Seine Augen glänzten. »Lieber als mein Leben. Ich bin so, daß ich mir
auf der Welt bloß ein einziges Glück weiß. Sonst kein anderes. Da
heißt's halt: finden oder dran vorbeirutschen.«
Sie klammerte den Arm um seinen Hals. »Wenn du sie so lieb hast? Wär's
da nit denkbar, daß sie dich wieder hinüberzieht --« Sie stockte. »Auf
den alten und guten Glaubensweg?«
Leupolt blieb unbeweglich und stumm.
»So tu doch reden, Bub!«
Da sagte er schwer und langsam: »Wenn's für einen so kommt, daß Blut
und Glück ein ander Ding werden als Seel und Wahrheit? Mutter, das ist
hart. Aber wie man da gehen muß, da ist kein Zweifel nit. Gott, um die
Menschheit zu erlösen, hat den eigenen Sohn gegeben. Muß da nit der
Mensch die Kraft haben, um Gottes Willen zu geben, was ihm lieber ist
als Sonn und Freud?« Er fühlte ihre heißen Tränen an seinem Hals und
umschlang sie. »Einmal müssen wir reden drüber. Nit jetzt. Lieber auf
dem Heimweg. Die Stub hat hölzerne Wänd. Ich mag nit, daß dir einer in
Spott oder Unmut nachredet, was du mir sagen mußt. Da drüben in der
anderen Kammer --« Er verstummte, riß sich aus dem Arm der Mutter,
sprang hinüber zum Ofen und warf das Schilfröhrchen und den heimlichen
Zettel ins Feuer. Das war geschehen, bevor Frau Agnes fragen konnte:
»Was ist denn?«
»Die Hausmutter kommt.«
Nach einer Weile klangen die Schritte der Fischmeisterin auf der
Freistiege. Sie kam mit dem dampfenden Glühweinkrug und brachte einen
Brotwecken und geräucherte Saiblinge. »Sooooo!« Die Frau warf einen
spähenden Blick auf Leupolt. Er sagte ruhig: »Grad reden wir drüber,
daß die Mutter vor Tag hinaus muß übers Eis. Morgen könnt harter Weg
sein. Aufstehen braucht keiner im Haus. Ich mach schon alles.«
Da war die Fischmeisterin verwandelt in ein gefälliges Weibl, schwatzte
immer zu, putzte die Saiblinge, schnitt das Brot und ließ den heißen
Becher nicht leer werden. Frau Agnes mußte reichlicher schlucken, als
sie wollte. Wenn das Zureden der Fischmeisterin nimmer nützte, sagte
Leupolt: »Trink nur, Mutter! Da kriegst du einen festen Schlaf.« Er saß
auf der Ofenbank, verzehrte den Krapfen und griff immer wieder in die
Höhe, um zu fühlen, ob die auf den Stangen hängenden Kleider trocken
würden. Der Glühwein, die heiteren Worte, mit denen Mutter Agnes ihre
Sorge verschleierte, und die drolligen Scherzreden der Fischmeisterin
machten die Nachtstunde in der kleinen Stube so lustig, daß ein fremdes
Ohr auf drei Menschen hätte raten können, die ferne waren von allem
Zeitkummer. Als die Fischmeisterin endlich nach einem letzten Spaß die
Stube verließ, sagte sie das »Gelobt sei Jesus Christus!« wie eine gute
Katholikin. Sie und ihre Leute verstanden sich aufs Unsichtbarmachen.
Bei den häufigen Besuchen der Chorherren, die das Schlößl zu Bartholomä
nicht nur zum Jagen besuchten, auch häufig in Begleitung, um _à la
mode_ ein bißchen Pariserei zu treiben -- bei diesen Besuchen hatten
es die Fischmeisterleute gelernt, ihren Seelenwandel unverdächtig zu
machen. Sie wußten geschickt von einander zu trennen, was Religion und
Brotkorb hieß. Die Fischmeisterei zu Bartholomä war eine einträgliche
Stellung, für die man schon einige Rosenkranzperlen bewegen konnte.
Leupolt schien anders zu denken. Während die Fischmeisterin sich
gutgläubig entfernte, blitzte der Zorn in seinen Augen. Stumm erhob er
sich und drehte auf der Ofenstange den Mantel der Mutter um. Frau Agnes
nahm den glühenden Kopf zwischen die Hände und versuchte zu lachen.
»Bub, ich hab ein Quartl zu viel verschluckt. Die Hitzen fahren mir
auf, als wär der Teufel zu unterst in mir.«
»Oft sagt man Teufel. Und da ist's die beste von aller Lebenswärm.
Jetzt muß ich mich nimmer sorgen, daß du dich verkühlt hast. Gut
schlafen wirst du auch.« Sie tat einen schweren Atemzug. Mit dem Beten
wartete sie um seinetwillen, bis er die Lampe ausgeblasen hatte. In
der Finsternis sagte Leupolt: »Gut Nacht, Mutter! Ich weck schon, wenn
es sein muß.« Er streifte die schweren Schuhe von den Füßen, zog den
Kittel aus, legte ihn als Kissen auf die Ofenbank und streckte sich
hin. Flüsternd wiederholte Mutter Agnes: »Wenn es sein muß?« Bei diesen
vier Worten sah sie den Kanzler, den Richter, den Pfahl mit dem Eisen
und das kommende Leiden ihres Sohnes. »Bub?« Gleich erhob er sich und
ging auf den Strümpfen zu ihrem Bett. Sie suchte im Dunkel seine Hand.
»Sag mir, Leupi, tust du denn nimmer beten?«
»Wohl, Mutter! Fleißiger, wie sonst.«
»Was betest du?« fragte sie in Angst.
»Jetzt bet ich allweil --« Er schwieg. Dann sagte er mit völlig anderer
Stimme: »Ich bet: >Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach
Himmel und Welt; und täten mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst
mein Heil und meines Lebens Trost!<«
Ein Laut wie in heißer Freude. Frau Agnes hatte nicht nur die Worte
des Sohnes gehört, auch das Klingen seiner Seele, das Herzgeläut
seines tiefen Glaubens. »Jesus, Jesus,« stammelte sie im Glück des
Augenblickes, »betet einer so, da kann's doch so weit nit fehlen.«
»Nein, Mutter, es fehlt nit!«
Sie zog ihn zu sich herab, umschlang seinen Hals und preßte das heiße
Gesicht an seine Wange. »Jetzt bin ich ruhiger. Da brauchen wir auch
nimmer reden mit einander. Wer betet wie du, ist nie verlassen. Was
hätt das Reden für einen Sinn? Mir redest du nichts ein, und dir,
das merk' ich, ist nimmer auszureden, was dir wie Eisen in Herz und
Seel ist. Begreifen kann ich's nit, aber es ist so. Müssen wir's halt
nehmen, wie's ist. Und was kommt, das müssen wir tragen als Mutter und
Kind. Zwischen uns sollen Zeit und Herren nie einen Graben aufreißen.
Gelt nein?«
»Nie, Mutter! Vergeltsgott! Jetzt hast du mir's leicht gemacht.« Wie
wohlig seine Worte klangen! Dann ging er zu seiner harten Bank. Frau
Agnes lag unbeweglich und lauschte immer zu ihm hinüber. Ihre Augen
schlossen sich nicht, obwohl der Glühwein die Gedanken ihrer Sorge und
ihres Trostes ein bißchen durcheinander wirbelte. Auch Leupolt sah mit
offenen Augen in die Nacht. Sein Atem ging so ruhig, daß die Mutter
immer glaubte: jetzt schläft er. Gegen drei Uhr morgens erhob er sich
und schob ein paar Buchenscheite in die Ofenglut, damit die Kleider und
Schuhe der Mutter völlig trocknen möchten. So leise tat er es, daß kein
Mäuschen hätte erwachen können. Als er sich lautlos wieder hinstreckte
auf die Bank, sagte Frau Agnes: »Vergeltsgott!«
»Ich tu's doch gern. Schlaf nur! Es ist noch Zeit.«
Wieder die stillen, wachenden Stunden. Aus der Nebenkammer hörte
man das Schnarchen des Platzjägers. Und draußen im Zwinger schlugen
die Hunde an. Da kam wohl hungerndes Hochwild über den Gartenzaun
gesprungen, um an den Obstbäumen zu beißen. Die schwindende Mondhelle
verriet dem Jäger, wie weit es an der Zeit war. Gegen die fünfte
Frühstunde erhob er sich. Gleich sagte die Mutter: »Guten Morgen, Bub!«
»Du hast doch ein bißl geschlafen? Nit?«
»Die ganze Nacht. Und gut.«
»Gott sei Dank!« Er stellte den Rest der Weinsuppe zum Aufwärmen in die
Ofenröhre. »Dein Zeug ist trocken!« sagte er, nahm die Kleider von den
Stangen und legte sie auf das Bett. »Draußen putz ich deine Schuh. Da
kannst du dich gewanden derweil.«
Als sie wegfertig waren, tranken sie den warmen Wein und aßen einen
Bissen Brot dazu.
Die Feuersteinflinte mit dem Riemen um die Brust, hinter den Schultern
den Bergsack, auf dem Arm das Radmäntelchen und zwei wollene
Bettdecken, blieb er auf der Schwelle stehen und warf noch einen
Blick in die dunkle Stube, in der die Lampe schon ausgeblasen war.
Draußen sagte er: »Da mußt du Obacht geben, Mutter! Das Treppl ist ein
bißl vereist.« Auf dem Beinschlitten hüllte er sie fest in die zwei
Bettdecken und wickelte ihr auch den eigenen Mantel noch um Kopf und
Hals. Alles ließ sie schweigend geschehen, sah nur immer mit großen,
nassen Augen zu ihm auf. Bevor er hinter der Mutter auf den Schlitten
stieg, drehte er das Gesicht und ließ die Augen langsam hingleiten
über den grauen Jägerkobel, über das schmucke Herrenschlößl und über
den weiten Bogen der von schwarzem Schatten umwobenen Berge. Ob er das
im Leben noch einmal sehen würde? Wortlos stieg er auf das Brett und
begann den Schlitten zu treiben. Mit jagender Eile glitten die beiden
in die Nacht hinaus, ihrem Schicksal entgegen.
Manchmal klang das Dröhnen einer Eisfragel, die entzweisprengte, was
aneinandergewachsen war. Und immer hörte sich das an, als hätte man
stark an eine große Glocke geschlagen, irgendwo, in der Tiefe oder hoch
in der Luft.