»Ich will zu ihr hinlaufen. Wo ist sie?«
Das Mädel schwieg, weil es den Jäger im dunklen Mondschatten nicht
erkannte. Da beugte Leupolt sich vor und flüsterte: »Es ist ein heilig
Ding. Ist deins und meins. Tu reden, Schwester!«
»Die Mutter ist bei der Kripp, in der das heilige Kindl hat liegen
müssen.«
Leupolt sprang über die Straße, hastete den verschneiten Wiesenhang
hinauf und erreichte den Wald. Im schwarzen Schatten unter den Bäumen
nahm er den Mantel ab, zog aus dem Bergsack ein weißes Leinenbündel
heraus, schlüpfte in das Schneekleid der Unsichtbaren und verwahrte
den Sack, das Hütl und die Flinte in den Stauden. Durch den Wald
emporsteigend, kam er zu einer Lichtung. Zwischen den letzten Bäumen
vernahm er das Schnalzen eines Eichhörnchens -- das Wächterzeichen.
Leupolt antwortete mit dem gleichen Laut. Wie hier, so war es in
dieser weißen Nacht an vielen Orten des Berchtesgadnischen Landes, auf
der Gern, zu Bischofswiesen und Ilsank, auf dem Toten Mann, in der
Ramsau, am Taubensee und auf dem Schwarzeneck. Überall wanderten die
Unsichtbaren, um Gottes Wort zu hören.
Die geschulte Jägerei des Stiftes zählte in ihren Bezirken jedes
hauende Schwein, jeden jagdbaren Hirsch und jede Gemse. Doch unter
den fürstpröpstlichen Jägern wußte nur Leupolt Raurisser, wie viele
Eichhörnchen in den Berchtesgadnischen Wäldern schnalzten.