Es war einmal — so geht ein Grimmes Märchen — eine Stadt, die sehr,
sehr alt war. Das konnte man an den vielen altertümlichen Häusern und
Türmen sehen und an dem Schmutz, der überall in den Straßen, auf den
Plätzen, in den Häusern und selbst im Wasser des Stromes vorhanden war.
Während aber die altertümlichen Häuser und Türme den Machthabern dieser
Märchenstadt durchaus nicht heilig waren, war es der Unrat um so mehr.
So heilig war der, daß eine unverbürgte Sage ging, im Hause des weisen
Rates der Stadt sei am meisten Schmutz verborgen und seine Erhaltung
verschlinge jährlich viele Millionen Goldes.
Und draußen vor der Stadt, am Fuße eines Berges, auf dem Žižka,
der Einäugige, eine Schlacht gekämpft hatte, in einer Gegend, die nach
diesem Žižka benamset war, lebte ein Recke. Der war ein kühner
Kämpfer und ein mutiger Rufer im Streite, aber er war von unbezwingbarer
Habgier beseelt. Er hatte nicht genug an dem Schmutze, der in seiner
Behausung war, er wollte auch den Schmutz der anderen sein eigen nennen.
So fuhr er denn, um dieses Kleinod zu erringen, alltäglich auf seinem
hohen Streitwagen auf Beute aus.
Seine Farbe war grau. Grau war der Wagen, den er stehend lenkte, grau
war der Morgen, wenn er seinen Beutezug antrat, grau war die Kunde von
seines Vaters Nam’ und Art, und grau war der Inhalt der Kisten und
Kasten, deren Besitz er erstrebte. Statt eines Helmes trug der reisige
Held eine blaue Kappe, auf der das Wappen seines Heimatsortes prangte.
In diesem Wappenschilde sah man ein vergittertes Fenster, wie man ihrer
auch im städtischen Arresthause „Fišpanka“ mancherlei sieht, und in
dem Fenster sah man einen Arm, der gebogen war, wie der Arm eines
ritterlichen Mannes beim „Šlapák“-Tanze. Im Gegensatze zu den Hörigen
und Unfreien, die draußen vor der Stadt auf dem Pankratius-Hügel wohnten
und kurzgeschorenes Haar hatten, trug unser Ritter eine Locke in die
Stirn gekämmt, die sein linkes Auge verdeckte, so daß er aussah wie sein
Ahnherr Žižka. Das war das Zeichen, daß er kein Unfreier, sondern
ein „freier“ war. Keinen Marschallstab, kein Szepter trug er in seiner
Hand — nur eine Peitsche; wenn er aber die seinen mutigen Rössern um
die Ohren sausen ließ, so erdröhnte ein stärkerer Knall als jener des
Mörserschusses, der allmittäglich den Sklaven in dieser Stadt
verkündete, daß sie in ihrer Robottarbeit innehalten durften.
Vor seinem Wagen schritt ein Herold, der kündete das Nahen des Recken,
indem er eine Sturmglocke läutete.
Die Bürger wußten, was dieses schrille Läuten zu bedeuten habe, aber
niemand wagte es, mit dem Recken anzubinden, niemand wagte es, ihm die
Asche, den Kehricht und den Schmutz, diese so kostbaren Kleinodien
vorzuenthalten. So sandten sie ihre Jungfrauen hinab auf die Straße, auf
daß diese seinen kriegerischen Sinn betörten, und ihm selbst den Tribut
überantworten mögen.
Aber der Ritter war rauh und unbeugsam, und er hatte kein Auge für die
holden Mägdlein, die, malerisch gruppiert, seinen Wagen umstanden. Er
hatte nur Augen für die Schätze, die sie ihm in kostbar alten Kisten und
seltsam verbogenen Gefäßen darreichten. Mochte die Last, die so ein
schwaches Jungfräulein auf den hohen Wagen zu heben hatte, noch so
schwer sein, nie beugte er sich über seines Wagens Brüstung, um dem
schwachen Wesen behilflich zu sein. Nur beim Entleeren des Gefäßes griff
er selbst Hand an, der Habgierige, auf daß auch nichts von dem Inhalte
in der Opferschale zurückbleibe. Er begnügte sich nicht damit, daß ihm
die ehrsamen Bürger der Stadt ihre Opfergaben durch schöne Jungfrauen an
den Wagen bringen ließen, er verlangte auch, daß die Schätze gesalbt,
mit dem heiligen Wasser der Stadtbrunnen geweiht und besprengt seien.
Wehe aber, wenn ein Mädchen dies unterließ! Dann schalt und drohte er
grimmig, und manches Wort entfuhr ihm, das man selbst am Fuße des
Žižkaberges nicht allzuhäufig vernommen. Die trägen Mägde mußten
nochmals zurück in das Haus und neuerlich wiederkehren.
Aber er war schön in seinem Groll und manches Mägdlein unterließ es,
ihre Gabe zu besprengen, um in des kühnen Ritters Auge den Blitz des
Zornes zucken zu sehen. Andere aber vergaßen in ihrer heimlichen Liebe
zu dem Ritter, die Gabe zu nässen. Und wieder andere Mägde waren, wie
das damals vorzukommen pflegte, sehr faul und besprengten deshalb die
Asche nicht.
Nur eine Einzige vergaß niemals an ihre Pflicht. Das war ein Mädchen, so
brav und tugendhaft, wie es nur im Märchen vorkommen kann. Dieses fegte
sorgsam die Aschenreste der ganzen Wohnung zusammen und legte sie fein
säuberlich in eine alte Kohlenkiste zusammen, besprengte sie mit Wasser
und ließ sich durch die anderen Mägde, welche müßig und schwatzend auf
dem Gang umherstanden, nicht stören. Deshalb nannten sie die anderen:
„Aschenbrödel.“
Der sorgsame Eifer dieses Mädchens war dem Ritter nicht verborgen
geblieben. Sein Herz entflammte in jäher Liebessehnsucht zu der
minniglichen Maid, und er mußte dem Mädchen nachschauen, wenn er sein
Werk beendet hatte und wieder von dannen fahren mußte gegen Hrdlořez,
wo er in einer Senkgrube alle die Schätze verbarg, die er tagsüber
eingeheimset hatte. Und er begann das Aschenbrödel sichtlich
auszuzeichnen, er half ihr beim Aufladen des Schatzes, er lächelte ihr
von der Höhe seines Wagens freundlich zu.
Ist es da ein Wunder, daß das Aschenbrödel hoffärtig wurde, und daß es
beschloß, den Rittersmann, den sie selbst minniglich liebte, auf die
Probe zu stellen, wie weit seine Liebe gehe. Auch wollte sie den anderen
Mägden, die sie bislang aus ihres Herzens Grunde verachtet hatten, die
Liebe des Ritters beweisen. So fegte sie an einem schönen Herbsttage die
Asche wie sonst zusammen und häufte sie in die Kohlenkiste, aber sie
besprengte die duftige Gabe diesmal nicht mit Wasser.
Als sie hinunter kam vor des Hauses Pforte, wo schon die anderen
Jungfrauen auf ihres Ritters Ankunft harrten, da wurden diese schier
starr vor Staunen. Denn aus Aschenbrödels Kiste wirbelte beklemmender
Staub empor ...
Atemlos und begierig wartete man des Ritters. Dieser kam herbei und sein
Gefährt hielt. Mit zitternden Knien, bleich vor Erregung, kam
Aschenbrödel mit ihrer Truhe herbei — galt es doch heute die
Liebesprobe. Liebevoll neigte sich der Recke zu ihr, um ihr behilflich
zu sein, als er den Staub bemerkte, der aus der hölzernen Opferschale
des Mädchens emporstieg. Einen Augenblick sah man ihn zaudern. Sollte
er, um seiner Liebe willen, für heute die Mißachtung seiner Vorschrift
ungerügt hingehen lassen? Nein, sagte sein Rittersinn. Und mit
schmerzlichem Sinn verweigerte er die Annahme der Gabe. Er wandte sich
den anderen Mägden zu, welche ihr höhnisches Lachen nicht verbargen.
Aschenbrödel ging nicht in das Haus zurück. Sie stellte den
Kehrichtbehälter auf die Erde, setzte sich darauf, schlug die Hände vors
Gesicht und weinte bitterlich. Aber die Staubwolke, die aus dem Gefäße
hervorstieg, vermochte das Mädchen durch sein Körpergewicht nicht
zurückzuhalten, die Wolke hob Aschenbrödel in die Höhe, hüllte es ein
und entführte es in die Prager Luft, in der es bald den Blicken der
staunenden Mägde und des schier zu Eis erstarrten Recken entschwand.
Seither hat man nichts mehr von Aschenbrödel gesehen, nichts mehr von
Aschenbrödel gehört.
Aber der Ritter hat die Hoffnung nicht aufgegeben, daß das Mädchen doch
im Gleitflug irgendwo landen und wieder in die Stadt zurückkehren könne.
Und während längst in allen anderen Städten der Erde die staubfreie
Müllabfuhr mittels Kehrichtschächten, mittels verschlossener,
auswechselbarer Eisenkisten und mittels verschlossener Wagen eingeführt
worden ist, fährt unser Ritter noch heute auf seinem Streitwagen suchend
durch die Straßen jener Märchenstadt, läßt sich von den minniglichen
Mägdlein den Inhalt offener Kästen in den offenen Wagen schütten und
wird so fahren bis zum jüngsten Tag.