Auf der Waldlichtung lag ein Bauerngehöfte, still, mit schwarzen
Balkenmauern unter dem weißen Schnee. Kein Laut, keine Spur von Leben.
Viele Schrittfährten waren durch den frischgefallenen Schnee getreten,
gegen das Gehöfte hin. Leupolt klopfte an der Haustür, dreimal und
einmal. Die Tür wurde lautlos aufgetan; eine Hand faßte im finstern
Flur den Jäger am Arm und zog ihn durch ein enges Gängelchen. Warmer
Stallgeruch quoll ihm entgegen, und als er die feuchte Holztür öffnete,
war ihm ein Dunst vor den Augen, als träte er in eine Waschküche
mit dampfendem Kessel. Das matte Licht einer trüben Laterne. Damit
auch von dieser schwachen Helle kein Schimmer hinausfiele ins Freie,
waren die zwei kleinen Fenster dick angestopft mit Heu. Die Hennen
glucksten leise in ihrer Steige, zwei Ferkelchen quieksten in einer
Bretterkiste, und drei Kühe und zwei Kälber, die enggedrängt an der
Futterkrippe standen, rasselten mit ihren Ketten, drehten die Köpfe
hin und her und schnaubten. Aller übrige Raum des Stalles war Schulter
an Schulter angefüllt mit Leuten, die entlang der Mauer standen oder
auf Strohgarben saßen. Alle waren in das gleiche weiße Schneekleid
eingehüllt, wie es Leupolt trug, alle hatten die Kapuzen mit den
dunklen Augenlöchern über den Köpfen. Inmitten des heiß atmenden
Menschenknäuels saß auf dem Melkschemel eine gebeugte Mannsgestalt,
unter deren Kapuze ein weißgrauer Bart herausquoll. Das war der
Fürsager, der Älteste der versammelten Gemeinde, die noch nie einen
Prediger ihres Glaubens gehört hatte. Auf den Knien hielt der Alte
das heilige Buch, das der Erwecker ihrer Seelen war, die Quelle ihrer
Sehnsucht und die Stillung ihres Zweifels.
Bei Leupolts Eintritt war Schweigen im Stall. Nur die Raschelgeräusche
der Tiere. Und alle dunklen Augenlöcher der weißen Kapuzen drehten sich
gegen den Jäger hin. »'s Gotts Willkommen!« grüßte der Fürsager, als
die Tür wieder geschlossen war. »Bringst du Botschaft, Bruder?«
Leupolt erhob die Hand. »Ist eine unter euch, die man nötig hat
zwischen Wehbett und Wieg? Sie muß zur Schwester Martle kommen, gleich.«
Von den weißen Gestalten erhob sich eine, küßte fromm das heilige
Buch, das der Fürsager auf den Knien liegen hatte, und verließ den
Stall. Wieder das Schweigen, bis die Tür sich geschlossen hatte. Dann
sagte der Alte mit seiner sanften Stimme: »Ein Kindl will eintreten
ins Elend der Zeit. Lasset uns hoffen, daß ihm der Heiland den rechten
Lebenstrost hineinhaucht ins auflebende Herzl.« Alle Köpfe senkten
sich, jedes Händepaar klammerte sich vor der Brust ineinander. »Jetzt
redet weiter, Leut! Wer ein Unrecht erfahren hat, soll's fürbringen vor
dem heiligen Buch. Wissen, daß wir alle leiden müssen ums Himmelreich,
das kräftet die Wehleider und die Schwachmütigen!«
Einer, mit heißer Erbitterung in der Stimme, rief aus dem Kreis heraus:
»Weil ich verdächtig bin und bei einer gutkatholischen Näherin ein
Hemmed hab nähen lassen, bin ich gestraft worden um vier Gulden, därf
kein Hemmed mehr am Leib haben und muß nackig unter dem Kittel gehen.«
Ein Weib knirschte zwischen den Zähnen: »Ich bin ums Betläuten in
der Kuch gesessen und hab Butter gerührt. Da braucht man zwei Händ
dazu. Ein Musketier ist gekommen: >Weibsbild, warum hast du nit den
Rosenkranz in der Hand?< Ich sag: >Weil ich bloß zwei Händ hab, nit
drei.< Da hat er mich viermal ins Gesicht geschlagen. Der Unchrist!«
Mühsam erhob sich ein alter Mann: »Mich hat einer angezeigt, ich weiß
nit wegen was. Man hat mich ins Loch geschmissen, daß ich nimmer Sonn
und Mond gesehen hab. Am neunten Morgen haben sie mich auslassen.
Und wie ich gefragt hab, was ich verbrochen hätt, da hat mich der
Bußknecht aus dem Stiftshof hinausgestoßen und hat mir nachgebrüllt: Du
Schafskopf, bist du neugieriger, als *wir* sind?«
Mit Tränen in der Stimme sagte eine Frau, die Wittib war: »Am Sonntag
hat meine Kuh gekälbert. Drum hab ich die Predigt versäumen müssen.
Das hat fünf Gulden gekostet. Sieben Kreuzer sind mir auf Brot für die
Kinder geblieben.«
»Mein Nachbar,« sagte einer, »hat dem Pfleger verraten, ich hätt das
evangelische Paradiesgärtl bei mir versteckt. Die Soldaten haben
umgewühlt in meinem Haus wie die Säu. Einer hat gemeint, ich könnt das
Buch unter dem Fußboden haben, und da hat der Schweinkerl in meiner
sauberen Stub sein Wasser abgeschlagen, daß es hineingeronnen ist in
die Bretterklumsen. Wär das heilige Büchl da versteckt gewesen, so hätt
ich dreinschlagen müssen in meinem Zorn und wär ins Eisen gekommen.«
Eine gellende Mädchenstimme, die sich anhörte wie der Aufschrei einer
Fieberkranken: »Sie haben in der Weihnächtswoch den Schaitbergischen
Sendbrief in meinem Bett gefunden. Bis gestern bin ich im Bußloch
gelegen.« Mit zuckenden Händen riß das Mädel am Hals den Latz
des Mieders auseinander, daß man die blutunterlaufenen Male der
Faustschläge sehen konnte. »Leut! Schauet mein junges Brüstl an! So
haben die Soldaten Gottes mich zugerichtet.«
Unter der zornknirschenden Bewegung, die über die weißverhüllten Köpfe
hinging, bedeckte der Fürsager mit dem heiligen Buch die mißhandelte
Blöße des Mädchens. »Im hohen Lied des Königs Salomo steht: Wie schön
sind deine Brüstlen, sie sind wie Elfenbein! -- Tu nit schreien,
liebe Schwester! Augen, die aufschauen zum Heiland, müssen sein wie
Taubenaugen!« Er ging zurück zu seinem Schemel. »Wer muß noch klagen?«
Schrillend rief eine Stimme. »Wär's noch allweil nit genug? Gibt's
keinen Helfer auf Erden? Hilft da der deutsche Kaiser nit?«
Ein hartes Mannslachen. »Die Salzburger haben Hilf gesucht beim Kaiser.
Da hat er dem Bischof wider die Evangelischen sechstausend Soldaten als
Helfer geschickt.«
Wieder jene gellende Mädchenstimme: »Du Kaiser im Untersberg! Steh auf!
Laß deinen Bart nit länger wachsen! Ist lang genug! Steh auf und hilf!
Es ist so weit, daß die deutsche Welt verzweifelt.«
»Schwester, tu nit die Ruh verlieren!« mahnte der Fürsager. »Uns helfen
die Fürsten nit, uns hilft nit das alte Märlein von der guten Zeit,
die im Untersberg versunken ist. Uns hilft nur Einer. Der hat mir ein
gutes Sprüchl eingegeben:
Ich trau auf Jesu Huld,
So wird sich's finden.
Stillhalten und Geduld
Kann alls verwinden.«
Da konnte Leupolt nicht länger schweigen. »Fürsager, du redest, wie's
den Müden um die Seel ist. Wir Jungen spüren es anders. Geduld ist
ein heiligs Wörtl. Aber Stillhalten ist ein unmännliches Ding. Mit
Stillhalten findet kein Menschenfuß zu gutem Weg, mit Stillhalten
geht der beste Wagen nit fürwärts, mit Stillhalten bringen wir die
unsichtbare Kirch der Freiheit nit entgegen. Es muß einmal ein End
haben mit dem Ducken und Schweigen, das dem Glauben an Gottes Wahrheit
zuwider ist.« Viele Stimmen, mit Beifall oder Abwehr, fuhren ihm in die
Rede. Er reckte sich im weißen Schneekleid, und immer wärmer klangen
seine Worte: »Leut! Mit unserem mutigen Glauben ist die mutlose Furcht
gemenget, wie im Müllersieb das Mehl mit den Kleien. Muß nit bald der
Schüttler kommen, daß die Kleien im Sieb bleiben und das Mehl in den
Kasten fallt? Hat nit jeder von uns Unsichtbaren schon gespürt in
seiner Seel, daß er Unrecht tut? Den Rosenkranz um die Hand wickeln,
die Faust in den Weihbrunnkessel tunken, unredlich im Beichtstuhl
reden, sich begnügen mit Christi Leib und sein heilig Blut entbehren,
niederfallen vor einem hölzernen Bildstöckl, das uns nit heilig ist --
alles, was wir tun, um die Seel vor Musketier und Kaplan zu verstecken
-- ist das ehrlich und evangelisch, Leut? Ich mag da nimmer mittun.
Ich bin dafür, daß sich die Unsichtbaren sichtbar machen. Die Wahrheit
ist ein grüner Stecken, an dem ein jeder sich aufrichten kann. Und in
der letzten Neumondnacht hat uns der Fürsager auf dem Toten Mann das
Heilandswort gelesen: Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will
ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.«
Tiefe Erregung erfaßte die Herzen der anderen. Unter lärmendem
Wortgewirre drängten alle Weißverhüllten gegen den einen hin, der so
geredet hatte.
»Es ist nit so, daß ich euch was einreden möcht,« sprach Leupolt
weiter, »ich sag halt, was ich mir denk. Ich kann's nimmer mitmachen.
Jetzt geht es ins vierte Jahr, daß die Unsichtbaren leiden unter der
Seelenprob, die der römische Bischof Benedikt erfunden hat. Grüßen muß
man: Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie! Und sagen
muß man drauf: Von nun an bis in Ewigkeit Amen.«
Einer lachte zornig: »Jesus Christus, die Heilandsmutter und das ewige
Leben? Sind das nit heilige Wörtlen? Warum soll man söllene Wörtlen nit
sagen können?«
»Weil der römische Bischof einen Sündenablaß auf seinen
Scheidwassergruß gesetzt hat: daß jeder, der so grüßt, um 30 Wochen
früher aus dem Fegfeuer käm! Das geht wider unseren Glauben. Ein
Fegfeuer gibt's nit. Jeder von uns, der so grüßt, befleckt seine
redliche Seel mit einer gottswidrigen Lug. Und es ist nit das allein.
Der Gruß ist ein Grausen worden für jeden Rechtschaffenen. Das ist
ein Gruß, der Tag für Tag geschändt und verschumpfen wird. Kommt ein
Kartenbruder ins Leuthaus: Gelobt sei Jesus Christus! Jeder Besoffene
hebt seinen Krug mit dem Wörtl: Gelobt sei Jesus Christus! Packt ein
Schmierfink ein Mädel bei der Kittelfalten, so tut er's mit Gelobt sei
Jesus Christus!«
Jene gellende Mädchenstimme: »Jedes Blutmal auf meinem Brüstl ist ein
Gelobt sei Jesuchrist gewesen!«
In dem schweratmenden Schweigen, das diesem Zornschrei eines
gemarterten Lebens folgte, sprach der Jäger mit ernster Ruhe: »Schon
seit dem Sommer hat das Gewissen in mir geredet. Ich kann nimmer lügen.
Es geht mir gegen den Herzfrieden. Soll's kommen, wie's mag. Glück
oder Elend, von heut an will ich den Gruß nimmer sagen, und grüßt mich
einer, so geb ich die Antwort nit.« Leupolt legte die rechte Hand auf
das heilige Buch. »Ich tu's geloben.«
Viele weiße Arme streckten sich nach ihm. Ein Verhüllter schrie
dazwischen: »Nit, nit, ums Himmels willen, ihr Leut! So haben's vor
dritthalb Jahr die Salzburger angehoben. Dreißigtausend hat der Bischof
aus seinem Ländl hinausgeschmissen. Das beste Höfl, das drei, vier
Tausend wert ist, hat man aufgeschrieben mit fünf, sechs Hundert, eine
milchende Kuh mit vierthalb Gulden, ein jähriges Kalb mit 40 Kreuzer.
So hat man die evangelischen Wanderleut betrogen um Gut und Blut, hat
zwischen Mann und Weib eine Mauer geschoben, hat dem Vater oder der
Mutter die Kinder von der Seel gerissen!« Mit beiden Fäusten packte der
Aufgeregte seine Brust. »Mein gutes Weibl ist römisch blieben, man tät
mir die Kinder nehmen. Die laß ich nit. Mein Haus und Acker ist mir
als wie mein Herzfleck. Müßt ich hinunter zum luthrischen Sand und tät
keinen Berg mehr sehen, ich wüßt nimmer, wie ich noch schnaufen könnt.
Es geht nit, Leut! Fürsichtig bleiben ist besser.«
Leupolt legte ihm die Hand auf die Schulter. »Meinst du, das wär
schlechter: sich aufrecken zur Redlichkeit?«
»Tu mich auslassen!« Der Erregte schüttelte in Zorn die Hand des
anderen von sich ab. »Hast du Weib und Kind? Hast du Acker und Haus?
Wieviel verlierst denn du mit der Redlichkeit? Bist du ein Naderer[A],
der die Fürsichtigen verhetzen will?« Manche von den Unsichtbaren
hatten den Leupolt Raurisser an der Stimme erkannt. Sie schalten den
aufgeregten Widersacher um des bösen Wortes willen. Aber andere, die
nicht wußten, daß es der Leupolt war, wurden mißtrauisch: »Was bist
denn du für einer? Wer reden will wie du, muß sichtbar sein!«
[A] Polizeispion.
Leupolt streifte die weiße Kapuze über den Scheitel zurück: »Meine
Brüder im Heiland! Arg evangelisch habt ihr jetzt nit geredt.
Evangelisch sein, heißt glauben und trauen.«
Jetzt schrien ihm alle freudig zu. Und die Jungen, ob Buben oder
Mädchen, zerrten die weißen Kappen von ihren Köpfen und zeigten die
erhitzten Gesichter mit den blitzenden Augen. Was der Leupolt tat, das
konnte man nachmachen ohne Sorge. Auch der Aufgeregte wurde ruhiger. Er
enthüllte wohl die Augen nicht, streckte aber dem Jäger die Hand hin
und sagte herzlich: »Tust du mir mein fürschnelles Wort verzeihen?«
»Gern.« Leupolt faßte die Hand des anderen. »Jetzt
weißt du, wer ich bin. Ich hab nit Haus und Acker, nit Weib und Kind,
nit Kälbl und Kuh. Aber Vater, Mutter und Brüder hab ich. Da wird eine
Mauer wachsen, die nimmer fallt. Was Berg und Heimat heißt, das ist
mir tiefer im Herzen als Blut und Leben.« Der Blick seiner glänzenden
Blauaugen irrte ins Leere. »Auch hat ein schönes Glück vor meiner Seel
gehangen. Das muß ich verlieren. Um der Wahrheit wegen, an die ich
glaub.«
Noch tiefer als der Sinn dieser Worte griff der Klang seiner Stimme
in die Herzen der anderen. Ein schweres Schweigen. Dann mahnte der
Fürsager: »Was uns der Leupolt hat raten müssen, das reden wir heut nit
aus. Da muß man in der Neumondnacht auf dem Toten Mann die Alten hören.
Und jetzt zum Heimweg soll Einer reden, der's besser kann als ich.«
Er hob das Buch in die trübe Laternenhelle und las in seiner sanften
langsamen Art die Worte der Bergpredigt. Alle Köpfe waren geneigt, jede
Seele lauschte in dürstender Sehnsucht. Die Hennen glucksten in der
Gattersteige, die Kühe schnaubten an der Krippe und rasselten mit den
Ketten. Dann fingen die Sichtbaren und die Unsichtbaren mit versunkenen
Stimmen zu singen an:
»Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen --«
Als das Lied zu Ende war, griff der Fürsager in ein Faß, das an der
Mauer stand, schöpfte mit der Hand von dem roten Viehsalz und hob es
den Schweigenden hin. »Zum Zeichen, daß wir alle eines Herzens und
Glaubens sind.« Eines ums andere tauchte den an der Zunge benetzten
Finger in das Salz und nahm die bitteren Körner zwischen die Lippen.
»Bleibet beständig und befehlt euer Leidwesen dem gütigen Heiland! Geht
heim und seid mit der Zeit zufrieden, wie sie ist. Es wird noch ärger
kommen.« Wer das Salz gekostet hatte, verließ den Stall. Eine von den
Kühen brüllte der frischen Luft entgegen, die hereinwehte durch die
offene Tür.
Als Leupolt vom Waldsaum über das weiße Gehäng hinuntersprang
zur Straße, trug er wieder das dunkle Jägerkleid und hatte die
Feuersteinflinte unter dem gespreizten Radmäntelchen. Hastig schritt er
neben der rauschenden Ache hin, deren Wasser heraussprudelte aus dem
gefrorenen Königssee.
Das beschneite Eis der Seefläche war von Sprüngen durchzogen, und
immer, wenn eine von diesen Frageln weitersprang, war ein schwebender
Ton zu hören, als hätte man an eine große Glocke geschlagen.
Aus dem Dunkel einer Schiffhütte holte Leupolt den Beinschlitten
heraus, stellte sich auf das Brett und begann mit dem langen
Stachelstock den Schlitten zu treiben. Eine sausende Fahrt, vorüber an
der Insel Christlieger, dann in den Schatten der Falkensteiner Wand
hinein. Hier hatte das Eis nur wenige Risse, und sie waren so schmal,
daß der sausende Schlitten drüber wegsprang wie über eine ungefährliche
Schnur. Nun aus dem Schatten wieder hinaus in das funkelnde Mondlicht,
hinein in den ruhelos klingenden Weitsee. Und da wurde die Fahrt immer
langsamer. Jetzt stand der Schlitten, und die schlanke Gestalt des
Jägers blieb unbeweglich.
Was da schimmernd vor seinen Augen lag, das hatte er schon hundertmal
gesehen, aber noch nie so zauberschön wie in dieser klaren Mondnacht.
Oder steigerte ihm das eigene Denken und Gefühl den Schönheitstraum
der Erde ins Überirdische? Während der Fahrt, bei der die scharfe
Zugluft seine Wangen wie mit spitzen Nadeln gestochen hatte, waren
ihm in Sinn und Seele zwei Gedanken gewesen, von denen der eine den
anderen peitschte: der Gedanke an das Sichtbarwerden der Unsichtbaren,
an das mutige Bekennen des verschleierten Glaubens -- und der Gedanke
an ein strengschönes, dunkeläugiges Mädchengesicht, um dessen Stirn
wie ein schweres Seilgeflecht die braunblonden Zöpfe lagen. Daß er ein
Unsichtbarer war, das wußte sie. Von ihrem Vater? Nein. Der Meister
Niklaus schwatzte nicht. Da muß es ihr wohl die Sus gesagt haben, die
im vergangenen Winter manchmal mit dem Meister im Schneekleid die
heilige Fürsagung besucht hatte. Jetzt kam sie nimmer. Weil auch der
Meister nimmer kam, seit Luisa wieder im Haus war. Gleich am ersten
Tag nach ihrer Heimkehr aus dem Kloster hatte Leupolt sie gesehen,
in der Marktgasse, und hatte immer an diese Augen denken müssen, die
nicht Mensch, nicht Mauer zu gewahren schienen, nur immer so heilig
ins Leere glänzten. Noch siebenmal war er an ihr vorübergegangen. Von
jeder Begegnung wußte er den Tag, die Stunde, und ob Sonnschein oder
trüb Wetter gewesen. Am Dreikönigstag, als sie mit der Sus von der
Kirche kam, hatte er das Hütl gezogen und hatte ihr's grad in die Augen
gesagt: »Du tust mir gefallen, ich bin dir gut, tätest du zürnen --« Er
hatte sagen wollen: Wenn ich werben möcht bei deinem Vater? Das hatte
sie ihn nimmer zu Ende reden lassen. Ihr Zornblick war ihm ins Herz
gegangen wie ein Messerstoß.
Ihr Zorn? Warum dieser Zorn? »Hab ich's mit dem ersten redlichen Wörtl
unschickig angestellt?« Oder hat sie -- die jeden Morgen zur Messe
und oft zu ihrem Beichtiger ging -- schon damals gewußt, daß er ein
Bruder der Unsichtbaren war? Er herüben und sie da drüben, und zwischen
ihm und ihr ein Wasser ohne Steg! Eine, die meint, sie tät dem Himmel
gehören, wird nicht die liebe Hand nach einem strecken, von dem sie
glauben muß, er wär' verloren auf ewig. Mit harten Fäusten hatte er
sein Herz gepackt, hatte sich gezwungen, dieses Hoffnungslose in seinem
Blut zu ersticken. Und da war der Abend gekommen, an dem es der Vater
heimbrachte vom Pflegeramt: »Heut kommt der Muckenfüßl über den Meister
Niklaus; Gott soll's verhüten, daß der Meister verbotene Schriften
im Haus hat.« Weder die Mutter, noch der Vater hatte dem Leupolt
was angemerkt. Und aus der Kammer zum Fenster hinaus! Barmherziger
Herrgott, was für eine irrsinnige Sorgennacht war das gewesen, bis ihm
der Pfarrer die Angst vom Herzen herunternahm! Und immer, während der
ganzen sausenden Fahrt über die schwarzen Frageln, die wie Glocken
läuteten, immer hatte er Luisas Stimme gehört, hatte immer wieder das
Wort vernommen, das sie im Schneegewirbel zu ihm gesprochen: »Du bist
das Licht nit wert, es hilft dir lügen und macht dich anders, als du
bist!« Das hatte er nicht verstanden. Weil ihm die Ruhe fehlte, um zu
hören? Weil ihm die Angst um sie und ihren Vater die Sinne verstörte?
Oder weil er empfunden hatte, wie fern sie von ihm war? Auch noch an
seiner Brust? An der Brust des Unsichtbaren? Und wenn er sichtbar
wird, und Schimpf und Verfolgung, Buß und Schergen kommen über ihn?
Dann wird das Wasser zwischen ihm und ihr so tief sein, wie der
Königssee. Ob's nicht am besten wär', hinunterzusausen durch eine von
den Frageln, aus denen das schwarze Wasser herausquoll über den weißen
Schnee? Das war gedacht und schon verworfen als eine feige Sünde. »Wer
Gottes ist, muß leben und tragen, muß ein fester Stecken sein für die
Schwächeren! Es zählen die anderen, Mensch, nit du!« Und da war ihm,
als er herausglitt aus dem Schatten, diese silberfunkelnde, klingende
Erdenschönheit in die Seele gesprungen.
Er stieg vom Schlitten, stemmte schräg den Stachelstock vor sich hin
und staunte stumm hinein in das flimmerweiße, läutende Mondnachtwunder.
Der weite Bogen der hohen Berge war durchwürfelt von Schimmerlicht
und tiefen Schatten. Fern, am Fuß der gleißenden Wände, lagen drei
schwarze Punkte im Weiß, die beschattete Kirche, der Jägerkobel und das
Herrenschlößl von St. Bartholomä. Dahinter stieg das leuchtende Märchen
empor. Zwischen den schillernden Eiskaskaden der in Tropfsteinformen
gefrorenen Sturzbäche lagen seltsam gezeichnete Schattengebilde,
bald wie schwarze Riesentiere, bald wie finstere Männerköpfe und
Frauengestalten. Droben in der höchsten Höhe mußte Föhnsturm wehen.
Wie silberne Bänder, wie duftige Schleier, wie weiße Mäntel, gesäumt
mit Regenbogenschimmer, flog der aufgewirbelte Staubschnee von den
Bergspitzen gegen den leuchtenden Himmel hinauf, an dem die Sterne wie
winzige Nadelspitzen glänzten und fast verschwanden neben dem Vollmond.
Der war anzusehen wie ein rundes Funkelfenster, in dem ein Mann und
ein Weib einander küßten mit unersättlicher Inbrunst. Ruhelos tönten
und sangen dazu mit tiefen und hohen Glockenstimmen die vielen Frageln,
die an hundert Stellen das vom schwellenden Seewasser emporgedrängte
Eis entzweirissen -- ein klingendes, dröhnendes Andachtsläuten der
Natur, die ihren Schöpfer lobte. »Herrgott im Himmel, wie mächtig und
groß bist du!« Diese Worte stammelnd, klammerte Leupolt die Fäuste
ineinander. Er betete: »Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer
nach Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten,
bleibst du mein Heil und meines Herzens Trost!« So hatte in der letzten
Neumondnacht auf dem Toten Mann ein Salzburger gebetet, der aus dem
Brandenburgischen gekommen war und Botschaft brachte von den in
Ostpreußen angesiedelten Exulanten. Und der Salzburger hatte erzählt:
so hätte er den preußischen Königsprinzen Friedrich beten hören, der
ihnen Hand und Hilf geboten wie ein Bruder den Brüdern.
Noch lange stand Leupolt unbeweglich im Schnee. Plötzlich quoll ihm
ein heißer Laut aus der Kehle. War's ein erwürgtes Schluchzen, oder
ein erstickter Schrei der Sehnsucht in seinem Blut? Nach einer Weile
das leise Wort: »Ach, Mädel, wie hab ich dich lieb! Wo ich hinschau,
überall bist du!«
Ihm war im Schnee und im knirschenden Winterfrost so schwül, daß er an
der Brust seinen Jägerkittel aufreißen mußte. -- --
-- Und um die gleiche Stunde, in einer von zwei Kerzen erhellten
weißen Stube, in deren Feuerloch die Kohlen noch glühten, fror ein
Schlafloser, daß ihm beim Schreiben die Zähne schnatterten. Der Pfarrer
Ludwig.
Er hatte den Mantel um Hals und Brust geschlungen, daß unter dem
schwarzen Saum nur die Fingerspitzen mit der Kielfeder hervorguckten.
Leib und Beine waren noch in eine wollene Decke gewickelt. Die Feder
raschelte und spritzte ein bißchen, während sie in lateinischer Sprache
ein Buchstäbchen ums andere hinmalte auf das gelbliche Papier. Was
Pfarrer Ludwig in seinem Kirchenlatein vom Inhalt des hebräischen
Briefes, der sich in Asche verwandelt hatte, für seine einsamen
Stubenstunden festzuhalten versuchte, das hätte in deutscher Sprache
gelautet:
»Alles Wissen und Geschehen muß dem Leben dienen, damit der Lebende
des ihm möglichen Glückes teilhaftig wird. Als Anfang mußt du erkennen,
Mensch, daß alles ein Einziges ist. Der Vater hat viele Kinder. Sie
kommen und gehen. Er ist der Einzige, der immer gewesen ist und immer
sein wird. Ob du Gott sagst oder Natur, Geist oder Körper, immer nennst
du das Gleiche. Das Ewige ist in sich geschlossen und muß vollkommen
sein. Da Gott nicht begehren kann, was er nicht schon hätte, kann er
ein Werdendes nicht wollen um eines neuen Zweckes willen. Alles ewig
Werdende ist ein ewig Gewesenes. Gott ist Bewegung und Ruhe, ewiges
Wirken und ewige Zufriedenheit. Das fühlst du, Mensch, wie ein Tropfen
fühlt, daß er ein Teil des Meeres ist. In jedem Körper ist Geist vom
Geiste. Fühle dich als Gottes Kind, als Blutstropfen des Ewigen,
als Körnchen im Berge von Gottes Größe. Weil du als Teil das Ganze
nicht sehen kannst, drum siehst du immer ein Unzulängliches. Sei ein
Suchender, und du näherst dich der ewigen Wahrheit! In jedem Ding
ist Trieb nach der Heimat, in jedem Wesen ein Trieb zu Gott. Jeder
Schritt, dem Vollkommenen entgegen, erhöht deine Kraft. Wende dich ab
vom Zug des Ewigen, und Furcht und Reue werden dich erfüllen. Du bist
nicht schuldig deiner selbst, nur schuldig deiner irrenden Straße. Vom
Guten und Schlechten hast du ein ewiges Wissen in dir: die Sehnsucht
und den Ekel. Gott leitet und warnt dich nicht, alle Stimmen deiner
Wege sind in dir selbst. Schau in die eigene Seele und in das eigene
Blut; je tiefer du schaust, so deutlicher sprechen die Weiser deines
Weges. Jedes Rasten ist Verlieren. Der willig Schreitende ist ein
Wachsender an Macht und Freude. Willst du zu Gott, so wirst du bei ihm
sein. In seinen Armen bist du ein Freier, ferne von ihm ein Knecht ohne
Hände.«
Pfarrer Ludwig legte die Feder fort, und während ihn immer wieder ein
Frostschauer rüttelte, überlas er, was er geschrieben hatte. »Ob ich es
richtig verstanden hab?« sprach er leise vor sich hin. Der Ernst seiner
Augen begann sich aufzuhellen. »Man muß da halt *auch* wieder glauben!«
Mit einem wunderlich frohen Lächeln, das seinem Warzengesicht einen
kindhaften Ausdruck gab, ließ er aus der dicken Platte seines
Schreibtisches ein nur fingertiefes Lädchen herausspringen, verwahrte
die beschriebenen Blätter und drückte das Geheimfach wieder zu.
Hurtig, immer ein bißchen mit den Zähnen schnatternd, wickelte er den
Mantel von sich herunter und begann sich zu entkleiden. Als er schon
barfüßig war und nur noch das Hemd und die Bundhose trug, fiel ihm der
schöne, fast lebensgroße Crucifixus in die Augen, der, ein Jugendwerk
des Meister Niklaus, an der weißen Mauer hing.
Sinnend blickte Pfarrer Ludwig zu dem von Dornen gekrönten, gütig
lächelnden Antlitz empor. »Mir scheint, ich weiß ein bißl, was du jetzt
denkst von mir!« Er höhlte die Hände um die Füße des Gekreuzigten. »Du
Fröhlicher! Verzeih's deinem alten treuen Narrenschüppel, weil er um
so sehnsüchtiger ein Mensch sein möcht, je näher ihm das kommt, daß er
einer gewesen ist!« Zärtlich küßte er den eisernen Nagel, der durch die
Füße des Erlösers getrieben war.