Der Meister tat einen schweren Atemzug. »Hinter der Mauer ist meines
Mädels Kammer. Da liegt der arme Klosterspatz auf den Knien und
litaneiet in Höllenangst um unsere drei verlorenen Seelen.«
War der Sturm erloschen? Außerhalb der Wände kein Rauschen und Sausen
mehr. Draußen die stummgewordene Nacht. Auch Stille im Haus. Nur immer
dieser eine gleiche Laut, diese stammelnde Mädchenstimme.
Eine weiße Kammer, freundlich anzusehen. Man merkte an ihrem Gerät, wie
zärtlich dieser Raum bereitet war von der Liebe eines Vaters, der sein
Kind in Sehnsucht erwartet hatte nach Jahren des Leidens.
Die Kerze flackerte auf dem Gesimse des von schweren Läden
verschlossenen Fensters, neben dem weißverhangenen Kastenbett.
Schon entkleidet, lag Luisa auf den Knien vor einer Truhe, die
ineinandergekrampften Hände hingerückt gegen ein Altärchen, das
zwischen Leuchtern und künstlichen Blumen unter schimmerndem Glassturz
eine von Goldflittern glitzernde Madonna mit dem wächsernen Jesuskinde
zeigte. Fünf Ave Maria, die Litanei zur Gottesgebärerin, wieder das
Ave Maria, immer mit der gleichen bebenden Stimme, die wie ein leises
Schreien aus angstvoller Seele klang. Und so lange betete Luisa, bis
der Glaube an die Hilfe wieder leuchtend in ihrem Herzen war. Sie
bekreuzte die Stirne, den Mund und die knospende Brust, beugte sich
vor und küßte das kalte Glas, das sich behauchte von ihrem Atem.
Dann trat sie auf den nackten Sohlen zum Kastenbett und begann die
braunblonden Flechten zu lösen. Gleich einem schimmernden Mantel
fiel ihr das Haar um Nacken und Schultern. Mit der Linken streifte
sie die linde Woge über den rechten Arm zurück und wollte die Hände
heben, um das Haar zu knüpfen. Da weiteten sich ihre Augen. Regungslos
betrachtete sie den weißen Arm. Der hatte zwischen Schulter und
Ellenbogen vier blaue, strichförmige Male. Lange verstand sie das
nicht. Nun eine Schreckbewegung, ein Erstarren ihres Gesichtes. Es
waren die Denkzeichen jener stählernen Jägerfaust, die bei der Haustür
im Schneegestöber ihren Arm umklammert hatte. Und ihr war, als klänge
wieder die erregte Jünglingsstimme: »Es ist ein heilig Ding, da wird
ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht!« Wie eine Sinnlose
sprang sie auf das kupferne Weihwasserkesselchen zu, tauchte die ganze
Hand hinein und wusch die blauen Male, immer fröstelnd, als berühre
sie etwas Häßliches. Dann blies sie die Kerze aus und betete in der
Finsternis mit flehendem Laut: »Hilf mir, heilige Mutter Marie! Tu mich
reinigen an Leib und Seel!«
Das Kastenbett krachte ein bißchen, als es die leichte Last einer
zarten Jugend empfing.
Luisa lag unbeweglich. Ihr Atem ging schwer. Hatte ihr Arm eine Wunde?
Von der Stelle der blauen Male rann es ihr wie Feuer ins Blut. Und
immer sah sie ein Bild in der Finsternis: wehendes Blondhaar, eine
braune Stirn und zwei stahlblaue, sehnsüchtige Jünglingsaugen, die von
hundert silbernen Mücken umflogen waren.
Die Hände über der Brust verflechtend, fing sie zu beten an. Das
unheilige Bild verschwand nicht. Sie setzte sich in den Kissen auf
und hob die gefalteten Hände. Die Heiligen, die sie herbeischrie,
halfen nicht und wollten das unreine Bild nicht auslöschen, wollten
den Unsichtbaren, der sich sichtbar machte, nicht zurückstoßen in die
Finsternis.
Mit klagendem Wehlaut hob Luisa sich auf die Knie, beugte sich über
das Fußgestell des Bettes und riß die Tür auf, die in die anstoßende
Kammer führte. »Gute Sus? Du tust noch allweil nit schlafen, gelt?«