Die Dinge der vergangenen Nacht bekamen laufende Füße. Ehe der Morgen
hell wurde, erörterte man schon in allen Stuben von Berchtesgaden
die ungeheuerliche Sache. Für die Unsichtbaren war's eine bange
Beklommenheit, für die Treugebliebenen gab das schwarzweiße
Himmelszeichen Anlaß zu abergläubischem Schreck oder zu zorniger
Erbitterung gegen die evangelische, will sagen preußische Gefahr, auf
die der Herrgott mit strafendem Finger hingewiesen hatte.
Es war an diesem Morgen der Kirchweg reichlicher bevölkert als sonst.
Zwischen den aufgeregten Leutgruppen wanderten zwei Menschenkinder,
die sich nirgends verhielten und mit niemand sprachen -- Luisa und
Sus. Dem Sorgenblick der Magd war es anzumerken, daß sie von der
schwarzweißen Gotteswarnung schon Kenntnis hatte. Sie schwieg nur, weil
der Meister ihr geboten: »Red nit drüber mit dem Kind!« Um der Sache
selbst willen machte sie sich keine schweren Gedanken. Eine Verirrung
der Natur und das Unglück eines braven Menschen. Was anderes war es
nicht für die grade, verständige Sus. Aber ruhelose Sorge wühlte in
ihr, weil des Meisters Freund in die Sache verwickelt war, und weil
sie früh im Morgengrau den Muckenfüßl mit vier Gottessoldaten hatte
hinausmarschieren sehen zum Mälzmeisterhaus. Unbeschwichtigt zitterte
in ihr auch noch der Kummer über das zerstörte Bildwerk, das nach
ihrer Meinung seit Erschaffung des Paradieses das Schönste von allem
Schönen gewesen war.
Blaß und schweigend, mit gesenkten Augen, ging Luisa neben der blonden
Magd. Aus den Glockenfalten des grünen Mantels lugte wie immer der
Rosenkranz hervor, dessen Zittern nicht nur herrührte von der Bewegung
des Schreitens. An Luisas schmerzhaft zusammengezogenen Brauen war es
zu sehen, daß peinvolle Gedanken in ihr kämpften. Erst beim Eintritt in
die Kirche, aus deren Dämmerung die brennenden Wachskerzen wie schöne
Geheimnisse herausflimmerten, löste sich die irrende Qual in ihrem
Gesicht. Sie war bei Gott, und bei Gott ist Wahrheit. Gerechtigkeit
geht von ihm aus, um alle Menschentorheit gütig zu vergeben, alle
leidenden Seelen zu erfüllen mit reiner Kraft. Unbeweglich kniete
sie in ihrem Kirchstuhl und hielt unter inbrünstigem Gebet die Stirn
auf ihre verklammerten Hände gepreßt. Als die Schellen zur Wandlung
klingelten, hob sie das ruhiggewordene Gesicht. Der Glanz eines
neugestärkten Glaubens leuchtete wieder in den klaren Mädchenaugen.
Während Luisa sich bekreuzte, sprach ihre Seele: »Gott weiß, was in den
Menschen ist, allweil kennt er die Seinen; auch gegen die anderen, die
wider ihn trutzen, bleibt er gerecht und wird durch einen irdischen
Richter nit bestrafen lassen, was guter und redlicher Wille war.« Diese
Zuversicht blieb in ihr, als sie neben der blonden Magd die Kirche
verließ. Mit einer seltsamen Freudigkeit sagte sie: »Geh heim, gute
Sus! Daß der liebe Vater auf sein Frühmahl nit warten muß. Ich hab
einen Weg, den ich nit verschieben darf.« Von dem, was Luisa sagte,
schien Sus nur die drei Worte >der liebe Vater< gehört zu haben. Eine
Blutwelle schoß ihr in die Wangen, und sie rannte, um so flink wie
möglich dem Meister zuschreien zu können: »Heut hat sie gesagt: der
*liebe* Vater. Meister, es wird heller in deinem Haus!«
Unter dem Strom der Leute ging Luisa hinüber zur Wohnung des
Chorkaplans. Als sie die Glocke ziehen wollte, kam Mutter Jesunder aus
der Sakristei. Die alte Frau war so dick in warme Dinge gewickelt,
daß man glauben konnte, ihre Magerkeit hätte während dieser
aufregungsvollen Nacht das Sorgenfett in kugeliger Fülle angesetzt.
Auch roch sie auffällig nach Kamillen. Bei Luisas Anblick versuchte
sie einen zärtlichen Augenaufschlag. »Ei guck, da ist ja unser frommes
Kindl schon wieder --«
»Mutter Jesunder?« Das klang so ernst, daß die nachtschwache Frau
sofort ein heftiges Mißtrauen empfand. Streng betrachtete Luisa
das jähverwandelte Runzelgesicht. »Was ich in meiner Herzensnot
dem hochwürdigen Herrn hab anvertrauen müssen? Ist es wahr, Mutter
Jesunder, daß du das in deinem Marktkörbl zum Pfleger getragen hast?«
»Aber Kindl,« begann die Frau zu klagen, »wie kannst du nur so was
denken von mir --«
Schweigend wandte Luisa sich ab. Die Verlegenheitsglut, die der alten
Frau mit Pfingstrosenfarbe ins Gesicht gefahren war, hatte deutlich
gesprochen. Unter erschrockenem Wortgesprudel rannte die Jesunderin
dem Mädchen nach und beschwor ihre Schuldlosigkeit. Luisa ging
davon, ohne das Gesicht zu drehen. Da erkannte Frau Apollonia die
Zwecklosigkeit ihrer Zungenmühe, schickte dem Mädchen einen Wutblick
nach und murrte: »So eine unverschämte Gans! Die will ich ankreiden bei
unserem Herrgott!« Diese Drohung war so ernsthaft gemeint, wie Frau
Jesunder überzeugt war, daß Gott Vater das Menschengeschlecht nach
ihren Ratschlägen regiere. Das schloß aber die betrübliche Wahrheit
nicht aus, daß Frau Apollonia in dem nassen Schneequatsch kalte Füße
bekam, einen Rückfall ihres nächtlichen Leidens befürchtete und mit
Beschleunigung ihrer Haustür zustreben mußte. So wurde sie an der
Beobachtung der sonderbaren Tatsache verhindert, daß Luisa die Richtung
nach dem Hause eines zwar nicht vor Gottes Allwissenheit, aber doch vor
dem Scharfblick der Frau Apollonia höchst verdächtigen Mannes einschlug.
Pfarrer Ludwig, als er das zaghafte Pochen an seiner Stubentür vernahm,
ließ die große Warze in ein vergnügtes Schmunzeln hinübergleiten. »Nur
allweil herein!« Beim Anblick seines Gastes zeigte er den Ausdruck
einer erstaunten Menschenseele. »Liebes Kind? Was suchst du bei *mir*?«
Die Art, wie der Pfarrer das letzte Wörtchen betonte, erzwang von Luisa
die zornige Antwort: »Zum Jesunder geh ich nimmer.«
»Oh! Ooh! Oooh!« Mißbilligend schüttelte Herr Ludwig den weißen Kopf.
Ein Diplomat schien er nicht zu sein. Statt Luisa zu beruhigen, wie
es doch vermutlich seine Absicht war, blies er durch sein Verhalten
kräftig in das Feuer ihrer Erregung.
»Zum Jesunder geh ich nimmer!« wiederholte sie unerbittlich. »Ich tu's
nit, und müßt ich auch verzichten auf jede Seelentröstung.«
»Kind! Was hast du gegen den Jesunder?«
»Hochwürden?« Sie sah erschrocken zu ihm auf. »Wisset Ihr nimmer, was
Ihr in meiner Kammer geredet habt zu mir?«
Da sagte er mit ernstem Vorwurf: »Was ich an junger Narretei hab sehen
müssen in deiner Kammer und was wir geredet haben, das war gebeichtet.
Nit? Und da liegt für mich ein Schleier des Vergessens drauf, den keine
Menschenhand nimmer hebt. Genau so heilig wie der Beichtstuhl ist
jedes menschliche Vertrauen. Eh' man da einem redlichen Priester ein
Wörtl entreißen könnt, da tät er sich lieber die Knochen aus dem Leib
herausbrechen lassen. Du tust dem Jesunder unrecht! Daß seine Mutter
nit so schwerhörig ist, wie meine Schwester, dafür kann der Jesunder
nichts. Oder -- -- Kind? Du wirst doch nit glauben, daß *ich* was
ausgeredet hätt? Vor deinem Vater?« Ohne das heftige Kopfschütteln des
Mädchens zu bemerken, sprach der Pfarrer in Erregung weiter: »Nein,
liebes Kind! Dein Vater ist der wahrhafteste von allen Mannsleuten. Da
müßt er im Leben zum erstenmal ein unwahres Wörtl geredet haben! Nein,
nein, nein! Das kann ich nit glauben von einem so redlichen Menschen!«
Sie hatte in Hast das Gebetbuch und den Rosenkranz auf den Tisch
gelegt. »So ist das nit. Daß der Vater von meiner so sündhaften wie
törigen Narretei kein Fäserlein erfahren hat, das hab ich gut gemerkt.
Der Vater --« Sie stockte. Und ihre Wangen fingen zu brennen an. »Der
Vater glaubt was anderes von mir.«
»Was anderes?« fragte der Hochwürdige überrascht.
»Der Vater glaubt, ich hätt so einen hilflosen Wirbel im Köpfl, weil
ich --«
»Weil du?« half Herr Ludwig nach.
»Weil ich dem Leupolt gutgeworden wär.« Sie fügte stammelnd hinzu: »Aus
Sorg und Barmherzigkeit, meint der Vater.«
»Um Gotteswillen!« Der Pfarrer schlug die langen Hände zusammen. »Wie
kann denn so ein gescheites Mannsbild so was Unmögliches denken!« Nach
diesen Worten blieb es in der weißen Stube still, und Herr Ludwig
guckte verwundert drein, ganz ehrlich verwundert. Er schien eine
Antwort erwartet zu haben. Sie kam nicht. Den Kopf mit dem spanischen
Federhütl in den Nacken gepreßt, stand Luisa unbeweglich und sah durch
das Fenster hinauf zu einem blauen Himmelsfleck. Diesen Moment der
Ablenkung benützte Pfarrer Ludwig zu einigem Nachdenken. Dann nickte
er: »Das ist merkwürdig --«