Kapitel X

Bald nach Anbruch des Nachtschweigens war zu Berchtesgaden am Hause

des Chorkaplans Jesunder die Torglocke mit erschreckender Heftigkeit

gezogen worden. Jesunders alte Mutter Apollonia streckte den Kopf

mit der großen Nachthaube zum Fenster hinaus, gewahrte aber keinen

Menschen und war gewohnheitsmäßig der Meinung, daß wieder einmal ein

gottverlorener Heimtücker eine unverzeihliche Büberei gegen die Kirche

verübt hätte. Alles, was Frau Apollonia zu Leide geschah, empfand sie

als eine Verunglimpfung des Himmels.

Hatte sich auch die Kühle der Nacht an ihr versündigt? Frau Apollonia

hielt es für notwendig, einen Beruhigungstrank aus Kamillenblüten

zu bereiten. Als sie, innerlich aufgewärmt, wieder zur Ruhe gehen

wollte, vernahm sie vor dem Haustor eine Männerstimme, die sehr

sonderbare Worte schrie. Trotz aller Neugier wagte Frau Apollonia

sich nicht mehr ans Fenster, bevor sie nicht drei Unterröcke, die

wollene Jacke und einen armdicken Schlips in mehrfacher Windung am

Leibe fühlte. Bis diese Wandlung vom Kühlen ins Warme vollzogen war,

hatte die Zeterstimme vor dem Haustor sich ausgewachsen zu einem

Gewirre aufgeregter Menschenlaute. Und noch immer kamen Musketiere,

Stiftslakaien, Jägerknechte und Stallwärter von allen Seiten

herbeigelaufen. In sorgenvoller Ahnung kreischte Frau Apollonia auf

das Gewühl hinunter: »Was ist denn, was ist denn?« Eine verständliche

Antwort bekam sie nicht. Sie hörte nur die vier dunklen Worte: Kind

und Teufel, weiß und schwarz.

Das Amtsgeheimnis, das Herr von Grusdorf der Hasenknopfin auf die

Hebmutterseele gebunden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zum

Geschrei von hundert Menschen. Was auf Befehl der Obrigkeit *ein*

Kind gewesen war, nicht schwarz, nicht weiß, ein Kind, wie eben

Kinder sind, das waren nun doch *zwei* Kinderchen, weiß und schwarz,

entseelt, von den Schultern bis zu den Hüften aneinandergewachsen.

Es war ein unverzeihliches Verbrechen von seiten der Wahrheit, sich

einem obrigkeitlichen Befehl zuwider so unvertuschelbar in die

breiteste Öffentlichkeit zu begeben. Alles, was durch die Klugheit

des Kanzlers hätte vermieden werden sollen: der Zusammenlauf kuriöser

Leute und die Entstehung rebellischer Rumore -- alles war vorhanden,

dazu noch in kunstvoll gehobener Entwicklung. Herr von Grusdorf

erlebte eine verzweiflungsvolle Mitternachtsstunde und verwünschte die

staatsgefährliche Subjektin, die den Gram des Christl Haynacher nicht

mit heimlicher Vorsicht in die Armeseelenkammer getragen, sondern

rachsüchtig dem Chorkaplan Jesunder auf die Hausschwelle gelegt und

mit fürchterlichem Gebimmel die Lärmglocke gezogen hatte. Das sollte

die vulgo Hasenknopfin büßen! Zu diesem Zwecke arbeiteten Herr von

Grusdorf und der kanzleideutsche Muckenfüßl mit solcher Beschleunigung,

daß die Hasenknopfin, als sie gegen die dritte Morgenstunde ausgehoben

werden sollte, schon seit vielen Stunden verschwunden war. *Ganz*

verschwunden! Nicht nur mit ihrem Mädel und aller tragbaren Habe.

Auch die Hausgeräte waren unsichtbar geworden, Kalb und Kühe

davongetrieben, die Hennen in unauffindbare Nester gesetzt. Doch

Muckenfüßl brachte von seinem zwecklosen Dunkelheitsmarsche wenigstens

*ein* polizeilich verwertbares Gerstenkörnchen in die Kanzlei. Nach

eindringlicher Bemühung der Soldaten Gottes hatte es eine Nachbarin

der Hebmutter unter Nasenbluten ausgeschwatzt, daß der Hasenknopf

vor 18 Tagen heimlich ins Preußische ausgewandert wäre, um sich vom

Schicksal der Salzburger Exulanten zu überzeugen. »Ins Preußische!«

Muckenfüßl hob den Zeigefinger der Polizei. »Jetzt weiß der _ego

ipsus_, was das zwiefärbige _miraculum_ als Gottesstraf _in loco hujus_

bedeutet! Die preußischen _coloribus_ sind schwarz und weiß. _Ergo_,

wo die Hasenknopfischen sich betätigen, muß sich alles ins Preußische

permutieren. Jaaa, der Himmel laßt mit dergleichen Materien keine

Spassettibus nit machen.«

Dieser Beweisführung, obwohl sie einleuchtend war, wagte Herr

von Grusdorf sich nicht völlig anzuschließen. Doch besaß er so

viel politischen Verstand, um einzusehen, daß die Ausstreuung des

Muckenfüßl'schen Gedankenganges sich eher nützlich als schädlich zu

erweisen vermöchte. Solch ein Zusammenhang der göttlichen Strafe

mit der Hasenknopfin mußte die Subjekte zur Einsicht und Reue

mahnen und auf ihre Gemüter ähnlich wirken wie ein Kriegskomet mit

schreckenerregendem Feuerschweif. So bekam der Feldwebel eine Belobung

für seine Geistesschärfe und dazu den obrigkeitlichen Befehl, den

Wechselwirkungen zwischen Himmel und Hebamme eine segensreiche

Publizität zu prokurieren. Mit diesem staatsmännischen Weisheitsblitze

waren die Amtshandlungen des Kanzlers in dieser ereignisvollen

Hornungsnacht noch nicht erledigt. Die Forschungsreise des Hasenknopf

ins Preußische gab ihm so viel zu denken, daß sein Gehirn ein bißchen

kongestiv und die unteren Extremitäten desto blutleerer wurden. Um die

Regierungsgeschäfte weiterführen zu können, mußte er ein Schaff mit

heißem Wasser bringen lassen und die schmerzenden Zehen hineinstecken.

Weil das Wasserschaff unter dem Schreibtisch stand und die grauen

Dunstwolken zur Linken und Rechten des Regierungssitzes emporquollen,

bot der rotbefrackte, um den reinen Glauben bemühte Kanzler mit dem

perückenlosen Kahlkopf einen geradezu satanischen Anblick. Man wurde

an die Walpurgisnacht erinnert, nur daß es an einem verführerischen

Hexchen mangelte. Aurore de Neuenstein hatte wohl ebenfalls eine

schlaflose Nacht, doch statt sich an den kummervollen Amtsgeschäften

ihres Onkels zu beteiligen, zog sie es vor, sich gemeinsam mit dem

Grafen Tige der Lektüre eines Pariser Schäferromans zu widmen und die

Kapitelpausen durch zärtliches Spinettspiel auszufüllen.

Zwischen den quirlenden Dampfwolken reihte die Logik des Herrn von

Grusdorf alle Indizien unerbittlich aneinander, um Klarheit über die

fürchterliche Tatsache zu gewinnen, daß die evangelischen Schwärmer

im Lande augenscheinlich zahlreicher waren, als die Regierung bei

aller gewohnten Umsicht vermutet hatte. Auf eigene Rechnung war der

_vulgo_ Hasenknopf doch sicher nicht ins Preußische gewandert. Da

hatten viele zusammengesteuert. Eine ganze Rotte! Herr von Grusdorf

überschlug die Kosten der weiten Reise, nahm hypothetisch einen

erst noch auszuforschenden Begleiter an und brachte eine Ziffer von

Unsichtbaren heraus, die ihn mit Beklemmungen erfüllte. Es mußten an

die zehn, zwölf Dutzende sein. Er fing zu schwitzen an. Nicht nur aus

Ursach des heißen Wassers, noch mehr aus quälender Regierungsangst.

Nur für das Nötigste diktierte er um die fünfte Morgenstunde eine

_ordre_ auf Haussuchung unter allen Dächern von Unterstein, eine

_ordre_ auf Verhaftung des Jägers Leupolt wegen Verrates polizeilicher

Amtsgeheimnisse, eine _ordre_ auf Dingfestmachung der beiden

Hasenknopfischen Menscher und eine _ordre_ an alle Grenzwachen: weder

Mensch noch Vieh aus der Landmark hinauszulassen, insbesonders aber auf

das Erscheinen des aus dem Preußischen heimkehrenden Hasenknopf samt

hypothetischem Begleiter ein wachsames Auge zu dirigieren. Nach diesem

reichlichen Papierverbrauche konnte Herr von Grusdorf die sonderbar

gestalteten Zehen aus dem heißen Wasser ziehen und des Glaubens

sein, daß er von allen Berchtesgadnischen Regierungssäulen in dieser

Hornungsnacht die härteste Geistesarbeit geliefert hatte. Er irrte sich.

Eine noch viel grausamere Nacht erlebte Frau Apollonia in ihrer

explosiven Fröstelsorge um den hochwürdigen Sohn, zu dem sie aufblickte

wie zu einem Heiligen auf Erden. Zum Teil verdiente er das. Er hielt

sich von französischen Anflügen ferne, war ein ruhelos im Dienste

des Himmels wirkender Priester, ein Vierzigjähriger von tadelloser

Sittenstrenge, hart gegen sich selbst wie gegen andere. Dazu in

theologischen Dingen ein großer Gelehrter. Für seine Doktorschrift

hatte er sich das Problem gestellt: »Wird eine Stück Erde mit einer

Mauer umzogen und weiht man dieses Grundstück zu einem Gottesacker,

wie weit dringt dann die Weihe durch Mörtel und Ziegelsteine in das

Innere der Umfassungsmauer ein? Genau bis zur Mitte? Oder weiter nach

außen?« Über diese schwierige Frage hatte er ein lateinisches Werk von

763 Folioseiten mit unzählbaren Zitaten verfaßt und klar bewiesen, daß

diese Frage mit Sicherheit nicht zu entscheiden wäre -- verläßlich

ließe sich nur behaupten, daß die Innenseite des Gemäuers der Weihe

teilhaftig würde, die Außenseite aber logischerweise *nicht*. Es gab

nur wenige Menschen, die dieses bedeutende Werk studiert hatten. Aber

man rühmte allgemein den Chorkaplan Jesunder als einen Theologen von

fabelhafter Belesenheit. Noch herrlicher sah ihn die Mutter. Und nun

widerfuhr ihm *das*! Undank der bösen, niederträchtigen Welt!

Nicht nur Frau Apollonia, jeder im Lande wußte das: war eine Jungfrau

entehrt oder eine Frau genötigt worden und gebar sie ein totes Kind,

so ließ sie dem Menschen, der schlecht an ihr gehandelt hatte,

den kleinen, klagenden Leichnam zu öffentlicher Verfemung auf die

Haustürschwelle legen. Und das geschah ihrem schuldlosen Sohn! Welch

ein Geschrei würde das geben! Und gar noch -- so was Sinnloses --

wegen der Haynacherin, die er verabscheute als eine des Irrglaubens

Verdächtige! Und die er am Weihnachtsabend mit pflichtschuldiger

Strenge aus der Kirche gestoßen hatte, weil sie die unchristliche

Hand nicht in den Weihbrunnkessel tauchte. Ach, was ist Gerechtigkeit

auf Erden! Als Jesunder in der Nacht hatte sehen müssen, was man

gottesfeindlich an seiner Haustürschwelle verübte, war er, die

Zorntränen der beleidigten Schuldlosigkeit an den Wimpern, in seiner

Stube so lange betend auf den Knien gelegen, bis man ihn hinüberholte

zur nächtlichen Kapitelsitzung. Nun dämmerte der Morgen schon, und noch

immer wollte der Sohn nicht heimkehren zu seiner verzweifelten Mutter,

die in dieser mehrfach gestörten Sorgennacht den heißen Kamillenabsud

reichlicher schlürfen mußte als eine genesende Wöchnerin.

Das große gotische Rosettenfenster des Kapitelsaales glänzte wie ein

entzündetes Riesenauge in das kalte Morgengrau. Und die Nachtsorgen

des gedünsteten Kanzlers, die Seelenqualen der Frau Apollonia? Was

waren sie gegen den geistigen Kampf, der hier, unter niedergebrannten

Kerzen, noch immer kein befriedigendes Ende finden wollte, nach einer

siebenstündigen, zu heißer Erbitterung emporgewachsenen Sitzung!

Wahrhaftig, Herr von Grusdorf hatte sich als verblüffender Prophet

erwiesen, da er auf der Schwelle des Haynacherlehens erschrocken

den Ausbruch »theologischer Diffizilitäten von inkommensurablen

Konsequenzen« vermutet hatte. Man stand vor einem Rätsel, dessen Lösung

eine völlig undenkbare Sache war. Zwei Kinder, das eine getauft, das

andere ungetauft. Das erstere besaß ein geheiligtes Recht auf geweihten

Boden, das andere, als unentsühnter Sprößling einer Irrgläubigen, war

dem Freimannsanger verfallen, auf dem Gnadenwege einem Grübchen in

ungeweihter Erde. Und das eine Kindchen angewachsen an das andere,

die Hölle ineinandergemengt mit dem Himmel, das Heidnische und

Christliche unlösbar verschwistert, oder, wie es Herr von Grusdorf

äußerst charakteristisch bezeichnet hatte: verknorpelt. Schrecklich!

Wo war da ein Ausweg? Nicht einmal das Exempel des gordischen Knotens

vermochte die Schwierigkeit zu lösen. War ein Schnitt denkbar, der vom

Ungetauften nichts hinüberschnipfelte zum Getauften, vom Getauften kein

Fäserchen hängen ließ am Ungetauften? Und konnte man dem christlichen

Feldscheer zumuten, das Heidnische zu operieren? Durfte man es dem

Freimann gestatten, sich an christlicher Schuldlosigkeit zu vergreifen?

Chorkaplan Jesunder meinte: vielleicht ginge es mit einem Chirurgen,

der wohl halb ein Christ, aber auch halb ein Nichtchrist wäre?

Da redete Pfarrer Ludwig, der bislange schweigend auf seinem

Kapitelstuhl ausgehalten hatte, das erste Wort und gleich ein sehr

heftiges: »Denkt Ihr an den Simeon Lewitter? Wollt Ihr solches

Metzgerwerk einem _medico_ zumuten, in dessen Händen die Obhut für

das Lebenswohl unseres Fürsten liegt?« Bevor eine andere Stimme sich

äußern konnte, entschied Herr Anton Cajetan, der jetzt das schwarze

Hofkleid eines gefürsteten Priesters trug: »_C'est juste, révérend!_

Das geht nicht. Meinetwegen könnt ihr den Wildmeistersknecht mit der

Sache betrauen. Er ist geschickt im Zerwirken. Mein Leibarzt hat

außer Spiel zu bleiben.« Dennoch sah auch der Fürstpropst ein, daß es

klärend zu wirken vermöchte, wenn der Arzt als Zeuge des Vorganges im

Haynacherlehen vernommen würde, um seine fachmännische Ansicht über

die anatomischen Schwierigkeiten darzulegen. Simeon Lewitter wurde

aus dem Bett geholt. Er hatte nicht das steinerne Lächeln wie sonst.

In kurzen Worten schilderte er, mit welcher Geduld und Tapferkeit die

fromme Haynacherin das grauenvolle Leiden dieser vier Tage und Nächte

überstanden hätte.

»Fromm?« wiederholte Jesunder. »Habt Ihr denn nicht gemerkt, daß

dieses Weib eine Irrgläubige ist?«

»Nein. Im Gegenteil. Sie erschien mir im Sterben als eine Christin von

seltenen Herzenskräften.«

»Für solche Unterscheidungen gebricht es Euch an der angeborenen

Fähigkeit. Wie beurteilt Ihr die Sache als Medicus?«

Die Verwachsung der beiden Kinder wäre ein Irrtum der Natur _ab

ovo_ gewesen. Doch alle beide hätten leben können. Der vorzeitige

Tod des einen Kindes wäre einer äußerlichen Ursache zuzuschreiben,

einem Stoß, den die Haynacherin bekommen hätte, oder einer schweren

Kränkung. »Der junge Bauer erzählte mir, daß es mit seiner Martle seit

der Weihnacht nimmer richtig gewesen wäre.« In dem Schweigen, das

dieser Bemerkung folgte -- ein Schweigen, bei dem sich viele Augen

auf Jesunder hefteten -- sprach Lewitter nur noch wenige Worte. Sie

hatten den Klang einer tiefen Menschlichkeit. Und plötzlich, nach

allem spitzfindigen Debattengewoge, stand klagend und erschütternd das

Erlöschen zweier armer Seelchen, der heilige Tod eines leidenden Weibes

und das zerschlagene Lebensglück eines redlichen Menschen zwischen den

stummgewordenen Herren.

Jesunder sagte heiser: »Kommt zur Sache! Schließlich seid auch Ihr es

gewesen, der uns in diese Schwierigkeit versetzte. Nun zeigt auch einen

Weg, wie wir da herauskommen. Ihr haltet doch als geschickter Chirurgus

eine Trennung der feindlichen Gebiete ohne Grenzverletzung für möglich?

*Ja?*« Dieses letzte Wort war nachdrücklich betont. Verstand Lewitter

nicht, daß man von seinem Ja eine Erleichterung der Sachlage erhoffte?

Er schüttelte den Kopf, blieb als Arzt bei den Tatsachen, sprach

von der Verwachsung der zarten Knöchelchen, von der Verwebung der

Muskeln und machte so, um der wissenschaftlichen Wahrheit willen, die

verzweiflungsvolle Streitfrage noch unlösbarer. Als man ihn ungnädig

und nicht ohne warnenden Hinweis auf die Bedenklichkeit seiner Lage

entlassen hatte, ging der Wirbeltanz der widersprechenden Meinungen in

gesteigertem Grade los. Herr Anton Cajetan, der schon mehrmals hinter

der schlanken Hand gegähnt hatte, übertrug dem Kapitular Graf Saur den

Vorsitz und sagte: »Von dem Beschlusse, den die Herren fassen, bitte

ich mich am Morgen zu verständigen.« Nach der Entfernung des Fürsten

gestaltete sich der Sitzungsverlauf noch aufgeregter. Man hatte sich

früher wenigstens im Ton gemäßigt. Jetzt wurden die Köpfe heiß, die

Kehlen rauh.

Schweigend sah Pfarrer Ludwig in den wirren, wachsenden Lärm hinein.

Was er da erlebte? Wie war das menschenmöglich? Und wer trug die Schuld

daran? Keiner von diesen erhitzten Schreiern! Sie alle, mit kleinen

Einschränkungen, waren ehrenhafte, wohlmeinende Männer. Da glaubte

jeder seine Pflicht zu erfüllen, den Gesetzen der Kirche und dem

Himmel zu dienen. Was will der Himmel? Was die Kirche? Nur immer das

Veraltete und Überlebte? Wenn das die Kirche zu wollen scheint? Kann

auch der Himmel das wollen? Der Schöpfer eines ewig sich erneuernden

Frühlings? Der Vernichter des Morschgewordenen, der rastlose Erwecker

neuer Blüte? Bei diesem Gedanken mußte Pfarrer Ludwig umherblicken in

dem alten gotischen Kapitelsaal. Der ganze Bau des Stiftes, draußen

der Markt, alle Gassen und Häuser, die Dörfer im Tal, alle Bilder

des Lebens, sogar die Formen der steinernen Berge hatten im Laufe der

Jahrhunderte sich geändert, sich gewandelt zum Neuen und Besseren. Nur

dieser alte Saal der Entschlüsse -- ein Gleichnis der Dinge, die in ihm

geschahen -- war seit länger als einem halben Jahrtausend immer der

gleiche geblieben. Und da wunderten sich die Lakaien des Alten in ihren

verblichenen Tressen, daß zwischen den Rippen der Sehnsuchtsvollen

immer ein Neues wuchs und sein Recht begehrte! Freilich, der Wert alles

Neuen ist schwer zu erkennen. Aber ist es nicht schon das Bessere, nur

*weil* es das Jugendliche ist, das Kräfteschenkende, das Strebende? Wie

sagte einer zu Amsterdam, den sie verfluchten? »Sei ein Suchender, und

du näherst dich mit jedem Schritte der ewigen Wahrheit!«

Die freudige Zustimmung, die ein Vorschlag des Grafen Saur gefunden

hatte, weckte den Pfarrer Ludwig aus den Gedanken, in die er versunken

war. Der Vorschlag hatte was Bestechendes. Man sollte unterhalb der

Umwallungssteine des Friedhofes ein Grab ausheben, senkrecht unter der

Mauermitte, mit der einen Hälfte hinausreichend in die ungeweihte Erde,

mit der anderen Hälfte hereingreifend in den geweihten Boden. In diesem

heidnischchristlichen Grabe sollte man das schwarzweiße Doppeltödchen

bestatten, die schwarze Erbsünde nach außen, das weiße Heil nach innen.

Dann sollte man, scharf an der Grenze des Weißen und Schwarzen, aus

Gipsguß eine Scheidewand verfertigen und draußen die ungeweihte Erde

einfüllen, innen die geweihte.

Alle Herren klatschten dem Grafen Saur den verdienten Beifall zu. Nur

Jesunder machte eine wehrende Handbewegung. Der Vorschlag berührte

sein Doktorwerk über die Penetrabilität einer Mauer für die Weihe. Da

*mußte* er sich äußern. »Meine hochedlen Herren! Ein scharfsinniger

Fürschlag! Gewiß! Aber Diffizilitäten seh ich auch hier. Es soll

vorerst noch unentschieden bleiben, ob die gipserne Scheidewand

genau unter der *Mitte* der Mauer anzubringen wäre. Ich verweise

auf meine Dissertation. Aber kann denn unter der dicken Mauer ein

Grab mit solcher Genauigkeit ausgehoben werden, daß die geweihten

und ungeweihten Schollen nicht durcheinander kollern? Und wenn man

dagegen ein Mittel fände? Wird da nicht späterhin das unterirdische

Larvengewimmel eine Grenzüberschreitung begehen, die verhindert werden

*muß*? Unter allen Umständen! Aber wie?« Die Debatte war von neuem

entfesselt. Man kämpfte, bis die Morgenglocken läuteten. Und nicht

die Klärung der Ansichten löste den leidenschaftlichen Streit, nur

die Ermüdung, nur der begreifliche Wunsch nach dem dringend nötigen

Frühstück. Ehe man die Sitzung ergebnislos vertagte, versuchte man es

noch mit einer Abstimmung. Es schien nun doch zur Lösung des Dilemmas

nichts anderes übrig zu bleiben, als die unvereinbaren Gegensätze

des Schwarzen und Weißen durch einen operativen Eingriff voneinander

zu scheiden. Graf Saur, der als erster seine Stimme abzugeben hatte,

zuckte die Achseln: »Ich bin ratlos, _parfaitement_!« Sein Beispiel

beeinflußte die anderen, keiner wagte Nein oder Ja zu sagen. Pfarrer

Ludwig, als er zur Abstimmung aufgerufen wurde, ließ zwischen den

Wangenfalten die große Warze tanzen. »Auseinanderschneiden? Was

Besseres findet ihr nit? Also gut! Schneidet!«

»Doch wenn vom Getauften was hängen bleibt am Ungetauften. Da wird sich

der Himmel kränken.«

»Soweit ich den Himmel kenne, ist das nit wahrscheinlich. Doch wenn

ihr's vermutet, muß es vermieden werden.«

»Wenn aber vom Ungetauften was hinüberschleicht ins Geweihte? Da wird

sich in Bosheit die Hölle freuen!«

»Gotts Not und Leiden!« Pfarrer Ludwig verlor die Geduld. »*Soll*

sich die Höll halt freuen! Vergönnt ihr doch in so schauderhaften

Zeitläuften ein bißl Vergnügen! Amen. Ich leg mich ins Bett.« Ohne des

empörten Lärms zu achten, der sich hinter ihm erhob, verließ er den

Kapitelsaal.

Drei Viertelstunden später vertagte man die ergebnislose Sitzung bis

zum Abend.

In der grauen, kalten Armeseelenkammer lag auf der langen Totenbank

ein kleines, weißes Bündel mit noch unentschiedenem Schicksal -- ruhte

hinter vergittertem Fenster und versperrter Türe, deren Schlüssel beim

Chorkaplan Jesunder in Verwahrung blieb.

Und im Tal der Ache, die durch den erwachenden Morgen rauschte, saß ein

Gebrochener neben der Wiege seines schlafenden Bübchens und schnitzte

an einem hölzernen Kreuz, das er auf den geweihten Grabhügel der Martle

stecken wollte, noch ehe die Sonne käme.

Eine Nachbarin erbot sich, für den Christl die Morgensuppe zu kochen.

Er nickte dankbar, ohne ein Wort zu finden. Als auf dem Herd das Feuer

prasselte, setzte er sich in die Wärme, und während seine zitternden

Hände an dem kleinen Kreuze schnitzelten, erzählte er mit leiser,

wunderlich versunkener Stimme, wie fromm und gottergeben seine Martle

gestorben wäre. Eine Weile sah er schweigend in die Flamme. Nun hob er

das entstellte Gesicht. »Nachbarin?«

»Was, guter Christl?«

»So heilig sterben können, das ist nit irrgläubig.« Er tat einen

schweren Atemzug. »Gott verzeih mir die Sünd: ich tu drauf schwören,

daß meine Martle droben ist in der Seligkeit.« Seine Augen hingen am

flackernden Feuer. »Schier mein' ich, es kommt auf Kittel und Farb

nit an, bloß allweil aufs Ehrliche in der Seel und auf den redlichen

Menschenweg.« Die Nachbarin, die eine Gutgläubige war, blieb stumm.

Barmherzig war sie gerne, aber auf solche Reden wollte sie sich nicht

einlassen. Da faßte Christl die Frau am Arm. »Du? Hast du nit gehört,

was sie da droben machen im Herrenstift?«

Was er meinte, verstand sie gleich. Mit dem Kochlöffel in der Pfanne

rührend, schüttelte sie den Kopf.

Er stellte das vollendete Kreuz in den Herdwinkel, legte das Messer

fort und nahm die Stirn zwischen die Hände. »Jesus, Jesus, jetzt muß

ich mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen! Eins für mein

Bübl in der Wieg, eins für die Martle auf dem Gerstenacker. Und

zwei Viertelen -- ich weiß nit, wohin ich die schmeißen muß!« Mit

den Bewegungen eines schwer Betrunkenen taumelte er hinaus in den

erwachenden Tag.

Das große Jagen · 第 38 / 98 题