Kapitel XI

Die Dinge der vergangenen Nacht bekamen laufende Füße. Ehe der Morgen

hell wurde, erörterte man schon in allen Stuben von Berchtesgaden

die ungeheuerliche Sache. Für die Unsichtbaren war's eine bange

Beklommenheit, für die Treugebliebenen gab das schwarzweiße

Himmelszeichen Anlaß zu abergläubischem Schreck oder zu zorniger

Erbitterung gegen die evangelische, will sagen preußische Gefahr, auf

die der Herrgott mit strafendem Finger hingewiesen hatte.

Es war an diesem Morgen der Kirchweg reichlicher bevölkert als sonst.

Zwischen den aufgeregten Leutgruppen wanderten zwei Menschenkinder,

die sich nirgends verhielten und mit niemand sprachen -- Luisa und

Sus. Dem Sorgenblick der Magd war es anzumerken, daß sie von der

schwarzweißen Gotteswarnung schon Kenntnis hatte. Sie schwieg nur, weil

der Meister ihr geboten: »Red nit drüber mit dem Kind!« Um der Sache

selbst willen machte sie sich keine schweren Gedanken. Eine Verirrung

der Natur und das Unglück eines braven Menschen. Was anderes war es

nicht für die grade, verständige Sus. Aber ruhelose Sorge wühlte in

ihr, weil des Meisters Freund in die Sache verwickelt war, und weil

sie früh im Morgengrau den Muckenfüßl mit vier Gottessoldaten hatte

hinausmarschieren sehen zum Mälzmeisterhaus. Unbeschwichtigt zitterte

in ihr auch noch der Kummer über das zerstörte Bildwerk, das nach

ihrer Meinung seit Erschaffung des Paradieses das Schönste von allem

Schönen gewesen war.

Blaß und schweigend, mit gesenkten Augen, ging Luisa neben der blonden

Magd. Aus den Glockenfalten des grünen Mantels lugte wie immer der

Rosenkranz hervor, dessen Zittern nicht nur herrührte von der Bewegung

des Schreitens. An Luisas schmerzhaft zusammengezogenen Brauen war es

zu sehen, daß peinvolle Gedanken in ihr kämpften. Erst beim Eintritt in

die Kirche, aus deren Dämmerung die brennenden Wachskerzen wie schöne

Geheimnisse herausflimmerten, löste sich die irrende Qual in ihrem

Gesicht. Sie war bei Gott, und bei Gott ist Wahrheit. Gerechtigkeit

geht von ihm aus, um alle Menschentorheit gütig zu vergeben, alle

leidenden Seelen zu erfüllen mit reiner Kraft. Unbeweglich kniete

sie in ihrem Kirchstuhl und hielt unter inbrünstigem Gebet die Stirn

auf ihre verklammerten Hände gepreßt. Als die Schellen zur Wandlung

klingelten, hob sie das ruhiggewordene Gesicht. Der Glanz eines

neugestärkten Glaubens leuchtete wieder in den klaren Mädchenaugen.

Während Luisa sich bekreuzte, sprach ihre Seele: »Gott weiß, was in den

Menschen ist, allweil kennt er die Seinen; auch gegen die anderen, die

wider ihn trutzen, bleibt er gerecht und wird durch einen irdischen

Richter nit bestrafen lassen, was guter und redlicher Wille war.« Diese

Zuversicht blieb in ihr, als sie neben der blonden Magd die Kirche

verließ. Mit einer seltsamen Freudigkeit sagte sie: »Geh heim, gute

Sus! Daß der liebe Vater auf sein Frühmahl nit warten muß. Ich hab

einen Weg, den ich nit verschieben darf.« Von dem, was Luisa sagte,

schien Sus nur die drei Worte >der liebe Vater< gehört zu haben. Eine

Blutwelle schoß ihr in die Wangen, und sie rannte, um so flink wie

möglich dem Meister zuschreien zu können: »Heut hat sie gesagt: der

*liebe* Vater. Meister, es wird heller in deinem Haus!«

Unter dem Strom der Leute ging Luisa hinüber zur Wohnung des

Chorkaplans. Als sie die Glocke ziehen wollte, kam Mutter Jesunder aus

der Sakristei. Die alte Frau war so dick in warme Dinge gewickelt,

daß man glauben konnte, ihre Magerkeit hätte während dieser

aufregungsvollen Nacht das Sorgenfett in kugeliger Fülle angesetzt.

Auch roch sie auffällig nach Kamillen. Bei Luisas Anblick versuchte

sie einen zärtlichen Augenaufschlag. »Ei guck, da ist ja unser frommes

Kindl schon wieder --«

»Mutter Jesunder?« Das klang so ernst, daß die nachtschwache Frau

sofort ein heftiges Mißtrauen empfand. Streng betrachtete Luisa

das jähverwandelte Runzelgesicht. »Was ich in meiner Herzensnot

dem hochwürdigen Herrn hab anvertrauen müssen? Ist es wahr, Mutter

Jesunder, daß du das in deinem Marktkörbl zum Pfleger getragen hast?«

»Aber Kindl,« begann die Frau zu klagen, »wie kannst du nur so was

denken von mir --«

Schweigend wandte Luisa sich ab. Die Verlegenheitsglut, die der alten

Frau mit Pfingstrosenfarbe ins Gesicht gefahren war, hatte deutlich

gesprochen. Unter erschrockenem Wortgesprudel rannte die Jesunderin

dem Mädchen nach und beschwor ihre Schuldlosigkeit. Luisa ging

davon, ohne das Gesicht zu drehen. Da erkannte Frau Apollonia die

Zwecklosigkeit ihrer Zungenmühe, schickte dem Mädchen einen Wutblick

nach und murrte: »So eine unverschämte Gans! Die will ich ankreiden bei

unserem Herrgott!« Diese Drohung war so ernsthaft gemeint, wie Frau

Jesunder überzeugt war, daß Gott Vater das Menschengeschlecht nach

ihren Ratschlägen regiere. Das schloß aber die betrübliche Wahrheit

nicht aus, daß Frau Apollonia in dem nassen Schneequatsch kalte Füße

bekam, einen Rückfall ihres nächtlichen Leidens befürchtete und mit

Beschleunigung ihrer Haustür zustreben mußte. So wurde sie an der

Beobachtung der sonderbaren Tatsache verhindert, daß Luisa die Richtung

nach dem Hause eines zwar nicht vor Gottes Allwissenheit, aber doch vor

dem Scharfblick der Frau Apollonia höchst verdächtigen Mannes einschlug.

Pfarrer Ludwig, als er das zaghafte Pochen an seiner Stubentür vernahm,

ließ die große Warze in ein vergnügtes Schmunzeln hinübergleiten. »Nur

allweil herein!« Beim Anblick seines Gastes zeigte er den Ausdruck

einer erstaunten Menschenseele. »Liebes Kind? Was suchst du bei *mir*?«

Die Art, wie der Pfarrer das letzte Wörtchen betonte, erzwang von Luisa

die zornige Antwort: »Zum Jesunder geh ich nimmer.«

»Oh! Ooh! Oooh!« Mißbilligend schüttelte Herr Ludwig den weißen Kopf.

Ein Diplomat schien er nicht zu sein. Statt Luisa zu beruhigen, wie

es doch vermutlich seine Absicht war, blies er durch sein Verhalten

kräftig in das Feuer ihrer Erregung.

»Zum Jesunder geh ich nimmer!« wiederholte sie unerbittlich. »Ich tu's

nit, und müßt ich auch verzichten auf jede Seelentröstung.«

»Kind! Was hast du gegen den Jesunder?«

»Hochwürden?« Sie sah erschrocken zu ihm auf. »Wisset Ihr nimmer, was

Ihr in meiner Kammer geredet habt zu mir?«

Da sagte er mit ernstem Vorwurf: »Was ich an junger Narretei hab sehen

müssen in deiner Kammer und was wir geredet haben, das war gebeichtet.

Nit? Und da liegt für mich ein Schleier des Vergessens drauf, den keine

Menschenhand nimmer hebt. Genau so heilig wie der Beichtstuhl ist

jedes menschliche Vertrauen. Eh' man da einem redlichen Priester ein

Wörtl entreißen könnt, da tät er sich lieber die Knochen aus dem Leib

herausbrechen lassen. Du tust dem Jesunder unrecht! Daß seine Mutter

nit so schwerhörig ist, wie meine Schwester, dafür kann der Jesunder

nichts. Oder -- -- Kind? Du wirst doch nit glauben, daß *ich* was

ausgeredet hätt? Vor deinem Vater?« Ohne das heftige Kopfschütteln des

Mädchens zu bemerken, sprach der Pfarrer in Erregung weiter: »Nein,

liebes Kind! Dein Vater ist der wahrhafteste von allen Mannsleuten. Da

müßt er im Leben zum erstenmal ein unwahres Wörtl geredet haben! Nein,

nein, nein! Das kann ich nit glauben von einem so redlichen Menschen!«

Sie hatte in Hast das Gebetbuch und den Rosenkranz auf den Tisch

gelegt. »So ist das nit. Daß der Vater von meiner so sündhaften wie

törigen Narretei kein Fäserlein erfahren hat, das hab ich gut gemerkt.

Der Vater --« Sie stockte. Und ihre Wangen fingen zu brennen an. »Der

Vater glaubt was anderes von mir.«

»Was anderes?« fragte der Hochwürdige überrascht.

»Der Vater glaubt, ich hätt so einen hilflosen Wirbel im Köpfl, weil

ich --«

»Weil du?« half Herr Ludwig nach.

»Weil ich dem Leupolt gutgeworden wär.« Sie fügte stammelnd hinzu: »Aus

Sorg und Barmherzigkeit, meint der Vater.«

»Um Gotteswillen!« Der Pfarrer schlug die langen Hände zusammen. »Wie

kann denn so ein gescheites Mannsbild so was Unmögliches denken!« Nach

diesen Worten blieb es in der weißen Stube still, und Herr Ludwig

guckte verwundert drein, ganz ehrlich verwundert. Er schien eine

Antwort erwartet zu haben. Sie kam nicht. Den Kopf mit dem spanischen

Federhütl in den Nacken gepreßt, stand Luisa unbeweglich und sah durch

das Fenster hinauf zu einem blauen Himmelsfleck. Diesen Moment der

Ablenkung benützte Pfarrer Ludwig zu einigem Nachdenken. Dann nickte

er: »Das ist merkwürdig --«

Das große Jagen · 第 39 / 98 题