und die

verlogene Vorsicht der Verbrecher schärfe.

Auf der Zeugenbank, neben der blassen Mutter Agnes, saß der Mälzmeister

Raurisser, ein festgezimmertes Mannsbild, das angenehm nach der

Bierpfanne roch und das Aktengemuffel der Richterstube durch einen

Duft von gerösteter Gerste milderte. In dem braunen Gesichte waren die

Zornadern an den Schläfen merklich verdickt. Aber trotz aller Sorge um

den zu Pfahl und Eisen verurteilten Sohn schien der Mälzmeister vor

dem Richter und der ihm innewohnenden Gefährlichkeit einen scheuen

Respekt zu haben. Unbeweglich saß er auf der Bank und hielt mit der

Linken die rechte Hand der Frau Agnes umklammert, die in Tapferkeit

und Erbitterung um den Sohn gekämpft hatte. So oft sie sich rührte,

klammerte der Mälzmeister die Faust noch fester um ihre Hand, wie in

Sorge, daß sie wieder etwas Aufreizendes sagen möchte. Augenscheinlich

war er kein Menschenkenner, auch gegenüber seinem Weibe nicht, mit

dem er seit einem Vierteljahrhundert im gleichen Bette schlief. Frau

Agnes bot nicht den Anblick, als wäre sie zu weiterem Widerspruch

entschlossen. Freilich sah sie den Richter unablässig an, aber nicht

mehr in Angst, sondern auf eine Art, als wäre dieser würdevolle,

schwarzgewandete und weißgelöckelte Herr für sie etwas völlig

Unbegreifliches und ein Gegenstand des tiefsten Ekels geworden.

Hinter erhöhtem Tische, auf dem zu beiden Seiten eines Kruzifixes viele

dickbäuchige Bücher lagen, saß der Richter in würdiger Haltung neben

dem Schreiber, dem er mit großem Aufwand lateinischer und französischer

Worte den Schluß eines Protokolls diktierte. Zwischen den gepuderten

Haarschnörkeln der umständlich gedrechselten Roßhaarperücke stach

ein hageres Gesicht heraus, mit runden, kleinen, schwarzglänzenden

Spitzmausaugen. Die Zahl der Jahre, die dieser Richter auf seinen

schmalen Schultern trug, war schwer zu erraten. Er hatte was Kindliches

und dennoch etwas Greisenhaftes, in jener rätselvollen Mischung,

die stets in der innigen Ehe eines unbegründeten Selbstbewußtseins

mit beklagenswerter Geistesarmut erzeugt wird. Das war der neue

Landrichter, für die Leute zu Berchtesgaden eine halb beklemmende, halb

lächerliche Person, die von Amts wegen das unverantwortliche Recht

besaß, jede Wahrheit als Lüge, jede Lüge als Wahrheit zu erkennen und

ihre tägliche Unheilsration zum Schaden der Menschheit anzustiften.

In seinem Privatleben ein harmloser, vielleicht sogar ein ehrenwerter

Mensch, wurde er in Ausübung seines Berufes eine um so gefährlichere

Amtsbestie, je mehr er von der Unfehlbarkeit seiner richterlichen

Entscheidungen überzeugt war. Ein Gleichnis für seine Justizmethode war

die Form, zu der er seinen winzigen Namen aufblies. Jeder vernünftige

Mensch des gleichen Namens hätte sich >Ring< geschrieben. Der

Landrichter _Dr._ Willibald hatte dazu vier überflüssige Buchstaben

nötig und schrieb sich >Hringghh<. In gleicher Weise formte er seine

Urteile. Gewiß, er suchte die Wahrheit mit Beflissenheit. Aber er fand

sie nicht. Für seinen Scharfblick verwandelten sich alle Dinge ins

Gegenteil ihres Wesens.

Bei dem verstaubten Gerichtsformalismus einer Zeit, die den _Dr._

Willibald Hringghh als juridische Mißgeburt erzeugte, leider als

eine nach der Geburt lebendig gebliebene, konnte ein Irrtum zuweilen

auch einem guten Richter widerfahren. Unter dem Heiligenschein der

Daumschrauben erschien vor dem Richtertische nichts so unwahrscheinlich

als die Wahrheit, nichts so glaubwürdig als ein mit Ruhe geschworener

Meineid. Aber bei guten Richtern wurden die Fehlgriffe zu Ausnahmen,

bei _Dr._ Willibald mit den vier überflüssigen Buchstaben -- bei

diesem würdigen Enkel der Hexenrichter, die ein unmündiges Mädelchen

stundenlang über das _Semen frigidum_ des Teufels inquirieren konnten

-- trat der Irrtum als beängstigende Regel auf. Wer vor seinen

Richterstuhl berufen wurde, dem konnte man voraussagen: »Du sprichst

die Wahrheit, dein Fall ist klar, du bist im Recht, also wirst du

verurteilt werden.« Die Herren des Stiftes kannten ihn. Immer nannte

ihn der Fürstpropst mit lächelnder Gnade: »Unser getreues Justizkamel!«

Und ließ ihn weiter amtieren. Diese Duldung seiner Oberen war das

größere Verbrechen als die bedauerliche Sünde, die eine unbegreifliche

Schicksalsfügung dadurch beging, daß sie dem Lande Berchtesgaden dieses

richterliche Käsgehirn als schädliche Laus in die Lebenswolle setzte.

Neben diesem Richter stand als ein ihn geistig überragender Gehilfe

der Feldwebel Muckenfüßl und schnaufte sehr aufgeregt. Solange der

Landrichter diktierte, mußte Muckenfüßl schweigen. Als der Streusand

rieselte, fing der Feldwebel gleich zu kanzleieln an: »Euer Hoch-Ehren!

Rapportiere subordinaliter, daß da draußen _in loco hujus_ ein

Subjektivus befindlich ist, der _vulgo_ Haynacher, der das schwarzweiße

Monstrum hat produzieren helfen, und deß nit genug, reißt er

impertinalimentisch den Brotladen auf, räsonnieret wider den Papst und

macht mit landsverräterischen Rumoribus die Population im Glauben irr.

Das hat mein eigener _ego ipsus in loco hujus_ observieren müssen.«

Der magere Hals des Landrichters verlängerte sich, und weißer Puder

nebelte ihm auf die schwarzen Schultern herunter. Er machte eine

winkende Handbewegung und wollte sprechen. Da klang eine erregte

Mädchenstimme im Flur, die Tür wurde aufgerissen, und Luisa im grünen

Mantel, den der Luftzug auseinanderwehte, stand atemlos auf der

Schwelle der Richterstube.

Ein leiser Laut, halb Schreck und halb Freude, fuhr über die Lippen der

Mutter Agnes.

Erstaunt und unwillig betrachteten die kleinen Spitzmausaugen des

Richters das junge Mädchen, das nach Atem rang. Was aus Luisas

angstvollen und dennoch wundersam frohen Augen redete, aus der

wechselnden Glut und Blässe ihres Gesichtes und aus dem Zittern ihrer

Hände, von denen die eine das kleine Gebetbuch und die andere den

Rosenkranz an der kämpfenden Brust umklammert hielt, war menschlich

so klar und leichtverständlich, daß es der Richter mit den vier

überflüssigen Buchstaben mißverstehen *mußte*. Nach seiner Meinung

war der Schuldlose immer ruhig, immer mit der Fähigkeit begnadet,

sich zu beherrschen. Jede Erregung erschien ihm als verdächtig, als

Zeichen eines befleckten Gewissens. Er machte den Hals noch länger,

und deutlich war es an der Runzelbildung seiner niederen Stirn zu

verfolgen, wie sich im Lakrizentopf seines Unverstandes die Umwandlung

des ersten Staunens zur Ahnung einer verbotenen Sache vollzog. Mit

strenger Würde richtete er an Muckenfüßl die Frage: »Wer hat diese

verdächtig aufgeregte Jungfer citiert?«

Ehe der Feldwebel antworten konnte, trat Luisa an den Tisch und

stammelte: »Herr Richter! Ich hab gesehen, daß man den schuldlosen

Leupolt zum Eisen führt. Da muß ich Zeugschaft geben für ihn --«

Eine erledigende Handbewegung. Fein lächelten die überflüssigen

Buchstaben und ließen nur die eine Silbe vernehmen: »Ssssso?«

Die hoheitsvolle Kälte dieses Lautes schien wie Eiswasser über Luisa

hinzuströmen. »Herr Richter --«

Wieder jene Handbewegung, etwas kräftiger. »Augenblicklich besitze ich

für formwidrige Dinge kein Ohr. Die aufgeregte Jungfer wird deponieren,

wenn man sie zitieren und inquirieren sollte.«

»Herr Richter?« flehte Luisa verstört. »Ist es für die Wahrheit nit

allweil Zeit?«

»Nein. Jedes Ding _secundum juris regulam_. Nach der dubiosen Weisheit

uncitierter Zeugen, auch wenn sie in Kenntnis irgendwelcher Wahrheit

sich befinden sollten, wird nicht entschieden vor Gericht. Vor allem

müssen die Formalitäten des Prozeßverfahrens observiert werden.«

»Herr Richter?« Luisas erschrockene Augen erweiterten sich. »Steht die

Unschuld eines Menschen nit höher --«

»Nein!« unterbrach er sie. »Deshalb wird die Jungfer sich jetzt

entfernen. Ich erkenne ihre unzulässige Voreingenommenheit für den

Inkulpaten und bezweifle, ob man sie überhaupt zur Zeugnislegung

berufen wird.«

Das große Jagen · 第 43 / 98 题