Der Pfarrer tat einen leisen Pfiff. »Herzbruder, die Kanon ist
geladen.« Während er den Mantel nahm, schwatzte er lustig, um den
Schreck der Schwester zu beruhigen. Draußen auf der Stiege zischelte
er: »Spring hinüber zum Mälzmeisterhaus! Red mit des Leupolts Mutter!«
»Das ist doch eine gut Katholische?«
»Eben drum! Weil sie eine gute ist, drum hat sie das Herz auf dem
rechten Fleck. Aller Zwist im Glauben kommt von den Halben und Falschen
her. Ob Heid oder Jud, ob römisch oder evangelisch, was einer ganz und
redlich ist, das macht in ihm den Menschen besser und aufrechter. Dem
braven, gottesfrommen Weibl kannst du dich anvertrauen ohne Scheu. Dann
such mich wieder auf!« Der Pfarrer umfaßte mit festem Druck die Hand
des Freundes. »Mensch bleiben! Und denk an den Amsterdamer Singvogel!
Man ist nit schuldig seiner selbst, nur schuldig seines falschen Wegs.
Laß uns den rechten suchen!«
Mit hämmerndem Herzen sprang der Meister hinter den Häusern in das
Staudenwerk der Berglehne. Hier konnte er gedeckt zum Garten des
Mälzmeisterhauses kommen, das an der Salzburger Straße lag. Die
Hintertür stand offen, und als der Meister in die Küche trat, fand er
die kleine, rundliche Frau Agnes beim Backofen beschäftigt. »Gelobt sei
Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«
»In Ewigkeit Amen!« antwortete die Mälzmeisterin, ohne sich umzugucken.
Auf flacher Holzschaufel zog sie ein großes Zopfgebäck aus dem
Backofen, bestrich es mit Eierklar, ließ es wieder in der duftenden
Backhöhle verschwinden und schob das kupferne, von Blankheit spiegelnde
Türchen zu. Auch alles andere Metall an den Wänden funkelte. Dieser
Küche entsprach die Hausfrau in dem reinlichen Braungewand und der
blauen Glockenschürze. Aus dem weißen Häubchen lugte das freundliche
Frauengesicht heraus wie ein heiteres Nonnenantlitz. Trotz der fünfzig
Jahre sah man in den zwei blonden Haarsicheln, die sich unter dem
Häubchen hervorschwangen, noch keinen grauen Faden. Ihre Augen
waren ganz die Augen des Sohnes, nur sanfter. »Soooo!« sagte sie und
wandte sich. »Ooh, der Meister Niklaus!« Ein leises Lächeln. »Durchs
Hintertürl?«
»Deine muntere Stimm hören, tut wohl. Und da muß ich dir als unguten
Dank eine Sorg bringen.«
Ganz ruhig blieb sie. »Kram nur aus! Mit den Krabbelkäfern, die man
Sorgen heißt, bin ich noch allweil fertig geworden.«
»Ist einer von deinen Mannsleuten daheim?«
»Keiner. Der meinige mit den zwei Jungbuben ist im Bräuhaus, und der
Leupi ist am Königssee, in Barthelmä.«
Niklaus atmete auf. Das gab Sicherheit für einen Tag. Solang die Sonne
schien, war der See nicht befahrbar, erst in der Nacht, wenn der Frost
das Eis wieder härtete. »Gott sei Dank!« Er zog die Gartentüre zu,
schloß auch die Tür zum Flur und wollte den Riegel vorschieben.
»Das nit!« wehrte Mutter Agnes. »Die Magd ist in der Tenn beim
Bohnenklauben. Gute Ohren hat sie freilich. Müssen wir halt ein
bißl Lärm machen.« Im Glutloch des Backofens entzündete sie ein
Reisigbündel, legte die aufknisternde Flamme auf den offenen Herd
und schichtete Latschenäste drüber. Nun krachte das züngelnde Feuer,
als würde in der Küche der Mutter Agnes ein Musketenscharmützel
ausgefochten. »Da ist ein Bänkl. Tu dich hersetzen! Und red!«
Mit den Lippen an ihrem Ohr, erzählte er, was Leupolt getan. »Mein
verstörtes Mädel ist beim Jesunder gewesen und hat's ausgeredet in
ihrer frommen Angst. Des Jesunders Mutter ist zum Pfleger gelaufen,
den Pfarrer hat man zum Fürsten geholt, und jetzt brennt in mir die
Sorg um deinen guten Buben.«
Mutter Agnes schwieg. Trotz aller Seelenstärke, die sie aus ihrem
vertrauensvollen, vom Zeithader unberührten Glauben schöpfte, war ein
Erblassen über ihr Gesicht geronnen. Vom Feuer angeflackert, saß sie
auf dem Bänkl, die verklammerten Hände im Schoß. Ihr Blick hing an
den sternschönen Lichtfunken, die jagend hinauffuhren in den großen
Rauchtrichter des Schornsteins. Wie dieser glühende Funkenzug, so flog
ein Gebet ihres Herzens hinauf zu dem Hilfreichen, an den sie glaubte.
Sie wußte: das Ausschwatzen eines Amtsbefehls in Glaubenssachen wurde
so streng gebüßt wie versuchter Landsverrat. Den Kopf beugend, preßte
sie die Hände an ihre Schläfen. »Wir armen Weibsleut! Wo wir hinfallen,
ist allweil steiniger Boden. Wird eine nit gesegnet, so verschrumpfelt
sie freudlos am Lebensbaum. Ist man Mutter, so bröckelt man sein Leben
in die Kindersupp.«