Regungslos, mit schlaffhängenden Armen, stand Christl wie an die Mauer
genagelt. Nur seine Augen, die trocken geworden, bewegten sich. So
betrachtete er sein Weib, als könnte er die Wahrheit dieser Stunde
noch nicht begreifen. Dabei hörte er draußen im Flur den Kanzler mit
erregter Stimme sagen: »_Reverendissime!_ Das Fürchterlichste an dieser
_chose effroyable_ haben wir noch gar nicht diskutiert. Ein getauftes
Kind und ein ungetauftes! Entsetzlich! Die Erbsünde angewachsen an
die Erlösung! Der Himmel mit der Hölle verknorpelt! Wie soll man
diese unmögliche Kopulation begraben? Hier erwachsen theologische
Diffizilitäten von inkommensurablen Konsequenzen!«
Christl Haynacher in der roten Kammer begriff den Sinn dieser Worte
nicht. Er verstand nur: daß sein Glück zerschlagen, sein Leben
zerbrochen, sein Herz zerrissen war. Und aller Jammer, der in ihm
wühlte, rann immer dem unerträglichen Gedanken zu: daß seine Martle,
die so heilig gestorben war, nicht in christlichen Boden kommen,
sondern ewig ruhelos liegen sollte in ungeweihter Erde. Immer, wenn's
einem anderen geschehen war, hatte Christl das als guter Katholik für
gerecht erkannt. Jetzt zum erstenmal begriff er es nicht, weil es ihm
widerfuhr in seinem eigenen Kummer. Und sind die Herren im Unrecht bei
seiner Martle, so waren sie auch bei den anderen nie im Recht, die sie
auf dem Freimannsanger, im Wald oder auf ungeweihtem Acker verscharren
ließen. »Wenn die Herren Unrecht haben, darf man dawider handeln.« Daß
die Martle in geweihten Boden kommt, da braucht der Christl keinen
Chorkaplan. Nicht der Kaplan macht es, sondern das geweihte Wasser
und der Segen Gottes. Einem braven Weibl, das gestorben ist wie seine
Martle, kann Gottes Segen nicht fehlen. Und geweihtes Wasser hat
der Christl im Haus. Wie oft es die Martle auch ausschüttete, der
Christl hat immer wieder neues heimgetragen. Und wie die Martle ihr
Paradiesgärtl unter den Kleien versteckte, so hat der Christl unter
dem Heu den Gutter mit dem Weihwasser verhuschelt. Jetzt wird es den
Acker heilig machen, in dem die Martle ihre Ruhstatt findet. Tät es
ein Unrecht sein, so kann es der Christl beichten. Keinem Chorkaplan
im Markt. Da wird er über den Lattenberg hinüber steigen müssen ins
Bayrische, wo die Pfarrherren gutmütiger und drum auch christlicher und
geduldsamer sind. So wollte er's machen. Dabei glaubte er ein guter
Katholik zu sein und wußte nicht, daß es genau so bei jedem anderen
begonnen hatte, der ein Unsichtbarer geworden, weil er Unrecht leiden
oder Unrecht sehen mußte. Nicht die Zweifler machen den neuen Glauben,
die Unduldsamen im alten säen ihn aus, und die Geplagten in ihrer
Sehnsucht ernten ihn.
Auf den Boden hinfallend, klammerte Christl die Arme um den Kopf
seines Weibes und lallte an ihr kaltes Ohr: »Dein Wasen wird heilig
sein. Das Büchl hab ich ihm lassen müssen, ein Herr ist stärker als
hundert Bauren.« Die Augen eingepreßt in das feuchte Kissen, lag er
unbeweglich, bis der rote Schein sich verwandelte in graue Dämmerung.
Die Hasenknopfin kam und sagte: »Ich hab gekocht, jetzt mußt du dem
Bübl das Mus geben. Von mir nimmt es nit.« Weil der Christl sich nicht
rührte, half sie ihm, sich aufzurichten. »Auch die Küh brüllen schon
die ganze Weil. Die mußt du melchen.« Während sie ihn hinausführte,
warf er einen scheuen Blick auf den Stubentisch. Da war nichts mehr.
Er fragte nicht: Wo ist es? -- atmete nur auf, weil das Fürchterliche
nimmer da war, das seiner Martle das Leben zerrissen hatte.
Beim Ofen brannte die rußende Specklampe. Das Bübl war schläfrig,
öffnete aber gleich das Mäulchen, als es den warmen Holzlöffel an den
Lippen fühlte. »Kindl, wie hast du's gut! Du tust nichts wissen.«
Die Hasenknopfin arbeitete in der Küche. Manchmal hörte Christl ein
Gemurmel von Stimmen, ein Pochen an den Fenstern, ein Klopfen an
der Haustür. Alles war ihm, als käm' es aus weiter Ferne und gälte
irgend einem, nicht ihm. Er legte das sattgewordene Bübchen in die
Kissen, blieb auf der Ofenbank und schaukelte mit dem Fuß den schweren
Wiegenkasten. Draußen war es finster geworden. Auch still. Da kam die
Hasenknopfin halb zur Tür herein und sagte: »Christl, ich geh.«
»Wohl!« Er nickte. »Vergeltsgott, Weibl! Mit der Zahlung mußt du mir
Zeit lassen bis morgen.«
»Nit nötig, Christl! Für die Schwester Martle ist alles umsonst.« Es
schien, als möchte sie noch etwas sagen. Aber sie schwieg und ging und
zog hinter sich die Tür zu.
Den kleinen weißen Pack auf ihren Armen hatte Christl nicht gewahrt.
Er dachte immer nur dieses Eine: >Jetzt muß ich es tun!< Als das
Bübchen schlief, machte er den Docht der Specklampe klein, zündete eine
Laterne an, ging in den Stall, molk und fütterte die Kühe und goß in
der Steinkammer die Milch in die hölzernen Rainen. Beim Heuholen hatte
er auch gleich den Gutter mit dem versteckten Weihwasser vom Dachboden
mit heruntergebracht. Aus dem Stiegenwinkel kramte er die Spitzhaue und
den Spaten hervor, löschte die Laterne und verließ das Haus. Der Föhn
war stumm geworden. In der Nachtkühle begann der Schnee zu gefrieren.
Sterne funkelten am Himmel. Der abnehmende Mond war über die Seeberge
noch nicht heraufgestiegen, strahlte wohl schon die Zacken des Wazmann
an, ließ aber das Tal noch finster. Gegen den Untersberg sah man die
erleuchteten Fenster des Stiftes glänzen, als hätte die Erde viel
größere Sterne, als der Himmel sie hat.
Gleich außerhalb der Hecke lag der Gerstenacker des Christl. Das Feld
hatte schon einen schneefreien Fleck -- es war die gleiche Stelle,
an der im Sommer immer so viele Blumen im Getreide blühen. Muß da
der Boden nicht wärmer sein als anderswo? Hier begann der Christl zu
graben. Und grub und grub. Dann sprengte er die Hälfte des Weihwassers
über das Grab, betete ein Vaterunser, streckte die verkrampften Fäuste
zum Himmel hinauf und bettelte: »Gelt, tu den Ackerboden segnen,
Herrgott, in den ich das Martle hineintun muß!« Das alles war leicht
gewesen. Jetzt kam das Schwere. Er ging zurück ins Haus. Da trat ihm
aus dem Nachtschatten der Hecke jemand entgegen: »Nachbar? Brauchst du
nit einen, der dir tragen hilft?«
Christl mußte um Atem ringen, bevor er antworten konnte: »Wohl, Mensch!
Ich zahl dich gut.«
»Nit nötig!« erwiderte der andere. »Für die Schwester Martle ist alles
umsonst.«
Erst in der Stube erkannte Christl in dem Mann einen alten graubärtigen
Bauer von Unterstein. Im Leilach trugen sie die Martle zum Acker.
Als sie zur Grube kamen, standen fünfe oder sechse neben dem Hügel.
Alle halfen, um die Martle sanft hinunterzulegen. Noch andere kamen
aus der Nacht herausgeschritten, Männer und Weibsleute. Christl hatte
keine Tränen, kein Wort. Immer knirschten ihm die Zähne. Er haßte und
verfluchte sie alle, die zum Grab seines Weibes kamen, und war doch
einem jeden dankbar.
Als die Martle drunten lag, nahm Christl den Krug und wollte geweihtes
Wasser auf den weißen Schimmer hinuntersprengen. Da faßte ein Weib
erschrocken seinen Arm und flüsterte: »Nit, du! Das ist falschgläubig!«
Schon wollte Christl im Zorn erwidern. Da schob der alte, bärtige Bauer
das Weib beiseite und sagte leis: »Laß du den Christl tun, wie er
meint, daß es gut ist! Magst du nit duldig sein, wie willst du hoffen,
es sollen die anderen duldig werden gegen dich und uns?« Er faßte den
Spaten und legte die ersten Schollen sacht in die Grube. Eines ums
andere nahm die Schaufel. Der weiße Schimmer da drunten verschwand,
die Erde wuchs aus der Tiefe herauf. Und während Christl auf den Knien
lag, das Gesicht in die Hände vergraben, zuckend und schauernd, fing
der alte Fürsager der Unsichtbaren von Unterstein mit leiser Stimme zu
reden an.
Auf der nahen Straße kam ein Klirren und Klingeln aus der Nacht
heraus, kam immer näher. Erschrocken fuhr Christl auf: »Die Herren!«
»Nit!« flüsterte ein Mädel. »Es ist der Bräuschlitten. Der geht zum
Königssee.«
Man sah ihn gleiten, schwarz vor dem weißen Schnee, wie sonst beladen
mit den zehn, zwölf kleinen Fässern. Nur ein Ding war anders als sonst:
hinter den zwei dampfenden, klingeligen Pferden saß der Bräuknecht
nicht allein auf dem Bockbrett. Neben ihm, dick eingewickelt in Mantel
und Kapuze, kauerte eine kleine rundliche Frau. Die Mutter Agnes. Sie
war der Meinung gewesen, daß sie ihrem Buben noch besser ins Herz
zu reden verstünde, als es der süße Krapfen mit dem Zwibebenkränzl
fertig brächte. So hatte sie ihrem verstörten Mann diese Nachtfahrt
abgetrutzt. Und während sie vor sich hinsah in den Dampf, der von
den klirrenden Pferden aufging, überlegte sie die Mahnworte, die sie
ihrem Buben sagen wollte, um ihn wieder auf die rechte Glaubensstraße
heraufzuziehen.
Bei den Untersteiner Häusern, zwischen denen es wunderlich lebendig
war, kam der Schlitten in den Mondschein. Nach einer Weile hielt er am
See. Zwei Lehrburschen des Bartholomäer Fischmeisters erwarteten ihn
am Ufer. »Du,« sagte der eine zum anderen, »du bringst den Bierkasten
allein übers Eis. Ich nimm die Mutter Agnes auf den Beinschlitten. Da
geht's flinker. Aber Schneid mußt du haben, Weibl! Heut ist ein ungutes
Fahren. Der Föhn hat die Frageln bös ausgebissen.«
»Das tut nichts!« sagte Mutter Agnes und trippelte über das Eis
hinaus. »Wer redlich schnauft, steht allweil in Gottes Hut. Fahr
los!« Der junge Knecht stellte sich hinter ihr auf das Brett und
brachte den Beinschlitten in sausende Fahrt, weil es, je flinker, um
so ungefährlicher war. Manchmal zischte der Schlitten durch breite
Wasserflächen, von denen sprühende Tropfenfahnen in die Luft rauschten.
Ein paarmal ging es über Frageln hinüber, die schon so sehr erweitert
waren, daß der Beinschlitten einen bedrohlichen Hupf machte. Frau Agnes
mußte sich tüchtig anklammern. Seufzend dachte sie: >Mein Leupi tät
mich sänftlicher fahren!< Auch heut dröhnte das Eis, doch das Licht des
Mondes war matt, und Dunst umschleierte die Bergwände. Ein paar hundert
Schritte vom Ufer lag eine schwarze Wasserfläche. Der junge Fischer
mahnte: »Obacht, Meisterin!« Die Warnung kam zu spät. Der Beinschlitten
machte einen tischhohen Sprung, und als er niederklatschte, löste sich
Frau Agnes vom Brett und kollerte durch das handtiefe Wasser. Das
Erbarmen des jungen Knechtes bestand darin, daß er fürchterlich lachen
mußte. »Aber, aber,« schmollte Mutter Agnes, während sie sich heraushob
aus der dunklen Wassersuppe, »wozu so viel überflüssige Müh, ich bin
doch schon getauft.« Es rieselte von ihr. Und so kalt war's, daß sie zu
schnattern begann.
Jetzt verging dem Buben das Lachen. »Gelt, tust mir die Lustigkeit nit
verübeln, Frau?«
»Gott bewahr! Lach, wie du magst! Das Lachen erlöst von der Zeit!«
Um die Zitternde noch ungefroren ans Ufer zu bringen, stachelte der
junge Fischer wie verrückt und schrie dabei mit gellender Stimme:
»Leupi! Leupi! Leupi!« Weil man zu Bartholomä den Bierschlitten
erwartete, waren die Mannsleute und auch die Fischmeisterin noch wach.
Sie kamen gelaufen. Neben der weißen Kirche fuhr der Beinschlitten
ans Ufer, und Leupolt erkannte die Mutter. »Herr Jesus!« lachte er in
seiner Freude. Als er ihre starren Hände und den hartgefrorenen Mantel
fühlte, wurden ihm die zwei gleichen Worte zu einem Schreckenslaut:
»Herr Jesus!« Er schlang die Arme um die Mutter und hob sie vom Boden
auf.
»Geh!« wehrte sie erschrocken. »Du wirst mich ja doch nit tragen
wollen! So ein Endstrumm Weiberleut!«
»Ich trag einen Zwölferhirsch vom Berg herunter. Schwerer wie ein
liebes Muttertierl bist du nit!« In Sorge rief er: »Fischmeisterin!
Trückene Wäsch für die Mutter! Und heiße Weinsupp einen ganzen Hafen
voll!« Er sprang zum Jägerkobel, über die Freistiege hinauf und flink
in seine Stube, in der die Lampe brannte und der Ofen noch schöne Wärme
hatte. Bis er die Mutter aus dem gefrorenen Mantel schälte und die
Schuhe von ihren Füßen brachte, kam die Fischmeisterin mit Bettzeug und
Wäsche. Leupolt hängte Mantel und Schuhwerk über das Ofengestäng und
schob die langen Buchenscheite so reichlich in die Glut wie ein Bäcker,
wenn er backen muß vor einem großen Feiertag. Dann verließ er die
Stube. Draußen stand er auf dem schmalen Söller. Aus der Stube hörte er
den Sorgenjammer der Fischmeisterin und die munteren Antworten seiner
Mutter. Er wußte, daß sie sich am heitersten zu geben verstand, wenn
sie verbergen wollte, daß ein Schweres auf ihrem Leben lag.
Warum kam sie?
Die Fischmeisterin trat aus der Stube. »Die Mutter liegt schon. Den
Glühwein bring ich gleich.« Sie faßte den Jäger am Arm und sagte leis:
»Ich mach mir ein bißl Sorg.«