Sie lispelte: »Unser heiliger Herr Jesus Christ.«

»Da denkst du, wie ich.« Er legte den Arm um Luisas Schulter. »Komm!

Und schau ihn an! Da hängt er an der Mauer, so schön, wie ihn dein

gläubiger Vater herausgeschnitten hat aus dem Holz! Das ist länger her,

als du lebst. Ja, Kindl, damals hat dein Vater die geschickte Hand noch

gehabt, die ihm ein ungerechtes Urteil hat wegschlagen lassen. Warum?

Weil dein Vater barmherzig gewesen ist. Weil er in seiner Güt nit

unterschieden hat zwischen römisch und evangelisch, zwischen weiß und

schwarz. Und weil er denken hat müssen: Mensch ist Mensch, und wo einer

leidet, da muß man helfen.« Während der Pfarrer langsam diese Worte

sprach, betrachtete er Luisas Gesicht mit forschender Aufmerksamkeit.

Und plötzlich fragte er verwundert: »Kind? Was tut dich erschrecken?«

Luisas erweiterte Augen waren in Pein und Hilflosigkeit auf das

Kreuzbild gerichtet. Gleich einer frommen Opfergabe hingen da zwei

weiße, zerschnittene Tüchelchen an dem eisernen Nagel, von dem die

blutenden Füße des Erlösers durchbohrt waren.

Pfarrer Ludwig schien von einem heißen Verlegenheitskummer befallen zu

werden. »Ach, Gott, ich bin aber doch ein grausamer Esel!« Er sprang

auf das Kreuzbild zu, packte die zwei Tüchelchen, stopfte sie in die

Hosentasche und sagte betrübt: »So wenig hab ich mir denken können,

daß *du* zu *mir* kommst! Sonst hätt ich doch nit die zwei weißen

Fähnlein deiner Torheit aufgesteckt, wo du sie sehen hast müssen auf

den ersten Blick. Das ist mir leid.«

Stumm, unter Tränen, schüttelte Luisa den Kopf.

»Aber ich seh doch, es hat dir weh getan, daß die Tüchlen dich erinnert

haben an deine gottferne Narretei. Wie ich heimgekommen bin aus deiner

Kammer, hab ich sie da hergehangen und hab zum Allgütigen gesagt:

Gelt, tu dem jungen Kindl nit verdenken, was ausgesehen hat wie ein

Kinderspott auf dein heiliges Leiden, sie hat es nit so gemeint, ihre

Seel ist fromm.«

»Nit, Hochwürden,« unterbrach sie ihn leise, »ganz verdreht bin ich

gewesen. Und die zwei Tüchlen sehen müssen, das ist mir gewesen jetzt

wie eine verdiente Straf.«

»Jetzt sind sie doch nimmer da. Und wo sie gewesen sind -- schau, Kind,

da leg ich, um dein Vertrauen zu verdienen, meine Hand jetzt hin und

sag: Ich bin im Glauben geblieben, der ich allweil gewesen bin. Wie ich

gelebt hab, so will ich sterben: als Christ und getreuer Mensch. Ich

glaub an Gottes Güt und Gerechtigkeit, glaub an sein ewiges Walten.

Ich glaub an den Himmel und glaub an das Recht der Menschen auf Gottes

Gnad, glaub an die Pflicht der Menschen zu redlichem Leben und zu

hilfreicher Barmherzigkeit gegen Freund und Feind. Ob einer getreu ist

oder da drüben steht, ich weiß nit, wo -- ein leidender Mensch, da

muß man helfen. Ja, lieb Kind, das hab ich gelernt von deinem Vater.«

Nach diesen ernsten Worten fragte der Pfarrer lächelnd: »Ist das ein

Christentum, das dir verdächtig erscheint?«

Sie schüttelte den Kopf. Dann streckte sie die zitternde Hand und bat:

»Hochwürdiger Herr! Tu mir verzeihen in christlicher Güt!«

»Verzeihen?« Er streichelte ihr schönes Haar. »Dir bin ich doch nie

nit harb gewesen. Allweil hab ich verstanden, wie wertvoll deine liebe

Jugend ist. Und komm, jetzt setzen wir uns zum Fenster hin!« Er führte

sie in die helle Mauernische und stellte für sie einen Stuhl ganz nah

an die Scheiben. Da konnte sie alles gewahren, was da drunten geschah,

in dem von weißen Schneeresten übersprenkelten Hof, der zwischen der

Kirche und dem Gerichtsgebäude lag. Aber Luisa wandte keinen Blick

zum Fenster; in dürstendem Erwarten sah sie zum erregten Gesicht des

Pfarrers auf, der schwarz an der weißen Mauer stand und in den Hof

hinunterspähte, als müßte da drunten was geschehen, was er mit Ungeduld

erwartete. »Schau, Kindl, eh wir reden können von dem Trost, den du

suchst für dich allein, müssen wir ein bißl reden von einem anderen.«

Er sah das jähe Erglühen ihres Gesichtes und lächelte. »Von deinem

Vater.« Sie atmete erleichtert auf. »Wie kommt es, Kindl, daß du so

mißträulich gegen deinen Vater bist?«

»Man hat mir viel von ihm gesagt, worüber ich hab erschrecken müssen.«

»Sooo? Freilich, die Graden reden grad, die Krummen krumm. Einmal, am

Königssee, der ein Stündl von Berchtesgaden liegt, hat ein kleines Bübl

mich gefragt: >Was ist das für ein buckliges Häufl da draußen?< Weißt

du, was das Bübl gemeint hat? Den großmächtigen Untersberg. So sehen

deinen Vater die Leut, die sein mannhaftes Herz nie gesehen haben in

der Näh!«

»Oft redet der Vater, wie man als Christ nit reden sollt.«

»Sooo? Da hab ich nie was gehört davon.«

»So hab ich ihn reden hören mit dem Lewitter.« Scheu fügte sie hinzu:

»Und oft mit Euch.«

Der Pfarrer lachte, als hätte dieses Wort ihn freundlich erheitert.

»Mit mir? Und deswegen bin ich verdächtig worden für dich? Aber schau,

ich versteh noch allweil nit. Was reden wir?«

»Lewitter und mein Vater nehmen Gottes Wort nit, wie es verkündet

steht. Sie machen was anderes draus, sie deuten es um.«

»Tust du denn das nit auch?«

Erschrocken stammelte sie: »Um aller Seligkeit willen, das tu ich nit.

Das wär eine arge Sünd. Was Gott geredet hat, steht geschrieben. Das

muß man glauben, wie Gott es gesagt hat.«

Wortlos betrachtete der Pfarrer eine Weile ihr heißes Gesicht. Dann

sagte er leis: »Wie seltsam!« Wieder warf er einen raschen Blick durch

das Fenster.

»Hochwürden? Was ist seltsam?«

»Daß die anderen, die man die Unsichtbaren schimpft, genau so predigen

wie du. Die legen die Hand auf das heilige Buch und sagen: >Was Gott

geredet hat, steht geschrieben, das muß man glauben, wie Gott es

gesagt hat.< Ja, Kind! Und *du* bist doch nit irrgläubig?« Der Pfarrer

schmunzelte. »Da mußt du mir jetzt erzählen, was im Paradies geschehen

ist, beim Apfelbaum, bevor Frau Eva, die Mutter von uns allen, sich

versündigt hat zum erstenmal.«

»Sie wär gehorsam geblieben, wenn nit vom Baum herunter der höllische

Verführer zu ihr geredet hätt.«

»Wer?« fragte Pfarrer Ludwig.

»Der höllische Verführer.«

»Ooooh?« Der Pfarrer griff zu seinem Schreibtisch hinüber, nahm ein

kleines dickes Buch, schlug es auf, spähte durch das Fenster, las mit

lauter Stimme den lateinischen Text des Sündenfalles und schüttelte den

Kopf. »Kind, auf mein Latein versteh ich mich. Da find ich kein Wörtl

vom höllischen Verführer. Da steht: die *Schlange*.«

»Das ist er ja doch gewesen!«

»Wer?«

»Der höllische Feind!«

»In Gottes Wort, da heißt es: die *Schlange*! Aber schau, lieb Kind,

ich denk wie du. Wir zwei, wir wissen, daß Schlangen nit reden können.

Drum deuten wir das Gleichnis der Falschheit um, machen was anderes

draus, was wir verstehen, und sagen: der höllische Feind und Verführer.

Aber was wir selber tun, mein Kind, das dürfen wir doch den anderen nit

zum Fürwurf machen?« Plötzlich, wie von Kummer befallen, sah Pfarrer

Ludwig durch das Fenster hinaus und flüsterte: »Ach, Gott! Der gute,

schuldlose Bub!«

Erblassend, von einem Taumel der Verstörung befallen, sprang Luisa zum

Fenster hin. Der Pfarrer streckte erschrocken die Arme: »Vom Fenster

weg! Das sollst du nit sehen! Das tät dich schmerzen.«

Sie klammerte die Hände um den Fensterriegel, preßte die Stirn an das

geriefelte Glas und atmete schwer. Was da drunten geschah, war deutlich

zu erkennen, obwohl es verkrümmt wurde durch die Rippen des Glases:

zwischen einem lärmenden Leuthaufen führten zwei Fronknechte den Jäger

Leupolt Raurisser vom Gerichtsgebäude zum Gefängnis hinüber. Er trug

die gekreuzten Fäuste hinter dem Rücken. Nun verschwand der lärmende

Schwarm, und der Hof da drunten war wieder leer.

Luisa wandte sich langsam vom Fenster ab und tastete gegen den Pfarrer

hin. »Das darf man doch nit geschehen lassen! Das tät ein Unrecht sein!«

»Unrecht!« klagte der Pfarrer und schritt mit seinen langen Beinen

aufgeregt durch die Stube. »Unrecht! Freilich ein Unrecht! So deutest

du es aus mit deinem guten Herzen. Aber da ist der Muckenfüßl! So ein

Rindvieh und Kummer Gottes! Und der Landrichter mit der Sauermilch im

Gehirn. Der macht aus einer redlichen Sach das Gegenteil und wirft den

schuldlosen Buben in Schand und Eisen. Und sagt: dem muß man den jungen

und schmucken Leib zermartern! Den muß man zerbrechen an Herz und Seel!

Bloß weil er als Mensch barmherzig gewesen ist und nit leiden hat

mögen, daß man ein Unrecht verübt an deinem schuldlosen Vater. Tu mich

nit falsch verstehen, Kind! Mich erbarmt der Leupolt nit.« Er sah den

Zorn auf ihrer Stirn und beteuerte: »Was geht mich der Leupolt an? Der

steht da drüben. Ich denk wie du, lieb Kind! Aber Unrecht ist allweil

ein Ding, das den Gütigen am Kreuz da droben traurig macht.«

Der zarte Körper des Mädchens schien zu wachsen und ihre Stimme bekam

einen schrillen Klang. »Man darf so ein Unrecht nit geschehen lassen.

Da muß man helfen!«

»Helfen? Wer denn? Du vielleicht? Geh, sei verständig, Kind! Du willst

doch nit gar hinüberlaufen zum Richter? Du? Ein verzagtes und mutloses

Mädel? Das tät ich verhindern müssen. Und schau, was tätst du dem

Richter sagen? Ich wüßt nit, was.«

Jetzt wurde ihre Stimme ruhig und rein. »Ich tät ihm sagen, was wahr

ist! Daß der Leupolt den Vater nit gewarnt hat aus Ungehorsam wider die

Obrigkeit.«

»So? Nit? Und warum denn sonst?«

»Er hat's getan --«

»So sag's doch! Sag's!«

»Bloß weil er mich lieb hat.«

»Aber Kind, tu töriges! Wahr ist's freilich, tausendmal wahr! Der hat

dich lieber als Vater und Mutter, lieber als Augen und Leben. Aber

daß er da drüben steht bei den Verdächtigen? Das darf man doch nit

vergessen.«

Das große Jagen · 第 41 / 98 题