_Vor der Streifung_, da geht’s ja hoch her. Da wird getanzt, gespielt,
getrunken, geschäkert, geraucht, gesungen, gestritten, geschrien,
geschimpft und gerauft, daß es eine Freude ist. Weiß der Teufel, wenn
der Herr Oberkommissär Protiwenski dabei wäre, er würde es gewiß nicht
übers Herz bringen, das Idyll mit rauher Hand stören zu lassen. Aber er
ist nicht dabei und er kann am Morgen, wenn er die Razzia anordnet, noch
nicht wissen, daß es am Abend in den heimzusuchenden Lokalen so lustig
sein wird.
„Die Detektivs ... (folgen etwa zwölf Namen) haben um halb 10 Uhr abends
gestellt zu sein.“ Das ist die Ordre, die jede Woche — die Wochentage
wechseln in zwangsloser Reihenfolge ab — mindestens einmal ergeht. Es
ist das Aviso zu der kombinierten Streifung, welche drei oder vier
Partien der Sicherheitsbeamten von verschiedenen Ausgängen aus gegen
einen gemeinsamen Treffpunkt unternehmen. Auf diese Weise bilden die
Polizeigruppen eine Kette, und keinem der lichtscheuen Individuen, die
aus einer Spelunke in die benachbarten wandeln, kann das Glück
widerfahren, daß er immer vor oder immer nach dem Erscheinen der
Streifung kommt und so den Fangarmen der Polizei entgeht. Außer diesen
kombinierten Streifungen gibt es auch noch Generalstreifungen, die
mindestens zweimal im Jahr unter Mitwirkung aller Polizeibeamten
vorgenommen werden, und kleine Streifungen in bestimmte Lokale, die zur
besonderen Beaufsichtigung allen Grund geboten haben. Immer werden die
Razzien nur von Beamten in Zivilkleidern und von Geheimpolizisten
vorgenommen, damit der nächtliche Spaziergang nicht zu großes Aufsehen
errege und das Erscheinen in den ominösen Gasthäusern, Schlupfwinkeln,
Massenquartieren und Branntweinschenken nicht vorzeitig avisiert werde.
Als noch die alten Häuser der Josefstadt standen, waren die Stätten des
Verbrechens und der Ansteckung dort konzentriert. Damals konnte man in
einem Hause oft mehr verdächtige und gesuchte Subjekte festnehmen, als
heute in etlichen Streifungen. Allerdings wurde dieser Vorteil durch das
opferwillige Wirken der Theresia Bartunek fast aufgehoben, von deren in
den achtziger Jahren entfalteten Tätigkeit die Verbrechergilde noch
heute dankbar schwärmt. Theresia stand oft nächtelang am Johannisplatz
in einem Versteck und wartete, bis aus der Türe des Kommissariates die
Beamten traten. Dann eilte sie — halb Läufer von Marathon, halb
Retterin des Kapitols — von einer Spelunke zur anderen, riß die Türe
auf und ließ den Warnungsruf „štrajfuňk“ ertönen ... Heute sind
die Nährböden des Lasters zerstreut. Kein Stadtteil, der frei von ihnen
wäre, kein Stadtteil, in den nicht Razzien unternommen werden müßten.
Kurz nach zehn Uhr abends öffnet sich das schwere Eisentor des
Sicherheitsdepartements in der Bartholomäusgasse. Etwa fünfzehn mit
Stöcken bewehrte Männer treten hinaus: Polizeibeamte und Detektivs. Es
bilden sich drei Gruppen: die eine zieht zur Postgasse hinunter und
wendet sich dann gegen die Obere Neustadt hin. Die beiden anderen
Gruppen schreiten zur Altstadt zu. Bei der Husgasse biegt die Altstädter
Partie ab und die Gruppe, welche die Untere Neustadt mit ihrem Besuche
beehren will, zieht durch die Perlgasse und über den Obstmarkt weiter.
Alsbald haben sie zu tun, allerdings nur mit einer belanglosen Klientel:
Es sind Passantinnen, welche die ihnen schon längst bekannten
Polizeibeamten mit einem grenzenlos ehrfürchtigen und wohl oft
heuchlerischen „Küß’ die Hand, gnädiger Herr“ begrüßen. Paßrevision. Man
sieht nach, ob in dem Dienstbuch des Mädchens das Datum des vergangenen
Montags eingetragen ist, und sie können ihren Weg fortsetzen. Manche
„gehen bloß zu ihrer Schwester“, aber da die mißtrauischen
Polizeibeamten aus verschiedenen Gründen dieser rührenden Schwesterliebe
absolut nicht glauben wollen, so muß die Dame statt zu ihrer Schwester
auf die Wachstube gehen. Eine wieder kann das Buch nicht finden, sie
habe es verlegt. Auch diese Buchverlegerin wird dem nächsten Wachmann
übergeben, der dem schönen Fräulein Arm und Geleite bis zum nächsten
Kommissariat anbietet. Sie wehrt sich: Sie sei weder Fräulein, weder
schön und könne ungeleitet nach Hause gehen. Aber das nützt ihr nichts.
Die Streifenden setzen ihren Weg fort. Die Wachposten auf der Straße
grüßen nicht; der Gruß würde das Inkognito der Zivilpolizisten lüften,
und ihr Nahen könnte leicht drahtlos an die interessierten Stellen
depeschiert werden. Endlich ist man vor einem Gasthaus, aus dem Jubel
und Lärm auf die Straße dringt. Plötzlich wird es drinnen still, jemand,
der gerade im Hausflur war, ist in das Lokal gestürmt und hat _das
Erscheinen der Streifung_ gemeldet. Jäh verstummt der Lärm. Paare, die
sich zärtlich verschlungen hielten und eben unzertrennliche Liebe
schworen, stieben auseinander und rennen, wie die Zecher, die gerade das
Glas zum Munde führen wollten, wie die Kartenspieler, die eben den
Eichel-Ober übertrumpfen wollten, den Ausgängen zu. Aber die sind
besetzt: Im Haupteingang steht der Beamte, an den Seiteneingängen
Detektivs. Die aufgeschreckten Gäste sehen, daß an ein Entkommen nicht
zu denken ist, und kehren wieder in den Saal zurück.
„Ganz untertänigster Diener, hohe Regierung,“ so tönt es devot von den
Lippen des Wirtes, der an den Beamten herantritt, ehrerbietig die
speckige Kappe zieht und sich im rechten Winkel verbeugt. Der Wirt hat
alle Ursache, mit den Polizeibeamten höflich zu sein, wenn diese auch
jetzt seine besten Gäste wegführen werden: Schon mehrere Male ist ihm
mit der Entziehung der Konzession gedroht worden und wieder hat vor
kurzem ein Gast seines Lokales einen anderen derart liebkost, daß am
nächsten Tage in den Zeitungen unter dem Titel „Eine tödliche Ohrfeige“
darüber berichtet wurde.
Der Beamte ignoriert den Gruß. Rundgang und Cercle beginnen. Ein Mädchen
sitzt nahe der Türe an einem Tisch, neben ihr ein Jüngling. Die beiden
markieren ein zärtliches Gespräch und scheinen sich um die Eintretenden
gar nicht zu kümmern. Sie haben verabredet, ein Brautpaar darzustellen.
„Was machen Sie hier?“ fragt der Beamte das Mädchen.
„Ich bitte, ich bin mit meinem Bräutigam hier.“ Fast beleidigt klingt
das. Und der Galan nickt eifrig Bestätigung.
„So, so, Fräulein Harlak, Sie haben wohl geglaubt, daß ich Sie nicht
erkennen werde, weil Sie jetzt ein Jahr in Brünn waren?“ Die Erkannte
wird blaß. Der Beamte wendet sich in strengem Ton an ihren Partner: „Das
ist also Ihre Braut?“
Der „Bräutigam“ hat jedoch „Spundus“ gekriegt und er verleugnet seine
Braut. Er schweigt. Da wird aber die Verratene, die kurz vorher noch so
zärtlich schien, sehr fuchtig:
„Was? Zehn Glas Bier hab’ ich Dir schon gezahlt und jetzt willst Du mich
nicht kennen. Du Hundekerl, Du ...“ Ein Wink des Beamten beendet den
Redeschwall der Jungfrau. Ein Detektiv führt sie zu dem neben der Türe
gelegenen Tisch, wo sich alle versammeln müssen, welche der Beförderung
in „Direktor Wejřiks Hotel“, das Polizeigefangenhaus, wert erachtet
werden.
Inzwischen hat der Beamte einem Manne seine Aufmerksamkeit zugewendet,
der allein an seinem Tisch sitzt. Fast die ganze Biertasse ist
schraffiert — jeder Strich bedeutet ein Glas, das der einsame Zecher
hinter die fehlende Binde gegossen hat. Beamter und Gast blicken
einander in die Augen und über beider Gesichter huscht ein Lächeln, das
zu sagen scheint: Sieh da, ein alter Bekannter!
„Guten Abend, Herr Kommissär,“ bricht der Zecher das Schweigen.
„Schönen guten Abend, Herr Lojsa,“ wünscht der Kriminalpolizist. „Was
machst Du denn hier?“
„Ich trinke,“ antwortet Lojsa naiv und treuherzig.
„So? Du weißt wohl nicht, daß jetzt schon zwölf Uhr ist, und daß Du
(Lojsa steht unter Polizeiaufsicht) um acht Uhr abends zu Hause sein
sollst?“
„Gnädiger Herr, ich habe jetzt zwei Tage Holz gehackt und da wollte ich
heute ...“
„Holz hast Du gehackt? Es wird wohl das Holz einer Wohnungstüre gewesen
sein. Der Kratochwil ist gestern wegen Einbruchs festgenommen worden und
hat gesagt, Du könntest sein Alibi nachweisen.“
„Ja, Herr Kommissär, das kann ich nachweisen!“
„Kannst Du? Umso besser.“ Und schon führt ein Polizist den stillen
Zecher zu dem Sammelplatz neben der Tür, wo schon Fräulein Harlak
Aufstellung genommen hat. Hier haben übrigens auch die Kellnerinnen des
Lokales Posto gefaßt, um von den „Auserwählten“ die Zeche
einzukassieren.
Der Polizeikommissär hat wieder einen alten Freund erspäht: „Kuželka,
Du hast doch Prag!“, ruft er ihn an. Das ist ein elliptischer Satz, das
Prädikat „verboten“ ist zu ergänzen. Aber jeder, der das Prager
Rotwälsch versteht, versteht auch dieses Satzfragment.
Revertent Kuželka will in einer langatmigen Rede dem Kommissär
auseinandersetzen, welch wichtige Angelegenheiten ihn nach Prag geführt
haben, während ihn in Wirklichkeit die schönen „Arbeitsgelegenheiten“
und der gleichgestimmte Freundeskreis wieder in die Landeshauptstadt
riefen, aus deren Polizeirayon er dauernd abgeschafft ist. Der Beamte
hört ihm einen Augenblick lang aufmerksam zu und scheint seinen
Argumenten voll beizustimmen. Dann sagt er freundlich zu Kuželka:
„Dorthin stell’ dich.“ Da weiß der erfahrene Kuželka, daß alle
weiteren Rekriminationen vergeblich sind und stellt sich zur Tür.
Das Frage- und Antwort-Spiel geht weiter. Der Polizeibeamte läßt sich
Arbeitsnachweise zeigen und erkundigt sich nach dem Obdach der Gäste.
Manchmal fallen die Antworten befriedigend aus, manchmal aber endet das
Spiel mit dem Wink gegen den Formierungsplatz bei der Türe. Alle Gäste
sind verhört worden. Da wendet sich der Beamte zu dem Billardbrett und
stöbert mit seinem Stock unter die Wachsleinwand, die das Billardbrett
bis zum Boden bedeckt. Unten ist jemand. Das hat der Beamte ohnedies
gewußt und wollte nur den Zeitpunkt der Entdeckung möglichst lange
hinausschieben, damit der dort Versteckte schon die Hoffnung schöpfe,
die Polizei überlistet zu haben. Aber als die Person auf seine
Aufforderung hin hervorkriecht, ist der Beamte des Kriminalbureaus doch
überrascht:
„Die tolle Andula! Wie kommst Du denn her? Um vier Uhr hat Dich der
Polizist über die Rayonsgrenze hinausgeführt, und jetzt bist Du wieder
hier!“
„Zu Fuß, gnädiger Herr, bin ich wieder zurückgegangen. Ich glaube, daß
ich früher hier war, als der Polizist auf dem Kommissariat. So bin ich
gelaufen. Meine ganzen Lackschuhe sind kaput. Neun Gulden haben sie
gekostet. Und jetzt werde ich wieder eingesperrt.“
Das Mädel, ein siebzehnjähriger Fratz, der verderbter ist, als die
ältesten Kolleginnen, verzieht schmollend das Gesichtchen, das nicht
unschön genannt werden kann.
Der Polizeibeamte sagt seinen Refrain: „Stell’ Dich dorthin.“ Dann
kommandiert er den Ausgehobenen „rechts um, Marsch“, der Wirt zieht noch
devoter sein Käppi, draußen übernehmen uniformierte Polizisten die
Eskorte. Weiter geht die Razzia.
_Nach der Streifung_ ist in den Lokalen die ganze Stimmung verflogen.
Der spärliche Rest der Gäste zahlt seine Zeche, und wenn ein
Polizeiorgan die Flüche hören würde, die der vorher so devote Wirt jetzt
gegen die Behörden ausstößt, so würde es diesem wohl nicht gut ergehen.
Um halb 2 Uhr nachts treffen die Partien der Sicherheitsleute, wie
verabredet, beim Pulverturm zusammen. Die einzelnen Beamten erstatten
dem Rangshöchsten Bericht über die Vorkommnisse, die Detektivs werden
nach Hause entlassen. Die Razzia ist beendet, der Boden der Großstadt
wieder einmal gekehrt worden. Vierundfünfzig Verhaftete. In der
Aufnahmskanzlei des Polizeigefangenhauses werden ihre Personalien
aufgenommen, die Taschen untersucht, Zellen angewiesen.
Am nächsten Tage werden Akten geschrieben, ärztliche Untersuchungen
vorgenommen. Die Verhafteten werden nun in den bekannten grünen Karossen
in das Strafgericht, in das Bezirksgericht, in das Allgemeine
Krankenhaus oder in die „Fišpanka“, das städtische Arbeitshaus,
befördert. Da gibt es dann Requirierungen und Erhebungen, die
Heimatszuständigkeit muß ermittelt, der Schubkostenersatz verlangt,
Convoyanten für die abzuschiebenden Personen beordert werden und was
dergleichen schöne Schreibereien mehr sind.
Was Wunder, daß dann die betroffenen Beamten mehr als die Prager
Verbrecher und Vagabunden über die Prager Streifzüge der Polizei
schimpfen!