Seit drei Tagen hatte bei klarem Himmel der Föhn über die Berge
hingeblasen und hatte schon an sonnseitigen Gehängen den Schnee
zusammengebissen zu einer dünnen Kruste. Gegen den vierten Morgen
begann man den lauen Südwind auch im frostigen Tal zu fühlen.
Bei Tageserwachen, ein Freitag war's, beschlugen sich die Spitzen
der Berge mit dem Goldglanz der kommenden Sonne. Dennoch hatte der
Morgen keinen reinen Himmel. Von den Zahnspitzen des Wazmann strebten
kleinzerstückelte Wolkenstreifen gegen Norden. Die waren anzusehen wie
endlose Züge kleiner Weißgestalten, die von Süden emporstiegen und da
droben hinwanderten über blaublühende Leinfelder.
Dieser Gedanke kam dem Meister Niklaus, als er durch das große,
schwervergitterte Fenster seiner Werkstätte zum Himmel hinaufsah.
Er mußte an die Tausendscharen der Salzburgischen Exulanten denken,
die aus der Heimat nach dem Norden gezogen waren. Der Freiheit, dem
ungehinderten Glauben entgegen? Oder zu neuer Not, zu noch tieferem
Elend? War den Stimmen zu trauen, die aus dem Pflegeramt herauskamen
und sich überall im Lande lautmachten, so hatten die Salzburger ein
hartes Los gefunden. Zu Hunderten waren sie auf ihren Wanderwegen
siech geworden und gestorben, und jene, die den Frost und die Not des
Hungers überstanden, bekamen Spott und Schimpf zu erdulden, Unrecht
und Mißhandlung. Man hatte den Emigranten ihre Kühe und Pferde
weggenommen, hatte ihre Wagen und Karren zerschlagen, ihre Schiffe
mit Steinen versenkt, hatte die Dörfer und Städte vor ihnen versperrt
und die um Erbarmen Flehenden mit Steinhagel und Flintenschüssen
davongetrieben. Den Wenigen, so hieß es, die zu einem Ziel gekommen,
hätte man ungesundes Sumpfgeländ oder dürren Sandboden zugewiesen, ohne
Gerät und Bauholz, ohne Vieh und Zehrpfennig, ohne Beistand und Hilfe.
Jene von den Unsichtbaren, die im Berchtesgadener Lande schon ans
Wandern dachten, waren vor solchen Warnerstimmen so stutzig geworden,
daß sie das müde Dulden in der Heimat dem härteren Elend in der
Fremde vorzogen. Dann war in der letzten Neumondnacht ein heimlicher
Botschaftsträger der Salzburger zum Toten Mann gekommen, hatte das üble
Gerede vom Schicksal der Exulanten widerlegt, hatte alles Schwarze
in schönes Weiß verwandelt und die gelästerte Wanderschaftshölle
geschildert als einen freundlichen Himmel brüderlichen Erbarmens.
Was war da Lüge, was Wahrheit? Die Widersprüche waren so schwer, daß
auch die Vertrauensvollsten zur Vorsicht rieten. Man durfte, sei es
im Guten oder Bösen, nicht jeder umlaufenden Botschaft glauben, mußte
die eigenen Augen auftun. Zwei von den Verläßlichsten hatten sich
zur verbotenen Wanderschaft gemeldet, der Mann der Hasenknopfin von
Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies: sie wollten ihr Leben
dransetzen, um die Wahrheit zu erfragen. An der Grenze hatte man die
beiden nicht gefaßt; sonst wären sie auf offenem Markt schon längst am
Schandbalken gehangen. Nun waren sie schon in die dritte Woche auf der
Wanderschaft, auf dem Wege zur Wahrheit. Was werden sie bringen? Den
Trost einer neuen Hoffnung? Oder das hoffnungslose Sichbeugenmüssen?
Diese Frage brannte in den Gedanken des Mannes mit der hölzernen
Hand, während er hinaufsah zu den im Blau des Himmels wandernden
Weißgestalten. Fröstelnd zog er den mit Pelz besetzten Hauskittel enger
um die Brust und wollte die Arbeit beginnen. Weil er die Tür gehen
hörte, drehte er das Gesicht über die Schulter.
Die Sus brachte zwischen den Armen einen festen Pack Buchenscheite und
ging zum Ofen.
Der Meister lächelte. »Als hättst du erraten, daß mir kalt ist! Allweil
spür ich deine treue Fürsorg.«
Schweigend kniete das schlanke Mädchen beim Ofen nieder und schob ein
Scheit ums andere in die rote Glut. Leuchtende Schimmerlinien säumten
ihre Wange, das weißblonde Haar, die Schulter, den runden Arm und die
Hüfte.
»Wie fein das ist, wenn dich die Glut so anstrahlt! Könnt ich nur auch
das Holz so schneiden, wie das Feuer den lebigen Körper nachzeichnet!«
Er rückte einen hohen, dreibeinigen Stuhl, der etwas Verhülltes trug,
in das Fensterlicht. »Ist das Kind noch droben?«
Das Mädel, schon bei der Türe, schüttelte den Kopf. »Ums Tagwerden ist
sie zur Frühmeß fort.«
Es zuckte um den bärtigen Mund des Meisters. »Statt besser, wird's
allweil ärger. So blaß und seltsam, wie in den letzten Tagen, ist sie
noch nie herumgegangen.«
Sus nickte. »Es muß was geschehen sein in ihr. Die halben Nächt lang
hör ich sie beten. Oft ruft sie mich in der Finsternis, weil sie
fürchtet, es täten böse Gespenster umgehen.«
»Gespenster? Freilich, die gehen um. Bei Tag und bei Nacht. In allen
Köpfen. Kein Wunder, daß jeder Mensch nach Trost und Beistand dürstet.
Ich verdenk dem Kind den ruhlosen Kirchweg nit. Es sieht so aus, als
könnt sie den Schreck nit vergessen, den uns der Muckenfüßl ins Haus
geschmissen. Da wird sie von ihrer Seel den Zorn über den schlechten
Nachbar wegbeten wollen, der uns im Pflegeramt vernadert hat.« Wieder
das müde Lächeln. »Ist sie im richtigen Beten, so haben wir ein
Stündl Zeit. Seit dem Sonntag ist's mit meinem Figürl nimmer aufwärts
gegangen. Ich brauch dich wieder. Magst du das Wollkleid antun und
kommen?«
Mit einem Aufleuchten in den Augen ging das Mädel davon. Der Meister
hob das grüne Tuch von seiner Arbeit und betrachtete das fast
vollendete Werk. Auf ovaler Holzplatte war in doppelter Spannenlänge
aus rotem Wachs ein Hochrelief herausgebildet: die Verkündigung, die
Gottes Engel der Maria bringt. Aus den Lüften niederschwebend, reicht
er der Auflauschenden die Rose über die Schulter herab. Zwischen den
Flügeln, die straff gespreitet sind -- so, wie Falken die Flügel
stellen, wenn sie nach steilem Stoßflug sich niederlassen auf einen
Baumwipfel -- neigt sich der von Locken umfallene Engelskopf heraus,
an dessen Antlitz der Meister die strenge Schönheit seines Kindes
nachgebildet hatte, mit einem keuschen Zug ins Knabenhafte. Nur der
Kopf, die Arme und Schultern des Engels mit den Schwingen wachsen
plastisch aus der Holzplatte; von den Flügeln nach abwärts wird die
Gestalt immer unkörperlicher und verschwindet unter dem Faltengewoge
des Gewandes, das im Sturme zu flattern scheint und überrollt ist an
allen Säumen. Im Gegensatz zu diesem Auslöschen alles Körperlichen
hebt sich der schlanke, schwellende Mädchenleib der auflauschenden
Jungfrau um so irdischer aus dem Bilde. Neben dem Webstuhl, von ihm
abgewendet, sitzt Maria auf einem Schemel, die linke Hand noch am
Weberschifflein, die rechte in Ergebung ausgestreckt zu einer innigen
Geste des Empfangens. Dieser Körper lebte, hatte Atem, hatte Blut und
Fleisch. Die schmiegsamen Falten des zarten Gewandes verrieten ihn
mehr, als sie ihn verhüllten. Dazu ein fremdartig berührendes, kühl
stilisierte Köpfchen, wie herausgenommen aus einem anderen Bilde und
auf diesen Hals gesetzt, zu dem es nicht gehörte. Beim Beginn der
Arbeit hatte Niklaus im Antlitz der Maria die Erinnerung an die Züge
seines Weibes nachzubilden versucht, das vor Jahren aus Schreck über
den verstümmelten Arm ihres Mannes gestorben war. Als Luisa das neue
Werk des Vaters zum erstenmal betrachtete, sagte sie in ihrer strengen
Weise: »Vater, das Gesichtl der Gottesmutter schaut nit himmlisch
genug.«
»So ist der Blick und das gute Lächeln deiner Mutter gewesen.«
»Wie das gewesen ist, das weiß ich nit. Ich weiß nur, das Gesichtl der
Gottesmutter ist unheilig. Das darfst du nit dreinschauen lassen wie
beim Heimgart im Ofenwinkel. Du mußt es schauen lassen wie in seliger
Gottesnäh.«
Dem Kind zuliebe hatte der Meister geändert und verhimmelt, bis das
Köpfchen verdorben war. Der strengen Prüferin gefiel es jetzt, für
den Meister war es ein Makel, der ihm die Freude an seinem Werk
verbitterte. Er war in die unzufriedene Musterung so versunken, daß er
die Tür nicht gehen hörte. Die Schritte der Sus waren lautlos, ihre
Füße nackt. Anstelle ihres Magdgewandes trug sie ein langes, lind
gegürtetes Kuttenkleid von weißblauem Wollstoff, der sich ihrem Körper
anschmiegte wie ein Schleier. Erst als sie den Schemel auf den Antritt
stellte, sah der Meister auf. »Ich dank dir, gute Sus! Versuchen wir
halt, ob's besser wird!«
Das Mädel ließ sich wortlos auf den Schemel nieder und ordnete das
linde Gewand. Von jedem Fältchen schien sie zu wissen, wie es liegen
mußte. Schweigend begann der Meister die Arbeit, bei der seine Linke
sich bewegte, als wäre sie fast so geschickt geworden, wie seine Rechte
gewesen, die man ihm abgeschlagen hatte. Damals, wenn auch schon
berührt von den Seelenkeimen der Zeit, war er doch immer noch gewesen,
was man einen Katholiken hätte nennen können. Erst der Niklaus mit der
hölzernen Hand war ein Unsichtbarer geworden.
Immer rascher ging ihm die Arbeit vonstatten. An seinen glänzenden
Augen war es zu merken, daß beim Schaffen die Freude wieder in ihm
erwachte, der Glaube an sein Werk. Der Wahrheit des Lebens gegenüber
wurde der junge Frauenkörper, den er formte, immer wärmer und
wahrhafter. Einmal murrte der Meister im Eifer der Arbeit vor sich hin:
»Ach Gott, mein Pfötl, mein dummes! Ich seh, wie ich's machen muß! Aber
die unschickigen Finger erzwingen es nit!«
Der unbeweglichen Sus rollten zwei große Tränen über den Mund. Sie
schwieg. Weil sie wußte, daß es ihm die Arbeit entzweiriß, wenn sie
sprach. Und immer müder wurde sie, immer schwerer ging ihr Atem.
Als er Bild und Leben wieder einmal mit prüfendem Blick verglich, ging
er plötzlich auf das Mädel zu und sagte: »Der Gürtel ist ein bißl
gerutscht.« Er schob ihn um eine Fingerbreite höher gegen ihre Brust.
Sie bekam ein glühendes Gesicht und fing zu zittern an.
Eine Furche grub sich zwischen seine Brauen. »Geh, Mädel!« Das Wort
hatte einen herzlich mahnenden Klang. »Tu verständig sein!« Nach einer
Weile, als er wieder bei der Arbeit stand, sagte er zögernd: »Man muß
sich gedulden.« Er sah die Sus nimmer an, und seine Hand war nimmer so
flink wie zuvor. »Das wird nit ausbleiben, daß mein Kind sein Glück
findet. Und daß ich wieder ein Einschichtiger bin, der auf niemand zu
achten braucht.«
Da fuhr die Sus erschrocken vom Schemel auf. »Sie kommt.« Hastig schob
sie den Antritt gegen die Mauer und war schon zur Tür hinausgehuscht,
bevor der Meister das Gesicht vom Fenster abwandte. Draußen im weißen
Garten kam Luisa mit gesenkten Augen durch den Schnee gegangen,
eingehüllt in einen dunkelgrünen Mantel. Als wäre sie die Bringerin
einer helleren Zeit, so glitt bei ihrem Eintritt in die Werkstatt der
erste Sonnenschein des Morgens durch die Fensterscheiben. Von der
Frühkälte waren Luisas Wangen wie Pfirsiche vor der Reife. Über den
Zöpfen trug sie ein mit weißem Federtuff bestecktes spanisches Hütl,
das noch aus der Mädchenzeit ihrer Mutter stammte. Der dunkelgrüne, an
den Schultern aufgepuffte Radmantel verhüllte strahlig die schlanke
Gestalt. Vorne guckten zwischen den Mantelsäumen die Spitzen der
Handschuhe heraus, die Perlen des Rosenkranzes und ein blaues Gebetbuch
mit schöner Silberschließe. »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige
Mutter Marie!«
»Von nun an bis in Ewigkeit Amen!« Der Meister lächelte ein bißchen,
nicht heiter. »Kind, du sagst den Ablaßgruß so oft, daß du aus dem
Fegfeuer schon herauskommen mußt, noch eh' du drin bist.«
Ein Zucken ihrer Augenbrauen bewies, wie sehr sie die unfromme Rede
mißbilligte. Schweigend nahm sie das Hütl ab und trat an die Seite des
Vaters. Als sie sein Werk betrachtete, schien ihr Unmut sich noch zu
steigern. »Du hast das noch allweil nit geändert? Daß ihr der Engl ein
Rösl bringt. Das geht nit, Vater! Es müssen die unschuldigen Lilgen
sein.«
Der Meister sagte geduldig: »Ich muß das wächserne Fürbild formen
für das Holz. Aus dem spleißigen Holz ist ein Lilgenstengel nit
herauszuschneiden, ohne daß er nit ausschaut, als wär's ein Besen. So
eine Staud? Die tät mir doch jedes Verhältnis stören. Es ist ein Gesetz
in aller Kunst --«
»Die Kunst muß sich bescheiden vor dem Heiligen. Irdische Rosen hätt
die Gottesmutter bei der Verkündigung nit genommen.«
»So? Wer hat dir denn das gesagt? Dem kannst du ausrichten, er soll
mich mein Holz schneiden lassen, wie ich glaub, daß es sein muß. Ich
schwefel ihm auch nichts drein, wie er reden soll mit einem Beichtkind!
So, wie mit dir? So nit! Aber ich red' ihm nichts drein.« Immer
schärfer klang die Stimme des Meisters. »Obwohl ich als Vater verlangen
könnt, daß mein Kind, wenn es heimkommt aus der Gottesnäh, für mich ein
menschliches Wörtl findet und einen guten Blick. Von einem Lachen will
ich schon nimmer reden. Das ist versunken in meinem Haus.«
Luisa schien nicht zu hören, was der Vater sprach. Während sie sein
Werk betrachtete, fingen ihre Wangen in Zorn zu brennen an. Gleich
einer Verzweifelten sah sie auf und stammelte: »Vater! Gott verzeih dir
die Sünd, was hast du denn da getan?«
»Getan? Und Sünd? Ich weiß nit, was du meinst?«
Ihre Lippen zuckten, als wäre ihr das Weinen nahe. »Es muß so sein, daß
die Höll mit ihren bösen Mächten durch unser gutgläubige Haus gegangen
ist. Ich hab von mir die Versuchung fortgebetet, wie sie gegriffen
hat nach meinem Arm. Du, Vater, bist dem sündhaften Geist erlegen. Er
hat den Segen von deiner Hand genommen, so daß du dein frommes Werk
entheiligt und verdorben hast.«
Erschrocken sah Niklaus in die fieberhaft glänzenden Augen seines
Kindes. »Mädel, mein liebes? Bist du krank?«
»Vater? Siehst du es nit?« Mit der zitternden Hand, um deren Finger die
Perlenschnur des Rosenkranzes gewickelt war, deutete Luisa auf das rote
Wachsfigürchen der Maria. »Das ist die reine, züchtige Gottesmutter
nimmer, die ich allweil an deinem Werk gesehen hab. Was heilig
gewesen, hast du verwandelt in ein sündhaftes Weib. Tät es über den
Marktplatz laufen, so wär gleich einer da, der sagen möcht: >Du tust
mir gefallen!<« Aus ihren Augen fielen die Tränen. »Du mußt das wieder
auslöschen. Oder dein Bildwerk ist verdorben. Es ist nichts Gutes mehr
an ihm, als nur das fromme Köpfl der heiligen Mutter. Alles andere ist
schlecht.«
In Erregung griff der Meister nach dem Wachsmesser. Hätte er dem ersten
Zorngedanken nachgegeben, so hätte er das leblos himmelnde Köpfchen
der Marienfigur vom Halse geschnitten und gesagt: »Das ist das einzig
Schlechte an meinem Werk. Alles andere ist gut.« Ein Blick in die
angstvollen Augen seines Kindes machte ihn ruhiger. Er legte das Messer
fort. »Komm, liebes Mädel! Du hast in der kalten Kirch gefroren. Wir
wollen uns neben dem warmen Ofen auf das Bänkl setzen.«
Sie entzog sich seinen Händen. »Tust du mir versprechen, daß du die
Gottesmutter wieder heilig machen willst?«
Er sagte unter klagendem Lächeln: »Ja, Kind! So heilig, als ich es
fertig bring mit meiner hölzernen Hand.« Da duldete sie, daß er
ihr das Mäntelchen von den Schultern nahm, das Gebetbuch aus ihrer
Hand herauswand, die Perlenschnur von den Fingern wickelte und die
Handschuhe von ihren Händen zog. Während er alles beiseite legte, ging
sie schweigend zu dem braunen Bänkl, das neben dem wärmestrahlenden
Ofen an der weißen Mauer stand und überglänzt war von einem Lichtband
der Morgensonne. Er betrachtete sie. Trotz der kämpfenden Bitterkeit,
die ihn erfüllte, hatte er seine Freude an ihrem schmucken Bild.
Sie trug das Mädchenkleid ihrer Mutter aus einer Zeit, in der die
französische Mode den spanischen Schnitt noch nicht verdrängt hatte.
Die gelben Lederstiefelchen verschwanden unter den Falten des braunen
Röckls, und zwischen den abstehenden Schoßzacken des Leibchens lugte
der rote Miedersaum hervor. Gleich einer großen weißen Blume lag die
gestickte Leinenkrause um den schlanken Hals, und auf dem jungen Busen
hob und senkte sich das kleine Elfenbeinkreuz der Klosterschülerin. Sie
hielt im Schoß die schlanken weißen Hände übereinander gelegt und sah
mit den dunklen Augen, die einen heißen Schimmer hatten und voll Sorge
waren, in Erwartung zum Vater auf.
»Ach, Kind, wie lieb bist du anzuschauen!« sagte er herzlich. »Und
wie viel Vaterfreuden könntest du mir schenken unter meinem Dach!« Er
nahm ihre Hand und ließ sich neben ihr nieder. Weil er den Arm um ihre
Schultern legen wollte, rückte sie von ihm fort. Da war auf seinen
Lippen wieder das bittere Lächeln, in seinen Augen die Trauer. »Wir
wachsen nit aneinander als Vater und Kind. Jeder Tag und jedes Stündl
baut an der Mauer zwischen uns.«
»Das ist nit meine Schuld.«
»Wahr, Kindl! Was zwischen uns liegt, das hast du aus dem Kloster mit
heimgebracht.«
»Wider das Kloster darfst du nit schelten, Vater!«
»Das tu ich nit. Ich mein' nur, die Zeit, in der wir uns nimmer gesehen
haben, ist zu lang gewesen. Da hast du den Vater vergessen. Und das
Denken an deine Mutter hat man in dir erlöschen lassen.«
»So ist das nit. Es ist im Kloster kein Tag gewesen, an dem ich nit
dreimal für dich gebetet, nit fünfmal zu meiner seligen Mutter gerufen
hab um ihren Beistand.« Luisas Augen irrten gegen die Sonne hin. »Ich
muß ihr den Himmel neiden. Im Himmel ist's besser als in der Tief, in
der wir leiden.«
Meister Niklaus verlor seine Ruhe. »Himmel! Und allweil Himmel! Nie
ein Bröselein Welt! Das ist Elend! Man hat dir im Kloster mehr vom
Himmel gesagt, als gut ist, und weniger von der Welt, als nötig wär.
Wir alle, Kind, sind Menschen und müssen Wärm und Sonn, einen Trost
und Freuden haben, wenn wir schnaufen sollen und nit ersticken.« Die
Stimme zerbrach ihm fast. »Bist du denn nit mein Blut? Spürst du denn
nit, daß ich dein Vater bin? Schau mich an! Bin ich nit schon ein halb
Erwürgter? Willst du mir nit das bißl Sonnschein geben, das ich zum
Schaffen brauch? Tu mich anlachen, nur ein einzigesmal! Oder ich muß
verhungern, muß verfaulen bei lebendigem Leib!«
Erschrocken sah sie ihn an und erhob sich. Heiße Glut übergoß ihre
Wangen, um sich wieder zu verwandeln in wächserne Blässe. »Warum tust
du nie so inbrünstig hinaufschreien zu Gott? Warum tust du ihm nit dein
Herz hinbieten auf frommen Händen? Warum tust du nit abschütteln von
dir, was dich wegzieht aus seiner Näh? Tät ich's machen wie du, ich wär
verloren gewesen in einer sündhaften Nacht. Mein Gebet hat mich erlöst.
Höll und Menschen haben nimmer Gewalt über mich.« Sie hob die Hände,
und ein träumendes Lächeln irrte um ihren Mund -- ein Lächeln, das sich
ansah wie die Verzückung einer gequälten Seele.
Mühsam atmend ließ Meister Niklaus seine Fäuste auf die Bank fallen --
die Holzhand schlug wie ein Hammer auf. Ohne die Morgensonne zu spüren,
die ihn umleuchtete, sah er stumm seine Tochter an. Nun stand er auf.
»Streng bist du allweil gewesen, seit deiner Heimkehr in mein Haus.« Er
zwang sich zu ruhigen Worten. »Seit drei, vier Tagen ist was Neues in
dir. Das macht dich reden, daß ich es nimmer versteh.« Da mußte er an
die Soldaten Gottes denken, und fast heiter konnte er fragen: »Kind?
Bist du denn neulich in der Nacht so arg erschrocken --«
Unter seinem Worte zuckend wie unter einem Nadelstich, drehte sie das
erglühende Gesicht zu ihm und stammelte: »Ich wüßt nit, über was ich
erschrecken müßt.«
»Ich hab's doch selber gesehen, daß du um alle Ruh gekommen bist, wie
uns der Muckenfüßl die Haustür eingeschlagen hat!«
»Deswegen bin ich nit erschrocken.« Ihre Stimme hatte wieder den
strengen Klang. »Daß die Soldaten einmal kommen, hab ich lang
geforchten. Du hast Menschen lieb, die deinem kranken Glauben zum
Schaden sind. Allweil hat mich mein Herz vor ihnen gewarnt. Ich
hab auch Warnungen hören müssen, wo ich Rat gesucht hab in meiner
Seelenangst.«
Ein Erblassen ging über das Gesicht des Meisters. Dann fuhr ihm
wieder das dunkle Blut in die Stirn. Seinen Augen war's anzusehen,
daß martervolle Gedanken sich unter seiner Stirne jagten. Mit rauhem
Auflachen trat er auf das sonnige Fenster zu und streckte die Arme, als
möchte er hinausgreifen durch die leuchtenden Scheiben. »Nachbarsleut!
Ihr guten, schuldlosen Nachbarsleut! Verzeiht mir die schlechten
Gedanken! Es ist mein Kind gewesen! Mein eigenes Kind!« Eine Sorge, die
ihn ganz verstörte, riß ihn vom Fenster weg. Die Schulter des Mädchens
mit der Faust umklammernd, keuchte er: »Hast du auch heut wieder
solchen Rat gesucht?«
»Wie es sein hat müssen. Ich bin seit der bösen Nacht des Trostes
bedürftig gewesen an Leib und Seel.«
»Und da hast du ihm alles gesagt, deinem Tröster? Alles?«
»Ich tu nit lügen, Vater! Ich hab gesagt, was ich sagen hab müssen.«
»Und da hast du auch -- Gott soll's verhüten, daß es wahr ist -- --«
Er konnte nicht weitersprechen, mußte um Atem ringen. »Kind! Du hast
doch ums Himmelswillen nit den Namen des guten Buben verraten, der mich
gewarnt hat?«
Sie schwieg, erschüttert durch die Sorge, die heiß aus ihm
herausbrannte.
Er las die Antwort in ihren Augen und sagte mit schwerer Trauer:
»Armseliger Star! Wüßt ich nit, daß du in deiner weltfremden Jugend
törig bist ohne Maß, so müßt ich sagen: du bist so schlecht, wie nur
der Zwist um Himmel und Glauben die Menschen machen kann!« Immer
mit der Holzhand an seinem Halse, ging er durch die Werkstatt hin
und her, und während Erregung und Sorge in ihm wühlten, stieß er
mit heiserer Stimme vor sich hin: »Ein guter und redlicher Bub! Und
bietet dir auf ehrlicher Hand sein Glück und Herz! Und wirft um
deinetwegen sein junges Leben vor meine Haustür hin! Und du in deinem
gutgläubigen Seelengezappel verklamperst den Buben! Und lieferst ihn
an den Schandpfahl! Und da droben in den Lüften da ist niemand, der's
verhindert, kein Engel mit dem Lilgenstengl und keine hilfreiche
Mutter in Züchtigkeit!« Ein zorniges Auflachen. »Wahr ist's, Mädel!
So was Heiliges darf man nit irdisch formen! Das muß man himmlisch
machen, grausam und ohne Erbarmen!« Wieder lachend, faßte er einen
schweren Hammer und hob ihn zum Schlag. Aufschreiend versuchte Luisa
den Arm des Vaters zu fangen. Da fuhr der zornige Streich schon auf
das Bildwerk nieder. In Strahlen spritzte unter dem Hammerschlag das
rote Wachs auseinander, und was auf der Holzplatte noch verblieb, war
eine formlose Masse. Schweigend warf der Meister Niklaus den Hammer
fort und umklammerte die Stirne mit der linken Hand. So stand er ein
paar Sekunden. Dann sprang er zur Tür der Werkstätte. Draußen seine
schreiende Stimme: »Sus! Den Hut! Den Mantel!«
Luisa stand in der Sonne wie eine steinerne Säule, die langsam zu
menschlichem Atem erwacht und beim ersten Blick ins Leben geschüttelt
wird von Angst und Grauen. Die Arme streckend, trat sie auf das
vernichtete Werk ihres Vaters zu, beugte das Gesicht und küßte die rote
Masse des zerquetschten Wachses. Ihre Stimme, die verwandelt war zu
den dünnen Lauten eines verängsteten Kindes, bettelte ins Leere: »Tu
ihm verzeihen, hilfreiche Mutter! Ich -- will büßen -- für seine Sünd
--« Mit den Bewegungen einer Schlafwandlerin ging sie umher, fand ihr
Mäntelchen, den Hut, das blaue Gebetbuch und den Rosenkranz, wickelte
die Perlenschnur um ihre zitternden Finger und verließ die Werkstatt.
Während sie mit irrendem Blick zu ihrer Kammer hinaufstieg, klang
aus dem verschneiten Garten die angstvolle Stimme der Sus durch die
offene, wieder geflickte Haustür in den Flur herein: »Um Gottes
Barmherzigkeit! Meister! Was ist denn geschehen?« Luisa hörte keinen
Laut dieser von Sorge zerrissenen Mädchenstimme. Sie lauschte nur in
die eigene Seele. Was sie da klagen hörte, entstellte ihr Gesicht.
Als sie in ihrer Kammer die Tür verriegelt hatte, stand sie
unbeweglich. Immer sah sie das weißverhüllte Bett an, und immer
sah sie, was sie in jener Nacht gesehen hatte: diese stahlblauen,
dürstenden Jünglingsaugen, die von hundert silberweißen Mücken umflogen
waren -- und sah das zerquetschte Wachs, sah die Martergestalt einer
heiligen Frau, die rot war und zu bluten schien aus tausend Wunden.
Langsam, immer wieder die Augen schließend, hängte sie das Mäntelchen
in den Kasten, verwahrte das Gebetbuch, den Rosenkranz, die Handschuhe
und das Hütl. Sie schnürte die gelben Stiefelchen von den Füßen,
nestelte den Spenser herunter und legte ihn gefaltet in die Lade.
»Büßen -- büßen --« lispelte sie mit entfärbten Lippen vor sich hin.
»Für den Vater büßen -- alle erlösen, die schuldig sind.« Welche von
den Sündenstrafen, die sie im Kloster gesehen hatte, war die härteste?
Hungern müssen am Mittagstische? Zehn Vaterunser lang auf einem
scharfkantigen Holzscheit knien? Sieben Rosenkränze beten, mit den
nackten Füßen im Schnee? Sie sann und sann. Und da erwachte in ihr die
Erinnerung an ein Bild, vor dem sie zitternd gestanden, als sie es zu
warnender Abschreckung im Kloster hatte betrachten müssen. Wie man jene
junge, sündhafte Schülerin bestrafte, die in der Messe ein verstecktes
Spiegelchen aus dem Ärmel herausgezogen hatte -- das war von allen
Klosterstrafen die quälendste gewesen.
Ihre Augen glitten über die Mauer hin. Höher, als sie mit den Händen
reichen konnte, war an der weißen Wand ein festes Zapfenbrett, aus den
Jahren, in denen Meister Niklaus diese Kammer bewohnt hatte -- bei der
Heimkehr seines Kindes hatte er die Stube geräumt, weil sie in seinem
Haus die sonnigste war. Wie eine Träumende, verriegelte Luisa auch die
andere Tür, die hinausführte in die Kammer der Sus. Aus der Truhe nahm
sie zwei weiße Tüchelchen, knüpfte aus jedem eine Schlinge und schob
sie über das Handgelenk. Sich bekreuzend, ging sie zum Bette, tauchte
die Finger in das Weihbrunnkesselchen und besprengte das Gesicht.
Ihre Bewegungen wurden rascher, etwas Frohes schien in ihren irrenden
Gedanken zu erwachen. Sie rückte unter dem Zapfenbrett einen Schemel
an die Wand und stieg hinauf. Mit dem Rücken sich gegen die Mauer
pressend, schob sie die Schlingen, die an ihren Handgelenken waren,
über die zwei äußersten Holzzapfen des Brettes und stieß den Schemel
fort. Mit den Fußspitzen eine Spannenbreite über dem Boden, hing sie
an den ausgereckten Armen und begann mit einer Stimme, die bei aller
Innigkeit wie das Stammeln einer Betrunkenen klang, die Litanei zur
heiligen Jungfrau Maria zu beten -- nur daß sie nicht betete: »Bitt für
mich!«, sondern immer betete: »Bitt für *ihn*!«
Solange sie noch bei Kräften war, hielt sie den Kopf an die Mauer
gepreßt und sah mit heißglänzenden Augen zur Höhe. Bald sank ihr die
Wange gegen die rechte, bald gegen die linke Schulter hin. Als sie in
beginnender Pein das Gesicht zu drehen versuchte, sah sie an ihrem
Arm, von dem der weiße Ärmel zurückgefallen war, die vier gelblich
gewordenen Male, die vom Griff jener stählernen Jägerfaust geblieben
waren. Zusammenzuckend, schloß die Büßende die Augen, ließ das Gesicht
vornüberfallen, und ihre betende Stimme wurde zu einem versunkenen
Schreien. In Schmerzen begann der stammelnde Mädchenmund zu lächeln,
und auf dem glühenden Gesicht erschien ein Ausdruck der Entrückung.
Nicht die härteste der Klosterstrafen hatte sie ausgesucht, sondern die
süßeste und heiligste -- eine fromme Marter, die durchzittert war von
dem Seligkeitsgefühl: zu leiden, wie der Heiland gelitten hatte für
die Menschen, die er liebte. Während sie lächelte in Qual, begann ihre
Stimme sich zu verwirren, verlor die frommen Anrufungen der Litanei und
behielt nur noch die drei innigen Flüsterworte: »Bitt für ihn -- bitt
für ihn -- bitt für ihn --«
Gleich einer goldenen, immer breiter wachsenden Säule schob sich das
leuchtende Band der Morgensonne über die Mauer hin und umschimmerte die
in Süßigkeit und Schmerzen Betende, die für Andacht und Buße hielt, was
ein noch Unsichtbares in ihrem Herzen war, ein Unbewußtes in ihrem Blut.