Kapitel IX

Regungslos, mit schlaffhängenden Armen, stand Christl wie an die Mauer

genagelt. Nur seine Augen, die trocken geworden, bewegten sich. So

betrachtete er sein Weib, als könnte er die Wahrheit dieser Stunde

noch nicht begreifen. Dabei hörte er draußen im Flur den Kanzler mit

erregter Stimme sagen: »_Reverendissime!_ Das Fürchterlichste an dieser

_chose effroyable_ haben wir noch gar nicht diskutiert. Ein getauftes

Kind und ein ungetauftes! Entsetzlich! Die Erbsünde angewachsen an

die Erlösung! Der Himmel mit der Hölle verknorpelt! Wie soll man

diese unmögliche Kopulation begraben? Hier erwachsen theologische

Diffizilitäten von inkommensurablen Konsequenzen!«

Christl Haynacher in der roten Kammer begriff den Sinn dieser Worte

nicht. Er verstand nur: daß sein Glück zerschlagen, sein Leben

zerbrochen, sein Herz zerrissen war. Und aller Jammer, der in ihm

wühlte, rann immer dem unerträglichen Gedanken zu: daß seine Martle,

die so heilig gestorben war, nicht in christlichen Boden kommen,

sondern ewig ruhelos liegen sollte in ungeweihter Erde. Immer, wenn's

einem anderen geschehen war, hatte Christl das als guter Katholik für

gerecht erkannt. Jetzt zum erstenmal begriff er es nicht, weil es ihm

widerfuhr in seinem eigenen Kummer. Und sind die Herren im Unrecht bei

seiner Martle, so waren sie auch bei den anderen nie im Recht, die sie

auf dem Freimannsanger, im Wald oder auf ungeweihtem Acker verscharren

ließen. »Wenn die Herren Unrecht haben, darf man dawider handeln.« Daß

die Martle in geweihten Boden kommt, da braucht der Christl keinen

Chorkaplan. Nicht der Kaplan macht es, sondern das geweihte Wasser

und der Segen Gottes. Einem braven Weibl, das gestorben ist wie seine

Martle, kann Gottes Segen nicht fehlen. Und geweihtes Wasser hat

der Christl im Haus. Wie oft es die Martle auch ausschüttete, der

Christl hat immer wieder neues heimgetragen. Und wie die Martle ihr

Paradiesgärtl unter den Kleien versteckte, so hat der Christl unter

dem Heu den Gutter mit dem Weihwasser verhuschelt. Jetzt wird es den

Acker heilig machen, in dem die Martle ihre Ruhstatt findet. Tät es

ein Unrecht sein, so kann es der Christl beichten. Keinem Chorkaplan

im Markt. Da wird er über den Lattenberg hinüber steigen müssen ins

Bayrische, wo die Pfarrherren gutmütiger und drum auch christlicher und

geduldsamer sind. So wollte er's machen. Dabei glaubte er ein guter

Katholik zu sein und wußte nicht, daß es genau so bei jedem anderen

begonnen hatte, der ein Unsichtbarer geworden, weil er Unrecht leiden

oder Unrecht sehen mußte. Nicht die Zweifler machen den neuen Glauben,

die Unduldsamen im alten säen ihn aus, und die Geplagten in ihrer

Sehnsucht ernten ihn.

Auf den Boden hinfallend, klammerte Christl die Arme um den Kopf

seines Weibes und lallte an ihr kaltes Ohr: »Dein Wasen wird heilig

sein. Das Büchl hab ich ihm lassen müssen, ein Herr ist stärker als

hundert Bauren.« Die Augen eingepreßt in das feuchte Kissen, lag er

unbeweglich, bis der rote Schein sich verwandelte in graue Dämmerung.

Die Hasenknopfin kam und sagte: »Ich hab gekocht, jetzt mußt du dem

Bübl das Mus geben. Von mir nimmt es nit.« Weil der Christl sich nicht

rührte, half sie ihm, sich aufzurichten. »Auch die Küh brüllen schon

die ganze Weil. Die mußt du melchen.« Während sie ihn hinausführte,

warf er einen scheuen Blick auf den Stubentisch. Da war nichts mehr.

Er fragte nicht: Wo ist es? -- atmete nur auf, weil das Fürchterliche

nimmer da war, das seiner Martle das Leben zerrissen hatte.

Beim Ofen brannte die rußende Specklampe. Das Bübl war schläfrig,

öffnete aber gleich das Mäulchen, als es den warmen Holzlöffel an den

Lippen fühlte. »Kindl, wie hast du's gut! Du tust nichts wissen.«

Die Hasenknopfin arbeitete in der Küche. Manchmal hörte Christl ein

Gemurmel von Stimmen, ein Pochen an den Fenstern, ein Klopfen an

der Haustür. Alles war ihm, als käm' es aus weiter Ferne und gälte

irgend einem, nicht ihm. Er legte das sattgewordene Bübchen in die

Kissen, blieb auf der Ofenbank und schaukelte mit dem Fuß den schweren

Wiegenkasten. Draußen war es finster geworden. Auch still. Da kam die

Hasenknopfin halb zur Tür herein und sagte: »Christl, ich geh.«

»Wohl!« Er nickte. »Vergeltsgott, Weibl! Mit der Zahlung mußt du mir

Zeit lassen bis morgen.«

»Nit nötig, Christl! Für die Schwester Martle ist alles umsonst.« Es

schien, als möchte sie noch etwas sagen. Aber sie schwieg und ging und

zog hinter sich die Tür zu.

Den kleinen weißen Pack auf ihren Armen hatte Christl nicht gewahrt.

Er dachte immer nur dieses Eine: >Jetzt muß ich es tun!< Als das

Bübchen schlief, machte er den Docht der Specklampe klein, zündete eine

Laterne an, ging in den Stall, molk und fütterte die Kühe und goß in

der Steinkammer die Milch in die hölzernen Rainen. Beim Heuholen hatte

er auch gleich den Gutter mit dem versteckten Weihwasser vom Dachboden

mit heruntergebracht. Aus dem Stiegenwinkel kramte er die Spitzhaue und

den Spaten hervor, löschte die Laterne und verließ das Haus. Der Föhn

war stumm geworden. In der Nachtkühle begann der Schnee zu gefrieren.

Sterne funkelten am Himmel. Der abnehmende Mond war über die Seeberge

noch nicht heraufgestiegen, strahlte wohl schon die Zacken des Wazmann

an, ließ aber das Tal noch finster. Gegen den Untersberg sah man die

erleuchteten Fenster des Stiftes glänzen, als hätte die Erde viel

größere Sterne, als der Himmel sie hat.

Gleich außerhalb der Hecke lag der Gerstenacker des Christl. Das Feld

hatte schon einen schneefreien Fleck -- es war die gleiche Stelle,

an der im Sommer immer so viele Blumen im Getreide blühen. Muß da

der Boden nicht wärmer sein als anderswo? Hier begann der Christl zu

graben. Und grub und grub. Dann sprengte er die Hälfte des Weihwassers

über das Grab, betete ein Vaterunser, streckte die verkrampften Fäuste

zum Himmel hinauf und bettelte: »Gelt, tu den Ackerboden segnen,

Herrgott, in den ich das Martle hineintun muß!« Das alles war leicht

gewesen. Jetzt kam das Schwere. Er ging zurück ins Haus. Da trat ihm

aus dem Nachtschatten der Hecke jemand entgegen: »Nachbar? Brauchst du

nit einen, der dir tragen hilft?«

Christl mußte um Atem ringen, bevor er antworten konnte: »Wohl, Mensch!

Ich zahl dich gut.«

»Nit nötig!« erwiderte der andere. »Für die Schwester Martle ist alles

umsonst.«

Erst in der Stube erkannte Christl in dem Mann einen alten graubärtigen

Bauer von Unterstein. Im Leilach trugen sie die Martle zum Acker.

Als sie zur Grube kamen, standen fünfe oder sechse neben dem Hügel.

Alle halfen, um die Martle sanft hinunterzulegen. Noch andere kamen

aus der Nacht herausgeschritten, Männer und Weibsleute. Christl hatte

keine Tränen, kein Wort. Immer knirschten ihm die Zähne. Er haßte und

verfluchte sie alle, die zum Grab seines Weibes kamen, und war doch

einem jeden dankbar.

Als die Martle drunten lag, nahm Christl den Krug und wollte geweihtes

Wasser auf den weißen Schimmer hinuntersprengen. Da faßte ein Weib

erschrocken seinen Arm und flüsterte: »Nit, du! Das ist falschgläubig!«

Schon wollte Christl im Zorn erwidern. Da schob der alte, bärtige Bauer

das Weib beiseite und sagte leis: »Laß du den Christl tun, wie er

meint, daß es gut ist! Magst du nit duldig sein, wie willst du hoffen,

es sollen die anderen duldig werden gegen dich und uns?« Er faßte den

Spaten und legte die ersten Schollen sacht in die Grube. Eines ums

andere nahm die Schaufel. Der weiße Schimmer da drunten verschwand,

die Erde wuchs aus der Tiefe herauf. Und während Christl auf den Knien

lag, das Gesicht in die Hände vergraben, zuckend und schauernd, fing

der alte Fürsager der Unsichtbaren von Unterstein mit leiser Stimme zu

reden an.

Auf der nahen Straße kam ein Klirren und Klingeln aus der Nacht

heraus, kam immer näher. Erschrocken fuhr Christl auf: »Die Herren!«

»Nit!« flüsterte ein Mädel. »Es ist der Bräuschlitten. Der geht zum

Königssee.«

Man sah ihn gleiten, schwarz vor dem weißen Schnee, wie sonst beladen

mit den zehn, zwölf kleinen Fässern. Nur ein Ding war anders als sonst:

hinter den zwei dampfenden, klingeligen Pferden saß der Bräuknecht

nicht allein auf dem Bockbrett. Neben ihm, dick eingewickelt in Mantel

und Kapuze, kauerte eine kleine rundliche Frau. Die Mutter Agnes. Sie

war der Meinung gewesen, daß sie ihrem Buben noch besser ins Herz

zu reden verstünde, als es der süße Krapfen mit dem Zwibebenkränzl

fertig brächte. So hatte sie ihrem verstörten Mann diese Nachtfahrt

abgetrutzt. Und während sie vor sich hinsah in den Dampf, der von

den klirrenden Pferden aufging, überlegte sie die Mahnworte, die sie

ihrem Buben sagen wollte, um ihn wieder auf die rechte Glaubensstraße

heraufzuziehen.

Bei den Untersteiner Häusern, zwischen denen es wunderlich lebendig

war, kam der Schlitten in den Mondschein. Nach einer Weile hielt er am

See. Zwei Lehrburschen des Bartholomäer Fischmeisters erwarteten ihn

am Ufer. »Du,« sagte der eine zum anderen, »du bringst den Bierkasten

allein übers Eis. Ich nimm die Mutter Agnes auf den Beinschlitten. Da

geht's flinker. Aber Schneid mußt du haben, Weibl! Heut ist ein ungutes

Fahren. Der Föhn hat die Frageln bös ausgebissen.«

»Das tut nichts!« sagte Mutter Agnes und trippelte über das Eis

hinaus. »Wer redlich schnauft, steht allweil in Gottes Hut. Fahr

los!« Der junge Knecht stellte sich hinter ihr auf das Brett und

brachte den Beinschlitten in sausende Fahrt, weil es, je flinker, um

so ungefährlicher war. Manchmal zischte der Schlitten durch breite

Wasserflächen, von denen sprühende Tropfenfahnen in die Luft rauschten.

Ein paarmal ging es über Frageln hinüber, die schon so sehr erweitert

waren, daß der Beinschlitten einen bedrohlichen Hupf machte. Frau Agnes

mußte sich tüchtig anklammern. Seufzend dachte sie: >Mein Leupi tät

mich sänftlicher fahren!< Auch heut dröhnte das Eis, doch das Licht des

Mondes war matt, und Dunst umschleierte die Bergwände. Ein paar hundert

Schritte vom Ufer lag eine schwarze Wasserfläche. Der junge Fischer

mahnte: »Obacht, Meisterin!« Die Warnung kam zu spät. Der Beinschlitten

machte einen tischhohen Sprung, und als er niederklatschte, löste sich

Frau Agnes vom Brett und kollerte durch das handtiefe Wasser. Das

Erbarmen des jungen Knechtes bestand darin, daß er fürchterlich lachen

mußte. »Aber, aber,« schmollte Mutter Agnes, während sie sich heraushob

aus der dunklen Wassersuppe, »wozu so viel überflüssige Müh, ich bin

doch schon getauft.« Es rieselte von ihr. Und so kalt war's, daß sie zu

schnattern begann.

Jetzt verging dem Buben das Lachen. »Gelt, tust mir die Lustigkeit nit

verübeln, Frau?«

»Gott bewahr! Lach, wie du magst! Das Lachen erlöst von der Zeit!«

Um die Zitternde noch ungefroren ans Ufer zu bringen, stachelte der

junge Fischer wie verrückt und schrie dabei mit gellender Stimme:

»Leupi! Leupi! Leupi!« Weil man zu Bartholomä den Bierschlitten

erwartete, waren die Mannsleute und auch die Fischmeisterin noch wach.

Sie kamen gelaufen. Neben der weißen Kirche fuhr der Beinschlitten

ans Ufer, und Leupolt erkannte die Mutter. »Herr Jesus!« lachte er in

seiner Freude. Als er ihre starren Hände und den hartgefrorenen Mantel

fühlte, wurden ihm die zwei gleichen Worte zu einem Schreckenslaut:

»Herr Jesus!« Er schlang die Arme um die Mutter und hob sie vom Boden

auf.

»Geh!« wehrte sie erschrocken. »Du wirst mich ja doch nit tragen

wollen! So ein Endstrumm Weiberleut!«

»Ich trag einen Zwölferhirsch vom Berg herunter. Schwerer wie ein

liebes Muttertierl bist du nit!« In Sorge rief er: »Fischmeisterin!

Trückene Wäsch für die Mutter! Und heiße Weinsupp einen ganzen Hafen

voll!« Er sprang zum Jägerkobel, über die Freistiege hinauf und flink

in seine Stube, in der die Lampe brannte und der Ofen noch schöne Wärme

hatte. Bis er die Mutter aus dem gefrorenen Mantel schälte und die

Schuhe von ihren Füßen brachte, kam die Fischmeisterin mit Bettzeug und

Wäsche. Leupolt hängte Mantel und Schuhwerk über das Ofengestäng und

schob die langen Buchenscheite so reichlich in die Glut wie ein Bäcker,

wenn er backen muß vor einem großen Feiertag. Dann verließ er die

Stube. Draußen stand er auf dem schmalen Söller. Aus der Stube hörte er

den Sorgenjammer der Fischmeisterin und die munteren Antworten seiner

Mutter. Er wußte, daß sie sich am heitersten zu geben verstand, wenn

sie verbergen wollte, daß ein Schweres auf ihrem Leben lag.

Warum kam sie?

Die Fischmeisterin trat aus der Stube. »Die Mutter liegt schon. Den

Glühwein bring ich gleich.« Sie faßte den Jäger am Arm und sagte leis:

»Ich mach mir ein bißl Sorg.«

Das große Jagen · 第 33 / 98 题