Bald nach Anbruch des Nachtschweigens war zu Berchtesgaden am Hause
des Chorkaplans Jesunder die Torglocke mit erschreckender Heftigkeit
gezogen worden. Jesunders alte Mutter Apollonia streckte den Kopf
mit der großen Nachthaube zum Fenster hinaus, gewahrte aber keinen
Menschen und war gewohnheitsmäßig der Meinung, daß wieder einmal ein
gottverlorener Heimtücker eine unverzeihliche Büberei gegen die Kirche
verübt hätte. Alles, was Frau Apollonia zu Leide geschah, empfand sie
als eine Verunglimpfung des Himmels.
Hatte sich auch die Kühle der Nacht an ihr versündigt? Frau Apollonia
hielt es für notwendig, einen Beruhigungstrank aus Kamillenblüten
zu bereiten. Als sie, innerlich aufgewärmt, wieder zur Ruhe gehen
wollte, vernahm sie vor dem Haustor eine Männerstimme, die sehr
sonderbare Worte schrie. Trotz aller Neugier wagte Frau Apollonia
sich nicht mehr ans Fenster, bevor sie nicht drei Unterröcke, die
wollene Jacke und einen armdicken Schlips in mehrfacher Windung am
Leibe fühlte. Bis diese Wandlung vom Kühlen ins Warme vollzogen war,
hatte die Zeterstimme vor dem Haustor sich ausgewachsen zu einem
Gewirre aufgeregter Menschenlaute. Und noch immer kamen Musketiere,
Stiftslakaien, Jägerknechte und Stallwärter von allen Seiten
herbeigelaufen. In sorgenvoller Ahnung kreischte Frau Apollonia auf
das Gewühl hinunter: »Was ist denn, was ist denn?« Eine verständliche
Antwort bekam sie nicht. Sie hörte nur die vier dunklen Worte: Kind
und Teufel, weiß und schwarz.
Das Amtsgeheimnis, das Herr von Grusdorf der Hasenknopfin auf die
Hebmutterseele gebunden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zum
Geschrei von hundert Menschen. Was auf Befehl der Obrigkeit *ein*
Kind gewesen war, nicht schwarz, nicht weiß, ein Kind, wie eben
Kinder sind, das waren nun doch *zwei* Kinderchen, weiß und schwarz,
entseelt, von den Schultern bis zu den Hüften aneinandergewachsen.
Es war ein unverzeihliches Verbrechen von seiten der Wahrheit, sich
einem obrigkeitlichen Befehl zuwider so unvertuschelbar in die
breiteste Öffentlichkeit zu begeben. Alles, was durch die Klugheit
des Kanzlers hätte vermieden werden sollen: der Zusammenlauf kuriöser
Leute und die Entstehung rebellischer Rumore -- alles war vorhanden,
dazu noch in kunstvoll gehobener Entwicklung. Herr von Grusdorf
erlebte eine verzweiflungsvolle Mitternachtsstunde und verwünschte die
staatsgefährliche Subjektin, die den Gram des Christl Haynacher nicht
mit heimlicher Vorsicht in die Armeseelenkammer getragen, sondern
rachsüchtig dem Chorkaplan Jesunder auf die Hausschwelle gelegt und
mit fürchterlichem Gebimmel die Lärmglocke gezogen hatte. Das sollte
die vulgo Hasenknopfin büßen! Zu diesem Zwecke arbeiteten Herr von
Grusdorf und der kanzleideutsche Muckenfüßl mit solcher Beschleunigung,
daß die Hasenknopfin, als sie gegen die dritte Morgenstunde ausgehoben
werden sollte, schon seit vielen Stunden verschwunden war. *Ganz*
verschwunden! Nicht nur mit ihrem Mädel und aller tragbaren Habe.
Auch die Hausgeräte waren unsichtbar geworden, Kalb und Kühe
davongetrieben, die Hennen in unauffindbare Nester gesetzt. Doch
Muckenfüßl brachte von seinem zwecklosen Dunkelheitsmarsche wenigstens
*ein* polizeilich verwertbares Gerstenkörnchen in die Kanzlei. Nach
eindringlicher Bemühung der Soldaten Gottes hatte es eine Nachbarin
der Hebmutter unter Nasenbluten ausgeschwatzt, daß der Hasenknopf
vor 18 Tagen heimlich ins Preußische ausgewandert wäre, um sich vom
Schicksal der Salzburger Exulanten zu überzeugen. »Ins Preußische!«
Muckenfüßl hob den Zeigefinger der Polizei. »Jetzt weiß der _ego
ipsus_, was das zwiefärbige _miraculum_ als Gottesstraf _in loco hujus_
bedeutet! Die preußischen _coloribus_ sind schwarz und weiß. _Ergo_,
wo die Hasenknopfischen sich betätigen, muß sich alles ins Preußische
permutieren. Jaaa, der Himmel laßt mit dergleichen Materien keine
Spassettibus nit machen.«
Dieser Beweisführung, obwohl sie einleuchtend war, wagte Herr
von Grusdorf sich nicht völlig anzuschließen. Doch besaß er so
viel politischen Verstand, um einzusehen, daß die Ausstreuung des
Muckenfüßl'schen Gedankenganges sich eher nützlich als schädlich zu
erweisen vermöchte. Solch ein Zusammenhang der göttlichen Strafe
mit der Hasenknopfin mußte die Subjekte zur Einsicht und Reue
mahnen und auf ihre Gemüter ähnlich wirken wie ein Kriegskomet mit
schreckenerregendem Feuerschweif. So bekam der Feldwebel eine Belobung
für seine Geistesschärfe und dazu den obrigkeitlichen Befehl, den
Wechselwirkungen zwischen Himmel und Hebamme eine segensreiche
Publizität zu prokurieren. Mit diesem staatsmännischen Weisheitsblitze
waren die Amtshandlungen des Kanzlers in dieser ereignisvollen
Hornungsnacht noch nicht erledigt. Die Forschungsreise des Hasenknopf
ins Preußische gab ihm so viel zu denken, daß sein Gehirn ein bißchen
kongestiv und die unteren Extremitäten desto blutleerer wurden. Um die
Regierungsgeschäfte weiterführen zu können, mußte er ein Schaff mit
heißem Wasser bringen lassen und die schmerzenden Zehen hineinstecken.
Weil das Wasserschaff unter dem Schreibtisch stand und die grauen
Dunstwolken zur Linken und Rechten des Regierungssitzes emporquollen,
bot der rotbefrackte, um den reinen Glauben bemühte Kanzler mit dem
perückenlosen Kahlkopf einen geradezu satanischen Anblick. Man wurde
an die Walpurgisnacht erinnert, nur daß es an einem verführerischen
Hexchen mangelte. Aurore de Neuenstein hatte wohl ebenfalls eine
schlaflose Nacht, doch statt sich an den kummervollen Amtsgeschäften
ihres Onkels zu beteiligen, zog sie es vor, sich gemeinsam mit dem
Grafen Tige der Lektüre eines Pariser Schäferromans zu widmen und die
Kapitelpausen durch zärtliches Spinettspiel auszufüllen.
Zwischen den quirlenden Dampfwolken reihte die Logik des Herrn von
Grusdorf alle Indizien unerbittlich aneinander, um Klarheit über die
fürchterliche Tatsache zu gewinnen, daß die evangelischen Schwärmer
im Lande augenscheinlich zahlreicher waren, als die Regierung bei
aller gewohnten Umsicht vermutet hatte. Auf eigene Rechnung war der
_vulgo_ Hasenknopf doch sicher nicht ins Preußische gewandert. Da
hatten viele zusammengesteuert. Eine ganze Rotte! Herr von Grusdorf
überschlug die Kosten der weiten Reise, nahm hypothetisch einen
erst noch auszuforschenden Begleiter an und brachte eine Ziffer von
Unsichtbaren heraus, die ihn mit Beklemmungen erfüllte. Es mußten an
die zehn, zwölf Dutzende sein. Er fing zu schwitzen an. Nicht nur aus
Ursach des heißen Wassers, noch mehr aus quälender Regierungsangst.
Nur für das Nötigste diktierte er um die fünfte Morgenstunde eine
_ordre_ auf Haussuchung unter allen Dächern von Unterstein, eine
_ordre_ auf Verhaftung des Jägers Leupolt wegen Verrates polizeilicher
Amtsgeheimnisse, eine _ordre_ auf Dingfestmachung der beiden
Hasenknopfischen Menscher und eine _ordre_ an alle Grenzwachen: weder
Mensch noch Vieh aus der Landmark hinauszulassen, insbesonders aber auf
das Erscheinen des aus dem Preußischen heimkehrenden Hasenknopf samt
hypothetischem Begleiter ein wachsames Auge zu dirigieren. Nach diesem
reichlichen Papierverbrauche konnte Herr von Grusdorf die sonderbar
gestalteten Zehen aus dem heißen Wasser ziehen und des Glaubens
sein, daß er von allen Berchtesgadnischen Regierungssäulen in dieser
Hornungsnacht die härteste Geistesarbeit geliefert hatte. Er irrte sich.
Eine noch viel grausamere Nacht erlebte Frau Apollonia in ihrer
explosiven Fröstelsorge um den hochwürdigen Sohn, zu dem sie aufblickte
wie zu einem Heiligen auf Erden. Zum Teil verdiente er das. Er hielt
sich von französischen Anflügen ferne, war ein ruhelos im Dienste
des Himmels wirkender Priester, ein Vierzigjähriger von tadelloser
Sittenstrenge, hart gegen sich selbst wie gegen andere. Dazu in
theologischen Dingen ein großer Gelehrter. Für seine Doktorschrift
hatte er sich das Problem gestellt: »Wird eine Stück Erde mit einer
Mauer umzogen und weiht man dieses Grundstück zu einem Gottesacker,
wie weit dringt dann die Weihe durch Mörtel und Ziegelsteine in das
Innere der Umfassungsmauer ein? Genau bis zur Mitte? Oder weiter nach
außen?« Über diese schwierige Frage hatte er ein lateinisches Werk von
763 Folioseiten mit unzählbaren Zitaten verfaßt und klar bewiesen, daß
diese Frage mit Sicherheit nicht zu entscheiden wäre -- verläßlich
ließe sich nur behaupten, daß die Innenseite des Gemäuers der Weihe
teilhaftig würde, die Außenseite aber logischerweise *nicht*. Es gab
nur wenige Menschen, die dieses bedeutende Werk studiert hatten. Aber
man rühmte allgemein den Chorkaplan Jesunder als einen Theologen von
fabelhafter Belesenheit. Noch herrlicher sah ihn die Mutter. Und nun
widerfuhr ihm *das*! Undank der bösen, niederträchtigen Welt!
Nicht nur Frau Apollonia, jeder im Lande wußte das: war eine Jungfrau
entehrt oder eine Frau genötigt worden und gebar sie ein totes Kind,
so ließ sie dem Menschen, der schlecht an ihr gehandelt hatte,
den kleinen, klagenden Leichnam zu öffentlicher Verfemung auf die
Haustürschwelle legen. Und das geschah ihrem schuldlosen Sohn! Welch
ein Geschrei würde das geben! Und gar noch -- so was Sinnloses --
wegen der Haynacherin, die er verabscheute als eine des Irrglaubens
Verdächtige! Und die er am Weihnachtsabend mit pflichtschuldiger
Strenge aus der Kirche gestoßen hatte, weil sie die unchristliche
Hand nicht in den Weihbrunnkessel tauchte. Ach, was ist Gerechtigkeit
auf Erden! Als Jesunder in der Nacht hatte sehen müssen, was man
gottesfeindlich an seiner Haustürschwelle verübte, war er, die
Zorntränen der beleidigten Schuldlosigkeit an den Wimpern, in seiner
Stube so lange betend auf den Knien gelegen, bis man ihn hinüberholte
zur nächtlichen Kapitelsitzung. Nun dämmerte der Morgen schon, und noch
immer wollte der Sohn nicht heimkehren zu seiner verzweifelten Mutter,
die in dieser mehrfach gestörten Sorgennacht den heißen Kamillenabsud
reichlicher schlürfen mußte als eine genesende Wöchnerin.
Das große gotische Rosettenfenster des Kapitelsaales glänzte wie ein
entzündetes Riesenauge in das kalte Morgengrau. Und die Nachtsorgen
des gedünsteten Kanzlers, die Seelenqualen der Frau Apollonia? Was
waren sie gegen den geistigen Kampf, der hier, unter niedergebrannten
Kerzen, noch immer kein befriedigendes Ende finden wollte, nach einer
siebenstündigen, zu heißer Erbitterung emporgewachsenen Sitzung!
Wahrhaftig, Herr von Grusdorf hatte sich als verblüffender Prophet
erwiesen, da er auf der Schwelle des Haynacherlehens erschrocken
den Ausbruch »theologischer Diffizilitäten von inkommensurablen
Konsequenzen« vermutet hatte. Man stand vor einem Rätsel, dessen Lösung
eine völlig undenkbare Sache war. Zwei Kinder, das eine getauft, das
andere ungetauft. Das erstere besaß ein geheiligtes Recht auf geweihten
Boden, das andere, als unentsühnter Sprößling einer Irrgläubigen, war
dem Freimannsanger verfallen, auf dem Gnadenwege einem Grübchen in
ungeweihter Erde. Und das eine Kindchen angewachsen an das andere,
die Hölle ineinandergemengt mit dem Himmel, das Heidnische und
Christliche unlösbar verschwistert, oder, wie es Herr von Grusdorf
äußerst charakteristisch bezeichnet hatte: verknorpelt. Schrecklich!
Wo war da ein Ausweg? Nicht einmal das Exempel des gordischen Knotens
vermochte die Schwierigkeit zu lösen. War ein Schnitt denkbar, der vom
Ungetauften nichts hinüberschnipfelte zum Getauften, vom Getauften kein
Fäserchen hängen ließ am Ungetauften? Und konnte man dem christlichen
Feldscheer zumuten, das Heidnische zu operieren? Durfte man es dem
Freimann gestatten, sich an christlicher Schuldlosigkeit zu vergreifen?
Chorkaplan Jesunder meinte: vielleicht ginge es mit einem Chirurgen,
der wohl halb ein Christ, aber auch halb ein Nichtchrist wäre?
Da redete Pfarrer Ludwig, der bislange schweigend auf seinem
Kapitelstuhl ausgehalten hatte, das erste Wort und gleich ein sehr
heftiges: »Denkt Ihr an den Simeon Lewitter? Wollt Ihr solches
Metzgerwerk einem _medico_ zumuten, in dessen Händen die Obhut für
das Lebenswohl unseres Fürsten liegt?« Bevor eine andere Stimme sich
äußern konnte, entschied Herr Anton Cajetan, der jetzt das schwarze
Hofkleid eines gefürsteten Priesters trug: »_C'est juste, révérend!_
Das geht nicht. Meinetwegen könnt ihr den Wildmeistersknecht mit der
Sache betrauen. Er ist geschickt im Zerwirken. Mein Leibarzt hat
außer Spiel zu bleiben.« Dennoch sah auch der Fürstpropst ein, daß es
klärend zu wirken vermöchte, wenn der Arzt als Zeuge des Vorganges im
Haynacherlehen vernommen würde, um seine fachmännische Ansicht über
die anatomischen Schwierigkeiten darzulegen. Simeon Lewitter wurde
aus dem Bett geholt. Er hatte nicht das steinerne Lächeln wie sonst.
In kurzen Worten schilderte er, mit welcher Geduld und Tapferkeit die
fromme Haynacherin das grauenvolle Leiden dieser vier Tage und Nächte
überstanden hätte.
»Fromm?« wiederholte Jesunder. »Habt Ihr denn nicht gemerkt, daß
dieses Weib eine Irrgläubige ist?«
»Nein. Im Gegenteil. Sie erschien mir im Sterben als eine Christin von
seltenen Herzenskräften.«
»Für solche Unterscheidungen gebricht es Euch an der angeborenen
Fähigkeit. Wie beurteilt Ihr die Sache als Medicus?«
Die Verwachsung der beiden Kinder wäre ein Irrtum der Natur _ab
ovo_ gewesen. Doch alle beide hätten leben können. Der vorzeitige
Tod des einen Kindes wäre einer äußerlichen Ursache zuzuschreiben,
einem Stoß, den die Haynacherin bekommen hätte, oder einer schweren
Kränkung. »Der junge Bauer erzählte mir, daß es mit seiner Martle seit
der Weihnacht nimmer richtig gewesen wäre.« In dem Schweigen, das
dieser Bemerkung folgte -- ein Schweigen, bei dem sich viele Augen
auf Jesunder hefteten -- sprach Lewitter nur noch wenige Worte. Sie
hatten den Klang einer tiefen Menschlichkeit. Und plötzlich, nach
allem spitzfindigen Debattengewoge, stand klagend und erschütternd das
Erlöschen zweier armer Seelchen, der heilige Tod eines leidenden Weibes
und das zerschlagene Lebensglück eines redlichen Menschen zwischen den
stummgewordenen Herren.
Jesunder sagte heiser: »Kommt zur Sache! Schließlich seid auch Ihr es
gewesen, der uns in diese Schwierigkeit versetzte. Nun zeigt auch einen
Weg, wie wir da herauskommen. Ihr haltet doch als geschickter Chirurgus
eine Trennung der feindlichen Gebiete ohne Grenzverletzung für möglich?
*Ja?*« Dieses letzte Wort war nachdrücklich betont. Verstand Lewitter
nicht, daß man von seinem Ja eine Erleichterung der Sachlage erhoffte?
Er schüttelte den Kopf, blieb als Arzt bei den Tatsachen, sprach
von der Verwachsung der zarten Knöchelchen, von der Verwebung der
Muskeln und machte so, um der wissenschaftlichen Wahrheit willen, die
verzweiflungsvolle Streitfrage noch unlösbarer. Als man ihn ungnädig
und nicht ohne warnenden Hinweis auf die Bedenklichkeit seiner Lage
entlassen hatte, ging der Wirbeltanz der widersprechenden Meinungen in
gesteigertem Grade los. Herr Anton Cajetan, der schon mehrmals hinter
der schlanken Hand gegähnt hatte, übertrug dem Kapitular Graf Saur den
Vorsitz und sagte: »Von dem Beschlusse, den die Herren fassen, bitte
ich mich am Morgen zu verständigen.« Nach der Entfernung des Fürsten
gestaltete sich der Sitzungsverlauf noch aufgeregter. Man hatte sich
früher wenigstens im Ton gemäßigt. Jetzt wurden die Köpfe heiß, die
Kehlen rauh.
Schweigend sah Pfarrer Ludwig in den wirren, wachsenden Lärm hinein.
Was er da erlebte? Wie war das menschenmöglich? Und wer trug die Schuld
daran? Keiner von diesen erhitzten Schreiern! Sie alle, mit kleinen
Einschränkungen, waren ehrenhafte, wohlmeinende Männer. Da glaubte
jeder seine Pflicht zu erfüllen, den Gesetzen der Kirche und dem
Himmel zu dienen. Was will der Himmel? Was die Kirche? Nur immer das
Veraltete und Überlebte? Wenn das die Kirche zu wollen scheint? Kann
auch der Himmel das wollen? Der Schöpfer eines ewig sich erneuernden
Frühlings? Der Vernichter des Morschgewordenen, der rastlose Erwecker
neuer Blüte? Bei diesem Gedanken mußte Pfarrer Ludwig umherblicken in
dem alten gotischen Kapitelsaal. Der ganze Bau des Stiftes, draußen
der Markt, alle Gassen und Häuser, die Dörfer im Tal, alle Bilder
des Lebens, sogar die Formen der steinernen Berge hatten im Laufe der
Jahrhunderte sich geändert, sich gewandelt zum Neuen und Besseren. Nur
dieser alte Saal der Entschlüsse -- ein Gleichnis der Dinge, die in ihm
geschahen -- war seit länger als einem halben Jahrtausend immer der
gleiche geblieben. Und da wunderten sich die Lakaien des Alten in ihren
verblichenen Tressen, daß zwischen den Rippen der Sehnsuchtsvollen
immer ein Neues wuchs und sein Recht begehrte! Freilich, der Wert alles
Neuen ist schwer zu erkennen. Aber ist es nicht schon das Bessere, nur
*weil* es das Jugendliche ist, das Kräfteschenkende, das Strebende? Wie
sagte einer zu Amsterdam, den sie verfluchten? »Sei ein Suchender, und
du näherst dich mit jedem Schritte der ewigen Wahrheit!«
Die freudige Zustimmung, die ein Vorschlag des Grafen Saur gefunden
hatte, weckte den Pfarrer Ludwig aus den Gedanken, in die er versunken
war. Der Vorschlag hatte was Bestechendes. Man sollte unterhalb der
Umwallungssteine des Friedhofes ein Grab ausheben, senkrecht unter der
Mauermitte, mit der einen Hälfte hinausreichend in die ungeweihte Erde,
mit der anderen Hälfte hereingreifend in den geweihten Boden. In diesem
heidnischchristlichen Grabe sollte man das schwarzweiße Doppeltödchen
bestatten, die schwarze Erbsünde nach außen, das weiße Heil nach innen.
Dann sollte man, scharf an der Grenze des Weißen und Schwarzen, aus
Gipsguß eine Scheidewand verfertigen und draußen die ungeweihte Erde
einfüllen, innen die geweihte.
Alle Herren klatschten dem Grafen Saur den verdienten Beifall zu. Nur
Jesunder machte eine wehrende Handbewegung. Der Vorschlag berührte
sein Doktorwerk über die Penetrabilität einer Mauer für die Weihe. Da
*mußte* er sich äußern. »Meine hochedlen Herren! Ein scharfsinniger
Fürschlag! Gewiß! Aber Diffizilitäten seh ich auch hier. Es soll
vorerst noch unentschieden bleiben, ob die gipserne Scheidewand
genau unter der *Mitte* der Mauer anzubringen wäre. Ich verweise
auf meine Dissertation. Aber kann denn unter der dicken Mauer ein
Grab mit solcher Genauigkeit ausgehoben werden, daß die geweihten
und ungeweihten Schollen nicht durcheinander kollern? Und wenn man
dagegen ein Mittel fände? Wird da nicht späterhin das unterirdische
Larvengewimmel eine Grenzüberschreitung begehen, die verhindert werden
*muß*? Unter allen Umständen! Aber wie?« Die Debatte war von neuem
entfesselt. Man kämpfte, bis die Morgenglocken läuteten. Und nicht
die Klärung der Ansichten löste den leidenschaftlichen Streit, nur
die Ermüdung, nur der begreifliche Wunsch nach dem dringend nötigen
Frühstück. Ehe man die Sitzung ergebnislos vertagte, versuchte man es
noch mit einer Abstimmung. Es schien nun doch zur Lösung des Dilemmas
nichts anderes übrig zu bleiben, als die unvereinbaren Gegensätze
des Schwarzen und Weißen durch einen operativen Eingriff voneinander
zu scheiden. Graf Saur, der als erster seine Stimme abzugeben hatte,
zuckte die Achseln: »Ich bin ratlos, _parfaitement_!« Sein Beispiel
beeinflußte die anderen, keiner wagte Nein oder Ja zu sagen. Pfarrer
Ludwig, als er zur Abstimmung aufgerufen wurde, ließ zwischen den
Wangenfalten die große Warze tanzen. »Auseinanderschneiden? Was
Besseres findet ihr nit? Also gut! Schneidet!«
»Doch wenn vom Getauften was hängen bleibt am Ungetauften. Da wird sich
der Himmel kränken.«
»Soweit ich den Himmel kenne, ist das nit wahrscheinlich. Doch wenn
ihr's vermutet, muß es vermieden werden.«
»Wenn aber vom Ungetauften was hinüberschleicht ins Geweihte? Da wird
sich in Bosheit die Hölle freuen!«
»Gotts Not und Leiden!« Pfarrer Ludwig verlor die Geduld. »*Soll*
sich die Höll halt freuen! Vergönnt ihr doch in so schauderhaften
Zeitläuften ein bißl Vergnügen! Amen. Ich leg mich ins Bett.« Ohne des
empörten Lärms zu achten, der sich hinter ihm erhob, verließ er den
Kapitelsaal.
Drei Viertelstunden später vertagte man die ergebnislose Sitzung bis
zum Abend.
In der grauen, kalten Armeseelenkammer lag auf der langen Totenbank
ein kleines, weißes Bündel mit noch unentschiedenem Schicksal -- ruhte
hinter vergittertem Fenster und versperrter Türe, deren Schlüssel beim
Chorkaplan Jesunder in Verwahrung blieb.
Und im Tal der Ache, die durch den erwachenden Morgen rauschte, saß ein
Gebrochener neben der Wiege seines schlafenden Bübchens und schnitzte
an einem hölzernen Kreuz, das er auf den geweihten Grabhügel der Martle
stecken wollte, noch ehe die Sonne käme.
Eine Nachbarin erbot sich, für den Christl die Morgensuppe zu kochen.
Er nickte dankbar, ohne ein Wort zu finden. Als auf dem Herd das Feuer
prasselte, setzte er sich in die Wärme, und während seine zitternden
Hände an dem kleinen Kreuze schnitzelten, erzählte er mit leiser,
wunderlich versunkener Stimme, wie fromm und gottergeben seine Martle
gestorben wäre. Eine Weile sah er schweigend in die Flamme. Nun hob er
das entstellte Gesicht. »Nachbarin?«
»Was, guter Christl?«
»So heilig sterben können, das ist nit irrgläubig.« Er tat einen
schweren Atemzug. »Gott verzeih mir die Sünd: ich tu drauf schwören,
daß meine Martle droben ist in der Seligkeit.« Seine Augen hingen am
flackernden Feuer. »Schier mein' ich, es kommt auf Kittel und Farb
nit an, bloß allweil aufs Ehrliche in der Seel und auf den redlichen
Menschenweg.« Die Nachbarin, die eine Gutgläubige war, blieb stumm.
Barmherzig war sie gerne, aber auf solche Reden wollte sie sich nicht
einlassen. Da faßte Christl die Frau am Arm. »Du? Hast du nit gehört,
was sie da droben machen im Herrenstift?«
Was er meinte, verstand sie gleich. Mit dem Kochlöffel in der Pfanne
rührend, schüttelte sie den Kopf.
Er stellte das vollendete Kreuz in den Herdwinkel, legte das Messer
fort und nahm die Stirn zwischen die Hände. »Jesus, Jesus, jetzt muß
ich mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen! Eins für mein
Bübl in der Wieg, eins für die Martle auf dem Gerstenacker. Und
zwei Viertelen -- ich weiß nit, wohin ich die schmeißen muß!« Mit
den Bewegungen eines schwer Betrunkenen taumelte er hinaus in den
erwachenden Tag.