Der Fürstpropst beugte sich vor. »Sterben? Auch die Mutter?«

»Als ich das Haus verließ, begann sie zu erlöschen. Keine Hilfe mehr.

Ich habe den Schmerz des Mannes nimmer sehen können. Drum bin ich

gegangen. Der Mensch, wenn er hilflos ist, hat feige Stunden. Und was

ich getan habe, das hat den Mann nicht getröstet.« Lewitters Blick war

ängstlich. »Ich meinte, daß es ihn aufrichten würde in seinem Schmerz,

wenn sein weißes Kindlein christlich würde, solange noch Leben in ihm

war. Drum hab ich ihm die Nottaufe gegeben.«

»Lewitter!« murrte Herr von Grusdorf erschrocken. »Wie konnte er sich

verleiten lassen zu einer solchen Inkompetenz? Die _causa_ des Leupolt

Raurisser hätte ihn vorsichtiger machen sollen.« Auch der Fürstpropst

schien unbehaglich berührt: »Simeon! Das hättest du besser unterlassen!«

»Herr!« Immer ruhiger wurde Lewitter. »Das Erbarmen kann ein Riese

werden, der uns zwingt.«

»Mag sein! Aber --« Herr Anton Cajetan stieg aus dem Schlitten, und der

Kanzler tat rasch das gleiche. »Warum hat nicht der Kindsvater das Kind

getauft?«

»Weil er die schwarzweiße Mißform seiner verlorenen Kinder nicht mehr

ansehen konnte, ohne daß ihn der Kummer halb erwürgte. Und weil er

immer wieder in die Kammer sprang zu seinem erlöschenden Weib.« Der

Körper des kleinen Mannes streckte sich, und etwas Schönes war in

seinem Blick. »Schon vielen Menschen hab ich beigestanden in ihrer

letzten Stunde. Aber nie noch hab ich ein Menschenkind so voll

Gottvertrauen versinken sehen, wie dieses arme, leidende Weib.«

»_Mais donc_ --« Herr Anton Cajetan wurde ungeduldig. »Warum hat nicht

die Hebmutter die Nottaufe an der noch lebenden Hälfte exekutiert?«

Den Grund -- daß Christl sein Kind durch eine Unsichtbare nicht taufen

ließ -- wollte Lewitter nicht bekennen. Er sagte: »Die Frau war um das

sterbende Weib beschäftigt.«

Im Kanzler erwachte ein Verdacht. »War es, um methodisch vorzugehen,

die Hebmutter des Marktes?«

Jetzt gab es kein Verschweigen mehr. »Es war die Hasenknopfin von

Unterstein.«

Der Fürst und Herr von Grusdorf tauschten einen Blick. Anton Cajetan

machte einen Schritt gegen das Haus hin, wandte das ernste Gesicht

und sagte zu dem hübschen hechtgrauen Junker: »_Mon cher Tigue! La

Neuenstein désire fort d'être chez soi!_« Bei der Vermutung, daß seine

Freundin _en titre_ sich einem nervenquälenden Anblick zu entziehen

wünsche, hatte er nicht mit der Gruselsucht der holden Dame gerechnet.

»_Non, non, non_,« sie schlüpfte hastig aus dem Schlitten, »_je veux

voir ça, moi!_ So ebbes Seltsames versäumt me doch nit.« Die Schultern

zuckend, ging der Fürst auf die Haustür zu. Die anderen hinter ihm

her. Simeon Lewitter blieb bei den leeren Schlitten stehen. Weil sich

niemand um ihn kümmerte, wurde ihm die Entscheidung leicht. Nur erst

daheim sein! Keuchend zappelte er durch den Schnee davon.

Der Kanzler mußte mehrmals an der Haustür des Christl Haynacher pochen.

Aus dem Innern des Hauses klang ein verzweiflungsvoller Laut, nicht

wie menschliche Stimme, wie der Schrei eines Tieres. Den hatte der

junge Bauer ausgestoßen, als er im Gesicht seiner Martle das blasse

Sterben erkannte. Immer ungeduldiger pochte Herr von Grusdorf, und

mehrmals beteuerte Aurore de Neuenstein, daß jeder Nerv in ihr vor

Spannung und Erbarmen fiebere. Endlich öffnete die Hasenknopfin.

Zitternd stand sie im Dunkel des Flurs. »Gelobt sei --« Weiter kam sie

nicht, weil die hechtgraue Diana gleich die Frage zwitscherte: wo die

unglaubliche Sache zu sehen wäre? Schweigend wies die Hasenknopfin zur

Stube, neben deren Ofen das kleine Bübchen in seiner Wiege weinte, und

deutete auf den Tisch, auf das weiße, dunkelgefleckte Leilach, das den

neugeborenen Jammer des Christl Haynacher barmherzig verhüllte.

In der kleinen Stube begann es grau zu werden. Draußen flimmerte wohl

die Sonne noch auf dem schwindenden Schnee, doch über den Fenstern lag

schon der Schatten des vorspringenden Daches.

Mit beiden Händchen die steife Glocke ihres Dianenkleides

zusammenpressend, schmiegte sich Aurore de Neuenstein durch die

schmale Stubentür, den ovalen Rocktrichter flink voranschiebend. Das

weinende Bübchen, als es diese seltsame Glocke mit den zwei weißen

Spitzenschwengeln erscheinen sah, wurde stumm vor Schreck. Und während

aus der Kammer das erwürgte Schluchzen des jungen Bauern zu hören war,

trippelte die Neuenstein in der schaukelnden Kleidglocke dem Tisch

entgegen, faßte mit den Fingerspitzen zu und hob einen Zipfel des

Leilachs. Jähes Grauen rüttelte ihre feinen Schultern. »_Mon dieu!

Quelle chose affreuse!_« Als hätte sie sich die behandschuhten Finger

verbrannt, so hastig ließ sie den Leilachzipfel fallen, stieß einen

zarten Schrei aus und bot den Anblick einer Dame, die in Ohnmacht zu

fallen wünscht. »_Eh bien, la voilà!_« sagte Herr Anton Cajetan halb

nachsichtig, halb ärgerlich. Er deutete auf die mit beiden Händchen

Rudernde, die das Niederfallen auf den grauen Bretterboden noch

verzögerte, und sagte zum Grafen Tige: »_Remplissez donc votre devoir

d'un bon camarade!_« Der hübsche Junker mit den winzigen Bäffchen

umschlang die pelzverbrämte Diana, wobei sie die Augen schloß und

schlaffe Arme bekam.

Unter Mithilfe des Domizellaren von Stutzing, der im Türschacht die

Kleidglocke ovalisieren mußte, beförderte Graf Tige das edle Fräulein

auf seinen Armen aus der Stube, aus dem Haus und über das Gehöft zum

Schlitten. Eine zornscharfe Mädchenstimme -- jene gleiche Stimme,

die im Stall der Unsichtbaren geschrien hatte: »Schauet mein junges

Brüstl an, so haben die Soldaten Gottes mich zugerichtet!« -- diese

zornscharfe Mädchenstimme schrillte hinter einer nahen Hecke: »Leut!

Das bablische Laster zappelt drieköpfig in der Sonn umeinander! Tät's

ein Wunder sein, wenn der Ewige dreinschlagt mit Zeichen und Ruten!«

Stutzing und Tige waren so fürsorglich um die in der frischen Luft sehr

rasch erwachende Diana beschäftigt, daß sie anderer Dinge nicht zu

achten vermochten. Sie überhörten die schrillende Mädchenstimme. Und

als sie das zierliche Persönchen im Schlitten und die winzigen Füßchen

im Fußsack hatten, schwang Graf Tige sich opferfreudig an die Seite der

Neuenstein und befahl dem Kutscher: »Schnell! Nach Haus!«

Munter tingelten die Schlittenschellen, und die zwei guten Kameraden

rutschten über den knirschenden Straßengrund. Noch ein bißchen zitternd

vom überstandenen Grauen, klammerte Aurore de Neuenstein sich an ihren

Ritter, schlug die unschuldsvollen Augen auf und lispelte: »Alles,

Liebster! Alles -- --« Nein! Deutsch konnte sie das nicht sagen. Sie

mußte sich der Feinheit ihrer Bildung besinnen und hauchte dem Junker

flehend ins Ohr: »_Tout, mon ami! Tout ce que vouz voulez! Mais jamais

un enfant!_«

Der Domizellar von Stutzing kehrte in das Haus des Christl Haynacher

zurück. Als er die Stube betrat, war schon wieder mit dem Leilach

bedeckt, was auf dem Tische lag. Auch das Verhör der Hasenknopfin

war beendet. Bleich, einen harten Zug um die farblosen Lippen, stand

das Weib vor dem Kanzler. Während der Fürstpropst und Graf Saur in

französischer Sprache diesen schwerbegreiflichen Irrtum der Natur

erörterten, sah Herr von Grusdorf immer die Hasenknopfin an und sagte

schließlich: »Man wird ihr befehlen, wann sie sich für weiteres Zeugnis

vor der Obrigkeit zu präsentieren hat. Dann wird sie sich der Wahrheit

besinnen. Wird auch wissen, wo ihr Mann sich befindet. Heute wird sie

_recte_ erfüllen, was ihres Amtes ist. Um rebellische Rumore und den

Zulauf kuriöser Leute zu verhindern, wird sie die Haustür verschlossen

halten bis zur Dunkelheit. Was tot auf dem Tische liegt, das bringt

sie nach Anbruch der Nacht in notwendiger Heimlichkeit dort hin, wohin

es gehört. Man wird das in der Finsternis bestatten. Über alles hat

sie strengstes Stillschweigen zu observieren. Befehl der Obrigkeit:

ein totgeborenes Kind, nicht weiß und nicht schwarz, ein Kind, wie

Kinder zu sein pflegen. Weiteres ist ihr nicht bekannt. Für jedes

böswillige Leutgerede ist sie haftbar. Versteht sie?« Er machte mit dem

Stock eine Bewegung, als möchte er das Weib von sich fortschieben, und

wandte sich gegen die Kammer, aus der kein Laut mehr zu hören war. Die

Hasenknopfin tat mit entstelltem Gesicht einen schweren Atemzug, nahm

das schlucksende Bübchen aus der Wiege und rettete sich mit ihm in den

dämmerigen Ofenwinkel. Während sie das Kind an ihrem Herzen schaukelte,

spuckte sie immer aus, als könnte sie die Lügen, die sie aus Angst

geredet hatte, wieder fortspeien von ihrer Zunge.

Herr von Grusdorf hatte die Kammertür vor sich aufgeschoben. Im

gleichen Augenblick machte er eine abwehrende Bewegung, wie in Sorge,

daß sein gnädigster Herr ihm folgen könnte. Was er sehen mußte, war

kein Anblick für fürstliche Augen. Die kleine Kammer war erfüllt von

einem rötlichen Schein. Ihr Fensterchen lag gegen Westen, und die

untergehende Sonne verwandelte den kleinen Lichtwinkel in ein glühendes

Viereck. Das Ehebett des Christl Haynacher und seiner seliggewordenen

Martle glich dem rotfleckigen und zerwühlten Schnee, in dem die

hauenden Schweine mit den kirschfarbenen Seidenmaschen gelegen hatten.

Nur lagen hier, in diesem Rotschimmer, zwei andere Dinge: der ruhige,

schöne Tod und der besinnungslose Jammer, ein unbeweglicher und ein

noch zuckender Rest zweier Menschen, in denen die Liebe war und mit der

Liebe zugleich das Mißtrauen, der Zorn und die Glaubensfeindschaft.

Lebendig war nur die Liebe noch. Was Feindschaft, Zorn und Mißtrauen

gewesen, war erlegt von einem Schützen, der so sicher traf, daß man

ihm Jagderfolge nicht aufzulügen brauchte, war zur Strecke gebracht

ohne Hifthörner, ohne hechtgraue Jägergala, ohne französische Verse und

galante Reimsprüche.

In dem engen Gängelchen neben dem Bett auf den Dielen kniend, lag

Christl mit gestreckten Armen hingeworfen über den Schoß seines

Weibes, lautlos, zitternd am ganzen Leibe, einem Menschen gleich, der

durchschüttert wird von jähem Frostschauer. Mit den braunen, groben

Händen machte er suchende Bewegungen, wie um sein Weib bei den Händen

zu fassen, die ineinandergeklammert waren nach Art einer Betenden.

Diese Hände lagen im Schatten von Christls Schulter und waren weiß.

Das Gesicht, das wie Wachs geworden war, bekam von der Sonnenfarbe

zur Hälfte ein leuchtendes Rosenrot, zur Hälfte einen violetten

Schatten. Ein schmuckes Mädel und Weib war die Martle immer gewesen,

aber in keiner Stunde ihres Lebens so schön, wie jetzt im Tode.

Eine heilige Ruhe war ausgegossen über das schmale Schimmergesicht.

Den stillen Mund, der keinen Zug des Leidens mehr erkennen ließ,

umgab ein träumendes Lächeln. Und unter den vom Lichte in poliertes

Gold verwandelten Flechten hatten die noch offenen Augen einen

unbeweglichen, fast überirdischen Glanz.

Erschrocken, in wachsendem Staunen, betrachtete Herr von Grusdorf

das tote Weib. Wo waren an dieser Abtrünnigen die Spuren ihres

Seelenkampfes mit dem Teufel? Hatten die Gerüchte gelogen, die seit

dem Herbste über die Haynacherin umherliefen? Hatte die Hasenknopfin

die Wahrheit gesprochen, als sie sagte: daß die Martle unter den

obrigkeitlich vorgeschriebenen Gebeten wie eine rechte Christin

gestorben wäre? Wider Willen fühlte der Kanzler eine Regung des

Erbarmens. Aus den früheren Jahren seiner Richterzeit war er gewöhnt

an die Bilder der Folterstube. Was er in dieser Kammer sah, zerbrach

ihm den Panzer der Gewohnheit und faßte ihn an einem Muskel seines

Menschentums. Er legte die Hand auf die Schulter des zuckenden Bauern

und sagte freundlich: »Ermanne er sich, Haynacher! Gott hat gegeben --«

Da verstummte er in Zorn und Empörung. Er sah nicht den zerbrochenen

Menschen, der sich mühsam aufzurichten versuchte; sah nicht diese

irrenden Verzweiflungsaugen und dieses entstellte Gesicht. Er sah nur

das abgegriffene Buch, das neben den Fäusten, mit denen Christl vom

Bett sich aufstemmte, unter dem Kopfkissen der entseelten Haynacherin

hervorglitt. Gleich erkannte er's. Von diesem Buche hatte er an die

zwanzig konfiszierte Exemplare in seinem Aktenschrank. Wie ein Falk den

Vogel faßt, so griff er über den Kopf des Bauern hinüber, packte das

Paradiesgärtl des Johann Arndt und rief entsetzt: »Das _crimen_ ist

notifiziert.«

Christl, wie jäh belebt, war an der Mauer in die Höhe gefahren, tappte

mit den Händen und schrie: »Das Büchl tust du ihr lassen, du! Das Büchl

ist ihre Seligkeit gewesen und ihr heiliger Tod!«

Der Kanzler war schon bei der Tür und kreischte in die Stube hinaus:

»_Reverendissime!_ Quittieren Euer Liebden schleunigst dieses

verfluchte Domizilium der Ketzerei! Hier ist kein Fundament für

allergnädigste Sohlen.« Man hörte französische Worte, hörte den flinken

Schritt der Herrenstiefel, die sich entfernten. Und der Kanzler

betrachtete mit flammenden Augen den Christl Haynacher: »Er verlorener

Mensch! Ist er beteiligt an dieser unverzeihlichen Todsünde?« Der Bauer

schüttelte den Kopf und wehrte kraftlos mit den Händen. »Um seiner

Seligkeit willen hoffe ich, daß seine Deklarazion sich als Wahrheit

erweist.« Der Kanzler deutete mit dem Krückstock gegen das Bett. »Was

mit dem Kadaver zu geschehen hat, das weiß die Hasenknopfin.« Er wollte

gehen.

»Herr!« keuchte Christl und streckte in Verzweiflung die Hände. »Alles!

Herr! Nur lasset mein gutes Weibl in christlichen Boden tun! Man muß

doch wissen, wo man sich findet einmal. Und schauet, Herr, so schauet

das Weibl doch an! Man sieht's noch allweil, gnädiger Herr -- mein

Weibl ist so fromm und heilig gestorben -- schöner könnt auch der Papst

nit sterben!«

Der Kanzler erledigte in sich einen schweren Kampf seines privaten

Mitleids mit dem Amtsgewissen. »_Bene!_ Um seinetwillen! Wir wissen,

daß er immer ein verläßlicher Sohn der reinen Kirche war. Drum soll

ihm konzediert sein, dieses Weib, statt auf dem Freimannsanger, auf

seinem eigenen Acker zu verscharren.« Nach diesen Worten menschlicher

Barmherzigkeit verließ der Kanzler die rote Kammer.

Das große Jagen · 第 32 / 98 题