Niklaus rückte eine Figur. »So, mein' ich, wär's am besten.«

Die beiden vertieften sich in das Bild des Schachbrettes. Und Simeon

verfolgte aufmerksam die Züge. Als Pfarrer Ludwig eine Wendung fand,

die den Sieg zu seinen Gunsten vorbereitete, nickte Simeon und erhob

sich. Beim Geschirrkasten füllte er zwei langstielige Tonpfeifen

mit Tabak, brannte sie an einer Kerze an und brachte sie den beiden

Spielern. Er selber rauchte nicht. Um außerhalb des Qualmes zu bleiben,

den die beiden Spieler hinbliesen über die Schachfiguren, rückte er

ein Stück vom Tische weg. Und als das Spiel dem Ende zuging, streifte

er einen Schuh herunter und zog unter der eingelegten Filzsohle ein

dünnes, eng beschriebenes Blatt hervor.

»Was Gutes?« fragte der Pfarrer.

»Seit langem hab ich Tieferes nit gelesen. Ich hab mir auch schon

überlegt, wie ich's für euch übersetzen muß.«

»Hebräisch? Aus deinem Talmud?«

»Was Besseres.«

»Wenn *du* das sagst, so muß es eine neue Offenbarung sein.« Pfarrer

Ludwig schob das Schachbrett beiseite.

»Neu? Was in dem Brief da steht, ist bald an die hundert Jahr alt. Mir

ist's neu gewesen. Das Gute in der Welt hat einen langsamen Weg.«

»Wer hat's geschrieben?«

»Erst mußt du es hören. Man soll nit den Namen vor das Werk setzen,

sondern das Werk vor den Namen.« Lewitter begann mit leiser Stimme

zu lesen, während auch Meister Niklaus etwas Heimliches aus dem

Unterfutter seines Kittels herausholte. Nach einer Weile schlug die

alte Kastenuhr die zehnte Stunde. Sie hatte einen tiefen, dröhnenden

Ton. Dabei überhörten die drei, daß an der Haustür jemand pochte, nicht

laut, doch ungeduldig.

Luisa und die Magd, beim Spinnen in der Küche drunten, vernahmen das

Pochen.

Die Magd erschrak. Es war ein dreißigjähriges, weißblondes Mädel,

das einen wohlgeformten Körper und träumende Augen hatte, doch kein

frohes Gesicht. Mit dreizehn Jahren, bei Luisas Geburt, war die Sus als

Kindsmädel in des Meisters Haus gekommen. Nach dem Tode seiner Frau,

als ihm die Tochter um des reinen Glaubens willen genommen wurde, hatte

die Sus getreu bei dem Einsamen ausgehalten und hatte um seinetwillen

ihre Jugend versäumt, sich zerschlagen mit Eltern und Geschwistern, die

es ihr nie verziehen, daß sie atmete unter dem Dach eines Verdächtigen.

Beim Hall der pochenden Schläge war sie bleich geworden und hatte vor

Schreck das Spinnrädl umgeworfen.

»Bleib, Sus! Ich geh schon!« sagte Luisa. »In dir ist Angst, in mir ist

Gott. Drum hab ich nit Ursach, mich zu fürchten.«

Der da draußen mußte die Stimme des Mädchens vernommen haben. Das

ungeduldige Pochen wurde still.

»Jesus!« stammelte Sus. »Ob's nit die Schergen sind?«

»Die kommen zu schlechten Menschen, nit zu uns.« Luisa entzündete die

Blendlaterne. »Mag sein, man holt den Lewitter zum gnädigsten Herrn.

Dem ist zuweilen in der Nacht nit gut. Die ihn verleumden, sagen:

vom vielen Wein. Ich sag: von seiner schlaflosen Sorg um den reinen

Glauben.« Sie ging zur Haustür und schob den Riegel zurück.

Der da draußen wollte hastig eintreten. Weil die Tür noch an einer

Kette hing, öffnete sie sich nur um einen schmalen Spalt. Während

die Schneeflocken hereinwehten, flüsterte in der Nacht eine erregte

Jünglingsstimme: »Lieb Mädel! So tu doch auf!«

Obwohl sie die Stimme gleich erkannte, fragte sie: »Wer pocht so spät

in der Nacht an meines Vaters Haus?« Es klang wie Zorn aus ihren leisen

Worten.

»Einer, der es gut mit deinem Vater meint.«

»Mein Vater kann bauen auf Gottes Hilf. Menschenhilf braucht er nit.«

Der da draußen schien die Geduld zu verlieren. »Sei doch verständig,

Mädel! Ich will deinen Vater warnen.«

»Der ist kein Treuloser und Unsichtbarer.«

»Bei Christi Leiden. Da steh ich in der Nacht und spiel um mein Leben,

weil er dein Vater ist!«

»Kannst du spielen um dein Leben, so wird es so viel nit wert sein.«

Ein zerbissener Laut der Sorge. Dann ein wunderlich wehes Auflachen.

»Tust du dich fürchten? Vor mir?«

»Fürchten? Weil auf heiligem Kirchgang deine Augen mich beschimpft

haben? So bist du. Fürchten tu ich dich nit.« Die Türkette klirrte, und

Luisa trat in die Nacht hinaus. Mit der Linken hielt sie die Türe fest,

damit der Schnee nicht hineinwehen möchte in den Flur, mit der Rechten

hob sie die Laterne.

Das Licht umglänzte einen Sechsundzwanzigjährigen in verschneiter

Jägertracht. Ein junger blonder Bart umkrauste das feste, kühne

Gesicht, das so braun von der Sommersonne war, daß drei Wintermonate

diese Wangen nicht hatten bleichen können. Wie hundert kleine silberne

Mücken flogen die beglänzten Schneeflocken um sein im Winde wehendes

Haar und um die weitgeöffneten Augen, in denen Sorge und Sehnsucht

brannten.

Die beiden schwiegen eine Sekunde lang. Dann die strenge Mädchenstimme:

»Du bist das Licht nit wert. Es hilft dir lügen und macht dich anders

als du bist! Man hat mir gesagt, du wärst ein Unsichtbarer, wenn die

Sonn am Himmel scheint. Da bleib du auch unsichtbar in der Finsternis!«

Das Licht erlosch; nur noch ein schwarzer Schatten stand in dem weißen

Gestöber, und die ernste Jünglingsstimme klagte: »Bist du ein lebiges

Ding mit warmem Blut? Du bist wie zur Winterszeit ein kalter Stein

in deiner Kirch!« Ohne zu antworten, wollte Luisa zurücktreten in

den Flur. Da sprang er auf sie zu, umklammerte mit seiner Stahlfaust

ihren Arm, hielt sie fest, wie heftig sie sich auch wehrte, zog sie

so dicht an seine Brust heran, daß sie seinen heißen Atem empfand,

und flüsterte: »Willst du deinem Vater die Hausruh wahren, so sag

ihm: >Es ist ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch

heut in der Nacht!<« Er drehte das Gesicht, als hätte er ein Geräusch

gehört. Da draußen, im Dunkel, beim Leuthaus drüben, glomm es wie

ein matter, gaukelnder Lichtschein auf; kaum erkennbar war es; doch

die nachtgewohnten Augen des Jägers erkannten, was da kam. »Hinauf!

Zu deinem Vater!« Mit Sätzen, wie ein gehetzter Hirsch sie macht,

verschwand er.

Luisa stand im weißen Gewirbel. Nun war die Sus bei ihr und zog sie in

den Flur zurück, verriegelte die Tür, gebärdete sich wie eine Verstörte

und bettelte: »Tu nit Zeit verlieren! Das mußt du dem guten Herren

sagen! Und tust du's nit, so spring ich selber hinauf --«

Die Stimme der Magd war so laut geworden, daß man sie droben vernommen

hatte. Niklaus kam aus der Tür gesprungen und rief über das Geländer:

»Was ist da drunten?«

»Ich komm, Vater!« Luisa huschte über die Treppe hinauf. »Einer hat

gepocht an der Haustür --« Ein kurzes Zögern. »Ich mein', es ist von

den Söhnen des Mälzmeisters Raurisser der älteste gewesen, der Leupolt.«

»Sag's doch!« klang die angstvolle Stimme der Magd. »So sag's doch dem

guten Herrn!«

Der Name, den Luisa genannt hatte, und die Mahnworte der Magd schienen

den Meister in Sorge zu versetzen. Er zog die Tochter über die

Stubenschwelle und verschloß die Tür. Auch im Blick der beiden andern

war Unruh. »So red doch, Kind! Was ist mit dem Leupolt?«

»Das ist ein sündhafter und schlechter Mensch.«

»Der Leupolt?« fragte Pfarrer Ludwig verwundert. »Den prächtigen Buben

kenn ich seit den Kinderschuhen.«

»Er hat gottferne Augen und hat unsittig zu mir geredet.«

Niklaus wurde ungeduldig. »Red doch, Kind! Was hat er gesagt?« Er

meinte: jetzt, an der Haustür.

Luisa dachte an den sündhaft gewordenen Dreikönigstag. »Auf heiligem

Kirchgang hat er zu mir gesagt: ich tät ihm gefallen.«

Aus Simeons Gesicht verschwand die Ängstlichkeit, und Pfarrer Ludwig

begann zu lachen. »Was für eine Zeit ist das! Ein junges Mädel! Und

hält es für gottwidrig, wenn sie einem festen Buben gefällt! Alle Natur

verdreht sich in Unvernunft. Jedes Wörtl wird überspreizt. Keiner redet

mehr, wie es menschlich wär und wie Herz und Blut es begehren müßten.

Alles wird aufgeblasen. Jeder lustige Erdenfloh muß sich verwandeln in

einen Höllendrachen.«

Auch Meister Niklaus schien aufzuatmen. »Und da ist der junge Raurisser

zur Haustür gekommen? Weil er gern mit dir einen Heimgart gehalten

hätt?«

Ein Zornblick funkelte in Luisas Augen. »Das nit. Ich hätt es ihm auch

nit verstattet. Er hat sich frech und unnütz aufgespielt. Du bist, wie

du bist, Vater! Da braucht nit einer warnen. Und braucht nit sagen:

>Für deinen Vater spiel ich um mein Leben.< Und muß nit sagen: >Es ist

ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der

Nacht.<«

Über die Stirn des Meisters ging ein Erblassen, und Lewitter machte

eine erschrockene Handbewegung gegen das Schachbrett hin, während

Niklaus stammelte: »Kind! Warum hast du denn das nit gleich gesagt?«

Luisas Stimme kam einen fremden Klang. »Vater? Ist dein Gewissen nit

rein vor Gott?«

Zur Antwort blieb dem Meister keine Zeit mehr. Lärmende Rufe im Sturm

der Nacht, dröhnende Schläge an der Haustür, ein dumpfes Krachen,

Gesplitter von Holz und das gellende Angstgeschrei der Magd. Als der

Meister die Stubentür aufriß, hörte man im Flur befehlen: »Ein Vigilant

zur Haustür! Einer _in loco hujus_ vor das Kuchlmensch! Einer hat

Vigilanz bei der Stieg! Die drei anderen mit mir! _Citissime_!«

Heiter tätschelte Pfarrer Ludwig die Schulter des vor Schreck wie zu

Stein gewordenen Mädchens: »Fein, Luisichen! Kindlich über alle Maßen!

Den Vater ins Rattenloch bringen! So hat's dein heiliger Gott den

Kindern befohlen! Viertes Gebot!«

Mit erwürgtem Aufschrei jagte Luisa zur Stubentür. Kaum hatte sie dem

Tisch den Rücken gewandt, da riß Lewitter unter dem Schachbrett das

hebräisch beschriebene Blatt und ein anderes hervor, das zwischen

enger Schrift einen Holzschnitt zeigte -- ein Blatt aus dem Nürnberger

Sendschreiben des vor achtundvierzig Jahren aus Berchtesgaden

ausgetriebenen evangelischen Bergmannes Josef Schaitberger. Hurtig

quetschte Simeon die Blätter in zwei kleine Knäuel zusammen, die er

verschlingen wollte.

»Halt, Bruderherz!« Pfarrer Ludwig riß ihm die Knäuel vom Munde

weg. »Papier ist untauglich für einen Menschenmagen. Gib her! Ich

hab ein gutkatholisches Versteck.« Während die große Warze tanzte,

zerrte der Pfarrer die Bäffchen vom mageren Halse weg und ließ hinter

ihnen die zwei Papierknäuel verschwinden. »So! Gleich mit dem ersten

Ruck ist dein Spinoza und des Niklaus Schaitbergischer Sendbrief

hinuntergerutscht bis in die Magengrub. Außerhalb der Gedärm ist's

weniger ungesund.«

Zu diesen heiteren Flüsterworten klangen vom Stiegenflur die

aufgeregten Fragen des Meisters, das Weinen der Magd, die Stimmen und

das Schrittgetrampel der Soldaten Gottes.

Das große Jagen · 第 12 / 98 题