Sie trocknete mit den Handballen die Augen. »In der Nacht geht ein
Bierschlitten über den See. Da können wir dem Buben einen Zettel
schicken. Den will ich hineinbacken in einen süßen Krapfen, mit einem
Kränzl aus Zwibeben drauf. Da merkt der Leupi: es ist eine Botschaft
drin. Nur daß er weiß, was ihm zusteht. Helfen kann bloß der Einzige,
der wissen muß, daß es der Bub nit schlecht gemeint hat. Daß er's tun
hat müssen, begreif ich.«
»Weißt du, warum?«
»Ich müßt keine Mutter sein, wenn ich's nit lang schon gemerkt hätt.
Aber ich sorg, es ist eine Mauer zwischen den beiden.« Mutter Agnes hob
die flehenden Augen. »Sag mir's!«
»Was, Mutter?«
»Ist mein Bub --« Ihre Stimme brach. »Ist der Leupi schon ganz da
drüben?« Sie wollte sagen: »Auf der falschen Seit!« Weil sie fürchtete,
daß es den Meister kränken könnte, sagte sie: »Wo die anderen sind,
die man nit sieht.« Er schwieg. Da griff sie nach seiner Rechten,
fühlte unter dem Handschuh das Holz und erschrak, als hätte sie etwas
Glühendes berührt. »Sag mir's! Es soll verschlossen bleiben in mir.«
»Mit Sicherheit weiß ich es nit. Und wenn ich es wüßt, ich dürft es nit
sagen.«
Aus ihren Augen fielen zwei Tränen, die im Rotschein des Feuers wie
rinnendes Blut erschienen. »Der Bub ist aufgewachsen zwischen meinen
Händen. Sein erstes Betsprüchl hat er mir nachgeredet mit seiner
Kinderstimm. Ist fromm und gläubig gewesen sein ganzes Leben lang.
Ist ein redlicher Bub geblieben. Und ist doch ein anderer worden, ich
weiß nit, wie, und ich weiß nit, wann! Wie kann das kommen über einen
Menschen?«
»Wie dort die Funken fliegen auf deinem Herd. Im Schornstein droben
verlöschen sie. In eines Menschen Herz ist Boden, wo sie weiterbrennen.
Das geht am leichtesten in einer Menschenseel, die kein Unrecht sehen
kann oder Unrecht leiden muß.« Er hob seine hölzerne Hand vor die Augen
der Mälzmeisterin hin.
»Das hat nit der getan, der die Händ erschaffen hat.«
»Ist dir alles recht, was sie tun und predigen?«
»Es gibt auch Schuster, die schlechte Sohlen machen. Deswegen hab ich
noch nie den richtigen Weg verloren.«
»Die den besseren suchen? Verwirfst du die?«
Sie sah ihn mit großen Augen an. »Soll ich mein Kind verwerfen? Ich?
Die Mutter? Allweil sinn ich drüber und versteh's nit. Wie ich bin, so
muß ich bleiben. Von meinem Buben weiß ich, er ist ein guter Mensch.
Das bleibt er auch auf dem anderen Weg. Und die ihm als Brüder und
Schwestern gelten, können nit schlecht sein. Sonst tät's mein Bub nit
halten mit ihnen.«
Der Meister nahm ihre Hand. »Täten alle denken wie du, so wär nit
Streit und Hader um jeden Gottesweg. Wir zwei, Mutter, helfen zusammen,
gelt? Hast du eine Bleifeder? So schreib ich den Zettel, derweil du den
Teig für den Krapfen rührst.«
»Wahr ist's: helfen ist besser als reden.« Frau Agnes sprang zur
Flurtür und verschwand. Gleich war sie wieder da, mit Blatt und
Bleifeder. »Kannst du denn schreiben mit deiner Linken?«
»Muß einer, so lernt er's.«
Sie rückte einen kleinen Tisch vor den Meister hin, und während er
die steifen Buchstaben zu kritzeln begann, rührte Frau Agnes in einer
hölzernen Schüssel den Teig. Plötzlich stammelte sie erschrocken:
»Ach, du barmherziger --« Sie riß das kupferne Türchen des Backofens
auf und zog den vergessenen Zopf heraus. Der roch sehr übel und war so
schwarz wie Kohle. Kummervoll sagte sie: »Der erste, der mir verbronnen
ist!« Frau Agnes lächelte ein bißchen. »Bin ich jetzt eine schlechte
Hausfrau? Jede Nachbarin tät's glauben.« Sie schob das verdorbene
Gebäck ins Herdfeuer, in dem es zu rauchen und zu glühen begann. »Man
darf die Leut nit einschätzen nach den Zöpfen, die sie verbrennen
lassen.« Wie das gute Holz verwandelte sich auch das verdorbene
Backwerk in fliegende Feuerfunken. »So geht's mit *einem* Backofen! Und
jedes Menschenkind hat drei: einen im Blut, einen in der Seel und einen
im Hirnkästl. Ach, der liebe Herrgott! Auf wie *viel* verbronnene Zöpf
muß er herunterschauen! Und nie noch hat er die Geduld verloren. Bloß
auf der Welt verliert man sie allweil, und am ungeduldigsten sind die
Bäcken, die das Brot versalzen und die meisten Wecken verrußen lassen!«
Sie setzte sich auf die Bank, nahm die hölzerne Teigschüssel zwischen
die Knie und begann mit beiden Händen hurtig zu rühren.
Meister Niklaus grübelte, um des Pfarrers Ausrede in Worte zu bringen,
die nichts verrieten und für den Leupolt doch verständlich waren.
Während er kritzelte, mußte er immer an den Hochwürdigen denken.
Der hatte wohl jetzt im Fürstenzimmer des Stiftes eine gefährliche
Viertelstunde zu übertauchen? Was Meister Niklaus da vermutete, war
ein Irrtum. Und ein Irrtum war es auch, wenn Mutter Agnes ihren Buben
in der düsteren Jägerstube sitzen sah, bedrückt von Gewissenspein und
Sorge. --
Leupolt war um diese Stunde von Sonne umglänzt, von blendendem
Weiß umfunkelt. Und Ruhe war in seinem braunen Gesicht, in seinen
stahlblauen Augen. Er stand auf dem Beinschlitten, hinter einem großen
Sack, in dem er gedörrte Rüben für das hungernde Hochwild zu dem Ufer
bringen mußte, das der Fischmeisterei von Bartholomä gegenüber lag.
Da hinüber war's nur ein kurzer Weg, und dennoch mußte Leupolt einen
langen machen, um den durch das Eis gerissenen Frageln auszuweichen,
aus denen das geschwellte Seewasser mit Gesprudel herausquoll. Alle
Kraft des Jägers gehörte dazu, um gegen den Föhnsturm aufzukommen.
Jetzt mit einer flinken Wendung ans Land, den Sack auf die Schulter und
über die weiße Böschung hinauf. Von zahlreichen Hochwildfährten war
der Schnee zertreten zu einem brösligen Wirrwarr. Gleißende Lichter
und blaue Schatten. Das beschneite Gezweig der Buchen war wie ein
wundervolles Silbergespinst, das der Goldschmied Gott verziert hatte
mit Millionen farbigblitzender Edelsteine. Auf vierzig Schritte standen
im weißen Walde schon die Muttertiere mit ihren Kälbern und warteten.
Ein paar geringe Hirsche bei ihnen, und schlanke, feinbewegliche
Jüngferchen. Von den Gutgeweihten, die Leupolt zählen mußte, war noch
keiner zu sehen. Scheu waren auch sie nicht; die Not des Winters zähmt
die Wildesten; aber weil sie die Starken waren, konnten sie geduldig
sein und der Schwäche den Vortritt lassen.
In flinker Arbeit schleppte Leupolt die Heubündel aus der Scheune,
füllte die Raufen und schüttete das Kernfutter in die langen Tröge.
Dann schlüpfte er am Ufer unter den kleinen verschneiten Hegerschirm,
der einen doppelten Ausguck hatte. Die eine Luke guckte nach Bartholomä
und zeigte ein von Sonne umflimmertes Bildchen. Die kleine Kirche, halb
weiß und halb im Blauschatten; daneben der altersgraue Jägerkobel, ein
Balkenhaus, das unten Schiffhütte war und im Oberstock die Stuben der
Jäger und Fischer enthielt; dahinter das langgestreckte Jagdschlößchen
der Stiftsherren, umgeben von den Silbergestalten der verschneiten
Bäume, als Hintergrund die Kletterwände des Wazmann mit dem blauen
Himmelsdach. Die andere Luke des Hegerschirmes war gegen die Wildraufen
gerichtet. Hier blieb's noch eine Weile still. Wo die Sonne glänzte,
blitzten viele von den farbig funkelnden Edelsteinen durch die Luft
herunter und versanken im Schnee. Nun sicherte langsam ein Muttertier
mit dem Kalb heran. Dann erschien ein Spießerchen im spanischen Tritt
und blieb noch eine Weile mutlos. Zwei Jungfern kamen herbeigetrippelt,
und als diese ersten mit den Äsern in die Futtertröge fuhren,
galoppierte das Kahlwild mit Geprassel von allen Seiten gegen die
Raufen hin. Lächelnd sah Leupolt diesem grau durcheinanderdrängenden
Gewimmel zu und konnte beim Schauen seine Gedanken wandern lassen.
Sie gingen auch heute den gleichen Weg, wie seit der Schneezeit an
jedem Wintermorgen. >Der Kirchgang ist lang vorbei. Jetzt muß sie
schon wieder daheim sein.< Er hat sie noch nie im Haus und bei der
Arbeit gesehen; und hätte sich das gerne ausgedacht; doch immer sieht
er sie mit dem Federhütl und in dem dunkelgrünen Mantel, aus dem die
Rosenkranzperlen hervorgucken. Ihre Augen sind gesenkt. Leupolt sieht
in dem feinen Gesichtl nur den roten Mund, das zarte Näschen, die
weißen Lider und die Sicheln der Wimpern. Und wenn sie die Augen hebt,
so sieht er den Zorn in ihnen funkeln, die Verdammung des Unsichtbaren.
Wie wunderlich das ist: so oft er sie in Wirklichkeit so gesehen hat,
war's immer ein Schmerz für ihn, eine quälende Hoffnungslosigkeit. Und
hier, im weißen Wald, bei diesem stillen Träumen wird alles für ihn zu
einem frohen und zärtlichen Glück.
>Ob sie nit spüren muß, wie oft ich denk an sie? Bei Tag und Nacht!<
Mit dürstender Sehnsucht ist die Frage in seinem Herzen: >Denkt sie
wohl auch an mich?< Ob sie nicht betet für ihn? Für seine Seele, die
sie für eine verlorene hält? Gibt es Frömmigkeit, die nicht barmherzig
wäre? Frömmigkeit, die nicht beten müßte für jeden, den sie für einen
Irrenden hält? Und wenn sie hinaufruft zu einem ihrer vielen Heiligen?
Flüstert sie da nicht manchmal ein leises »Bitt für ihn?« Wie eine
Süßigkeit klingt es in seinem Ohr, in seiner Seele: »Bitt für ihn --
bitt für ihn --« Dabei sieht er sie in der kalten Kirche knien, ein
bißchen frierend, mit dem braunen Hütl über dem schönen Haar, in dem
dunkelgrünen Mantel, aus dem die Fingerspitzen der gefalteten Hände
hervorlugen.
Tausend Gedanken denkt die Menschenseele in jeder Stunde. Einer ist
halbe Wahrheit. Die anderen sind Irrtum.