Da kam Franziska. »Der Hochwürdige soll zum Fürsten hinüber, gleich!«

Der Pfarrer tat einen leisen Pfiff. »Herzbruder, die Kanon ist

geladen.« Während er den Mantel nahm, schwatzte er lustig, um den

Schreck der Schwester zu beruhigen. Draußen auf der Stiege zischelte

er: »Spring hinüber zum Mälzmeisterhaus! Red mit des Leupolts Mutter!«

»Das ist doch eine gut Katholische?«

»Eben drum! Weil sie eine gute ist, drum hat sie das Herz auf dem

rechten Fleck. Aller Zwist im Glauben kommt von den Halben und Falschen

her. Ob Heid oder Jud, ob römisch oder evangelisch, was einer ganz und

redlich ist, das macht in ihm den Menschen besser und aufrechter. Dem

braven, gottesfrommen Weibl kannst du dich anvertrauen ohne Scheu. Dann

such mich wieder auf!« Der Pfarrer umfaßte mit festem Druck die Hand

des Freundes. »Mensch bleiben! Und denk an den Amsterdamer Singvogel!

Man ist nit schuldig seiner selbst, nur schuldig seines falschen Wegs.

Laß uns den rechten suchen!«

Mit hämmerndem Herzen sprang der Meister hinter den Häusern in das

Staudenwerk der Berglehne. Hier konnte er gedeckt zum Garten des

Mälzmeisterhauses kommen, das an der Salzburger Straße lag. Die

Hintertür stand offen, und als der Meister in die Küche trat, fand er

die kleine, rundliche Frau Agnes beim Backofen beschäftigt. »Gelobt sei

Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!«

»In Ewigkeit Amen!« antwortete die Mälzmeisterin, ohne sich umzugucken.

Auf flacher Holzschaufel zog sie ein großes Zopfgebäck aus dem

Backofen, bestrich es mit Eierklar, ließ es wieder in der duftenden

Backhöhle verschwinden und schob das kupferne, von Blankheit spiegelnde

Türchen zu. Auch alles andere Metall an den Wänden funkelte. Dieser

Küche entsprach die Hausfrau in dem reinlichen Braungewand und der

blauen Glockenschürze. Aus dem weißen Häubchen lugte das freundliche

Frauengesicht heraus wie ein heiteres Nonnenantlitz. Trotz der fünfzig

Jahre sah man in den zwei blonden Haarsicheln, die sich unter dem

Häubchen hervorschwangen, noch keinen grauen Faden. Ihre Augen

waren ganz die Augen des Sohnes, nur sanfter. »Soooo!« sagte sie und

wandte sich. »Ooh, der Meister Niklaus!« Ein leises Lächeln. »Durchs

Hintertürl?«

»Deine muntere Stimm hören, tut wohl. Und da muß ich dir als unguten

Dank eine Sorg bringen.«

Ganz ruhig blieb sie. »Kram nur aus! Mit den Krabbelkäfern, die man

Sorgen heißt, bin ich noch allweil fertig geworden.«

»Ist einer von deinen Mannsleuten daheim?«

»Keiner. Der meinige mit den zwei Jungbuben ist im Bräuhaus, und der

Leupi ist am Königssee, in Barthelmä.«

Niklaus atmete auf. Das gab Sicherheit für einen Tag. Solang die Sonne

schien, war der See nicht befahrbar, erst in der Nacht, wenn der Frost

das Eis wieder härtete. »Gott sei Dank!« Er zog die Gartentüre zu,

schloß auch die Tür zum Flur und wollte den Riegel vorschieben.

»Das nit!« wehrte Mutter Agnes. »Die Magd ist in der Tenn beim

Bohnenklauben. Gute Ohren hat sie freilich. Müssen wir halt ein

bißl Lärm machen.« Im Glutloch des Backofens entzündete sie ein

Reisigbündel, legte die aufknisternde Flamme auf den offenen Herd

und schichtete Latschenäste drüber. Nun krachte das züngelnde Feuer,

als würde in der Küche der Mutter Agnes ein Musketenscharmützel

ausgefochten. »Da ist ein Bänkl. Tu dich hersetzen! Und red!«

Mit den Lippen an ihrem Ohr, erzählte er, was Leupolt getan. »Mein

verstörtes Mädel ist beim Jesunder gewesen und hat's ausgeredet in

ihrer frommen Angst. Des Jesunders Mutter ist zum Pfleger gelaufen,

den Pfarrer hat man zum Fürsten geholt, und jetzt brennt in mir die

Sorg um deinen guten Buben.«

Mutter Agnes schwieg. Trotz aller Seelenstärke, die sie aus ihrem

vertrauensvollen, vom Zeithader unberührten Glauben schöpfte, war ein

Erblassen über ihr Gesicht geronnen. Vom Feuer angeflackert, saß sie

auf dem Bänkl, die verklammerten Hände im Schoß. Ihr Blick hing an

den sternschönen Lichtfunken, die jagend hinauffuhren in den großen

Rauchtrichter des Schornsteins. Wie dieser glühende Funkenzug, so flog

ein Gebet ihres Herzens hinauf zu dem Hilfreichen, an den sie glaubte.

Sie wußte: das Ausschwatzen eines Amtsbefehls in Glaubenssachen wurde

so streng gebüßt wie versuchter Landsverrat. Den Kopf beugend, preßte

sie die Hände an ihre Schläfen. »Wir armen Weibsleut! Wo wir hinfallen,

ist allweil steiniger Boden. Wird eine nit gesegnet, so verschrumpfelt

sie freudlos am Lebensbaum. Ist man Mutter, so bröckelt man sein Leben

in die Kindersupp.«

Das große Jagen · 第 27 / 98 题