Kapitel II

Der Feldwebel des Pflegeramtes, Nikodemus Muckenfüßl, war ein

wohlgenährter, gutmütig dreinschauender Mensch, der seiner biersanften

Natur die Unerbittlichkeit des Polizeitones immer gewaltsam abringen

mußte. Als er, den dünn abgezogenen Schnurrbart um den Finger

kräuselnd, mit Meister Niklaus und den drei boshaft umherspähenden

Musketieren lärmvoll in die Stube trat, saß Pfarrer Ludwig mit

Simeon Lewitter beim Schachspiel und sagte: »Ich weiß nit, warum das

Schachbrett allweil wackelt? Es steht doch kerzengrad auf dem blanken

Tisch!« Er hob das Brett in die Höhe und guckte drunter. Niklaus

verstand diesen Wink und atmete erleichtert auf. Und während Luisa sich

verstört an die getäfelte Stubenmauer preßte, fragte der Pfarrer sehr

erstaunt: »Mein lieber Feldwebel? Seid Ihr so ein leidenschaftlicher

Freund des Schachspiels, daß Ihr aus Ungeduld, ein gutes Spiel zu

sehen, gleich die Haustür eines redlichen Mannes einschlagt?«

Nikodemus Muckenfüßl machte verdutzte Augen. Das Bild, das er in der

Stube vorfand, schien seinen Erwartungen nicht zu entsprechen. Seine

obrigkeitliche Geistesgegenwart versagte für einige Sekunden. Nun fand

er die strenge Dienstmiene und sagte in dem Polizeideutsch, an das er

sich in der Pflegerkanzlei gewöhnt hatte: »Vor Reverende prästiere

ich in christschuldigem _respecto_. Aber Spaßettibus wider die von

Gott instituierte Obrigkeit sind denen Subjekten nit permittiert. Ich

inquirirre _sub loco hujus_ in Amtibus.«

»Muckenfüßl,« staunte der Pfarrer, »Ihr redet beinah so gut Latein, wie

der Kirchenvater Augustinus.«

»_Silentium!_« brüllte der Feldwebel gereizt. Der Scherz des Pfarrers

bekehrte ihn nicht zu einer reinlicheren Sprache. In diesem Punkte

gehorchte er nur seiner Frau, die zuhause, wenn ihr Nikodämerl so

unverständlich kanzleielte, immer sagte: »Red deutsch, du Rindvieh!« In

dem Schweigen, das sein Befehl erzeugt hatte, erklärte er würdevoll:

»Es ist der wachsamen Obrigkeit _ad aures_ arriviert, daß _in loco

hujus_ des _in specie_ verdächtigen Nikolaus Zechmeister verbotene

_conventicula_ stattfindlich sind, mit _abuso_ ketzerischer _libellis_

und _pamphletica_. Ich bin von Amtibus ordiniert, die Namen der

Präsenten _ad notam_ zu rapportieren, _in quasi_ eine Orts- und

Leibesvisitationem _legaliter_ fürzunehmen.«

Pfarrer Ludwig erhob sich. »So viel Arbeit? Weil wir drei einen Becher

Würzwein schlucken und Schach spielen: Meister Niklaus unter seinem

eigenen Dach, als Hausgäste der Leibmedikus Seiner Hochfürstlichen

Gnaden und ich, von dem Ihr wissen solltet, daß ich ein gutkatholischer

Priester bin?«

»Der Erzschelm Luther,« rief einer von den Soldaten Gottes, »ist ehnder

auch einmal ein katholischer Klosterbruder gewesen.«

»Riebeißel,« gebot der Feldwebel, »du tust das Maul tenieren. Der

Öberste, der kommandieret, bin _ego ipsus_.«

»Also?« fragte der Pfarrer. »Muß ich vorn aufknöpfen oder hinten die

Hos herunterlassen?«

Muckenfüßl überhörte zartfühlend diesen derben Scherz. »Reverende

steht _sub_ geistlicher _judicatura_. Ich hab mich nur zu occupieren

mit denen weltlichen Personibus.«

Da rief ein schwarzbärtiger Musketier, der keinen Blick von der

Haustochter verwandt hatte: »Vor allem müßt man die Weibsleut

visitieren. Die sind am flinksten mit dem Verstecken und haben die

Plätz dazu, wo leicht zum suchen, aber hart zum finden ist.« Er

streckte schon die Fäuste, um Luisa zu fassen.

Hatte sie bei der wachsamen Obrigkeit einen treubesorgten Schutzengel?

Der Feldwebel befahl mit gedämpfter Strenge: »Lasset die frommgläubige

Jungfer in Fried! Visitieret die Mannsleut!«

Luisa stammelte: »Ich bürg mit Seel und Leben für den Vater. Auch für

die Sus.«

»Für uns zwei nit?« fragte der Pfarrer lachend und wandte sich zu

Lewitter, von dem ein Musketier den Kittel herunterschälte. »Das müßt

Ihr leiden, guter Simeon Lewitter! Jeden Kranken untersucht Ihr bis auf

die Nieren. Da dürft Ihr nit klagen, wenn's _vice-versa_ Euch selber

einmal geschieht.« Er guckte zur Tür hinüber. »Luisichen! Jetzt wirst

du aus der Stub gehen müssen. Sonst könnten deine frommen Augen einen

unheiligen Anblick haben. Ein getaufter alter Jud ist als nackichter

Adam auch nit schöner, als ein alter, katholisch geborener Christ. Und

schau, Luisichen, du könntest uns zur Begütigung des Schrecks noch

einen Becher Würzwein kochen? Oder gleich ein Dutzend! Die tapferen

Soldaten Gottes sind wohl auch in der kalten Winternacht einem heißen

Schluck nit abhold.«

Er brachte, während Luisa stumm aus der Stube ging, sein Pfeiflein

wieder in Brand, ließ sich auf den Sessel nieder und begleitete die

ernste Amtshandlung mit freundlichen Reden, die spöttisch unterfüttert

waren.

Zwei Soldaten entkleideten und visitierten den Hausherrn und den

fürstlichen Leibarzt. Der Musketier, der sich sehr mißtrauisch

mit Simeon beschäftigte, fand auch in den Schuhen die eingelegten

Filzsohlen, lüftete sie und stocherte mit dem Finger drunter.

»Ja, Mensch,« sagte der Pfarrer, »das mußt du genau nehmen! Wer weiß,

ob unter dem Pantoffelfilz nit ein Eimerfäßl ketzerischen Seelenweines

verborgen ist.«

Während der Visitation der beiden Männer schnüffelten Muckenfüßl und

Riebeißl in der Stube nach verbotenen Schriften. Sie öffneten jeden

Kasten und jede Truhe, rissen jede Schublade heraus und drehten das

Unterste zu oberst. Auf den Knien rutschten sie über die Dielen,

klopften die Bretter ab und fühlten nach verdächtigen Fugen. Der

Pfarrer guckte ihnen lustig zu. Plötzlich scheuerte er heftig seine

Nabelgegend und sagte lachend: »Feldwebel, Ihr müßt einen hungrigen

Kanzleifloh mitgebracht haben! Der ist hergehupft auf mich, und jetzt

beißt er mich in der Magengrub.«

Muckenfüßl brummte was Unverständliches und begann die braune

Vertäfelung der Mauer nach Geheimfächern abzuklopfen. Die drei Männer

-- der eine im schwarzen Priesterkleid und die beiden anderen, die

irdisch enthäutet in der Stube standen -- sahen nicht nach der

Mauerstelle hin, die der Feldwebel mit besonderer Sorgfalt abhämmerte.

Aber während sie ruhig miteinander redeten, funkelte ein gespanntes

Lauschen in ihren Augen, und alle drei tauschten einen frohen Blick,

als Muckenfüßl seine obrigkeitliche, den reinen Gottesglauben

behütende Tätigkeit weiter gegen die Tür hin verschob.

Die zwei gründlich Visitierten durften wieder in ihre Kleider schlüpfen.

Luisa und die weißblonde Magd, die einen verzweifelten Sorgenblick auf

den Meister heftete, brachten die sieben dampfenden Würzweinbecher.

Muckenfüßls Amtsmiene milderte sich beträchtlich. Doch bevor er sich

völlig zurückverwandelte in ein wohlwollendes Menschenkind, mußte er

noch die wirksamste seiner Künste zur Anwendung bringen und sagte mit

inquisitorischem Ton: »Gelobt sei Jesus Christus und seine heilige

Mutter Maria?«

Meister Niklaus, der Pfarrer, Simeon, Sus und Luisa antworteten: »Von

nun an bis in Ewigkeit, Amen.«

Jetzt nickte Muckenfüßl. »Alles _in ordine_ befunden. Will's der

Obrigkeit _ad notam_ rapportieren, daß der Angeber ein füreiliges

_rhinozerum_ gewesen ist.« Lachend griff er nach einem Würzweinbecher.

»Zur Salutation, ihr ehrenwerten Monsiörs!«

Man stieß miteinander an und schwatzte heiter, als wäre nicht das

Geringste geschehen in dieser Stunde, die mit der Freiheit dreier

Männer gespielt hatte und vorüberging wie eine Fastnachtsposse.

Als der Feldwebel und die Soldaten Gottes ihre Becher geleert hatten,

sagte Niklaus zu den beiden Mädchen: »Sind die Leut aus dem Haus, so

müßt ihr die beschädigte Tür verstopfen, daß der Schnee nit hereinweht.

Dann legt euch schlafen.«

Wortlos umklammerte Luisa den Arm des Vaters. Dann verließ sie mit

jagendem Schritt die Stube. Und Muckenfüßl sagte: »Ich muß die Herren

noch _specialiter_ monieren _in respecto_ der Polizeistund.«

»Ja, lieber Feldwebel!« lachte der Pfarrer. »Da machet nur, daß Ihr

mit Euren christlichen Gottesstreitern flink in die Federn kommt! Ihr

seid die einzigen, die sich gegen das obrigkeitliche Gebot versündigen.

Meister Niklaus ist in seinem eigenen Haus, ich als Kapitelfähiger des

Stiftes steh außerhalb des Polizeigesetzes, und Lewitter als Medikus

hat Freipaß bei Tag und Nacht.«

»Als Medikus! Ich observier aber nit, daß einer von den Monsiöribus

marod ist?«

»Doch! Mir bremselt's in den unteren Gründen. Da hab ich den Medikus

nötig. Oder wollet *Ihr* mich davon erlösen?«

»So ein alter Senior! Und allweil Spaßettibus!« Den Kopf schüttelnd,

ging Muckenfüßl zur Türe. »Daß die Menschheit doch nie zu Verstand

arriviert.«

Während die Schritte der Musketiere über die Stiege hinunterpolterten,

standen die drei Männer ernst um den Tisch herum. Als wäre in jedem der

gleiche Gedanke, reichten sie einander die Hände. Und Niklaus murmelte

durch die Zähne: »Wär man kein Rebell, sie täten einen machen dazu!«

»Ist schon wahr,« nickte der Pfarrer, »einen Aufruhr hat nie das

Volk gemacht. Allweil fabriziert ihn die Obrigkeit. Jedes sinnlose

Polizeiverbot ist Mist für den Acker, auf dem was Widerspenstiges

aufgeht.«

Simeon schwieg. Meister Niklaus nahm den Kopf zwischen die Hände: »Was

für eine Zeit ist das! Sie stellt die Lumpen als Wächter vor jedes

Ding, das wahr und heilig ist.« Er lauschte. Im Haus kein fremder Laut

mehr; nur ein Brettergerappel drunten im Flur.

Pfarrer Ludwigs braune Warze tanzte zwischen seinen Wangenfalten.

»So! Jetzt können die heimlichen Gewissensflöh wieder aushupfen.« Er

löste die Knieschnalle und schlenkerte das Bein. Ein Papierknäuel

rutschte aus der seidenen Finsternis heraus. »Guck! Einer ist schon da.

Allweil sag ich's: der ewige Menschendrang zum Licht!« Er dröselte den

Knäuel auseinander. »Wo bleibt der hebräische Philosoph? Das ist der

evangelische Dorfapostel Josef Schaitberger. Ein Ketzer.« Lachend hob

er das Blatt zum Kerzenreif hinauf. Niklaus machte eine Bewegung, als

möchte er hindern, was der Pfarrer tat. Da züngelte schon die rasche

Flamme. »Laß brennen, Herzbruder! Dein Haus wird ärmer um eine Gefahr.«

Die Papierflamme war klein geworden, war herabgebrannt bis zu den

Fingerspitzen des Pfarrers. Nun blies er kräftig. In vielen Flocken,

von denen ein paar noch glühten, schwamm die Asche in die Luft hinaus.

Wieder schüttelte Pfarrer Ludwig die schwarze Seide seiner Hose. »Guck,

Simmi! Ist *auch* schon da! Dein neufärbiger Philosoph! Ein gefährliche

Mannsbild! Weil er am tiefsten ist in seiner Weisheit. Gelesen haben

wir sie. Mich rührt's nit an. Dem Niklaus ist sie gleichgiltig.

Du, Simmi, hast sie im Köpfl. Besser, wir lassen das Amsterdamer

Tulpenknöspel verschwinden. >Feuer ist allweil hilfreich!< sagten vor

anno Towack die Hexenrichter, wenn sie die alten Weiblen verbronnen

haben.« Wieder eine Flamme. Wieder das Auseinanderschwimmen der Asche.

Nun saßen die drei am Tisch. Der Pfarrer faßte Lewitters Hand. »Erzähl

uns von ihm! Wann ist er gestorben?«

»Vor 56 Jahren, an der Schwindsucht.«

»Weisheit, die Tausende begnaden kann, verbrennt die Seelen, in denen

sie wächst.«

»Er hat den Tod in der Werkstatt eingesogen, als Glasschleifer. Die

jüdische Synagoge von Amsterdam hat ihn ausgestoßen als Verfluchten.

Und er ist von den wärmsten Menschen einer gewesen, ein Erdenkind mit

dem ewigen Gottesfunken in der Seel, mit dem Durst nach Wahrheit in

Blut und Gehirn.«

Die Augen glänzend von einem kummervollen Träumen, sah Niklaus ins

Leere. »Wann wird das kommen, daß jeder leben darf nach seiner Farb?

Die Zeit, wo jeder spürt, daß er mit gleichen Rechten ein Bruder des

andern ist? Mensch neben Mensch?«

Die alte Kastenuhr mit den tiefen Glockentönen schlug Mitternacht.

Pfarrer Ludwig erhob sich. »Die Zeit geht auf den Morgen zu. Lasset uns

beten als Brüder, die dem Licht entgegenharren.«

Die beiden anderen standen schweigend auf, und Meister Niklaus ging

der Wandstelle zu, die der Feldwebel des Pflegeramtes mit erhöhter

Aufmerksamkeit abgepocht hatte. Er drückte auf einen Nagelstift,

der verborgen in der Täfelung saß. Die mit einer dicken Gipsmasse

unterlegte Wandverschalung öffnete sich doppeltürig und zeigte in

der Mauergrotte ein geschnitztes Bild, das einer mittelalterlichen

Weihnachtskrippe glich und von kleinen farbigen Lämpchen mystisch

erleuchtet war -- ein Werk, in dem sich innige Kunst und kindliche

Einfalt miteinander verwoben.

Eine plastische, durch Farben belebte Berglandschaft unter blauem

Himmel. Der höchste Gipfel hatte die gebrochene Zahngestalt des

Wazmann. Auf den Höhen noch der Winter, im Tal der Frühling mit

Blumen, mit grünen Wiesen und belaubten Wäldchen. Kleine Dörfer mit

zierlichen Hütten, in deren aus Glassplittern gebildeten Fenstern

das Licht der bunten Ämpelchen schimmerte, als wär's ein Morgen um

die Stunde, in der die Sonne kommt. Die Herden auf der Weide. Viele

winzige Menschenfigürchen dazwischen: Bauern und Sennleute, Köhler und

Holzfäller, ein Jäger mit Büchse und Hifthorn, ein Floß mit Flößern auf

den Glasbuckeln des Baches, am Ufer des Wassers ein Fischer mit der

Angelrute, auf der Straße ein Trupp Musketiere im Marsch. Über grüner

Anhöhe ein Kirchlein, aus dessen Tor eine Prozession mit vielen Fahnen

herausschreitet. Ganz vorn zur Linken ein Häuschen, in dessen Stube

man hineinsieht; es ist die Werkstätte eines Spielzeugschnitzers, der

mit seinem Weib und vielen Kindern bei der Heimarbeit am Tische sitzt.

Und zur Rechten eine offene Scheune, in welcher alte und junge Leute

andächtig um einen Greis herumknien, der aus einem Buche vorliest.

Zwischen diesen Gruppen ist die Erde geöffnet, und man sieht hinunter

in die Schachttiefen des Salzwerkes, sieht die Salzhäuer bei der

Arbeit, sieht die Förderung mit den rollenden Hunden.

Dieses Kleine, Feine und Zierliche war nur ein Rahmen für den größeren

Mittelpunkt des Bildes. Da stand auf blumigem Hügel ein Kreuz

errichtet, mit der Gestalt des leidenden Erlösers. Unter dem Kreuze

beugt die Heilandsmutter, gestützt von den Armen des Johannes, sich

zärtlich nieder und umschützt mit ihrem blauen, sternbestickten Mantel

drei kleinere Figuren: einen katholischen Priester mit der Stola, den

Moses mit den Gesetztafeln und einen evangelischen Prediger mit dem

Kelch.

Ein leises Knistern war in den Ampelflämmchen, und der dünne Rauch, der

sich in der Grotte gesammelt hatte, quoll wie Nebel um die Schneegipfel

der Berge und begann hinaufzuströmen gegen die Stubendecke.

Stumm, die Herzen erfüllt von träumender Inbrunst, standen die drei

Männer vor dem Bilde, das so ergreifend wie kindlich, so tiefsinnig

wie voll Einfalt war. Und dieses Schweigen war das verbrüderte Gebet

ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihrer gemeinsamen

Hoffnung auf einen Menschenmorgen, von dem sie wußten, daß er kommen

muß -- bald, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere;

nach Jahrhunderten, hoffte der dritte. Und nicht die Farben und

Figürchen, nicht die Lichter und Dämmerungen des Bildes weckten die

Andacht in ihren Herzen. Ihr andächtiger Glaube war es, der ihnen das

tote Gestaltengewimmel belebte und seine flimmernde Enge weitete zum

lichtdurchfluteten Bilde einer werdenden Welt.

Das große Jagen · 第 13 / 98 题