Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister

Genau eine halbe Stunde, nachdem es einem widerwärtig geworden ist, die

endlose Beneschstraße in Pankratz zu durchschreiten, zweigen die

Telephonstangen nach rechts ab, und man hat ihnen zu folgen. In der

Třebizskygasse sieht man zum höchsten Erstaunen, daß die Gegenden,

die man vorher durchschritten hat, höchstentwickelte Großstadt waren. Im

Verhältnis nämlich. Auf einem Feldweg geht es weiter gegen Dworetz. Der

Schnee ist weiß wie das Kleid einer Kranzeljungfer; wenn er doch auch

kniefrei wäre! Auch die Volants sind von stilwidriger Färbung: Braune

Spuren der Wagenräder, die den Schnee in Kot verwandelt haben.

Schließlich kommt man zu einem Bildstock, dem man ganz deutlich ansieht,

daß er vor Jahren grün angestrichen war. In einer blauen Nische steht

eine winzige, mit Gold bemalte Nepomukstatue. Rechts und links vom

Bildstock stehen Häuser. Links ein kleines, verfallenes Anwesen, rechts

eine Reihe von langen Gebäuden, an die sich eine Umfriedung schließt.

Man würde diese Besitzung für ein Bauerngut halten können, aber der

breite Schlot dementiert diese Vermutung. Aber auch eine Fabrik ist es

nicht. Das Hundegebell, das herausdringt, verkündet, daß hier die Prager

Abdeckerei, die thermochemische Vernichtungsstation ist.

Im Hofe drinnen steht ein Bursche. Hohe Stiefel und ein am Rocke

befestigtes blaues Emailschild mit der Umschrift „Kontumaz- und

thermochemische Station“ und sein Aussehen sind die Abzeichen seiner

Würde: Man hat einen jener Meister des Lassowurfes vor sich, die ihre

Kunst nicht in der Prärie des wilden Westens, sondern in den Straßen

Prags, nicht an Büffeln, sondern an Hunden ausüben. Ich frage den

Schinderknecht nach seinem Herrn und bald stehe ich vor Herrn Rudolf

Nešvara, dem Wasenmeister von Prag. „Antouschek“ nennt ihn der

Volksmund, seitdem vor sechzig Jahren der Gehilfe eines seiner Vorgänger

im Amte, der Anton Schek dadurch populär geworden war, weil sein

Familienname gleichzeitig die tschechische Diminutiv-Endung ist.

Ich trage Herrn Antouschek-Nešvara mein Begehr vor, die

Vernichtungsstation besichtigen zu dürfen, und wir treten bald einen

Rundgang durch die Gebäude an.

Zuerst öffnet Herr Nešvara die Türe zum langgestreckten Hundestall,

in dem vierzig Boxe für Hunde sind. Ein wütendes Gekläff geht an:

Morituri te salutant! Sie sind alle „morituri“, die schönen

stichelhaarigen Foxe, die eleganten Windspiele, die putzigen Pudel

hinter den schwedischen Gardinen. Drei Tage waren sie in

„Untersuchungshaft“ in der Aufbewahrungs-, der Kontumaz-Station für

eingefangene Hunde untergebracht, die sich auf der Taborer Reichsstraße

zwischen den beiden unbeschreiblich schönen Wyschehrader Toren befindet,

und hier hätten sie ihre Besitzer binnen drei Tagen durch Entrichtung

der Geldstrafe auslösen können. Das haben diese aber nicht getan und nun

sind die Hunde dem Tode geweiht. Vielleicht bellen sie so wütend, weil

die treuen Viecher über die Untreue der Herren erbittert sind,

vielleicht bellen sie so wütend, weil sie wissen, daß sie eines

unverschuldeten Todes sterben müssen, vielleicht bellen sie so wütend,

weil sie sich über den Unverstand der Menschen ärgern, welche diese

schönen Exemplare der Hunderasse zwecklos hinrichten, statt sie zu

verkaufen. Morgen müssen sie sterben. Ein aus unmittelbarer Nähe

abgegebener Schuß aus dem Stutzen und der vom Menschen verlassene

Genosse des Menschen wälzt sich in seinem Blute, oder — bei den

kleineren Hunden wird es so gemacht — ein Beilhieb auf den Kopf und ein

Hundeleben hat geendet. Man glaubt einen wehmütigen Ton in dem

erbitterten Bellen und Winseln und Knurren und Kläffen mitklingen zu

hören.

Wir verlassen den traurigen Hundekerker. Draußen im Hofe springen einige

Hunde, darunter ein prächtiger reinrassiger Bernhardiner, namens

„Cyrano“, liebkosend an Herrn Nešvara hinauf. Sie sind von diesem

begnadigt worden und gehören zum Personale der Prager Fronerei.

Schmeichelnd schmiegen sie sich an das Knie ihres Herrn, den Henker

ihrer Stammesgenossen. Solidaritätsgefühl mit ihren eingekerkerten oder

justifizierten Kameraden scheinen sie also nicht zu kennen, diese Hunde.

Der Rundgang wird fortgesetzt, er führt jetzt in die Räume, die dem

Zwecke der Anstalt, der gefahr- und geruchlosen Vernichtung der

Tierkadaver dienen. Wir betreten zunächst den Seziersaal, wo die Kadaver

enthäutet und wie die täglich hierher kommenden Konfiskate der

Schlachtbank und der Markthalle zerstückelt werden. Die Stücke werden

dann durch ein in der Wand angebrachtes Mannsloch in einen Apparat

geworfen, der im angrenzenden Maschinensaale an der Wand steht. Dieser

Apparat ist der sogenannte Kafilldesinfektor, der vom Antwerpener

Schlachthausdirektor de la Croix erfunden und von der Firma „Rietschel &

Henneberg“ in Berlin im Jahre 1882 zum erstenmale in Deutschland

hergestellt worden ist. Der Bruder des Herrn Nešvara ist hier am

Werke. Er scheint der technische Leiter des Unternehmens zu sein. Wenn

der Apparat gefüllt ist, verschließt er ihn hermetisch und leitet

hernach zwischen die doppelten Wände des Behälters Dampf von fünf

Atmosphären. Dadurch findet eine Trocknung der Fleischteile statt, und

die durch den Siebboden ablaufende Flüssigkeit wird durch den im

Rezipienten sich entwickelnden Dampf in einen zweiten Zylinder gedrückt.

Nun wird der Apparat durch sechs Stunden einer Temperatur von

hundertfünfzig Grad ausgesetzt, worauf man durch den Dampf alle noch

vorhandene Flüssigkeit und das ausgeschiedene Fett in den Rezipienten

drückt. Aus diesen gelangt das Fett in den rechts vom Kafilldesinfektor

stehenden Fettabscheide-Apparat, während das Leimwasser in den auf der

linken Seite des Desinfektors stehenden Verdichtungsapparat strömt. Der

nun fast trockene und geruchlose Inhalt wird nun in eine riesige

Maschine gebracht, die in der Mitte des Seziersaales steht: Den

Podewilsschen Trockentrommelmühl-Apparat, in dem die Fleischreste zu

„Tierkörpermehl,“ einem feinen Pulver zermahlen werden, das einer

Kunstdüngerfabrik in Pankratz verkauft wird. Die größeren Knochen werden

in einem anderen Apparate zu Knochenmehl — gleichfalls ein Düngemittel

— zermahlen. Eine hydraulische Presse, die unter einem Drucke von

vierhundert Atmosphären das Tierkörpermehl zu runden Kuchen zu pressen

vermag, steht außer Betrieb. Während in Deutschland diese

Tierkörpermehl-Kuchen als Futtermittel stark verwendet werden,

vermochten sie sich in Prag trotz ihres großen Proteïn-Gehaltes nicht

einzubürgern. Außerdem stehen im Maschinensaal ein mächtiger Ventilator,

Trockenapparate und Schöpfpumpen in Betrieb.

An den Maschinensaal schließt sich der Kesselraum mit der 6 H. P.

starken Dampfmaschine und einem Dampfkessel von zwölf Meter Heizfläche.

Hinter dem Kesselraum befindet sich das Fettmagazin, in dem große Fässer

voll Tierfett stehen. Auf einer schmalen Stiege gelangt man in den

Trockenraum für Häute und das Magazin für Tierkörpermehl — weite

Bodenräume, in deren Mitte der breite, rote Schlot den Dachstuhl

durchbricht. Auf der Erde liegen braune Berge, die wie aufgeschichtete

Ackerkrume aussehen, und Tierkörpermehl sind. In einer Ecke ist ein

gelbes Pulver, das Knochenmehl aufgeschüttet. In einer anderen liegen

Knochen. Wenn man sie angreift, dann zerbröckeln sie in der Hand. Sie

sind entfettet, entleimt, sterilisiert.

Der Rundgang ist beendet und Herr Nešvara lädt mich in seine Wohnung

ein. Wir kommen durch ein Zimmer, in dem sein jüngstes Söhnchen auf der

Erde mit einem Hunde spielt — das billigste Spielzeug dortzulande. Dann

sprechen wir vom Fach. Herr Nešvara kennt die Geschichte des Prager

Abdeckereiwesens ganz genau, ist sie doch zum Teile seine eigene

Familiengeschichte. Sein Großvater, der noch in den städtischen Urkunden

nicht „Nešvara“ sondern „Neschwara“ hieß, und sein Vater waren

Wasenmeister, seinen ältesten Sohn, der Sekundaner ist, will Herr

Nešvara Tierarzneikunde studieren lassen. Dem Abdeckergewerbe ist

längst die „Anrüchigkeit“ genommen, die vor Jahrhunderten seinen

Angehörigen die Heirat mit ehrbaren Mädchen, den Eintritt in die Zünfte,

in den Militärstand, die Zuweisung von Ehrenstellen verbot und die

Erblichkeit dieses Berufes anordnete, aber freiwillig erbt sich dieses

seltsame Handwerk noch heute vom Vater auf den Sohn fort.

Herr Nešvara kennt die Geschichte seiner Vorgänger auch über seine

eigene Ahnenreihe hinaus. Aus einer Schublade holt er ein vergilbtes

Dokument hervor: Den Freibrief, mittels welchem Maria Theresia den

Schindern und deren Freiknechten gestatte, eine Ehe mit einem

bürgerlichen Mädchen einzugehen, allerdings unter der Bedingung, daß

diese Männer vorher ihrem Gewerbe entsagen mußten. Das muß ein

hochwichtiger Akt gewesen sein, anno dazumal, denn er ist vom Fürsten

Karl Egon Fürstenberg und „ad mandatum Sacro-Caesarea Regineque

Majestatis ex Consilio Regii Gubernii“ von Johannes Arnvers gezeichnet.

Das Amt des Schinders wurde in Prag vom Scharfrichter versehen, man

stellte die Vernichtung der zum Tode geweihten Menschen jener der

„abgestandenen“ Tiere gleich. Im Jahre 1860 wurde der Henkersdienst

verstaatlicht, die Abdeckerei aber nicht. Die Konzession zur Ausübung

des Wasenmeistergewerbes erhielt für die am rechten Moldauufer gelegenen

Teile Prags A. Nešvara, der Großvater des heutigen Inhabers, für das

linke Ufer J. Jeřábek, dessen Amt heute ein ehemaliger Wachmann

namens Josef Černy in der Kontumazstation Tejnka bei Břewnow

ausübt. Die Nešvaras haben früher ihr Gewerbe in der Salnitergasse

beim Rudolphinum ausgeübt, an der Stelle, wo heute das tschechische

akademische Gymnasium steht. Herr Nešvara erzählt von Medizinern, die

in seiner Jugendzeit in diese Wasenmeisterei kamen, um hier verschiedene

Experimente an den Tieren zu machen. „Unsere häufigsten Besucher von

damals sind heute Professoren an der deutschen medizinischen Fakultät,“

fügt Herr Nešvara hinzu. Meine Frage, ob die Tiere eventuell zu

Vivisektionszwecken an die Universitätsinstitute abgetreten werden,

verneinte Herr Nešvara. Nur bei besonders interessanten Fällen von

Tiererkrankungen bitten sich die physiologischen Institute das Materiale

aus, wenn sie nicht selbst solches haben. Aber das kommt fast nie vor.

Dann beginnt Herr Nešvara auf sein Geschäft zu schimpfen. Er habe die

thermochemische Vernichtungsstation nach reichsdeutschem Muster mit

einem Aufwande von 50.000 Kronen so errichtet, daß nicht nur die

hygienische Vernichtung aller Kadaver, sondern auch deren Verarbeitung

möglich sei. Er habe sich aber verspekuliert. Das Materiale sei gering,

die Verwendungsmöglichkeit noch weit geringer. Von der Geldstrafe, die

für ausgelöste Hunde entrichtet werde, bekomme er ein Drittel, etwa

dreitausend Kronen im Jahr. Davon könne er die Betriebsspesen nicht

decken. An die Vernichtung der Kadaver — darunter jährlich etwa tausend

Hunde — müsse er jedes Jahr einen Betrag von dreißigtausend Kronen

daraufzahlen und bemühe sich daher seit neun Jahren um die Zuweisung

einer Subvention von der Stadtgemeinde. Seine Gesuche werden aber ohne

Motivierung abgelehnt. Auch sein Antrag, daß man, so wie dies in anderen

Städten geschah, den Maulkorbzwang abschaffen und bloß jene Hunde

abfangen und vernichten möge, welche ohne Hundmarke herumlaufen, habe

keinen Erfolg gehabt. Die Verwertung der Hundekadaver lohne sich nicht

und Pferde, welche ein ergiebiges Verwertungsmaterial bilden, werden

seit dem Aufschwunge des Pferdeselchergewerbes fast niemals mehr

hergebracht. So sei die Abdeckerei buchstäblich auf den Hund gekommen.

„Ja, warum üben Sie denn Ihr Gewerbe aus, wenn Sie wirklich so viel

zusetzen müssen?“, ist meine Frage.

„Ich werde es auch aufgeben. Mir liegt schon der Antrag vor, das

Unternehmen in eine Farbenfabrik umzuwandeln, und das werde ich tun.“

Es fehlte noch, daß Herr Nešvara seiner Klage das Faustsche Wort

anfügen würde: „Es möchte kein Hund so länger leben“ und man müßte

diesem Fachmann sein Leid glauben. So aber weiß man nicht, ob er es mit

seinem Entschluß gar so ernst meint, ob wirklich dieses Institut bald

der Vergangenheit angehören soll, ob ein besseres oder ein schlechteres

nachfolgen, und wie in Zukunft dem Hundeleben in Prag ein Ende gemacht

werden wird.

Aus Prager Gassen und Nächten · 第 13 / 37 题