Der Feldwebel des Pflegeramtes, Nikodemus Muckenfüßl, war ein
wohlgenährter, gutmütig dreinschauender Mensch, der seiner biersanften
Natur die Unerbittlichkeit des Polizeitones immer gewaltsam abringen
mußte. Als er, den dünn abgezogenen Schnurrbart um den Finger
kräuselnd, mit Meister Niklaus und den drei boshaft umherspähenden
Musketieren lärmvoll in die Stube trat, saß Pfarrer Ludwig mit
Simeon Lewitter beim Schachspiel und sagte: »Ich weiß nit, warum das
Schachbrett allweil wackelt? Es steht doch kerzengrad auf dem blanken
Tisch!« Er hob das Brett in die Höhe und guckte drunter. Niklaus
verstand diesen Wink und atmete erleichtert auf. Und während Luisa sich
verstört an die getäfelte Stubenmauer preßte, fragte der Pfarrer sehr
erstaunt: »Mein lieber Feldwebel? Seid Ihr so ein leidenschaftlicher
Freund des Schachspiels, daß Ihr aus Ungeduld, ein gutes Spiel zu
sehen, gleich die Haustür eines redlichen Mannes einschlagt?«
Nikodemus Muckenfüßl machte verdutzte Augen. Das Bild, das er in der
Stube vorfand, schien seinen Erwartungen nicht zu entsprechen. Seine
obrigkeitliche Geistesgegenwart versagte für einige Sekunden. Nun fand
er die strenge Dienstmiene und sagte in dem Polizeideutsch, an das er
sich in der Pflegerkanzlei gewöhnt hatte: »Vor Reverende prästiere
ich in christschuldigem _respecto_. Aber Spaßettibus wider die von
Gott instituierte Obrigkeit sind denen Subjekten nit permittiert. Ich
inquirirre _sub loco hujus_ in Amtibus.«
»Muckenfüßl,« staunte der Pfarrer, »Ihr redet beinah so gut Latein, wie
der Kirchenvater Augustinus.«
»_Silentium!_« brüllte der Feldwebel gereizt. Der Scherz des Pfarrers
bekehrte ihn nicht zu einer reinlicheren Sprache. In diesem Punkte
gehorchte er nur seiner Frau, die zuhause, wenn ihr Nikodämerl so
unverständlich kanzleielte, immer sagte: »Red deutsch, du Rindvieh!« In
dem Schweigen, das sein Befehl erzeugt hatte, erklärte er würdevoll:
»Es ist der wachsamen Obrigkeit _ad aures_ arriviert, daß _in loco
hujus_ des _in specie_ verdächtigen Nikolaus Zechmeister verbotene
_conventicula_ stattfindlich sind, mit _abuso_ ketzerischer _libellis_
und _pamphletica_. Ich bin von Amtibus ordiniert, die Namen der
Präsenten _ad notam_ zu rapportieren, _in quasi_ eine Orts- und
Leibesvisitationem _legaliter_ fürzunehmen.«
Pfarrer Ludwig erhob sich. »So viel Arbeit? Weil wir drei einen Becher
Würzwein schlucken und Schach spielen: Meister Niklaus unter seinem
eigenen Dach, als Hausgäste der Leibmedikus Seiner Hochfürstlichen
Gnaden und ich, von dem Ihr wissen solltet, daß ich ein gutkatholischer
Priester bin?«
»Der Erzschelm Luther,« rief einer von den Soldaten Gottes, »ist ehnder
auch einmal ein katholischer Klosterbruder gewesen.«
»Riebeißel,« gebot der Feldwebel, »du tust das Maul tenieren. Der
Öberste, der kommandieret, bin _ego ipsus_.«
»Also?« fragte der Pfarrer. »Muß ich vorn aufknöpfen oder hinten die
Hos herunterlassen?«
Muckenfüßl überhörte zartfühlend diesen derben Scherz. »Reverende
steht _sub_ geistlicher _judicatura_. Ich hab mich nur zu occupieren
mit denen weltlichen Personibus.«
Da rief ein schwarzbärtiger Musketier, der keinen Blick von der
Haustochter verwandt hatte: »Vor allem müßt man die Weibsleut
visitieren. Die sind am flinksten mit dem Verstecken und haben die
Plätz dazu, wo leicht zum suchen, aber hart zum finden ist.« Er
streckte schon die Fäuste, um Luisa zu fassen.
Hatte sie bei der wachsamen Obrigkeit einen treubesorgten Schutzengel?
Der Feldwebel befahl mit gedämpfter Strenge: »Lasset die frommgläubige
Jungfer in Fried! Visitieret die Mannsleut!«
Luisa stammelte: »Ich bürg mit Seel und Leben für den Vater. Auch für
die Sus.«
»Für uns zwei nit?« fragte der Pfarrer lachend und wandte sich zu
Lewitter, von dem ein Musketier den Kittel herunterschälte. »Das müßt
Ihr leiden, guter Simeon Lewitter! Jeden Kranken untersucht Ihr bis auf
die Nieren. Da dürft Ihr nit klagen, wenn's _vice-versa_ Euch selber
einmal geschieht.« Er guckte zur Tür hinüber. »Luisichen! Jetzt wirst
du aus der Stub gehen müssen. Sonst könnten deine frommen Augen einen
unheiligen Anblick haben. Ein getaufter alter Jud ist als nackichter
Adam auch nit schöner, als ein alter, katholisch geborener Christ. Und
schau, Luisichen, du könntest uns zur Begütigung des Schrecks noch
einen Becher Würzwein kochen? Oder gleich ein Dutzend! Die tapferen
Soldaten Gottes sind wohl auch in der kalten Winternacht einem heißen
Schluck nit abhold.«
Er brachte, während Luisa stumm aus der Stube ging, sein Pfeiflein
wieder in Brand, ließ sich auf den Sessel nieder und begleitete die
ernste Amtshandlung mit freundlichen Reden, die spöttisch unterfüttert
waren.
Zwei Soldaten entkleideten und visitierten den Hausherrn und den
fürstlichen Leibarzt. Der Musketier, der sich sehr mißtrauisch
mit Simeon beschäftigte, fand auch in den Schuhen die eingelegten
Filzsohlen, lüftete sie und stocherte mit dem Finger drunter.
»Ja, Mensch,« sagte der Pfarrer, »das mußt du genau nehmen! Wer weiß,
ob unter dem Pantoffelfilz nit ein Eimerfäßl ketzerischen Seelenweines
verborgen ist.«
Während der Visitation der beiden Männer schnüffelten Muckenfüßl und
Riebeißl in der Stube nach verbotenen Schriften. Sie öffneten jeden
Kasten und jede Truhe, rissen jede Schublade heraus und drehten das
Unterste zu oberst. Auf den Knien rutschten sie über die Dielen,
klopften die Bretter ab und fühlten nach verdächtigen Fugen. Der
Pfarrer guckte ihnen lustig zu. Plötzlich scheuerte er heftig seine
Nabelgegend und sagte lachend: »Feldwebel, Ihr müßt einen hungrigen
Kanzleifloh mitgebracht haben! Der ist hergehupft auf mich, und jetzt
beißt er mich in der Magengrub.«
Muckenfüßl brummte was Unverständliches und begann die braune
Vertäfelung der Mauer nach Geheimfächern abzuklopfen. Die drei Männer
-- der eine im schwarzen Priesterkleid und die beiden anderen, die
irdisch enthäutet in der Stube standen -- sahen nicht nach der
Mauerstelle hin, die der Feldwebel mit besonderer Sorgfalt abhämmerte.
Aber während sie ruhig miteinander redeten, funkelte ein gespanntes
Lauschen in ihren Augen, und alle drei tauschten einen frohen Blick,
als Muckenfüßl seine obrigkeitliche, den reinen Gottesglauben
behütende Tätigkeit weiter gegen die Tür hin verschob.
Die zwei gründlich Visitierten durften wieder in ihre Kleider schlüpfen.
Luisa und die weißblonde Magd, die einen verzweifelten Sorgenblick auf
den Meister heftete, brachten die sieben dampfenden Würzweinbecher.
Muckenfüßls Amtsmiene milderte sich beträchtlich. Doch bevor er sich
völlig zurückverwandelte in ein wohlwollendes Menschenkind, mußte er
noch die wirksamste seiner Künste zur Anwendung bringen und sagte mit
inquisitorischem Ton: »Gelobt sei Jesus Christus und seine heilige
Mutter Maria?«
Meister Niklaus, der Pfarrer, Simeon, Sus und Luisa antworteten: »Von
nun an bis in Ewigkeit, Amen.«
Jetzt nickte Muckenfüßl. »Alles _in ordine_ befunden. Will's der
Obrigkeit _ad notam_ rapportieren, daß der Angeber ein füreiliges
_rhinozerum_ gewesen ist.« Lachend griff er nach einem Würzweinbecher.
»Zur Salutation, ihr ehrenwerten Monsiörs!«
Man stieß miteinander an und schwatzte heiter, als wäre nicht das
Geringste geschehen in dieser Stunde, die mit der Freiheit dreier
Männer gespielt hatte und vorüberging wie eine Fastnachtsposse.
Als der Feldwebel und die Soldaten Gottes ihre Becher geleert hatten,
sagte Niklaus zu den beiden Mädchen: »Sind die Leut aus dem Haus, so
müßt ihr die beschädigte Tür verstopfen, daß der Schnee nit hereinweht.
Dann legt euch schlafen.«
Wortlos umklammerte Luisa den Arm des Vaters. Dann verließ sie mit
jagendem Schritt die Stube. Und Muckenfüßl sagte: »Ich muß die Herren
noch _specialiter_ monieren _in respecto_ der Polizeistund.«
»Ja, lieber Feldwebel!« lachte der Pfarrer. »Da machet nur, daß Ihr
mit Euren christlichen Gottesstreitern flink in die Federn kommt! Ihr
seid die einzigen, die sich gegen das obrigkeitliche Gebot versündigen.
Meister Niklaus ist in seinem eigenen Haus, ich als Kapitelfähiger des
Stiftes steh außerhalb des Polizeigesetzes, und Lewitter als Medikus
hat Freipaß bei Tag und Nacht.«
»Als Medikus! Ich observier aber nit, daß einer von den Monsiöribus
marod ist?«
»Doch! Mir bremselt's in den unteren Gründen. Da hab ich den Medikus
nötig. Oder wollet *Ihr* mich davon erlösen?«
»So ein alter Senior! Und allweil Spaßettibus!« Den Kopf schüttelnd,
ging Muckenfüßl zur Türe. »Daß die Menschheit doch nie zu Verstand
arriviert.«
Während die Schritte der Musketiere über die Stiege hinunterpolterten,
standen die drei Männer ernst um den Tisch herum. Als wäre in jedem der
gleiche Gedanke, reichten sie einander die Hände. Und Niklaus murmelte
durch die Zähne: »Wär man kein Rebell, sie täten einen machen dazu!«
»Ist schon wahr,« nickte der Pfarrer, »einen Aufruhr hat nie das
Volk gemacht. Allweil fabriziert ihn die Obrigkeit. Jedes sinnlose
Polizeiverbot ist Mist für den Acker, auf dem was Widerspenstiges
aufgeht.«
Simeon schwieg. Meister Niklaus nahm den Kopf zwischen die Hände: »Was
für eine Zeit ist das! Sie stellt die Lumpen als Wächter vor jedes
Ding, das wahr und heilig ist.« Er lauschte. Im Haus kein fremder Laut
mehr; nur ein Brettergerappel drunten im Flur.
Pfarrer Ludwigs braune Warze tanzte zwischen seinen Wangenfalten.
»So! Jetzt können die heimlichen Gewissensflöh wieder aushupfen.« Er
löste die Knieschnalle und schlenkerte das Bein. Ein Papierknäuel
rutschte aus der seidenen Finsternis heraus. »Guck! Einer ist schon da.
Allweil sag ich's: der ewige Menschendrang zum Licht!« Er dröselte den
Knäuel auseinander. »Wo bleibt der hebräische Philosoph? Das ist der
evangelische Dorfapostel Josef Schaitberger. Ein Ketzer.« Lachend hob
er das Blatt zum Kerzenreif hinauf. Niklaus machte eine Bewegung, als
möchte er hindern, was der Pfarrer tat. Da züngelte schon die rasche
Flamme. »Laß brennen, Herzbruder! Dein Haus wird ärmer um eine Gefahr.«
Die Papierflamme war klein geworden, war herabgebrannt bis zu den
Fingerspitzen des Pfarrers. Nun blies er kräftig. In vielen Flocken,
von denen ein paar noch glühten, schwamm die Asche in die Luft hinaus.
Wieder schüttelte Pfarrer Ludwig die schwarze Seide seiner Hose. »Guck,
Simmi! Ist *auch* schon da! Dein neufärbiger Philosoph! Ein gefährliche
Mannsbild! Weil er am tiefsten ist in seiner Weisheit. Gelesen haben
wir sie. Mich rührt's nit an. Dem Niklaus ist sie gleichgiltig.
Du, Simmi, hast sie im Köpfl. Besser, wir lassen das Amsterdamer
Tulpenknöspel verschwinden. >Feuer ist allweil hilfreich!< sagten vor
anno Towack die Hexenrichter, wenn sie die alten Weiblen verbronnen
haben.« Wieder eine Flamme. Wieder das Auseinanderschwimmen der Asche.
Nun saßen die drei am Tisch. Der Pfarrer faßte Lewitters Hand. »Erzähl
uns von ihm! Wann ist er gestorben?«
»Vor 56 Jahren, an der Schwindsucht.«
»Weisheit, die Tausende begnaden kann, verbrennt die Seelen, in denen
sie wächst.«
»Er hat den Tod in der Werkstatt eingesogen, als Glasschleifer. Die
jüdische Synagoge von Amsterdam hat ihn ausgestoßen als Verfluchten.
Und er ist von den wärmsten Menschen einer gewesen, ein Erdenkind mit
dem ewigen Gottesfunken in der Seel, mit dem Durst nach Wahrheit in
Blut und Gehirn.«
Die Augen glänzend von einem kummervollen Träumen, sah Niklaus ins
Leere. »Wann wird das kommen, daß jeder leben darf nach seiner Farb?
Die Zeit, wo jeder spürt, daß er mit gleichen Rechten ein Bruder des
andern ist? Mensch neben Mensch?«
Die alte Kastenuhr mit den tiefen Glockentönen schlug Mitternacht.
Pfarrer Ludwig erhob sich. »Die Zeit geht auf den Morgen zu. Lasset uns
beten als Brüder, die dem Licht entgegenharren.«
Die beiden anderen standen schweigend auf, und Meister Niklaus ging
der Wandstelle zu, die der Feldwebel des Pflegeramtes mit erhöhter
Aufmerksamkeit abgepocht hatte. Er drückte auf einen Nagelstift,
der verborgen in der Täfelung saß. Die mit einer dicken Gipsmasse
unterlegte Wandverschalung öffnete sich doppeltürig und zeigte in
der Mauergrotte ein geschnitztes Bild, das einer mittelalterlichen
Weihnachtskrippe glich und von kleinen farbigen Lämpchen mystisch
erleuchtet war -- ein Werk, in dem sich innige Kunst und kindliche
Einfalt miteinander verwoben.
Eine plastische, durch Farben belebte Berglandschaft unter blauem
Himmel. Der höchste Gipfel hatte die gebrochene Zahngestalt des
Wazmann. Auf den Höhen noch der Winter, im Tal der Frühling mit
Blumen, mit grünen Wiesen und belaubten Wäldchen. Kleine Dörfer mit
zierlichen Hütten, in deren aus Glassplittern gebildeten Fenstern
das Licht der bunten Ämpelchen schimmerte, als wär's ein Morgen um
die Stunde, in der die Sonne kommt. Die Herden auf der Weide. Viele
winzige Menschenfigürchen dazwischen: Bauern und Sennleute, Köhler und
Holzfäller, ein Jäger mit Büchse und Hifthorn, ein Floß mit Flößern auf
den Glasbuckeln des Baches, am Ufer des Wassers ein Fischer mit der
Angelrute, auf der Straße ein Trupp Musketiere im Marsch. Über grüner
Anhöhe ein Kirchlein, aus dessen Tor eine Prozession mit vielen Fahnen
herausschreitet. Ganz vorn zur Linken ein Häuschen, in dessen Stube
man hineinsieht; es ist die Werkstätte eines Spielzeugschnitzers, der
mit seinem Weib und vielen Kindern bei der Heimarbeit am Tische sitzt.
Und zur Rechten eine offene Scheune, in welcher alte und junge Leute
andächtig um einen Greis herumknien, der aus einem Buche vorliest.
Zwischen diesen Gruppen ist die Erde geöffnet, und man sieht hinunter
in die Schachttiefen des Salzwerkes, sieht die Salzhäuer bei der
Arbeit, sieht die Förderung mit den rollenden Hunden.
Dieses Kleine, Feine und Zierliche war nur ein Rahmen für den größeren
Mittelpunkt des Bildes. Da stand auf blumigem Hügel ein Kreuz
errichtet, mit der Gestalt des leidenden Erlösers. Unter dem Kreuze
beugt die Heilandsmutter, gestützt von den Armen des Johannes, sich
zärtlich nieder und umschützt mit ihrem blauen, sternbestickten Mantel
drei kleinere Figuren: einen katholischen Priester mit der Stola, den
Moses mit den Gesetztafeln und einen evangelischen Prediger mit dem
Kelch.
Ein leises Knistern war in den Ampelflämmchen, und der dünne Rauch, der
sich in der Grotte gesammelt hatte, quoll wie Nebel um die Schneegipfel
der Berge und begann hinaufzuströmen gegen die Stubendecke.
Stumm, die Herzen erfüllt von träumender Inbrunst, standen die drei
Männer vor dem Bilde, das so ergreifend wie kindlich, so tiefsinnig
wie voll Einfalt war. Und dieses Schweigen war das verbrüderte Gebet
ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihrer gemeinsamen
Hoffnung auf einen Menschenmorgen, von dem sie wußten, daß er kommen
muß -- bald, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere;
nach Jahrhunderten, hoffte der dritte. Und nicht die Farben und
Figürchen, nicht die Lichter und Dämmerungen des Bildes weckten die
Andacht in ihren Herzen. Ihr andächtiger Glaube war es, der ihnen das
tote Gestaltengewimmel belebte und seine flimmernde Enge weitete zum
lichtdurchfluteten Bilde einer werdenden Welt.