Mit erregter Strenge sagte sie: »Ein Mensch ist allweil ein Mensch.«

»Freilich, freilich, aber ich weiß doch, wie so ein dummes Mädel ist!

Da könnt der beste von allen Buben um ihretwegen versterben müssen --

von Liebhaben und süßer Vertraulichkeit, vom Heimgart, zu dem er hätt

kommen mögen, von Spinnrädl und Haustür, von so was redet doch ein

Mädel nit vor dem Richter. Auch nit das redlichste und tapferste. Da

muß man rot werden, verlegen und geschämig sein! Da muß man --«

»Hochwürden!« In Luisas Augen war ein Glanz, wie in den Stunden, in

denen sie betete. »Da kennt Ihr die redlichen Mädlen schlecht.« Sie

nahm ihr Buch und den Rosenkranz. Bei der Türe wandte sie das Gesicht.

»Den Trost, um den ich gekommen bin für mich allein, den hol ich ein

andermal. Jetzt muß ich zum Richter.« Ruhig wehrte sie mit der Hand,

weil der Pfarrer eine Bewegung machte, als möchte er sie festhalten.

»Das muß ich tun. Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter

Marie!«

»In Ewigkeit Amen!« antwortete Pfarrer Ludwig mit einer Stimme voll

inniger Zärtlichkeit. Er sah die Tür an, lachte vor sich hin und kam

überraschenderweise zu einem ähnlichen Urteil, wie es Frau Apollonia

Jesunder über Luisa abgesprochen hatte. Nur der Klang war ein anderer.

»Du liebes Gänsl! Lauf nur! Und lauf durch Schmerzen hinein in dein

junges Glück!«

Aus der anderen Tür der Stube schob Schwester Franziska den Kopf

heraus, mit Sorge in den Augen. Der Pfarrer sah sie an und sagte

heiter: »Schwester! Wärst du nit taub wie ein Ofenloch, so tätst du

mich jetzt für einen argen Komödianten halten, nach einem Stündl, in

dem ich für ein leidendes Menschenkind ein hilfreicher Priester war.«

Franziska verstand nicht, aber sie atmete auf, weil sie den Bruder

lachen sah. Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand auf die Schulter

und schrie ihr ins Ohr: »Vor sieben Jahr, wie wir ausgezogen sind aus

der Stiftspfarrei? Ist da nit ein kleines Kistl dagewesen, mit alten

Schlüsseln?« Geschäftig nickte die Schwester, lief davon und war von

einer Sorge befreit, ohne zu ahnen, daß sie zur Mithelferin einer

Heimlichkeit wurde, bei der ihr hochwürdiger Bruder, weil er menschlich

empfand, um Ehre und Freiheit spielen mußte.

Das große Jagen · 第 42 / 98 题