Zögernd sagte der junge Bauer: »Wohl! Die Hebmutter von Unterstein.«

»Dein Lehen gehört zum Markt. Warum mußt du die Hebmutter von

Unterstein haben?«

»Die vom Markt,« erwiderte Christl scheu, »die mag mein Weib nit. Es

ist ein Kreuz, Herr!«

Mehr brauchte Simeon nicht zu hören. Nun wußte er, daß die Haynacherin

eine Unsichtbare war, die ihren Leib von einer katholischen Wehmutter

nicht berühren ließ. »Dein Weib muß leiden?«

»Heut nach der zehnten Stund, da hat sie zu schreien angehoben und ist

wie unsinnig gewesen.«

»Ein natürlich Ding, Christl!«

Wieder schüttelte der junge Haynacher den Kopf. »Vor anderthalb Jahren

hat mir meine Martle ein Bübl geboren. Sie sagt, da wär's anders

gewesen. Und die Hasenknopfin kennt sich nimmer aus. Sie meint, es wär

schon drei Wochen über die Zeit. In mir ist eine Angst --«

»Die Hasenknopfin wird falsch gerechnet haben. Hast du Feuer daheim?«

»Der Ofen ist warm, der Herd ist kalt.«

»So spring voraus, mach Feuer auf dem Herd, daß du kochendes Wasser

hast, bis ich komme.«

Der Bauer fing zu rennen an, daß ihm der schnellste Läufer des

Fürstpropstes nicht nachgekommen wäre. Diese straffe, gesunde Gestalt,

die noch was Jünglingshaftes hatte, schien Sehnen von Stahl zu

besitzen. Der graue Lodenmantel wehte dem Christl vom Halse weg, und

das harte Gesicht mit dem kurzen Braunbart war nach vorne gestreckt.

So rannte er durch den Mondschein wie ein vom Tod Gehetzter. Der

gutgläubige Christl Haynacher mußte seine Martle, obwohl sie eine

Unsichtbare war, von Herzen lieb haben. Er rannte keuchend durch die

Dampfwolken, die das Frauenreuther Salinenhaus umdunsteten. Über eine

Holzbrücke hinüber, durch ein kleines Gärtl und in das niedere Haus.

»Tu dich getrösten, Martle!« rief er atemlos in die Schlafkammer, in

der das stöhnende Weib die Hände nach ihm streckte. »Gleich kommt der

Jud. Der ist geschickter als der Feldscheer. Jetzt muß ich zum Herd.

Der Jud will haben, daß ich Wasser sied.« Er sprang zur Küche.

Bei allen Schmerzen wurde das junge Weib von der Sorge geplagt, daß der

Mann eine falsche Pfanne nehmen könnte. Angstvoll schrie sie ihm nach:

»Nit das neue Kupferpfändl. Das müssen wir aufheben fürs Kind. Nimm den

alten Blechhafen!«

Christl dachte: >Sie sieht nit, was ich nimm.< Er haßte das kommende

Kind, das sein Weib so schreien machte in Schmerzen, und für seine

Martle war ihm die neue Kupferpfanne gerade gut genug. Wär' eine

silberne im Haus gewesen, der Christl hätte sie genommen. Eine Minute,

und das Feuer züngelte auf dem offenen Herd, die Kupferpfanne hing

darüber und rauchte. Jetzt konnte Christl zum Bett seines Weibes

springen. Am Türpfosten zwischen den beiden Wohnräumen hing eine

qualmende Specklampe und beleuchtete die Stube und die Kammer. In der

Stube stand neben dem warmen Feuersteinofen die Wiege, in der das

Bübchen schlief; es hatte rote Wangen und schien den braunen Krausbart

des Vaters als Perücke zu tragen. Christl warf einen zärtlichen Blick

auf das kleine Bürschl, das er jetzt doppelt lieb hatte, weil es vor

seinem ersten Tag die Mutter nicht so grausam geplagt hatte, wie dieses

neue kommende Leidwesen, das er haßte. Als er hineinsprang in die

kleine Kammer, die nicht viel größer war als das plumpe Doppelbett, kam

er gerade recht, um dem jungen Weib, das sich in Schmerzen wand, die

verkrampften Hände zu lösen. Seine Nähe schien sie ruhiger zu machen.

Er lag vor dem Bett auf den Knien, und Martle, ihre Pein verbeißend,

umklammerte seine braunen Fäuste. Ihr hübsches Gesicht war entstellt,

und das wirre Blondhaar hing um die von Schweiß überglitzerten Wangen.

Kaum verständlich stöhnte sie: »Mann, ach Mann, ich tu nit gebären, ich

glaub, daß ich sterben muß.«

Er bettelte: »Herzweibl, magst du nit ein bißl christliche Besinnung

haben? Magst du nit einen frommen Notschrei tun zu den vierzehn ewigen

Helfern?«

Heftig wehrte das Weib: »Sterben, wenn's sein muß. Nit lügen! Täten

die Soldaten Gottes kommen, jetzt tät ich es sagen, daß ich eine

Unsichtbare bin.«

Er klagte in Gram und Zorn: »Der Himmel tut dich büßen. Not und Elend

will kommen über uns, weil du weit bist von meinem Herrgott und dich

versündigst am rechten Glauben.«

»Elend und Not kommt über mich, weil du fern bist von meiner Seligkeit.

Du bist so weit von mir -- schier sehen dich meine Augen nimmer.« Nach

diesen Worten ein gellender Schrei ihrer Qual.

Nicht dieser Schrei erschütterte ihn. Was ihm das Herz bedrückte, war

der Blick der Liebe, der nach ihm dürstete aus ihren verstörten Augen.

Wie ein Wahnwitziger keuchte er: »Schick mich den Höllenweg! Ich tu's,

Martle, nur daß ich dich nimmer leiden seh! Soll ich dir einen holen

von den Deinigen? Daß er dich tröstet?«

Sie zog seine Hände an ihren Hals. »Mein Vater und meine Mutter haben

mich verlassen, haben mich verstoßen. Von den anderen, die meine

Geschwister sind in Gott, därf ich keinen beim Namen nennen. Magst du

mir was zulieb tun, so hol mir mein Paradiesgärtl und tu mir's unter

das Kissen legen. Dann ist mir leichter.«

Christl sagte wie ein Gefesselter: »Ich tu mich versündigen für alle

Ewigkeit. Wo hast du das Büchl?«

Sie spähte gegen die Stubentür und lauschte. Dann zog sie ihn an

sich und flüsterte an seinem Ohr: »In der Milchkammer steht die

Kleienkist. Tief mußt du unter die Klei hinuntergreifen. Ganz unten ist

das Mehlsäckel versteckt. Im Mehl, da findest du einen Pack. Sieben

Lodenfleck sind drumgewickelt.« Ihre Augen begannen zu glänzen. »Da

drinnen ist das heilige Büchl.«

»Martle, ich muß es bringen.« Er sah ihr in die glücklichen Augen. So

hatte sie ihn angesehen vor drei Jahren, am Hochzeitstag, als er nach

dem Kirchenritt die junge Frau heruntergehoben hatte vom rotgesattelten

Brautschimmel. Und während er hinaustaumelte durch die Stube, raunte

er wie ein Verzweifelter: »Im Mehlsäckl! Jetzt hat sie's im Mehlsäckl.

Und hundertmal hab ich das ganze Haus schon ausgesucht nach dem

gottverfluchten Teufelsgut!«

Als er das Buch -- das evangelische Paradiesgärtlein des Johann Arndt

-- gefunden und aus den mehligen Lappen herausgewickelt hatte, mußte

er draufspeien in seinem frommen Christenzorn. Erschrocken wischte er

den Speichel wieder fort und hatte, als er in die Schlafkammer trat und

sein Weib in Freude die Hände strecken sah, das quälende Gefühl: daß

er nicht hätte beschimpfen sollen, was seinem Weibe heilig war. Sie

selber schob das Buch unter das vom Schweiß ihrer Schmerzen durchnäßte

Kissen. Nun streckte sie sich aus, faltete die Hände und sprach mit

lächelnder Innigkeit die leisen Worte: »Vergeltsgott, du Lieber! So

viel wohl ist mir jetzt. Gott verlaßt die Seinen nit, die zu ihm stehen

in Treu und Redlichkeit.« Während Christl stumm sein lächelndes Weib

betrachtete, als geschähe an ihr ein Wunder, klang ein hartes Pochen

durch das stille Haus: Lewitter klopfte an der Schwelle den Schnee von

den Schuhen. In Freude stammelte der junge Bauer: »Martle! Die Hilf ist

da!« Er rannte in den Flur und wollte fast verzweifeln, weil Lewitter

so lange brauchte, um sich aus dem Pelz herauszuschälen und auf dem

Herd die Hände in heißem Wasser zu waschen.

Mit der braunen Tasche ging Simeon in die Kammer und zündete, während

er freundlich zu der Leidenden redete, eine hellbrennende Kerze an.

Dann schloß er die Türe. Christl mußte in der Stube bleiben. In

qualvoller Erwartung saß er auf der Ofenbank. Um einen Trost für sein

hämmerndes Herz zu haben, nahm er sein Büberl aus der Wiege und sang

mit erwürgter Stimme ein Schlummerlied, obwohl der Kleine aus dem

festen Kinderschlafe gar nicht erwacht war. Zwischen den Strophen des

Liedes stammelte er seine Stoßgebete, immer eines, mit dem er die

Heiligen um Hilfe anbettelte für sein leidendes Weib, dann eines, mit

dem er Gott um Verzeihung bat für die Todsünde, die er durch Förderung

der Gottwidrigkeit einer Unsichtbaren begangen hatte. Da öffnete

Lewitter die Kammertür. Er schien erregt zu sein. »Ich hab deinem

Weib was geben können, was die Schmerzen lindert. Aber man muß die

Hasenknopfin holen. Allein möcht ich auch nit bleiben. Kannst du nit

einen Nachbar drum anreden, daß er zur Wehmutter geht?«

»Wohl!« Christl preßte die Wange an das schlafheiße Gesicht seines

Bübchens und legte das Kind in die Wiege. »Ich spring, was ich springen

kann.« Durch den Schnee und über den Zaun hinüber. In dem Haus, an dem

er pochte, wollte niemand erwachen. Oder war niemand daheim? Waren das

*auch* solche, die sich unsichtbar machen in der Schneenacht? Über die

Straße zum nächsten Haus. Hier wurde der alte Bauer wach und murrte

in der Fensterluke: »Aus dem Markt will ich die Hebmutter holen. Der

Hasenknopfin geh ich nit ums Leben ins Haus.«

»Jesus, Jesus, ich brauch aber die Hasenknopfin.«

»So mußt du selber nach Unterstein. Gelobt sei Jesus Christus und die

heilige Mutter Marie.« Der alte Bauer schloß das Fenster und sagte

in der Stube zu seinem Weib: »Jetzt muß der Haynacher auch nimmer

rechtgläubig sein. Er hat den Fegfeuergruß versagt.« Christl hatte der

gutkatholischen Antwort nur aus Schreck vergessen. Und während er sich

besann, zu welchem Haus er nun rennen sollte, sah er von der Saline her

einen Menschen durch die Mondhelle kommen. Im Schneelicht erkannte

Christl den Jäger Leupolt Raurisser, mit der Feuersteinflinte unter dem

Radmantel. »Jesus, Christbruder, was hast du für einen Weg?«

»Zum Königssee.«

»Gott sei Lob und Dank. Da mußt du durch Unterstein. Magst du nit der

Hasenknopfin ausrichten, sie soll zur Haynacherin kommen, gleich! Magst

du es tun?«

»Gern, Bauer!«

»Vergeltsgott tausendmal!« Das sagte Christl, während er schon

davonsprang. Dann fiel ihm ein, daß er den Ablaßgruß vergessen hatte.

Im Springen schrie er über die Schulter: »Gelobt sei Jesus Christus und

die heilige Mutter Marie!«

Leupolt gab keine Antwort. Rasch, mit federnden Schritten, wanderte er

durch den Mondschein, aufwärts an der Ache. Der Schnee knirschte unter

seinen eisenbeschlagenen Schuhen. Als er den Wald erreichte, fuhr ein

Wildschweinrudel, das von den Untersteiner Sümpfen kam, an ihm vorüber

und brach mit Knacken und Rauschen durch den Wald. Nun kam er wieder

zu offenem Feld, kam zu den ersten Häusern von Unterstein. Das Haus

der Hasenknopfin lag mitten im Dorf, an der Straße. Leupolt pochte.

Es rührte sich was in der Stube, das Fenster wurde geöffnet, und eine

leise Mädchenstimme fragte: »Was willst du?«

»Die Hasenknopfin soll zur Haynacherin kommen.«

Das große Jagen · 第 21 / 98 题