Theatervorstellung der Korrigenden

In dieser historischen Woche, in der aus Anlaß des Regierungsjubiläums

so viele Veranstaltungen „Fürs Kind“ stattfanden, gab es auch eine,

deren Arrangeure ihre Veranstaltung als Selbstzweck betrachteten. Kein

„Anlaß“, kein „wohltätiger Zweck“. Und wer war es, der diese Ehrlichkeit

bewies? Die Korrigenden in der Landeszwangsarbeitsanstalt auf dem

Hradschin.

Am Donnerstag um halb 3 Uhr nachmittags fand oben eine

Theatervorstellung statt. Direktor Tilšer hatte mir nach Erscheinen

eines Artikels, den ich über Bewohner und Einrichtungen der Hradschiner

Zwangsarbeitsanstalt veröffentlicht hatte, die Einladung zu dieser

Vorstellung gesandt, damit ich „bei dieser Gelegenheit auch die

lichteren Seiten des Anstaltslebens kennen lernen“ möge. So kam ich

hinauf.

Im Hofe waren die Zwänglinge. Aber nur wenige promenierten, nur wenige

vergnügten sich am Kegelspiel. Die meisten drängten sich vor dem breiten

Tor, das sich nun bald öffnen sollte, um die Theaterbesucher in das Haus

zu lassen. Sie drängten sich und zwängten sich, wie die Leute an den

Kassen zu den Maifestspielen. Aber sie benahmen sich doch wie Menschen

dabei, und wenn ein Besucher kam, machten sie willfährig Platz.

Gespielt wurde im Korbflechtersaale. Der war sorgfältig adaptiert. An

der einen Breitseite stand festgezimmert die Bühne.

Vor Jahren wurden aus dem Dekorationsmagazine des Deutschen

Landestheaters durch dessen Intendanten, weiland Abg. Dr. Ludwig

Schlesinger, der Zwangsarbeitsanstalt mehrere Flächen kassierter

Kulissenleinwand überwiesen. Aus einem dieser Stücke war der Vorhang

geschnitten und mit Lyra, Lorbeer und Maske bemalt worden. Oben das

Landeswappen und einige naive Landschaften. Irgend eines Korrigenden

Werk. Vor der Bühne brennen zwei halbverdeckte Gaslampen — die einzige

Beleuchtung des langen Saales. So nimmt sich der Zuschauerraum gar

seltsam aus. An zweihundert Zuschauer mit dumpfen Gesichtern und

scharfen Blicken. Einige haben die braunen Flanelljacken anbehalten,

andere sitzen in den schmutzigweißen Zwilchkleidern auf den Bänken da.

Das sind fast die einzigen Toilettenunterschiede im Publikum. An der

Wand stehen die Aufseher in Uniformen als Logenschließer. Vor die

Bankreihen, auf denen die Korrigenden sitzen, sind zwei Reihen von

Stühlen gestellt, die sonst in den Wachzimmern verteilt sind: Die

Fauteuils für die Gäste. Denn auch Gäste sind da. Einige Frauen und

Kinder von Aufsehern, sowie von Landwehrfeldwebeln und Oberfeuerwerkern

aus der Nachbarschaft. Vor den Fauteuilreihen bedecken ausrangierte

Bettdecken aus den Schlafsälen die Steinfliesen — Teppiche.

Heute ist deutsche Theatervorstellung, „Deutsches Landestheater“ wie die

Zwänglinge sagen. Das „Tschechische Nationaltheater“ hat eine Woche

vorher gespielt. Aber das Publikum ist zweisprachig. Wenn auch mancher

kein Wort von dem versteht, was da oben auf der Bühne gesprochen wird,

so freut er sich doch der Kleider und des Gehabens seiner deutschen

Kollegen auf dem Podium.

In einer Nische neben der Bühne sitzt das Orchester. Vier Mann. Der

Kapellmeister fehlt dem „Deutschen Landestheater“ ... Die Musikanten

dirigieren selbst. Der Primgeiger ist ein alter, gebückter Mann mit

einer Brille, der krampfhaft in sein Notenblatt blickt. Der zweite

Violinist hat blondes, aufwärts gekämmtes Haar und einen stattlichen

Schnauzbart: er ist ein ehemaliger Musikfeldwebel, der von Stufe zu

Stufe gesunken ist, und nicht zum erstenmale dem Orchesterpersonale der

Hradschiner Zwangsarbeitsanstalt angehört. Neben ihm spielt ein etwa

vierzigjähriger Mann die Flöte; sein schwarzes, gescheiteltes Haar ist

tief in die Stirne gekämmt — der Typ des „šumař“, des böhmischen

Dorfmusikanten. Der vierte und letzte in dieser Kapelle ist der

Harfenist. Sein Instrument hat er sich während seiner Detention, in den

Mußestunden, die ihm nach seinen Taglöhnerarbeiten beim Bau der

Bohnitzer Landesirrenanstalt geblieben sind, selbst angefertigt, und er

beherrscht das Instrument ganz famos, trotzdem er nie Harfespielen

gelernt hat. Sie sind Tausendsassas, diese Gegner der Arbeit.

Gegenüber an der Wand lehnt ein Feuerwehrmann. Bei näherer Betrachtung

merkt man aber, daß es gar kein Feuerwehrmann ist, sondern ein

Korrigend, der den Feuerwehrmann spielt, weil eben ein solcher zu jeder

anständigen Theatervorstellung gehört. Der Mann hat blankgeputzte

Röhrenstiefel, einen sauber gewaschenen Zwillichanzug, einen

Feuerwehrhelm — aus Pappendeckel und einen Gürtel aus dem gleichen

feuersicheren Material. Er ist von seiner Rolle ganz durchdrungen und

sein Blick schweift fortwährend durch den Saal, inspizierend und

Bewunderung heischend.

Man spielt heute, laut dem autographierten Programm, das auch die Namen

der Darsteller nennt, drei Einakter. Zunächst das „Versprechen hinter’m

Herd“. Hinter der Bühne wird geläutet, die Musik bricht jäh ab, der

Souffleur kriecht coram publico in einen in der Korbflechterei

hergestellten Strandkorb, dessen offene Seite der Bühne zugewendet ist.

Der Vorhang hebt sich bis etwa zur halben Bühnenhöhe. Dann kann er nicht

weiter. Aber der Darsteller des „Freiherrn von Strietzow“ legt selbst

Hand an, ein Ruck und der Vorhang ist ganz oben. Die Erwartungen, die

man nach dieser vielversprechenden Leistung des „Baron Strietzow“ an

diesen knüpft, werden leider nicht erfüllt. Dieser Schauspieler hat kein

Gefühl für das Parodistische, das in dieser Rolle des Berliner

Salontirolers liegt. Er redet nicht „berlinerisch“, sondern den Dialekt,

den man in seinem Heimatsorte Georgswalde bei Schluckenau spricht. Sein

Kostüm ist schon aus technischen Gründen kein karikiertes, kein

gigerlhaftes, und so maßt er sich auch nicht das Recht an, anders zu

sein, wie die übrigen Darsteller, die echte Tiroler sein sollen. Sogar

wenn er aus seinem Notizbuch einen verstümmelten „Nationalgesang“

vorträgt, singt er ihn wie ein Schnadahüpfel. Er trägt ihn vor, so gut

er eben kann, und würde es unverständlich finden, daß ein Schauspieler

absichtlich patzen soll.

Grandios ist der Darsteller des Wirtes und Wilddiebes Quantner. Sein Lob

wäre nur in Superlativen zu singen. Wenn er sich räuspert, wenn er sich

schneuzt, wenn er sich seine Pfeife ansteckt, wenn er sich nach

herzhaftem Trunk mit der Zunge den Bart reinigt, wie er sein

Versprechen, daß alles, was hinter’m Herde liegt, des Dirndls Eigentum

sein soll, langsam und schwerfällig auf das Papier kritzelt, ist er von

einer Echtheit, wie sie kein Berufsschauspieler aufzubringen vermag. Und

wie er dann mit geballter Faust auf seinen unfolgsamen Sohn zustürzt —

das kann kein Mime kopieren, das muß von klein auf gelernt sein. Da sich

die Biographie dieses vortrefflichen Schauspielers in keinem

Bühnenlexikon vorfindet, sei erwähnt, daß „Quantner“, ein etwa

fünfzigjähriger Mann, schon zum viertenmale im hiesigen Arbeitshaus

deteniert ist. Nach seiner Freilassung treibt es ihn immer wieder in die

Alpen, wo er im Sommer und Winter umhervagiert. Aber auch auf den

Bergen, wo angeblich die Freiheit wohnt, gibt es Gendarmen, und die

bewirken es, daß er immer wieder nach Prag, zum Schauspielerberuf,

zurück muß. Nach der Überzeugungstreue, mit der er den Wilddieb auf der

Bühne verkörpert, könnte man schließen, daß er dieses Handwerk auch

außerhalb der Bühne auszuüben gewohnt ist. Wie dem auch sei: Erwischt

wurde er wegen dieses Deliktes noch nicht, denn unter seinen achtzehn

Vorstrafen finden sich nur solche wegen Landstreicherei, Diebstahls,

Vagabundage u. dgl.

Das „Nandl“, die brave Bauerndirn, spielt ein jüngerer Korrigend. Er

sieht ganz reizend aus und beherrscht seine Rolle vortrefflich. Den Sohn

des Quantner und Geliebten der Nandl spielt gleichfalls ein junger

Bursch. Er war noch vor kurzem in der Arbeitsanstalt für Jugendliche in

Grulich interniert, hat sich aber nicht dauernd gebessert, obwohl er

dort brav und fleißig gewesen war. Gleich nach seiner Entlassung hatte

er seine Kleider verkauft und sich einer umherziehenden Zigeunertruppe

angeschlossen. Aus der Hradschiner Anstalt, in die er dann gebracht

worden ist, ist er entwichen, als er zur Arbeitsleistung in die

Findelanstalt beordert worden ist. Sein Spiel ist gedrückt. Er geht fast

fortwährend im Hintergrund der Bühne auf und ab und bringt seine Sätze

halb zaghaft, halb mürrisch hervor. Das wirkt sehr gut, denn er gibt ja

einen unglücklichen Liebhaber.

Das Stück ist aus. Das Publikum klatscht stürmisch und die Darsteller

machen ungelenke Komplimente. Der Vorhang fällt. Herr Direktor Tilšer

willfahrt in liebenswürdiger Weise meinem Wunsche, die Bühne von

rückwärts besichtigen zu dürfen. Man stellt die Kulissen zum nächsten

Stücke auf. Der Protagonist, der „Quantner“, hockt auf der Schulter des

„Feuerwehrmannes“ und schlägt oben auf der Kulisse zwei Nägel ein. Auch

„Fräulein Nandel“ zimmert eifrig und keiner von den Akteuren ist müßig.

Die Anordnungen schwirren durcheinander: Einen Regisseur scheint es

nicht zu geben, und ein Aufseher darf nicht hierher. Die Künstler achten

streng auf die Wahrung ihrer Autonomie. Auf einem Tisch liegt ein dickes

Heft, auf dem von ungeschickter Hand mit Bleistift unorthographische

Sätze gekritzelt sind: Die Rolle.

Das zweite Lustspiel beginnt. Es heißt „Ein Zwiegespräch“ und der Witz

besteht darin, daß ein alter Sonderling einen Besucher für den

Aspiranten auf die Wärterstelle bei seiner Katze hält, während sich der

Fremde um die Hauslehrerstelle bei der Tochter des Privatiers bewirbt.

Den Hauslehrer spielte ein junger Bursch, ein wiederholt vorbestrafter

Einbrecher, ganz gut. Aber den größten Beifall hatte er, als er wie

unversehens an seinen Partner anstieß, und in einem prächtigen

Purzelbaum zu Boden stürzte. Ebenso bildete es im nächsten Stücke, dem

Lustspiel „Er muß taub sein“, den Höhepunkt der Handlung, als der von

seiner Taubheit geheilte Hausherr plötzlich die Beschimpfungen seines

Dieners vernimmt, und diesem einen Fußtritt in den Rücken versetzt, der

entschieden an anderer Stelle nach § 421 StG. geahndet worden wäre.

(Stürmischer Beifall.) In diesem letzten Stücke spielt übrigens auch ein

ehemaliger Bauzeichner, der sich ganz als Gentleman benimmt und seine

Mahlzeit in einer Weise verzehrt, die auch den höchsten Anforderungen

des guten Tones entspricht.

Zum Schluß der Vorstellung singen die Darsteller aller Stücke ein

weihevolles Abschiedslied „Gute Nacht“. Es ist ganz rührend, wie diese

wetterharten Feinde der menschlichen Gesellschaft den feierlichen,

kindlichen Choral anstimmen.

Alles ergießt sich in den Hof, um sich draußen die Tabakspfeife

anzuzünden. Nur die Akteure müssen hierbleiben. Sie haben die Kostüme

abzulegen und einzupacken, damit sie morgen der Maskenleihanstalt wieder

rückerstattet werden können, von der sie um den Preis von drei Kronen

ausgeliehen worden sind. Dies sind die ganzen Barauslagen: sie werden

aus den Zinsen des Depositenfonds und durch freie Spenden des Direktors

gedeckt. Dann muß die Bühne abgenommen, die Kulissen, der Vorhang und

der geflochtene Souffleurkasten wieder ins Magazin getragen werden.

Jetzt hört für die Schauspieler das Benefizium auf, am Abend eine Stunde

länger aufbleiben und die Rollen lernen zu dürfen; in dem Saal, in dem

sie heute akklamierte Künstler waren, müssen sie morgen auf den

Steinfliesen sitzen und Weidenruten zu Körben flechten. Für geraume Zeit

bleibt ihnen nur die Erinnerung an ihren Erfolg, an die „lichteren

Seiten des Anstaltslebens“.

Aus Prager Gassen und Nächten · 第 16 / 37 题