Im großen frostigen Flur des Richterhauses standen viele Leute, die
ihrem Verhör entgegenbangten. Alle Verwandten der Hasenknopfin waren
da, Bauern und Weiber von Unterstein und von der Wies. Simeon Lewitter
stand blaß in einer Fensternische. Nun wurde er vorgerufen. Während
er sich zur Richterstube hinzappelte, trat Meister Niklaus heraus.
Der hatte eine rote Stirn, aber ruhige Augen; ohne ein Wort zu sagen,
tröstete er den Freund durch ein aufmunterndes Blinzeln und durch das
verabredete Zeichen dafür, daß Leupolt kein Wort gesprochen hatte, das
die Freunde belastete. Pfarrer Ludwig hatte das richtig vorausgesagt:
»Auf uns wird sich der grade Bub nit ausreden. Wird nur sagen: er hat
uns für schuldlose Leut gehalten, und drum hat er uns warnen müssen.
Über das Mädel schnauft er keinen Laut. Nur über sich selber wird er
die Wahrheit sagen, die ihn verläßlich ins Eisen bringt. Bei jedem
redlichen Wörtl wird die Sauermilch auf dem Richterstuhl glauben: Das
ist gelogen! -- _Sancta justizia!_«
Simeon Lewitter trat in die Richterstube, und Meister Niklaus schritt
durch den langen Flur der Haustür zu, ohne der aufgeregten Männergruppe
zu achten, in deren Mitte eine halb von Schmerz erwürgte, halb
wunderlich verzückte Stimme zu hören war. Die Zeugen, die über das
schwarzweiße Doppeltödchen auf der Schwelle des Chorkaplans Jesunder
etwas auszusagen hatten, die Musketiere, Lakaien und Jägerknechte
standen um den Christl Haynacher herum, der immer vom heiligen Sterben
seines Weibes erzählte. Das war in ihm zu einem Rad geworden, das
mit eisernen Zähnen die verstörte Seele des Christl gefaßt hatte und
nimmer losließ. Die aufgeregte Leutgruppe, die ihm zuhörte, schied sich
deutlich in zwei Parteien: in eine solche, die sich über den Christl
ärgerte oder über ihn lachte, und in eine solche, die schweigend
lauschte, mit heißem Glanz in den Augen. »Allweil bin ich ein
Gutgläubiger gewesen!« klang die bebende, von einem fast unheimlichen
Unterton durchfieberte Stimme des Christl. »Nie hab ich mich arg
versündigt, Leut, und trotzdem bin ich elend worden an Leib und Seel.
Und muß mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen, in eins für mein
gottseligs Martle --«
»Gottselig?« unterbrach ihn von den Musketieren einer. »Als
Gutgläubiger mußt du sagen: verflucht auf ewig. Hat man nit das
verbotene Teufelsbuch gefunden in ihrem Bett?«
Christl Haynacher hob die Arme. »Wahr ist's, Leut! Aber ein Weibl, das
so gottselig gestorben ist, wär wieder rechtgläubig worden, wenn's noch
leben hätt dürfen! Da glaub ich dran, so fest, wie ich glaub, daß mein
Weibl im Himmel ist.«
Eine Stimme lachte: »Im Himmel, ja, wo man die Leberwurst mit Schwefel
schmälzt!« Viele von den anderen, die bisher schweigsam geblieben,
schalten den groben Spötter. Und Christl Haynacher mahnte: »Nit
streiten, Leut! Auf der Welt muß Fried werden. Gütigkeit muß mithelfen,
daß die verloffenen Seelen wieder heimfinden zur heiligen Mutter.
Freilich, da därf man die Leut nit an Weihnächten aus der Kirch
jagen. Und hätt man nit meiner Martle auf ihren gesegneten Leib einen
Stoß gegeben, daß eins von ihren lieben Kinderlen hat schwarz werden
müssen unter ihrem gottseligen Herzl --« Seine Trauer erwürgte, was
er sagen wollte. Geleitet vom Feldwebel Muckenfüßl kam Lewitter aus
der Richterstube, huschte flink wie ein Wiesel davon und war schon
verschwunden, noch ehe Christl Haynacher die verlorene Stimme wieder
fand. »Meine Martle hat leiden müssen, ärger als ein vergrabenes Leben
unter hausgroßen Steinbrocken. Aber nit ein einziges Zornwörtl hat sie
dawider gehabt, daß man sie gepeinigt hat bis auf den Tod. Und wie sie
sterben hat können, ihr guten Leut, das ist gewesen wie ein schönes
Wunder. Allweil ist Gott ein Trost für die Seinen, hat sie gesagt.
Und wie der Schnee im Frühling wegrutscht von den Berghalden, so ist
der Wehdam abgefallen von ihrem gemarterten Leib. In den Augen hat
ihr ein Glanz gebronnen, so heilig, als tät sie das Himmelreich offen
sehen. Glaubet mir, Leut, so fromm und schön ist nie noch ein Bischof
und Papst gestorben. Wär das Martle nit droben im Himmel, so wär der
Tag nimmer Tag. Der Singvogel müßt ein Käfer in der Mistgrub sein. Und
einer wie ich, so ein Elendsbröckl, ich wär ein vergnügtes Mannsbild
mit drei gutgetauften lebendigen Kinderlen und einem lustigen Weibl,
das tanzen geht, hoppsa und huiserla --« Der Christl nahm den Kopf
zwischen die Fäuste und brach in Schluchzen aus.
In dem Schweigen, das ihn umgab, klang es streng von der Richterstube
her: »Was ist denn das _in loco hujus_ für ein fürlauter Subjektivus?«
»Schauet, ihr christlichen Leut, mein gottseliges Martle --«
»Not und Sakeramentum!« Muckenfüßl stieß den Säbel auf die
Steinfliesen. »Wird der Subjektivus bald _silentium_ observieren und
das Maul halten?«
Christl Haynacher guckte drein wie ein aus frommen Träumen zu bösem
Leben Erweckter. Er nahm die Kappe herunter. »Guter Herr, ich tu
doch bloß von meiner Martle erzählen! Das kann mir doch keiner nit
verbieten. Von christgläubigen Sachen muß man doch reden dürfen?«
Gegenüber diesem unerwarteten Widerstand versagte dem Feldwebel die
Kanzleisprache. Kummervoll erklärte er in makellosem Deutsch: »Da
muß man einschreiten!« und trat in die Richterstube. Das war ein
weißgetünchter, von Spitzbogen überwölbter Raum mit braunem Holzgerät.
Früher hatte die weiße Mauer ein großes Gemälde des Jüngsten Gerichtes
getragen. Der neue Landrichter hatte das Bild übertünchen lassen,
weil er der Meinung war, daß es die Schuldlosen verzagt mache und die
verlogene Vorsicht der Verbrecher schärfe.
Auf der Zeugenbank, neben der blassen Mutter Agnes, saß der Mälzmeister
Raurisser, ein festgezimmertes Mannsbild, das angenehm nach der
Bierpfanne roch und das Aktengemuffel der Richterstube durch einen
Duft von gerösteter Gerste milderte. In dem braunen Gesichte waren die
Zornadern an den Schläfen merklich verdickt. Aber trotz aller Sorge um
den zu Pfahl und Eisen verurteilten Sohn schien der Mälzmeister vor
dem Richter und der ihm innewohnenden Gefährlichkeit einen scheuen
Respekt zu haben. Unbeweglich saß er auf der Bank und hielt mit der
Linken die rechte Hand der Frau Agnes umklammert, die in Tapferkeit
und Erbitterung um den Sohn gekämpft hatte. So oft sie sich rührte,
klammerte der Mälzmeister die Faust noch fester um ihre Hand, wie in
Sorge, daß sie wieder etwas Aufreizendes sagen möchte. Augenscheinlich
war er kein Menschenkenner, auch gegenüber seinem Weibe nicht, mit
dem er seit einem Vierteljahrhundert im gleichen Bette schlief. Frau
Agnes bot nicht den Anblick, als wäre sie zu weiterem Widerspruch
entschlossen. Freilich sah sie den Richter unablässig an, aber nicht
mehr in Angst, sondern auf eine Art, als wäre dieser würdevolle,
schwarzgewandete und weißgelöckelte Herr für sie etwas völlig
Unbegreifliches und ein Gegenstand des tiefsten Ekels geworden.
Hinter erhöhtem Tische, auf dem zu beiden Seiten eines Kruzifixes viele
dickbäuchige Bücher lagen, saß der Richter in würdiger Haltung neben
dem Schreiber, dem er mit großem Aufwand lateinischer und französischer
Worte den Schluß eines Protokolls diktierte. Zwischen den gepuderten
Haarschnörkeln der umständlich gedrechselten Roßhaarperücke stach
ein hageres Gesicht heraus, mit runden, kleinen, schwarzglänzenden
Spitzmausaugen. Die Zahl der Jahre, die dieser Richter auf seinen
schmalen Schultern trug, war schwer zu erraten. Er hatte was Kindliches
und dennoch etwas Greisenhaftes, in jener rätselvollen Mischung,
die stets in der innigen Ehe eines unbegründeten Selbstbewußtseins
mit beklagenswerter Geistesarmut erzeugt wird. Das war der neue
Landrichter, für die Leute zu Berchtesgaden eine halb beklemmende, halb
lächerliche Person, die von Amts wegen das unverantwortliche Recht
besaß, jede Wahrheit als Lüge, jede Lüge als Wahrheit zu erkennen und
ihre tägliche Unheilsration zum Schaden der Menschheit anzustiften.
In seinem Privatleben ein harmloser, vielleicht sogar ein ehrenwerter
Mensch, wurde er in Ausübung seines Berufes eine um so gefährlichere
Amtsbestie, je mehr er von der Unfehlbarkeit seiner richterlichen
Entscheidungen überzeugt war. Ein Gleichnis für seine Justizmethode war
die Form, zu der er seinen winzigen Namen aufblies. Jeder vernünftige
Mensch des gleichen Namens hätte sich >Ring< geschrieben. Der
Landrichter _Dr._ Willibald hatte dazu vier überflüssige Buchstaben
nötig und schrieb sich >Hringghh<. In gleicher Weise formte er seine
Urteile. Gewiß, er suchte die Wahrheit mit Beflissenheit. Aber er fand
sie nicht. Für seinen Scharfblick verwandelten sich alle Dinge ins
Gegenteil ihres Wesens.
Bei dem verstaubten Gerichtsformalismus einer Zeit, die den _Dr._
Willibald Hringghh als juridische Mißgeburt erzeugte, leider als
eine nach der Geburt lebendig gebliebene, konnte ein Irrtum zuweilen
auch einem guten Richter widerfahren. Unter dem Heiligenschein der
Daumschrauben erschien vor dem Richtertische nichts so unwahrscheinlich
als die Wahrheit, nichts so glaubwürdig als ein mit Ruhe geschworener
Meineid. Aber bei guten Richtern wurden die Fehlgriffe zu Ausnahmen,
bei _Dr._ Willibald mit den vier überflüssigen Buchstaben -- bei
diesem würdigen Enkel der Hexenrichter, die ein unmündiges Mädelchen
stundenlang über das _Semen frigidum_ des Teufels inquirieren konnten
-- trat der Irrtum als beängstigende Regel auf. Wer vor seinen
Richterstuhl berufen wurde, dem konnte man voraussagen: »Du sprichst
die Wahrheit, dein Fall ist klar, du bist im Recht, also wirst du
verurteilt werden.« Die Herren des Stiftes kannten ihn. Immer nannte
ihn der Fürstpropst mit lächelnder Gnade: »Unser getreues Justizkamel!«
Und ließ ihn weiter amtieren. Diese Duldung seiner Oberen war das
größere Verbrechen als die bedauerliche Sünde, die eine unbegreifliche
Schicksalsfügung dadurch beging, daß sie dem Lande Berchtesgaden dieses
richterliche Käsgehirn als schädliche Laus in die Lebenswolle setzte.
Neben diesem Richter stand als ein ihn geistig überragender Gehilfe
der Feldwebel Muckenfüßl und schnaufte sehr aufgeregt. Solange der
Landrichter diktierte, mußte Muckenfüßl schweigen. Als der Streusand
rieselte, fing der Feldwebel gleich zu kanzleieln an: »Euer Hoch-Ehren!
Rapportiere subordinaliter, daß da draußen _in loco hujus_ ein
Subjektivus befindlich ist, der _vulgo_ Haynacher, der das schwarzweiße
Monstrum hat produzieren helfen, und deß nit genug, reißt er
impertinalimentisch den Brotladen auf, räsonnieret wider den Papst und
macht mit landsverräterischen Rumoribus die Population im Glauben irr.
Das hat mein eigener _ego ipsus in loco hujus_ observieren müssen.«
Der magere Hals des Landrichters verlängerte sich, und weißer Puder
nebelte ihm auf die schwarzen Schultern herunter. Er machte eine
winkende Handbewegung und wollte sprechen. Da klang eine erregte
Mädchenstimme im Flur, die Tür wurde aufgerissen, und Luisa im grünen
Mantel, den der Luftzug auseinanderwehte, stand atemlos auf der
Schwelle der Richterstube.
Ein leiser Laut, halb Schreck und halb Freude, fuhr über die Lippen der
Mutter Agnes.
Erstaunt und unwillig betrachteten die kleinen Spitzmausaugen des
Richters das junge Mädchen, das nach Atem rang. Was aus Luisas
angstvollen und dennoch wundersam frohen Augen redete, aus der
wechselnden Glut und Blässe ihres Gesichtes und aus dem Zittern ihrer
Hände, von denen die eine das kleine Gebetbuch und die andere den
Rosenkranz an der kämpfenden Brust umklammert hielt, war menschlich
so klar und leichtverständlich, daß es der Richter mit den vier
überflüssigen Buchstaben mißverstehen *mußte*. Nach seiner Meinung
war der Schuldlose immer ruhig, immer mit der Fähigkeit begnadet,
sich zu beherrschen. Jede Erregung erschien ihm als verdächtig, als
Zeichen eines befleckten Gewissens. Er machte den Hals noch länger,
und deutlich war es an der Runzelbildung seiner niederen Stirn zu
verfolgen, wie sich im Lakrizentopf seines Unverstandes die Umwandlung
des ersten Staunens zur Ahnung einer verbotenen Sache vollzog. Mit
strenger Würde richtete er an Muckenfüßl die Frage: »Wer hat diese
verdächtig aufgeregte Jungfer citiert?«
Ehe der Feldwebel antworten konnte, trat Luisa an den Tisch und
stammelte: »Herr Richter! Ich hab gesehen, daß man den schuldlosen
Leupolt zum Eisen führt. Da muß ich Zeugschaft geben für ihn --«
Eine erledigende Handbewegung. Fein lächelten die überflüssigen
Buchstaben und ließen nur die eine Silbe vernehmen: »Ssssso?«
Die hoheitsvolle Kälte dieses Lautes schien wie Eiswasser über Luisa
hinzuströmen. »Herr Richter --«
Wieder jene Handbewegung, etwas kräftiger. »Augenblicklich besitze ich
für formwidrige Dinge kein Ohr. Die aufgeregte Jungfer wird deponieren,
wenn man sie zitieren und inquirieren sollte.«
»Herr Richter?« flehte Luisa verstört. »Ist es für die Wahrheit nit
allweil Zeit?«
»Nein. Jedes Ding _secundum juris regulam_. Nach der dubiosen Weisheit
uncitierter Zeugen, auch wenn sie in Kenntnis irgendwelcher Wahrheit
sich befinden sollten, wird nicht entschieden vor Gericht. Vor allem
müssen die Formalitäten des Prozeßverfahrens observiert werden.«
»Herr Richter?« Luisas erschrockene Augen erweiterten sich. »Steht die
Unschuld eines Menschen nit höher --«
»Nein!« unterbrach er sie. »Deshalb wird die Jungfer sich jetzt
entfernen. Ich erkenne ihre unzulässige Voreingenommenheit für den
Inkulpaten und bezweifle, ob man sie überhaupt zur Zeugnislegung
berufen wird.«